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Vom Landei zum Stadtei – Wie der E-Commerce Chinas Dörfer verändert

01-11-2016

Von Jiao Meng*

Li Shengrong, 54 Jahre, ist Bauer und stammt aus dem Dorf Caotan, das verwaltungsmäßig zum Kreis Chengxian in der Stadt Longnan der westchinesischen Provinz Gansu gehört. Er und E-Commerce, das waren bis vor kurzem noch zwei völlig unterschiedliche Welten, die nicht weiter hätten auseinanderklaffen können. Dass er selbst einmal gerade durch den Internethandel aus der Armut befreit werden sollte, daran hatte der 54-Jährige Landwirt nicht im Traum gedacht. „Früher verkaufte ich meine Eier in der Kreisstadt. Ich musste um fünf Uhr in aller Frühe aufbrechen und einen weiten Weg zurücklegen. Erst gegen 22 Uhr abends kam ich zurück. Und am nächsten Tag ging das Spiel von vorne los.“ Wenn es regnete, erzählt Li, waren die nicht gepflasterten Wege oft unpassierbar. „Dann musste ich manchmal tagelang zu Hause ausharren. Verdient habe ich in dieser Zeit natürlich nichts.“

Das Dorf Caotan liegt rund 80 Kilometer von der Kreisstadt Chengxian entfernt und es war lange nicht einmal an das örtliche Verkehrsnetz angebunden. Es besaß auch keinen Anschluss an das örtliche Stromnetz, von modernen Telekommunikationsanlagen ganz zu schweigen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Erst kam der Strom nach Caotan und mit ihm schließlich das Internet. „Heute verkaufe ich die von mir gezüchteten Landhühner sowie ihre Eier an einen Onlineanbieter aus meinem Dorf, der die Produkte dann über die Plattform des E-Commerce-Giganten Taobao weitervertreibt. Früher hielt ich gerade einmal 14 Hühner, heute umfasst meine Zucht über 1000 Stück. Allein im vorigen Jahr haben meine Einnahmen um mehr als 4100 Yuan (550 Euro) zugenommen“, sagt der Bauer. Gefragt nach seinen Plänen für die Zukunft, erklärt Li, er wolle seine Hühnerfarm weiter ausbauen und den Tierbestand auf 1500 Hühner aufstocken. Seine in natürlicher Umgebung gezüchteten Hühner wolle er dann in Chinas Großstädten anbieten.

Lokale Spezialität: Einheimische knacken im Kreis Chengxian Walnüsse für Weiterverarbeitung und Verkauf.

Maßnahmen zur Armutsüberwindung bringen die Wende

Im Leben und in der Produktion vieler chinesischer Landbewohner hat sich in den letzten drei Jahren eine große Wende zum Guten vollzogen. Dies ist in großen Teilen der Strategie zur Armutsüberwindung durch Onlinehandel zu verdanken, die mittlerweile vielerorts erfolgreich in die Praxis umgesetzt wird. Chinas ländliche Gebiete sind reich an natürlichen Schätzen. Viele Gebirge und Gewässer befinden sich in einem urtümlichen Zustand. Früher allerdings fanden die natürlichen Agrar- und Forstwirtschaftsprodukte aus solchen Regionen kaum ihren Weg zum interessierten Endverbraucher. Und so dümpelten die Einnahmen vieler Landbewohner lange auf niedrigem Niveau. Viele Dörfer fanden keinen rechten Ausweg aus der Armut.

Offline-Update: Im Dienstleistungszentrum für E-Commerce des Kreises Chengxian werden die Inhaber von Onlineläden fortgebildet und auf den neuesten Stand gebracht.

Um das Problem anzupacken, erstellte die Kreisverwaltung von Chengxian schließlich eine gezielte Strategie zur Armutsüberwindung. Diese umfasst einen detaillierten Maßnahmenkatalog und ist auf die einzelnen Haushalte gerichtet. Einer der Schwerpunkte liegt dabei auf der Umsetzung der Strategie des „Internet Plus“. Denn die Startvorrausetzungen für einen Onlineladen sind denkbar gering: die Grundausstattung besteht lediglich aus einem Internetanschluss und einem internetfähigen Computer.

Pionierleistung: Die Pädagogische Hochschule von Longnan errichtete das landesweit erste Institut für E-Commerce.

Auch die Idee war denkbar einfach: Über das Internet sollten hochwertige naturbelassene Produkte ihren Weg zu den Konsumenten in den Städten finden. Die in das Dorf Caotan entsandten Kader ebneten den Weg dafür, dass die Dorfbewohner ihre Produkte online in den Städten verkaufen konnten. Sie schulten die Einheimischen zunächst in den einfachsten Grundlagen der Informationstechnik, arbeiteten konkrete Förderprojekte aus und boten finanzpolitische Dienstleistungen an. Außerdem halfen sie ihnen dabei, umfassende Ketten für die logistische Abwicklung aufzubauen, einander beim E-Commerce gegenseitig unter die Arme zu greifen und voneinander zu lernen. Damit legten sie den entscheidenden Grundstein für die kleine „Onlinerevolution“, die heute in Caotan und in vielen anderen Dörfern nicht nur in der Provinz Gansu, sondern in ganz China zu beobachten ist.

Bereits im September 2013 hatte die Kreisverwaltung die vielen Hochschulabsolventen, die als Assistenten der örtlichen Dorfvorsteher an der Basis im Einsatz waren, dazu aufgerufen, in den Dörfern die Neuerungen des E-Commerce zu verbreiten. Eine der jungen Assistentinnen, die diesem Aufruf folgten, heißt Zhang Xuan. Zunächst nahm die junge Hochschulabsolventin an einem Fortbildungskurs zum Thema Onlinehandel teil. Danach rief sie als erste im ganzen Kreis einen Onlineshop für lokale Spezialitäten aus dem örtlichen Jifeng-Gebirge ins Leben. Der Laden sollte lokale Erzeugnisse der Dorfbewohner anbieten.

Alle Hände voll zu tun: Jeden Tag werden zahlreiche Pakete von den Onlineläden des Dorfes Caotan in andere Landesteile geschickt.

Als Startkapital borgte die junge Assistentin zunächst 100.000 Yuan, umgerechnet rund 13.400 Euro, von ihren Eltern. Wofür sie das Geld verwendet hat, wollen wir wissen. „Eier sind bekanntlich ein zerbrechliches Gut. Und damit sie beim Transport über lange Strecken nicht kaputt gehen, ist eine spezielle Verpackung ein absolutes Muss. Ein Onlineanbieter verlangte für diese Verpackung genau diese Summe. Das war also das Startkapital, das ich als Minimum investieren musste“, erzählt die Chinesin.

Für die Dorfbewohner in der Bergregion des Kreises war das Internet lange ein Buch mit sieben Siegeln. Viele trauten es Zhang anfangs von daher auch kaum zu, dass sie lokale Agrarerzeugnisse tatsächlich erfolgreich online verkaufen konnte. „Ich stellte den Menschen die besondere Verpackung vor und erklärte ihnen die Maßnahmen, um einen sicheren Transport zu gewährleisten. Allein dadurch konnte ich schon viele Bedenken zerstreuen“, sagt Zhang. Sie pilgerte von Tür zu Tür und erstellte eine Liste der Produkte, die jeder Haushalt anbieten konnte. Dann legte sie das Geld vor, um diese Erzeugnisse aufzukaufen und erklärte den Menschen ihr Konzept.

Doch anfangs schien der Traum zu platzen: In den ersten Monaten nach dem Start des neuen Onlinegeschäfts war die Nachfrage zunächst mäßig. Die Skepsis der Dorfbewohner schien sich zu bestätigen. Doch so schnell wollte sich Zhang nicht geschlagen geben. „Zu dieser Zeit wurden gerade neue Soziale Medien wie das Mikroblog-Portal Weibo und die Nachrichten-App WeChat in unserem Kreis populär. Ich begann, nach Möglichkeit jeden Tag einige Landschaftsbilder unseres Dorfes auf meinem Mikroblog zu posten und nebenbei einige lokale Spezialitäten vorzustellen. Als ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, kam dann endlich die erste Bestellung, und zwar von einem Weibo-User aus Shanghai“, erinnert sie sich.

Zhang Xuans Coup sollte also glücken und letztlich zahlreiche Haushalte des Dorfes aus der Armut befreien. Ein Ei einer glücklichen Henne aus Caotan kostete bis dahin offline 0,5 Yuan (ca. 7 Cent). Online vervierfachte sich der Preis. Die Menschen in den Städten waren bereit, ganze zwei Yuan (rund 27 Cent) pro Stück zu bezahlen. Ein glückliches Huhn, das auf dem Markt in Caotan gerade einmal zehn Yuan (1,35 Euro) einbrachte, wechselte im Internet plötzlich für 20 Yuan (2,70 Euro) den Besitzer. So konnte ein armes Dorf wie Caotan einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen. Zhangs Vorstoß brachte den Menschen handfeste materielle Vorteile.

„Herr Walnuss“ und der E-Commerce

Doch nicht nur in Caotan zeigte der Onlinehandel große Erfolge, er leistet heute einen großen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung des gesamten Kreises. Und dem Siegeszug des Onlinehandels ist es letztlich auch zu verdanken, dass der Kreis Chengxian heute sogar einen Parteisekretär hat, den die Einheimischen liebevoll „Herr Walnuss“ nennen. Eigentlich heißt „Herr Walnuss“ Li Xiang. Sein Beiname, oder besser gesagt Ehrenname, rührt von seinem großen Engagement für das Onlineangebot von lokalen Walnüssen her. Es gelang Li, frische Walnüsse aus seiner Heimat nicht nur unter verschiedenen Blickwinkeln vorzustellen und damit über die Grenzen der Region hinaus bekannt zu machen, sondern sie auch erfolgreich in den Städten zu verkaufen.

Heute zählt das Weibo-Konto von Li Xiang mehr als 200.000 Follower. „Herr Walnuss“ ist zu einer kleinen Internet-Berühmtheit avanciert. Der von ihm geführte Kreis ist zu einem regionalen Vorreiter in Sachen E-Commerce geworden. Und der Ansturm auf online vertriebene Agrarerzeugnisse ist längst nicht abgeebbt. Heute verfügt die Stadt Longnan auch über mehr als 2900 Weibo-Konten für politische Angelegenheiten und 370 öffentliche WeChat-Plattformen.

Im Jahr 2015 verabschiedeten das Zentralkomitee der KP Chinas und der Staatsrat ihren „Beschluss zur Lösung von Schlüsselproblemen zur Armutsüberwindung“. Die Pläne zur Armutsüberwindung mittels E-Commerce wurden als wichtige Maßnahme zur zweckdienlichen und auf die einzelnen Haushalte gerichteten Armutsüberwindung in das politische Papier aufgenommen. Nun arbeiten die Regierungen aller Ebenen, Chinas E-Commerce-Unternehmen sowie weitere gesellschaftliche Organisationen mit Hochdruck daran, das Maßnahmenpaket in die Praxis umzusetzen. Die Stadt Longnan wurde als Pilotstadt für die Armutsüberwindung durch E-Commerce auserkoren. Sie hat mittlerweile ein Arbeitsgefüge herausgebildet, in dem Offline- und Onlineelemente mit einander interagieren, eine direkte Verbindung zwischen bäuerlichen Haushalten und städtischen Kunden hergestellt wird und in dessen Rahmen der Erhöhung der Einnahmen und der Vermehrung der Fachkenntnisse seitens der Landbevölkerung gleichermaßen Beachtung geschenkt wird.

Durch die Umsetzung dieser Maßnahmen konnten bereits 56.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Zudem stieg das jährliche Pro-Kopf-Einkommen von rund 640.000 in Armut lebenden Menschen um 430 Yuan (58 Euro). In der ganzen Stadt Longnan wurden in 450 Pilotdörfern insgesamt 735 Onlineläden eröffnet. Ihr Gesamtumsatz beläuft sich mittlerweile auf gut 253 Millionen Yuan (33,9 Millionen Euro). 97.000 arme Menschen aus 24.500 Haushalten in schwierigen Verhältnissen konnten erfolgreich aus der Armut befreit werden. Zeitgleich wurde ein Arbeitsmechanismus etabliert, in dem die Regierungen, gesellschaftliche Organisationen und in die Dörfer entsandte Arbeitsteams gemeinsam den E-Commerce zur Armutsüberwindung federführend vorantreiben. Es wurden insgesamt 150 Dienstleistungsstationen für Onlinehandel auf Gemeindeebene und 495 Dienstleistungsstationen auf Dorfebene gegründet sowie 9139 einzelne Onlineshops aus der Taufe gehoben.

Die Erfolge werden auch an weiteren Zahlen sichtbar: 2016 legte der Gesamtumsatz des E-Commerce in der Stadt Longnan um 741 Millionen Yuan (99,4 Millionen Euro) (online 286 Millionen Yuan und offline 455 Millionen Yuan, was 38,4 bzw. 61 Millionen Euro entspricht) zu. Bisher wurden insgesamt 83 Angebotsplattformen für Internethandel etabliert und 1126 für den Onlineverkauf geeignete Warensorten aus insgesamt 629 Kategorien entwickelt. Ob Oliven aus Longnan, Walnüsse aus dem Kreis Chengxian, Chinesischer Blütenpfeffer aus dem Stadtteil Wudu oder Äpfel aus dem Kreis Lixian– sie alle werden online heute als Markenprodukte gehandelt. Der Erfolg lokaler Produkte färbt auch auf viele Offline-Branchen ab: 237 Transportunternehmen wurden inzwischen neu gegründet und 786 Versand- und Express-Stationen ins Leben gerufen. Sie zählen wiederum über 1200 Filialen auf Dorfebene. Die Effizienz der örtlichen Logistik konnte so erheblich gesteigert werden. Allein in diesem Jahr nahmen zudem bereits 29.000 Einwohner an speziellen Fortbildungskursen für E-Commerce teil. Außerdem schickte die Kreisverwaltung 128 Hochschulabsolventen in die südostchinesische Provinz Zhejiang zu sechsmonatigen Praktika in renommierten örtlichen E-Commerce-Unternehmen.

Der E-Commerce hat das Konzept von Wirtschaftsentwicklung der Kader und der Bevölkerung der Stadt Longnan grundlegend gewandelt. Die ländliche Infrastruktur wurde erheblich verbessert, was sich besonders deutlich im Bau der gepflasterten Anbindungsstraßen der Dörfer und in der erweiterten Internetabdeckung zeigt. Aber auch der Anbau von Feldfrüchten hat sich merklich gewandelt. Bis heute wurden bereits Agrarflächen von mehr als elf Millionen Mu (ein Mu= 1/15 Hektar) für den Anbau regionaler Spezialitäten reserviert. Der wirtschaftliche Erfolg hat auch das Leben der Menschen verändert. Neue Medienkanäle wie WeChat, Taobao, Weibo, Crowdfunding und mobile Onlineläden gehören heute für viele zum Alltag.

Sun Xuetao, Parteisekretär der Stadt Longnan, fasst das Erfolgsrezept der Stadt zur Armutsüberwindung zusammen: „Wir als Lokalregierung haben relevante Maßnahmen eingeführt, gewähren den Menschen Unterstützung bei deren Umsetzung und üben danach die Aufsicht aus. Alle Unternehmungen sind dabei marktorientiert und die Unternehmen sind die Hauptakteure“, sagt er. Die Existenzgründungen würden von der Bevölkerung vorgenommen und man ermuntere alle Bauern und andere Bevölkerungsteile dazu, aktiv daran teilzunehmen. „Die gesellschaftlichen Organisationen bieten unterdessen die nötigen Dienstleistungen an und fördern die Verschränkung von On- und Offline.“ Das Credo der Stadt laute „grün“ – alle Werbe- und PR-Maßnahmen drehten sich letztlich um diesen zentralen Punkt. „Unsere grünen Produkte werden dann über moderne Vertriebskanäle wie Onlineshops, aber auch über WeChat und Weibo angeboten. Das ist unser Erfolgsrezept“, so Sun.

Chinas Finanzministerium sowie auch das Handelsministerium greifen den Lokalregierungen bei der Umsetzung der Strategie zur Armutsüberwindung durch E-Commerce tatkräftig unter die Arme, wie Statistiken belegen. Besonders gefördert werden dabei Kreise, die als arm eingestuft sind. Sie sollen durch den elektronischen Handel neue Wege aus der Armut finden. Um zielgerichtete Erfolge zu erreichen, bestimmten die beiden Ministerien gemeinsam mit dem nationalen Büro für Armutsüberwindung des Staatsrats landesweit insgesamt 496 Kreise, darunter 261 als arm eingestufte Kreise (52,6 Prozent), zu Pilotgebieten für die Armutsüberwindung durch E-Commerce. Man setzte sich gemeinsam das Ziel, in den kommenden drei Jahren durch dieses Pilotprojekt alle Kreise, die über die erforderlichen Bedingungen verfügen, sukzessive abzudecken.

Qu Tianjun, Inspekteur der Hauptabteilung für internationale Zusammenarbeit und gesellschaftliche Armutsüberwindung des Büros für Armutsüberwindung des Staatsrats, zollt dem Longnaner Modell hohe Anerkennung. „Die besondere Bedeutung dieses Modells liegt in seiner Vorbildfunktion für andere arme Regionen. Der Erfolg in Longnan zeigt ihnen, dass Gebiete im Nordwesten unseres Landes, die über keine besonderen Standortvorteile verfügen, aber reich an Agrarressourcen sind, bei der Wirtschaftsentwicklung auch auf die Schnellspur einbiegen können“, so Qu. Den örtlichen Verhältnissen entsprechende Pläne auszuarbeiten und die Einheimischen bei der Transformation behutsam an die Hand zu nehmen, all dies ermögliche es, armen Regionen mit Hilfe des E-Commerce wundervolle Ergebnisse zu erzielen, so der Experte.

Hindernisse für die weitere Entwicklung

Yang Zixing, Vizegouverneur der Provinz Gansu, sagt unterdessen: „Gansu gehört zu den ärmsten Landesteilen Chinas. Bei der Zahl armer Bevölkerungsteile stehen wir landesweit an siebter Stelle, was die Quote der armen Bevölkerung angeht, sogar auf Platz zwei. Das Pro-Kopf-Einkommen der Gansuer Landbewohner ist das niedrigste in ganz China.“ Um die lokale Wirtschaft mit Hilfe des E-Commerce zu entwickeln, gelte es deshalb zunächst, bestehende Probleme wie die ungenügende Abdeckung der Armutsgebiete mit Breitband-Netzen, rückständige logistische Einrichtungen, die niedrige Standardisierung von Agrarprodukten, fehlende Gütesiegel sowie den Mangel an Fachkräften zu lösen.

Selbst die Vorzeigestadt Longnan muss bei der Weiterentwicklung schwierige Hürden nehmen. Wei Yan’an, Direktor der Abteilung für landwirtschaftliche und industrielle Angelegenheiten des Komitees der Provinz Shaanxi, rät der Stadt dringend, für die weitere Entwicklung ihre Standortnachteile im Verkehrswesen aus dem Weg zu räumen. „Außerdem sollten die lokalen Markenartikel stärker aufgewertet und führende Unternehmen herausgebildet werden“, sagt er. Nach der erfolgreichen Armutsüberwindung als erstem Schritt müsse insbesondere der E-Commerce auf Kreisebene gefördert werden, damit langfristig ein neuer stabiler Wirtschaftszweig etabliert werden könne. „Darüber hinaus sollte man noch mehr fachliche Fortbildungen auf verschiedenen Ebenen veranstalten und Existenzgründungen durch Vertreter der Graswurzel-Ebene und die Transformation von Unternehmen sowie die Förderung von einheimischen und auswärtigen Fachkräften miteinander verbinden. Ziel sollte es sein, auf diese Weise ein regionales Zentrum des E-Commerce aufzubauen“, so der Funktionär.

„Die Praxis der Stadt Longnan zeigt uns, dass der E-Commerce ein umfassendes System ist. Er ist nicht einfach eine frei schwimmende Eisscholle auf einem Gewässer“, erklärt Wei. „Dieses umfassende System umfasst eine Reihe von Teilsystemen wie etwa ein Handelssystem, das sich wiederum aus Plattformen und Onlineshops zusammensetzt. Ein weiteres Teilsystem bildet das Dienstleistungssystem, zu dem Finanzzahlungen, Logistik sowie der Bereich Versand- und Expresslieferung zählen. Dann wäre da noch das Produktionssystem, zu dem man führende Unternehmen, Familienfarmen und spezielle Produktionsgenossenschaft rechnen kann“, sagt er. „Was wir also gewöhnlich mit bloßem Auge beobachten können, ist letztlich nur die äußere Hülle des ganzen Gebildes, vergleichbar mit der Spitze eines Eisbergs. Und für Eisberge gilt: neun Zehntel der Masse befinden sich unter der Wasseroberfläche.“ Im Falle des E-Commerce bezögen sich diese neun Zehntel auf das Dienstleistungs- und das Produktionssystem. „Ohne diese beiden Systeme wären die Onlineshops tatsächlich nur flache, schwimmende Eisschollen und würden dementsprechend schnell dahinschmelzen. Aber das ist in Longnan ganz offensichtlich nicht der Fall. Und gerade weil die Stadt Longnan großen Wert darauf gelegt hat, ein umfassendes System aufzubauen, ist es ihr tatsächlich gelungen, die Armut durch den E-Commerce wirksam zu überwinden“, so Weis anerkennendes Fazit.

*Der Autor arbeitet als Journalist für das Portal www.chinagate.cn und ist zudem leitender Redakteur der Plattform „Global Poverty Reduction & Inclusive Growth“.

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