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„Qiongyou“ – Die neue, große Lust der Chinesen am Reisen mit kleinem Budget

29-04-2016

 

Von Verena Menzel

 

„Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel“, unkte der einflussreichste humoristische Dichter und Zeichner Deutschlands Wilhelm Busch (1832 - 1908) bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Nur wenige Jahre zuvor hatte der Brite Thomas Cook die erste Pauschalreise angeboten. Dennoch war Reisen im 19. Jahrhundert in Europa noch immer ein Privileg von Adeligen, Geschäftsleuten und Wohlhabenden. Auch heute, in Zeiten von Urlaubsregelungen und dem Tourismus als weltweit vernetzter Massenindustrie ist Reisen noch immer ein - wenn auch kleiner - Luxus, der vor allem zwei Ressourcen voraussetzt: Zeit und Geld. Von dieser Erkenntnis weiß man auch in China ein Lied zu singen: „Ich will nach Guilin, ja ich will nach Guilin, aber wenn ich Zeit hab’, hab’ ich kein Geld ... und wenn ich Geld hab’, hab’ ich keine Zeit“, heißt es da in einem beliebten Schlager des chinesischen Sängers Chen Kai (陈凯).

 

Doch die Chinesen sind seit einigen Jahren trotzdem im Reisefieber, vor allem die Angehörigen der aufstrebenden Mittelschicht. Seit der Reform und Öffnung dürstet es viele im Reich der Mitte nach einem ausgiebigen Blick über den Tellerrand der eigenen Landesgrenzen. Einem individuellen Blick, den sich die Chinesen nicht mehr gehetzt durch das hektische Anpeitschen eines Reiseführers per Megaphon oder durch aufreibende Sehenswürdigkeitenmarathons trüben lassen wollen. Doch eben auch nicht durch die oft horrenden Preise exklusiv gebuchter Pauschalreisen für Einzeltouristen.

 

Auf der Suche nach individuellen Reiseerlebnissen: Chinas Einzelreisende sind mittlerweile zu einem wichtigen Zugpferd der weltweiten Tourismusbranche geworden. 

 

Stattdessen schwört Chinas junge Generation heute auf das so genannte „Qiongyou“, ein Reisegefühl, das sich, wie man sieht, sogar sprachlich in einem neuen Begriff manifestiert hat. Wörtlich bedeutet „Qiongyou“ „arm reisen“, ein Schlagwort, das in China mittlerweile zum Inbegriff eines neuen touristischen Selbstverständnisses geworden ist. Stand das Wort anfangs noch für Backpacker-Mentalität, Zeltnächte und Nachtbusfahrten, Couchsurfing und lange Fußmärsche, hat der Begriff es heute in den Mainstream der neuen Individualtourismus-Arena geschafft. Und in die drängen derzeit immer mehr Chinesen der so genannten Post-Achtziger- und Post-Neunziger-Generation.

 

Als Folge des Trends heißt „arm reisen“ längst nicht mehr Dreitagebart und Dosennahrung, sondern vielmehr sich gekonnt mit niedrigem Budget eine Reise selbst zusammenzustellen, einzigartig und genau auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt. Dass dabei kleine Dorfpensionen mit authentischem Landflair und AirBnB-Unterkünfte von Einheimischen, Hausmannskost lokaler Gaststätten und die Fortbewegung per öffentlicher Verkehrsmittel oft preisgünstiger daherkommen als die von Reiseveranstaltern geschnürten Pauschalpakete, erscheint da fast nur noch als willkommener Nebeneffekt. Zentraler Kern des „Qiongyou“ ist vielmehr die neue Sehnsucht der Chinesen nach authentischen Reiseerlebnissen jenseits der touristischen Infrastruktur. Nicht mehr ausgetrampelte Eifelturmumrundungen im Gleichschritt also, sondern das Wandeln auf individuellen Reiserouten.

 

Rund 27,1 Prozent aller chinesischen Touristen, die über das Internet buchen, sind heute bereits Individualtouristen, die sich ihre Reise frei nach den eigenen Vorlieben zusammenstellen, wie eine Erhebung des chinesischen Reiseportals LY.com über die Verbrauchertrends der chinesischen Reisebranche 2015 zeigt. Ob günstige Flugtickets und Unterkünfte oder ausgefallene kulturelle Programmpunkte – auch bei chinesischen Touristen scheinen Reisen von der Stange zunehmend aus der Mode zu kommen. Nur noch rund 54 Prozent aller Internetnutzer buchen der Studie zufolge die klassische Gruppenreise.

 

Und Chinas neue Einzelreisende sind mittlerweile auch zu einem wichtigen Zugpferd der weltweiten Tourismusbranche geworden. Laut dem „Bericht über Individualreisen 2015“ des chinesischen Reiseportals Mafengwo.com wuchs der weltweite Markt für Individualreisen 2015 im Vergleich zum Vorfahr um 5,6 Prozent. Der meiste Zuwachs stammte dabei aus Asien. Allein in China stieg das Umsatzvolumen des Individualtourismus von 2014 bis 2015 um 16,7 Prozent. Und auch das Wachstumspotential für die Zukunft scheint riesig. Denn während in Europa und den USA Statistiken zufolge schon heute 70 bis 80 bzw. über 90 Prozent der Touristen auf selbst organisierten Urlaub setzen, sind es in Asien bisher nur zwischen 50 und 60 Prozent.

 

Der Umbruch im Reiseverhalten der Chinesen spiegelt sich wohl nirgends so deutlich wider wie im Erfolg einiger neuer Reiseportale im Internet. 

 

Der Umbruch im Reiseverhalten der Chinesen spiegelt sich wohl nirgends so deutlich wider wie im Erfolg einiger neuer Reiseportale im Internet, die in den letzten Jahren im Reich der Mitte entstanden sind. Den Anfang machten klassische Buchungsplattformen wie Ctrip oder Qunar, über die Chinas Nutzer selbst online Hotels, Flüge, Zugtickets und andere Reisedienstleistungen buchen und deren Preise vergleichen konnten. Diese neuen Möglichkeiten des Internets machten Chinas Touristenheer ein erstes Stück unabhängiger vom Diktat professioneller Reisebüros und Tourenanbieter. Reisen wurde damit für die Masse der Chinesen erstmals ein gutes Stück individueller.

 

2004 trat dann ein Portal auf den Plan, das Chinas Reisebranche ein weiteres Mal umkrempeln sollte. „Qiongyou Ouzhou“ (穷游欧洲) - „Arm durch Europa reisen“ nannte der Auslandsstudent Xiao Yi seine Reiseplattform. Sie sollte seinen Landsleuten ein portemonnaiefreundliches Erkunden des alten Kontinents ermöglichen. Der junge Gründer selbst absolvierte damals noch ein Auslandsstudium in Hamburg. Seine Idee: Chinesischen Reisefans eine Plattform zum Austausch von Erfahrungen und Traveltipps geben. Anfangs zählten vor allem andere chinesische Auslandsstudenten zu den Nutzern. 2006 taufte Xiao Yi seine Website in Qyer.com um, auf Chinesisch „Qiongyou-Netz“ (穷游网). Ein Bericht des internationalen Kanals von CCTV im Juli des gleichen Jahres brachte schließlich auch in der Heimat China den Durchbruch. Mit seiner Idee, das Wissen der Masse zu bündeln und auf usergenerierten Content zu setzen, über den die Nutzer eigene Erfahrungen teilen konnten, traf nicht nur den Nerv der Zeit. Mit dem Firmennamen gab Xiao Yi dem neuen Reisegefühl junger Chinesen auch gleich noch einen neuen Namen mit auf den Weg. Der Begriff „Qiongyou“ war geboren.

 

Heute können chinesische Globetrotter auf Qyer.com Infos über zehntausende Reiseziele in der ganzen Welt beziehen und mit Hilfe der Erfahrungen und Bewertungen anderer Nutzer ihre ganz eigene Reiseroute zusammenstellen. Zudem hat Jungunternehmer Xiao Yi das Portal zu einer touristischen Dienstleistungsplattform ausgebaut, auf der chinesische Kunden und weltweite Tourismusanbieter zueinander finden. Ob Visumsbeschaffung oder Mietwagenverleih, ein Elefantenritt in Thailand oder die romantische Kutschfahrt durch Wien, heute können „Qiongyou-er“ solche Dienste vor oder während ihrer Reise direkt und günstig über das chinesische Portal buchen. Die Bezahlung erfolgt vorab online bequem in Renminbi. Über eine kostenlose App haben die Nutzer der Seite zudem die Möglichkeit, alle Infos, Reisepläne und Bewertungen per Smartphone bequem aus der Hosentasche von unterwegs abzurufen.

 

Auch chinesische Touristen wollen nicht mehr bloß ausgetrampelte Eifelturmumrundungen im Gleichschritt, sondern auf individuellen Reiserouten wandeln. 

 

Das Erfolgsmodell von Qyer, das Social-Media-Elemente mit einer Online-Dienstleistungsplattform vereint, hat in China mittlerweile zahlreiche Nachahmer gefunden. Zu den erfolgreichsten gehört sicherlich die Website Mafengwo.com (蚂蜂窝), zu Deutsch „Hornissennest“, die seit 2006 besteht. Auch sie ist zu einer beliebten Internet-Anlaufstelle für Chinas Individualreisende avanciert und auch sie setzt auf eine Verbindung aus von Nutzern selbst generierten Inhalten, Bewertungen und Forenbeiträgen und der Schaffung einer Schnittstelle zwischen Kunden und touristischen Produkten und Dienstleistern vor Ort im Reiseland.

 

Ein besonderes Highlight des Portals ist sicherlich die firmeneigene App, die Reisefans vor, während und nach der Reise als hilfreicher Begleiter zur Seite steht. Über 280 Millionen Mal wurde die Anwendung, die Reiseinfos rund um Sehenswertes, Kulinarisches und Kulturelles vereint, bereits herunter geladen, womit sie es in die ständigen Top 5 der beliebtesten Reise-Apps weltweit des Apple-Store gebracht hat. 2015 wurde sie außerdem auf der Global Mobile Internet Conference unter die 50 besten Apps weltweit gewählt. Neben umfangreichen Infos und Bewertungen beantworten Reisecracks über die Applikation im Live-Chat direkt Fragen der Reisenden. Eine weitere Applikation der Firma übersetzt den nötigen Reisewortschatz mobil in 17 Sprachen sowie 13 chinesische Dialekte. Und die firmeneigene App Weng Weng (嗡嗡) ermöglicht es Reisenden, per GPS Eindrücke und Erfahrungen auf einer digitalen Karte genau festzuhalten, zu speichern und später mit Freunden oder anderen Usern zu teilen. So können die Reisenden mit Hilfe von Mafengwo nicht nur ein multimediales Reisetagebuch führen, sondern ihre Eindrücke auch mit ganz präziser Verortung speichern und teilen, was es anderen Globetrottern wiederum ermöglicht, auf ihren Fußspuren zu wandeln. Laut Mafengwo nutzen allein die interaktive Reiseroutenfunktion jeden Tag rund 3,8 Millionen Menschen.

 

Websites wie Qyer oder Mafengwo schlagen letztlich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie ermöglichen es auch mit niedrigem Budget, „nach Guilin zu reisen“ und sie sparen den Reisefans zudem viel Recherche-Arbeit bei der Reisevorbereitung und damit Zeit. Was früher noch mühsam aus unterschiedlichen Internetseiten und Onlineforen zusammengetragen werden musste, ist heute übersichtlich auf einem Portal vereint.

 

Und Chinas Jugend liegt mit ihren neuen Reiseansprüchen durchaus im internationalen Trend, glaubt man dem Schweizer Soziologen Robert Schäfer. „Viele Urlauber wollen heute nicht mehr einfach relaxen, so wie die typischen Strandurlauber früher, sie wollen das alltägliche Leben aus einer außeralltäglichen Perspektive erleben“, sagt der Reiseexperte in einem Interview mit dem deutschen Magazin „Spiegel Online“. Der moderne Tourismus sei letztlich der systematisch organisierte Versuch, die Touristen in irgendeiner Form hinter die Kulissen schauen zu lassen, so der Soziologe. Und dazu passten besonders gut neue Portale wie etwa der Wohnungsvermittler AirBnB. „Wer eine Privatwohnung über die Plattform mietet, macht eine ganz andere Erfahrung als in einem Hotel. Er bekommt einen Einblick in die Privatsphäre eines Einheimischen. Er lebt den Alltag einer fremden Stadt.“

 

Doch ob die Reise letztlich wirklich zum authentischen Erlebnis wird oder doch nur zum touristischen Einerlei, hängt wohl am Ende noch immer von jedem Einzelnen ab. Davon nämlich, ob man sich traut, sich vor Ort ziellos treiben zu lassen und so in Ecken zu stolpern, die auch bei Qyer und Mafengwo noch blinde Flecken auf der Landkarte sind. Und davon, ob man sich auch an touristischen Spots die Zeit gönnt, die Dinge ganz persönlich auf sich wirken zu lassen, statt gleich zum nächsten Tagespunkt weiter zu gleiten. Oder wie es der Harvard-Philosoph George Santayana in seinem Essay „Die Philosophie des Reisens“ beschreibt: „Manchmal müssen wir in offene Einsamkeiten entfliehen, in Ziellosigkeit, in die moralischen Ferien, irgendein reines Risiko eingehen, um die Schneide des Lebens zu schärfen, um Strapazen zu kosten und uns dazu zwingen zu lassen, für einen Augenblick an etwas zu arbeiten, ganz gleich woran.“ Nur wer dazu bereit ist, für den wird „armes Reisen“ letztlich zu einem wirklich reichen Erlebnis.

 

 

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