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Ein deutscher Sprachforscher – nach hundert Jahren wieder hochaktuell

27-04-2017

 

Von Susanne Buschmann

 

„Gabelentz ist nicht tot“, „Gabelentz lebt“, „Gabelentz hat uns so viel zu sagen“. So und ähnlich  äußerten sich die Teilnehmer eines internationalen wissenschaftlichen Symposiums, das Anfang April in der Beijing Foreign Studies University (BFSU) tagte. Die Wissenschaftler aus China,  Deutschland, Australien und Dänemark zogen dieses gemeinsame Fazit, nachdem sie sich zwei Tage lang intensiv mit den Leistungen des deutschen Sinologen und Sprachwissenschaftlers Georg von der Gabelentz beschäftigt und ihre Meinungen und eigenen Forschungsergebnisse ausgetauscht hatten.

 

Unser Foto zeigt das Plenum mit den Professoren Heinrich Weber und Harald Weydt im Vordergrund. 

 

Warum wollten sich die renommierten Professoren – alle aus der Sprachforschung, Sinologie oder Geschichtswissenschaft stammend – ausgerechnet über diesen deutschen Gelehrten austauschen, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1840 – 1893) lebte? Professor Li Xuetao, der Leiter des Institute for Global History (BFSU) und einer der Organisatoren des Treffens, beantwortete diese Frage: „Weil Gabelentz in vieler Hinsicht der Erste war.“ Seine 1881 veröffentlichte „Chinesische Grammatik“, eine umfangreiche Forschungsarbeit, in der er die Strukturen des Altchinesischen untersuchte, gilt heute als ein Werk von epochaler Bedeutung. Denn er wies darin eindeutig nach, dass die chinesische Sprache eine hohe Eigenständigkeit besitzt und nicht, wie damals in Europa allgemein üblich, am Lateinischen als einem angeblich immer gültigen Grundmuster zu messen sei. In diesem Zusammenhang wies er die vorrangige Bedeutung der Syntax für die chinesische Sprache nach und wandte sich damit schon damals gegen die verbreitete Auffassung, das Chinesische verfüge über keine Grammatik. Seine Erkenntnisse übertrug Gabelentz auch auf das Herangehen an andere Sprachen, womit er zum ersten Mal den engen eurozentrischen Blickwinkel in der europäischen Sprachwissenschaft überwand. In der vergleichenden Sprachforschung leistete Gabelentz Einmaliges: Gemeinsam mit seinem Vater, dem Sprachforscher Hans Conon von der Gabelentz, untersuchte er mehr als 200 Sprachen. Das ist nach den Worten von Professor Li die höchste Zahl, die ein deutscher Sinologe je erforscht hat.

 

Georg von der Gabelentz war auch der erste, der im deutschsprachigen Raum zum Professor für ostasiatische Sprachen berufen wurde, 1878 erfolgte seine Berufung an die Universität Leipzig, 1889 an die Berliner Universität. In Leipzig bildete Gabelentz etliche seiner Nachfolger aus, die sich später selbst einen bedeutenden Ruf in der Wissenschaft erwarben, wie der Sinologe Wilhelm Grube (1855 – 1908) oder der Philologe Friedrich Wilhelm Müller (1863 – 1930).

 

So gilt Gabelentz heute als der Vorläufer der modernen Sprachforschung. Seine „Chinesische Grammatik“ und sein zweites Hauptwerk „Die Sprachwissenschaft“ bezeichnete Professor Li als Monumente der Sinologie und der sprachwissenschaftlichen Forschung.

 

Das Beijinger Symposium fand über all dies hinaus zu einem ganz konkreten und wichtigen Anlass statt: 135 Jahre nach ihrem Erscheinen ist die „Chinesische Grammatik“ des großen Sprachforschers Georg von der Gabelentz endlich in die chinesische Sprache übersetzt worden, ein bedeutsames Ereignis, besonders für die Sprachwissenschaft in China, aber nicht nur für sie. Professor Yao Xiaoping von der BSFU hat diese so wichtige und schwierige Aufgabe übernommen und eine viel beachtete Übersetzung vorgelegt, die unter dem chinesischen Titel „汉文经纬“ erschienen ist. Die Teilnehmer des Symposiums zollten Professor Yao ihre hohe Anerkennung für seine Leistung. Sie stimmten ihm zu, als er an das auch von Gabelentz benutzte Wort des Zhuangzi „欲复归根,不亦难乎”(„Zu den Wurzeln zurückzukehren, ist das nicht auch schwierig?“) erinnerte. Die Wurzel der „Chinesischen Grammatik“ sei die chinesische Sprache, sagte Professor Yao, und nun sei dieses Buch, alle Schwierigkeiten überwindend, durch die Übersetzung sozusagen zu seinen Wurzeln, in seine Heimat zurückgekehrt.

 

Annemete von Vogel, eine Nachfahrin des Gelehrten, hatte vor der Veranstaltung akribisch eine Präsentation vorbereitet und stellte sogar Original-Exponate aus der Gabelentz-Familie zur Verfügung. 

 

Bis vor kurzem war die Existenz der „Chinesischen Grammatik“ von Georg von der Gabelentz unter chinesischen Sprachwissenschaftlern kaum bekannt. Man wusste nicht, dass es außer dem Werk des chinesischen Sprachgelehrten Ma Jianzhong (1845 – 1900) über die Grammatik des Altchinesischen auch im Westen einen Gelehrten gegeben hatte, der die chinesische Grammatik studiert und sogar zehn Jahre vor Ma veröffentlicht hatte. Nun, da eine Übersetzung vorliegt und auch Wissenschaftler, die nicht des Deutschen mächtig sind, diese lesen können, werden sich neue Blickwinkel für die chinesische Sprachwissenschaft eröffnen und neue Aufgaben für die vergleichende Forschung ergeben. Darüber waren sich die Teilnehmer des Symposiums einig.

 

Dass die Ausrichtung des Beijinger Symposiums vom Institute for Global History vorgenommen  wurde (in Zusammenarbeit mit dem Institute of Linguistics and Foreign Language Studies der BFSU, dem Seminar für Ostasienstudien der Humbolt-Universität zu Berlin und der Ost-West-Gesellschaft für Sprach- und Kulturforschung Berlin), war natürlich kein Zufall. Ebenso wenig der welthistorische Aspekt, der in der Diskussion immer wieder eine Rolle spielte. Gabelentz selbst hat sehr oft auf den engen Zusammenhang von Sprache, Kultur und Geschichte hingewiesen. Er war zwar in erster Linie Sprachwissenschaftler, doch das hinderte ihn nicht daran, seine Forschungen in einem weit größeren, man könnte sagen „globalen“ Rahmen zu sehen. Für ihn stellte das Studium der chinesischen Sprache, wie überhaupt jeder fremden Sprache, auch die Möglichkeit dar, eine fremde Kultur und Lebensweise kennen zu lernen. Sein letztendliches Ziel bestand in dem Erfassen der Vielfalt der Völker und der Verschiedenheit ihrer Sprachen. Auch äußerte er sich klar zu Fehleinschätzungen der chinesischen Kultur und Geschichte, die zu seiner Zeit in Europa und Deutschland üblich waren. Er wies darauf hin, dass China nicht, wie behauptet, ein in Stagnation verfallenes Reich sei, sondern eine Geschichte habe, „in welcher sich Ideen entwickeln, Staatsformen, gesellschaftliche Sitten und Zustände umgestalten, neue Erfindungen und Einrichtungen Bahn gebrochen haben – langsamer vielleicht als bei uns, doch kaum weniger mächtig“. Der frühe Tod hinderte Gabelentz daran, sein Verständnis von der Gleichberechtigung der Kulturen und einem fruchtbaren Austausch zwischen ihnen weiter auszubauen.

 

Genau in diesem Sinne waren die Wissenschaftler, unter ihnen die international renommierten Sinologen Wolfgang Kubin (Bonn) und Christoph Harbsmeier (Oslo), im April 2017 zusammengekommen, um, angeregt durch die Erkenntnisse des großen deutschen Gelehrten, Anknüpfungspunkte und weiterführende Gedanken für die eigene Forschung zu erarbeiten. So beschäftigte sich zum Beispiel  Li Xuetao in seinem Beitrag mit der Dissertation Georgs von der Gabelentz. Feng Xiaohu (BFSU) sprach über dessen Werk „Die Sprachwissenschaft“, das von Manfred Ringmacher (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) als kritische Ausgabe neu bearbeitet worden ist. Henning Klöter von der Berliner Humboldt-Universität untersuchte Aspekte der europäischen Forschung zur chinesischen Sprache vor Gabelentz.  Kennosuke Ezawa, Germanist und Erster Vorsitzender der Berliner Ost-West-Gesellschaft für Sprach- und Kulturforschung, stellte einen Bezug zur japanischen Sprache her. Unter anderem fand auch der Beitrag von Karl H. Rensch (Australian National University) großes Interesse, der den Forschungen und Forschungsmethoden Georgs von der Gabelentz und seines Vaters zu den Sprachen in Melanesien nachging.

 

Das Symposium wurde von einer Ausstellung in der großen, einladenden Bibliothek der BFSU begleitet, die dem Leben und Werk Georgs von der Gabelentz gewidmet war. 

 

Das Symposium wurde von einer Ausstellung in der großen, einladenden Bibliothek der BFSU begleitet, die dem Leben und Werk Georgs von der Gabelentz gewidmet war. Auch dies eine Premiere in Ostasien. Annemete von Vogel, eine Nachfahrin des Gelehrten, hatte die Präsentation akribisch vorbereitet und sogar Original-Exponate aus der Gabelentz-Familie zur Verfügung gestellt.

 

Schließlich soll am Ende dieses Berichts nicht unerwähnt bleiben, mit welchen Eindrücken und Gefühlen die europäischen Wissenschaftler wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Neben dem von allen Teilnehmern des Symposiums geäußerten Dank und der Anerkennung für die hohe Qualität des Treffens, für die perfekte Organisation, für die zur Verfügung gestellten universitären Einrichtungen und nicht zuletzt für die besonderen Leistungen der Simultan-Dolmetscherinnen  wurde die offene, interessante und diskussionsfreudige Atmosphäre hervorgehoben. Sie alle nahmen den nachhaltigen Eindruck mit nach Hause, dass die chinesischen Kollegen auf ihrem Fachgebiet den Anschluss an die internationale Wissenschaft mit Bravour vollzogen haben.

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