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Wer fürchtet sich vor Konfuzius?

02-05-2017

 

Von Wolfgang Kubin

Es geht um ein Gespenst, leider auch in Deutschland. Ein Konfuzius-Institut unterwandere uns, unsere Demokratie. So schallen die Medien. Die Marxisten stünden bereit, uns zu übernehmen. Wirklich? Wer hat Angst vor Marx? Wer hat Angst vor Konfuzius (551-479)? Die Medien vielleicht, weil sie Gesprächsstoff brauchen. Und da sind wir Sinologen, die wir zu China wie immer auch im guten Sinne kritisch stehen, anscheinend ein gefundenes Fressen. Weltweit werden Konfuzius-Institute geschlossen, in deutschen Landen werden sie aufgebaut. Wir haben keine Angst. Die Universität Bonn ist die Heimat von Hitzköpfen wie Marx, Nietzsche, Heine und nun von einem "Realo" wie Konfuzius. Wir fürchten uns nicht. Nicht weil wir Rheinländer sind, sondern weil wir einen freien Kopf haben. Wir sind und waren immer eine bedeutende Hochschule mit bedeutenden Köpfen. Kritik ist uns immer, war uns immer willkommen. Ohne Kritik kann keine ordentliche Universität bestehen.

Man verzeihe mir meine zunächst persönliche Sicht. Mit 35 Jahren habilitiert, galt ich an deutschsprachigen Universitäten als politisch untragbar. Wegen meiner Zeit im "roten" Peking (1974-1975), wegen meiner Jahre an der Freien Universität im "roten" Berlin (1977-1985). Nur die Universität Bonn merkte, dass ich ein Konservativer bin, also war ich auch als solcher 1985 willkommen. Habe ich die Universität Bonn trotzdem radikalisiert? Ich hoffe. Im guten Sinne natürlich, im konservativen Sinne. Was meine ich?

Es war wohl letztes Jahr, dass meine geliebte Tageszeitung, die Neue Zürcher Zeitung, bei mir um ein Interview in Sachen Konfuzius-Institut ansuchte. Ich erklärte ihr im Vorfeld, ich würde alle ihre Vorurteile widerlegen. Daraufhin herrschte Schweigen im Schweizer Blätterwald. Da war ich baff. So eine große Zeitung stellt sich keinem kritischen Gespräch? Die NZZ wollte leider von mir nur Vorurteile in Sachen Konfuzius-Institut bestätigt bekommen. Dafür sind wir uns an der Universität Bonn natürlich zu schade. Ein Schwarz und Weiß Denken ist uns zu plump.

 

 

Warum? China könnte genauso gut fragen, sind Eure Goethe-Institute in Peking und Shanghai, in Hongkong nicht Stätten der bürgerlichen Unterwanderung? Und man könnte auch mich fragen, bin nicht ich als überzeugter Christ mit meinen Vorlesungen in Peking, Qingdao und Shantou als Senior Professor eine "Gefahr" für das atheistische China? Natürlich bin ich das, aber niemand hat Angst. Weder vor dem Goethe-Institut noch vor mir. Zusammenarbeit ist das Geheimnis. Wir arbeiten zusammen und klären damit unsere Positionen in bester Manier. Kein Parteisekretär maßregelt mich nach dem "subversiven" Unterricht, und ich erkläre den Bonner Marx jedem chinesischen Parteisekretär neu.

Du, China, denkst mit Marx, wir Deutschland, denken inzwischen mit Konfuzius. Probleme?

Lassen Sie mich daher zu Meister Kong kommen. Er war ursprünglich nicht mein Liebling. Das hat verschiedene Gründe. Als Student der Theologie begann ich, an der Universität Münster neben dem Hebräischen auch das klassische Chinesisch zu lernen. Mein erster Lehrer des Alt-Chinesischen erklärte uns drei Theologie-Studenten, die seinen Unterricht besuchten, an Konfuzius sei "gar nichts" dran. Ich spinne das nicht weiter aus.

Ich hatte das Glück, während der Kulturrevolution (1966-1976) in Peking ein Jahr modernes Chinesisch zu lernen. Die Lehrer waren gut zu uns. Sechs Lehrer kamen auf sechs deutschsprachige Studenten. Ich lernte viel. Viel Sprachliches. In der Pause las ich Adorno und Horkheimer. Das passte und passte nicht zu der Welt, die mich damals 1974 und 1975 umgab. Jeder kritisierte Konfuzius als "Zweitgeborenen", als "faules Ei". So war auch ich ein zweites Mal ein Gefangener der Meinung von anderen. Konfuzius war mir zuwider.

Manchmal tun mir heute alte Männer leid. Sie alle stehen unter der Kritik der Frauen. Nicht zu Unrecht. Doch schaffen die kritisierenden Frauen wirklich mehr als die kritisierten Männer? Ich habe meine Zweifel. Konfuzius war ein Kritiker der Frauen. Schenken wir uns das. Er war ein Flüchtling. Er floh zehn Jahre von einem Desaster zum anderen. Wir leben heute in einem Zeitalter der Flüchtlinge. Wir könnten den Meister neu sehen. Er wäre in Bonn willkommen. Er wäre als Flüchtling in Bonn willkommen. Er flieht vor der schlechten deutschen Presse, die immer alles besser weiß, er floh längst vor der chinesischen Presse seit 1919, die auch alles besser wusste. Klüglinge gibt es in deutschen und chinesischen Landen zuhauf. Kümmert uns das?

Ich habe einst Konfuzius verachtet, ich verehre ihn heute. Warum? Mein Umdenken begann in den 1990er Jahren. Ich war der Vater von vier Kindern. Da war 1968 so veraltet wie später die Kulturrevolution. Wir sind alle Kinder einer verfluchten Geschichte, aber wir kommen frei davon. Auch Dank Bonn, Dank der Universität der Wahrheit.

Wir betrügen uns nicht mehr. Die Geschichte ist ein heikles Geschäft. Konfuzius verdanken wir vieles. Aber es will richtig gedeutet sein. Das Deuten ist heute im selbsternannten Medienzeitalter unser größtes Problem. Wie verstehen wir etwas? Wie begreifen wir uns selbst? Wie erläutern wir das andere? Konfuzius war für seine Zeit tolerant.

Die deutsche Gegenwartsphilosophie hat das "Üben" als großes Thema wiederentdeckt. Ich habe darüber an den wunderbaren Tagen der Offenen Tür hier am heiligen Ort hinreichend berichtet. Das "Üben" ist eine Menschheitsaufgabe. Wir üben, was die Alten uns aufgaben. So Konfuzius. Was gaben sie uns auf? Zum Beispiel die Ehrfurcht. Die Ehrfurcht vor dem Leben.

Konfuzius verlangt nicht nur das tägliche Üben der Tradition, er bittet auch um die Achtung dessen, was höher ist als wir selbst. Der heutige (Medien)Mensch denkt, er sei das Maß aller Dinge, er ist es aber nicht. Er ist nur ein Teil der vergehenden, der vergeblichen Zeit. Deshalb sprach Konfuzius vom guten Tod. Von einem Tod, der anders tönt als der traurige Vogel am weiten Himmel oder unter dem zerbrechlichen Ast. Einem Tod, welcher der Welt die Güte des Daseins hinterlässt.

Wir leben heute in einem Zeitalter des weltweiten Terrorismus. Jeder tötet jeden, jeder ist eines jeden Feind. Konfuzius sprach einmal davon, wer Tugend übt, hat auf Erden überall seine Freunde. Wie wahr, wie unwahr. Doch wir haben keinen Grund, seinen Idealismus so gering zu achten wie Chinesen zwischen 1919 und 1976. Wir müssen manchmal den Chinesen helfen, sich und ihre große Tradition besser zu verstehen. Dazu ist die Gründung des Konfuzius-Institutes in Bonn ein guter Anlass.

Angst vor Konfuzius? Niemals. Er ist ein Freund. Und Freunde sind willkommen im weltoffenen Bonn! Wie der Meister einmal sagte: Wenn Freunde aus der Ferne kommen, haben wir da nicht allen Grund zur Freude? So freuen wir uns denn, dass jemand aus dem Altertum kommend uns aufwartet. Wir haben so die Gelegenheit, mit den Alten, mit dem Meister und seinen Schülern Freundschaft zu schließen. Ganz so wie der größte Schüler des Konfuzius, Meng Zi (372-289), es einmal formuliert hat. Einsamkeit verbietet sich daher.

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