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Mobil mit Mobike und Co: Bike-Sharing macht das Pendeln in China grüner

24-05-2017

 

Von Zhao Yang

Vor rund einem Jahr hat sich die Firma Mobike angeschickt, Chinas innerstädtischen Verkehr gehörig umzukrempeln. Am 22. April 2016 führte das chinesische Start-up ein neues Bike-Sharing-Konzept in der südostchinesischen Millionenmetropole Shanghai ein. Die Idee: Chinas Großstadtbewohnern ein bequemes und erschwingliches Nahverkehrsfortbewegungsmittel zur Verfügung zu stellen, das gleichzeitig die Umwelt schont. Heute, gut ein Jahr später, sind Städter im ganzen Land im Bike-Sharing-Fieber. Überall sieht man die orange-silberfarbenen stationsfreien Fahrräder von Mobike sowie andere Sharing-Bikes im Stadtbild. Nach Shanghai haben die Räder zunächst Beijing und dann zahlreiche andere Metropolen im ganzen Land erobert, darunter Guangzhou, Shenzhen und Chengdu. Allein in Shenzhen stockte Mobike seine Leihradflotte nach 30-tätiger Probephase auf 30.000 Räder auf.

 

Nachdem sich nach Einführung der Reform- und Öffnungspolitik in den späten 1970er Jahren der Lebensstandard der Chinesen rapide erhöht hatte, galten Fahrräder nicht mehr länger als Luxusartikel und waren leicht für jedermann erschwinglich. Unsere historische Aufnahme zeigt ein junges Pärchen auf dem Weg zur Arbeit.

 

Aus dem „Reich der Fahrräder“ wird der Auto-Vizeweltmeister

Lange galt China als „Reich der Fahrräder“, zählte den größten Fahrradbestand der Welt. In den 1950er Jahren galt das Fahrrad in der Volksrepublik nicht nur als günstiges Fortbewegungsmittel, sondern auch als familiäres Statussymbol. Zusammen mit Armbanduhr und Nähmaschine galt es den Menschen von damals als eine der „drei Voraussetzungen“, um eine Ehe zu schließen.

Als sich allerdings nach Einführung der Reform- und Öffnungspolitik in den späten 1970er Jahren der Lebensstandard der Chinesen rapide erhöhte, wurden die Drahtesel bald nicht mehr als Luxusartikel angesehen, waren sie doch mittlerweile leicht für jedermann erschwinglich. Zu Stoßzeiten in früheren Jahren drängten sich die Räder der Werktätigen dicht an dicht und das Klingeln der Fahrradglocken erklang in allen Straßen und Gassen.

Dank Chinas wirtschaftlichem Aufstieg ist heute ein Auto für viele chinesische Familien erschwinglich geworden. Viele Drahtesel wurden gegen Ende des 21. Jahrhunderts nach und nach durch wuchtige Blechkarossen ersetzt, die im Alltag durch Zeitersparnis und Komfort punkteten. Als Folge verschwand das Fahrrad in vielen chinesischen Städten zunehmend aus dem Stadtbild. Wer etwas auf sich hielt, klemmte sich hinter das Steuer eines Automobils.

Laut Statistiken der Behörde für Straßen- und Verkehrsverwaltung des chinesischen Ministeriums für öffentliche Sicherheit betrug der Bestand an motorisierten Fahrzeugen Ende Juni 2016 in China 285 Millionen. Darunter erreichte die Zahl der Autos 184 Millionen. China gilt damit heute zahlenmäßig als Vizeweltmeister unter den Autofahrländern. Im Gegenzug sank die Zahl der Velos drastisch. Ihr Prozentsatz als Fortbewegungsmittel schmolz von 62,7 Prozent im Jahr 1980 auf 38 Prozent im Jahr 2000. 2014 lag die Zahl sogar nur noch bei 11,9 Prozent.

Dabei scheinen die Vorzüge des Autos in großen Ballungsgebieten nur auf den ersten Blick so überzeugend. Denn mit der Bequemlichkeit ist es schnell vorbei, wenn man sich durch ellenlange Verkehrsstaus und Abgaswolken quälen muss. Beijing trägt längst den wenig ruhmreichen Titel einer „Stauhauptstadt“.

Genau an diesem Punkt treten nun wieder die Vorzüge des Fahrrads als kohlenstoffarme, umweltfreundliche und ressourcenschonende Alternative zum Vorschein. Sowohl die städtischen Regierungen als auch die Menschen sind vor diesem Hintergrund daran interessiert, wieder aufs Fahrrad umzusatteln. Doch ganz so einfach schien das bisher nicht, da die Pendelstrecken in weitläufigen Stadträumen wie dem Beijings sich oft viel länger dehnen, als es mit dem Fahrrad zu bewältigen wäre. Experten plädieren deshalb schon lange für eine kombinierte Lösung aus öffentlichem Personennahverkehr via Bus und U-Bahn und umweltfreundlichen Kurzstreckenverkehrsmitteln wie dem Fahrrad. Doch das reibungslose Umsteigen von den Öffentlichen aufs Rad stellte lange einen Stolperstein in der Pendlerkette dar.

Das jüngste Aufkommen der Sharing-Bikes scheint dieses Problem nun elegant zu lösen. Zwar gibt es beispielsweise in Beijing bereits seit dem Jahr 2001 öffentliche Mietfahrräder, doch diese konnten keinen neuen Pedelboom auslösen, wie nun die neuen Sharing-Bikes. Laut von der „Beijinger Abendzeitung“ veröffentlichten Statistiken wurden bis November 2015 mehr als 400.000 Leihkarten für die Nutzung dieser öffentlichen Mieträder, die an festen Parkstationen abgestellt werden müssen, ausgegeben. Im Durchschnitt wurden mit diesen Fahrrädern in Beijing täglich 300.000 Fahrten absolviert. Obwohl solche Zahlen die große Nachfrage nach öffentlichen Fahrrädern spiegeln, klagten viele Städter doch über die hohen bürokratischen Hürden, die für die erfolgreiche Nutzung genommen werden mussten: So waren bisher viele persönliche Informationen erforderlich und ein aufwendiger bürokratischer Prozess musste durchlaufen werden, um eine Mietkarte zu erhalten. Zudem müssen die alten Leihfahrräder an festen Stationen ausgeliehen und auch wieder zurückgegeben werden. Oftmals waren diese Stationen allerdings leer oder voll und das Fahrvergnügen erhielt so einen Dämpfer.

 

Im April 2016 führte das chinesische Start-up Mobike ein neues Bike-Sharing-Konzept in Shanghai ein. Heute sieht man überall die stationsfreien Fahrräder der Firma sowie andere Sharing-Bikes im Stadtbild.

 

App installieren und losradeln

Anbieter wie Mobike unterscheiden sich maßgeblich von diesen früheren Formen der öffentlichen Fahrradvermietung. Die Registrierung erfolgt hier nämlich bequem per Smartphone-App. Mit ihr können alle Schritte bis zur Anmietung einfach über das mobile Internet durchlaufen werden, von der Registrierung und Hinterlassung einer kleinen Kaution, bis hin zur Suche nach einem verfügbaren Fahrrad und der Zahlungsabwicklung. Auch die Rückgabe der Räder ist mit den neuen Sharing-Bikes um einiges einfacher geworden. Die Sharer können ihre Räder einfach auf jedem öffentlichen Platz am Straßenrand abstellen, von wo aus dann der nächste Nutzer wieder direkten Zugriff darauf hat.

Die Beijingerin Wei Bo machte ihre ersten Erfahrungen mit Mobike, als sie eine Reise nach Shanghai unternahm. „Ich war damals mit hohen Absätzen in der Stadt unterwegs und schon nach einiger Zeit schmerzten mir die Füße vom vielen Gehen“, erinnert sie sich und lacht. „Da fiel mir ein, dass ich schon einmal von den neuen Sharing-Bikes gelesen hatte und ich startete einfach zum Selbstversuch.“ Weil Wei Bo die Stadt nicht gut kannte, brauchte sie zunächst eine Weile, um ein Fahrrad zu finden. Aber nachdem sie sich online registriert hatte und per Leihvelo die atemberaubende Skyline entlang des Huangpu am Shanghaier Bund auf zwei Rädern bewundert hatte, war sie begeistert vom neuen Leihfahrradtrend. „Das Radfahren hat meine Städtereise wirklich bereichert“, sagt sie.

Ein paar Monate später sah Wei auch in Beijing die ersten Sharing-Bikes am Straßenrand. „Mein Zuhause liegt nur eine Bushaltestelle von meiner Firma entfernt. Zu Fuß allerdings braucht man für die Strecke eine halbe Stunde, mit dem Bus dauert es in der Rushhour manchmal sogar noch länger“, sagt die Angestellte. Radfahren sei von daher eigentlich die beste Lösung, aber angesichts der komplizierten Registrierung habe sie sich lange vor der Nutzung öffentlicher Mietfahrräder gescheut. „Heute fahre ich mit dem Sharing-Bike zur Arbeit. Um Staus und lange Fußmärsche muss ich mir nun keine Sorgen mehr machen“, sagt sie.

Betreiber Mobike investierte viel Zeit und Geld in Konstruktion und Design der Räder, um Problemen wie nervenden Reifenpannen oder losen Fahrradketten vorzubeugen. Zum Schutz vor Diebstählen stattete das Start-up das Hinterradschloss aller Räder mit einem speziellen Sensor aus. Auch geht das Unternehmen gezielt auf das Feedback seiner Nutzer ein und setzt alles daran, die eigenen Produkte noch besser zu machen. Heute steht bereits die dritte Generation der Leihräder am Straßenrand. Das Gewicht der Räder wurde weiter verringert, ein Korb an der Vorderseite angebracht und es wurden Sonnenreflektoren installiert. Durch ständige Innovation und Forschung strebt Mobike nach dem perfekten Nutzererlebnis, um so Chinas Großstädter langfristig wieder aufs Rad zu locken.

 

Bequeme Nutzung per App – die Sharing-Bikes kommen an bei chinesischen Pendlern

 

Pendeln auf zwei Rädern

Da Chinas Regierung die Entwicklung umweltschonender Fortbewegungsmittel aktiv fördert, floriert das Geschäft der geteilten Fahrräder momentan in vielen chinesischen Städten. Neben Mobike sind zahlreiche weitere Leihfirmen aus dem Boden geschossen, zu den größeren darunter zählen ofo, BlueGogo, U-Bicycle oder Xiaoming. Die starke Konkurrenz führt dazu, dass die Unternehmen alles daran setzen, Produkte und Service stetig zu verbessern.

Nostalgische Erinnerungen an eigene Drahtesel, die von Generationen von Chinesen liebevoll gehegt und gepflegt wurden, sind der zeitgenössischen Suche nach einem modernen und effizienten Fortbewegungsmittel gewichen. Angesichts des wachsenden Umweltbewusstseins der chinesischen Bevölkerung und dem Wunsch nach mehr Lebensqualität schafft diese historische Liebe der Chinesen zum klassischen Zweirad eine gute Grundlage für die Wiederbelebung dieses grünen Fortbewegungsmittels.

In den nächsten Jahren dürfte die chinesische Regierung deshalb alle Hebel in Bewegung setzen, um die relevanten Einrichtungen und die Infrastruktur zu verbessern, um so noch mehr Menschen zu ermutigen, per Fahrrad zu pendeln. So sind beispielsweise gut ausgebaute Radwege für die Sicherheit auf zwei Rädern im Stadtverkehr unerlässlich. Die Beijinger Stadtregierung hat bereits damit begonnen, die Fahrradwege neu zu gestalten, um zu vermeiden, dass wie früher Kraftfahrzeuge auf dem Fahrradweg fahren oder dort parken. Laut Plan soll in der Hauptstadt bis Ende 2020 ein rund 3200 Kilometer langes Netz an neuen Radwegen entstehen.

Mittlerweile stellen auch die lokalen Behörden Sharing-Bikes zur Verfügung. Beispielsweise führt das Unternehmen Edaibu Technology gemeinsam mit der Bezirksregierung des Beijinger Stadtbezirks Haidian ein Projekt zur Wiederverwendung verlassener Fahrräder durch. Seit November 2016 hat die Firma im Rahmen des Projekts ausrangierte, herrenlose Fahrräder in 29 Wohngemeinschaften in Haidian eingesammelt und recycelt. Die „Fahrradleichen“ am Straßenrand wurden auf diese Weise aus dem Stadtbild entfernt und repariert. Auch dieses Projekt trägt damit nicht nur zur Förderung des Radverkehrs bei, sondern hat zudem das langjährige Problem verlassener Fahrräder im öffentlichen Raum gelöst, weshalb es bei der Bevölkerung auf ein durchweg positives Echo stößt. Nach eigenen Angaben plant die Beijinger Stadtregierung, den Anteil des Radfahrens an den öffentlichen Nahverkehrsfahrten bis 2020 auf 16 Prozent und bis 2030 sogar auf über 20 Prozent zu steigern. Die Sharing-Bikes-Angebote jedenfalls haben dem Plan in den letzten Monaten bereits gehörig Schub verpasst.

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Gesellschaft

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