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Der Geruch Chinas – Wie sich mein China-Bild veränderte

28-10-2015

 

Von Kim Wodong (Südkorea)

Im Februar 2011 kam ich erstmals für einen kurzen Studienaufenthalt nach China, genauer gesagt in die Hauptstadt Beijing. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt nach China reiste. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich war ein wenig enttäuscht. Die von Autoabgasen geschwängerte Luft, all die Hochhausschluchten, der dichte Verkehr und die unfreundliche Haltung einiger Chinesen, die mir begegneten – all dies machte meine ersten Gehversuche im Reich der Mitte nicht einfach. Mir erschien China wie ein Kind, das in einem erwachsenen Körper steckte. Die von der Volksrepublik so oft postulierte „Zivilisation“ und „Zivilisiertheit“ konnte ich in all dem nicht wieder erkennen.

Im August 2013 erhielt ich dann ein Stipendium vom Konfuzius-Institut und kam erneut nach China, diesmal für einen Studienaufenthalt in der Stadt Qufu in der Provinz Shandong. Das Antlitz dieser Stadt unterscheidet sich grundlegend von dem Beijings: Qufu ist eine sehr kleine und ruhige Stadt. Während meines Studienaufenthaltes vor Ort hatte ich die Möglichkeit, den Tempel, den Friedhof und die Residenz des Konfuzius zu besichtigen. Bei der Besichtigung erklärte mir mein chinesischer Lehrer: „Zum Glück wurde diese historische Kulturstätte während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 nicht zerstört.“ Obwohl diese Worte für mich in ihrer ganzen Bedeutung nur schwer zu verstehen waren, schien ich doch einen Hauch des „Duftes“ Chinas zu erahnen.

Eines Tages wollte ich Schlüssel anfertigen lassen. Draußen vor dem Eingangstor meiner Universität stand ein alter Mann in der Kälte und wartete auf Kundschaft. Er sah einsam aus und zitterte vor Kälte. Ich ließ ihn zwei Schlüssel für mich anfertigen und gab ihm dafür 20 Yuan, obwohl er wiederholt darauf bestand, dass der Service nur einen Yuan kosten sollte. Ich tat es nicht aus Mitleid, sondern aus Dankbarkeit und Respekt, weil die Grundlage für das reiche Leben, wie wir es heute führen, von zahlreichen älteren Menschen wie diesem Mann geschaffen wurde. Und wenn der alte Mann sich mit diesem Geld auch nur ein besseres Abendessen leisten konnte, war das für mich Wert genug.

Im Februar 2014 reiste ich durch viele chinesische Städte, besuchte unter anderem Nanjing, Shanghai, Suzhou und Hangzhou. Beim Besuch der Gedenkhalle für die Opfer des Nanjing-Massakers lernte ich die chinesische Geschichte, die den gleichen Schmerz wie die Geschichte meines Vaterlandes Südkorea trägt, kennen. Als ich die Bilder chinesischer revolutionärer Märtyrer sah, wie sie durch Messerstiche oder Schüsse getötet wurden, konnte ich all ihre Hingabe schmerzlich nachempfinden. Beim Besuch eines Abschnitts des chinesischen Kaiserkanals in Suzhou fragte ich mich, wer diesen eindrucksvollen Kanal wohl angelegt haben mochte. Ich kam zu dem Schluss, dass auch er das Ergebnis der Opferbereitschaft unserer Vorfahren ist. Sie haben ihre Jugend, ja ihr Leben gegeben, damit wir heute glücklich leben können. In diesem Moment kam in mir spontan ein Gefühl der Ehrfurcht auf. Wieder einmal hatte ich den Aufopferungsgeist und die Hingabe unserer Vorfahren gespürt.

Im Mai 2015 reiste ich schließlich in die Stadt Xi’an in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi. Dort besichtigte ich die Grabanlage des ersten chinesischen Kaisers Shihuangdi der Qin-Dynastie (221–207 v. Chr.) sowie die weltberühmte Terrakotta-Armee, die diese bewacht. Auch machte ich einen Abstecher zum Huaqing-Palast mit seinem bekannten Teich, der berühmt ist für die Liebesgeschichte zwischen dem Kaiser Xuanzong und seiner schönen Konkubine Yang Yuhuan, die zu Zeiten der Tang-Dynastie (618–907) lebten. Auch für die Erschaffung solcher Wunderwerke haben zahlreiche Bauern und Sklaven ihr Leben gelassen. Und ihre Opfer sind von großer Bedeutung, damals wie heute. Das Bild der Terrakotta-Krieger in den riesigen Gruben, die alle in eine Richtung blicken und schweigend das Grab ihres Kaisers bewachen, hat sich mir tief eingeprägt.

Nun denke ich zurück an den Geruch der Autoabgase, den ich während meines ersten China-Aufenthalts in Beijing wahrgenommen habe. Und ich frage mich, ob es nicht letztlich der Geruch von Chinas Opfer als Weltfabrik war, den ich da roch? Ein Opfer, von dem wir in Südkorea, ja letztlich alle Menschen in der Welt profitieren. Die Chinesen sagen: „Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein Neues China.“ Ich sage: „Ohne China gäbe es keine heutige Welt.“ China zeigt und gibt der Welt seine schönsten Seiten. Für mich jedenfalls steht fest, dass ich diesen „Geruch“ der Aufopferung tief im Gedächtnis behalten werde, für immer.

*Der Autor ist Student an der Pädagogischen Universität Qufu in der Provinz Shandong.

Reisen

Der Geruch Chinas – Wie sich mein China-Bild veränderte

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Gesellschaft

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