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Wo die Seele Urlaub macht – Zu Besuch in den Songtsam-Gästehäusern Shangri-Las

25-01-2017

 

Von Wang Shuo*

 

Hotelier Baima Dorje im Interview 

 

Die Morgensonne in Shangri-La erstrahlt hell am azurblauen Himmel. Sie bringt die Dächer der ganzen Gegend zum Glänzen. Auch das Dach des Gasthauses Songtsam Shangri-La (Lügu), das an einem fast vergessenen Ort zwischen dem Sumtse-Kloster und dem kleinen Dorf Kainag liegt. Hier, in und um die kreisfreie Stadt Shangri-La, suchen seit einigen Jahren immer mehr Reisende aus dem In- und Ausland Zuflucht vor der Hektik des Großstadtalltags. 2001 wurde der überwiegend von Tibetern und Angehörigen der Naxi-Minderheit besiedelte Kreis Zhongdian, der im Nordwesten der Provinz Yunnan liegt, in Shangri-La umgetauft, angelehnt an den Roman „Der verlorene Horizont“ (englisch: Lost Horizon) des britischen Schriftstellers James Hilton. Seit 2014 ist Shangri-La eine kreisfreie Stadt.

 

Der glanzvolle Name hat seither noch mehr Touristen an dieses idyllische Fleckchen Erde vor den Toren Tibets gelockt. Nicht wenige Reisende steigen dabei in einer der kleinen, familiär geführten Pensionen der Gästehauskette Songtsam ab, die ein Einheimischer gegründet und über die Grenzen der Region hinaus bekannt gemacht hat.

 

Im Innenhof der Anlage des Gasthauses Songtsam Shangri-La steht ein vierstöckiges Haus im typischen tibetischen Stil. Dies ist der Ort, wo Baima Dorje, Gründer und Ideengeber der Songtsam-Gästehauskette, geboren und aufgewachsen ist. Vor einigen Jahren hat er sein Geburtshaus in eines der besten privaten Gästehäuser Chinas umgewandelt und allmählich eine eigene lokale Pensionskette aufgebaut, die sich auch bei ausländischen Reisenden einen Namen gemacht hat.

 

Die Reisewebsite Trip Advisor führt die Songtsam-Gästehäuser bereits seit neun Jahren in Folge in ihrer Liste der 25 besten Hotels in ganz China. 2016 tummelten sich gleich drei der familiär geführten Pensionen unter den 25 besten Kleinhotels Chinas. Zudem wählte die britische Zeitschrift „Tatler“ die Songtsam-Hotels zu den „101 besten Hotels der Welt“, was Prinz Andrew 2015 veranlasste, eigens einen Abstecher nach Yunnan zu machen, um in einem der Gasthäuser, dem Songtsam Linka, zu nächtigen.

 

Herbstliches Farbenspiel: Auf dem Grundstück seines Geburtshauses eröffnete Baima Dorje sein erstes Gästehaus. Heute ist daraus eine kleine Hotelkette erwachsen. 

 

Das Songtsam-Gasthaus in Shangri-La, eröffnet im Jahr 2001, war das erste Kleinhotel der Familienkette, die heute über mehrere Filialen verfügt. Die Häuser befinden sich bisher allesamt im Autonomen Tibetischen Bezirk Diqing der Provinz Yunnan, in dem auch Shangri-La liegt. Doch belassen will es Baima Dorje dabei nicht. In diesem Jahr sollen weitere Pensionen im Touristenstädtchen Lijiang, ebenfalls in Yunnan, sowie in Lhasa, der Hauptstadt des Autonomen Gebiets Tibet, hinzukommen. „Mich verbindet eine große Liebe zur tibetischen Kultur“, sagt Baima Dorje. Mit der für dieses Jahr geplanten Ausweitung seiner Hotelkette nach Tibet erfüllt sich der Hotelier von daher einen Herzenswunsch.

 

Wer ist dieser Mann, der mit seinem Angebot so passgenau den Nerv in- und ausländischer Besucher zu treffen scheint? Und was treibt ihn an?

 

Eines gleich vorweg: Baima Dorje ist alles andere als der Prototyp eines klassischen Tourismusunternehmers. Er sieht sich selbst vielmehr als Kulturbotschafter. In seinen Gästehäusern stellt er zahlreiche selbst zusammengetragene, handgefertigte tibetanische Möbelstücke aus seiner privaten Sammlung aus. „Meine anfängliche Intention war vor allem, durch meine Geschäftstätigkeiten eine Brücke zur tibetischen Kultur zu schlagen“, sagt er. „Aber mittlerweile habe ich begriffen, dass eine noch größere und wichtigere Aufgabe darin liegt, den modernen Menschen dabei zu helfen, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. In unserer modernen, flatterhaften Zeit leiden viele seelische Nöte. Sie streben nach materiellem Besitz und sind Teil eines knallharten Wettbewerbs, der sie enorm unter Druck setzt“, so der Hotelmanager. „In unseren kleinen Pensionen ticken die Uhren langsamer und wir versuchen, das Bedürfnis moderner Städter nach innerer Ruhe und Ausgeglichenheit zu befriedigen. Ich als Hotelbetreiber sorge zum Beispiel auch einfach dafür, dass Großstädter wieder einmal etwas frische Luft in die Lungen bekommen“, sagt er.

 

Liebe zur tibetischen Kultur

 

Geschmackvolles Interieur: Die Songtsam-Pensionen sind allesamt mit tibetischen Dekorationsgegenständen, Tangka-Malereien und traditionellen Möbeln bestückt. Sie verleihen den Häusern ein ganz besonderes Ambiente. 

 

 

Tatsächlich ist Baima Dorje ein Quereinsteiger in die Hotellerie. Nach seinem Mittelschulabschluss absolvierte er zunächst ein Studium im Fach Veterinärmedizin an einer Berufsschule in Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan. Danach arbeitete er zwei Jahre als Tierarzt in seiner Heimatstadt. Zu dieser Zeit wurde gerade ein lokaler TV-Sender in Shangri-La ins Leben gerufen. Auf Baima Dorje übte die Fernsehmacherei von Anfang an eine große Faszination aus und er begann, sich in seiner Freizeit selbst Kenntnisse in der Produktion von Fernsehprogrammen anzueignen. Schließlich ergatterte er ein Praktikum bei Yunnan TV. Über seine Leistungen dort gelang es ihm dann sogar, einen Studienplatz an der renommierten Beijinger Filmakademie zu erhalten.

 

Während seines Studiums in Beijing musste Baima Dorje jedoch feststellen, dass viele seiner Landsleute nur wenig über die tibetische Kultur wussten und es viele Vorurteile gab. Tibet – das war für viele seiner Kommilitonen einfach ein Hochland mit schneebedeckten Bergen und Adlern, sonst nichts. Die Bewohner dieses Hochlandes schätzten seine Kommilitonen als grobschlächtig und flegelhaft ein. „Dabei sind fast alle Tibeter, die ich aus meiner Heimat kenne, sehr zurückhaltend, in vielen Fällen sogar absolut introvertiert“, sagt Baima Dorje.

 

Im Laufe der Zeit reifte in Baima Dorje deshalb der Entschluss, eine Brücke zur besseren Vermittlung der tibetischen Kultur schlagen zu wollen. Das Fernsehen schien ihm für dieses Unterfangen genau das richtige Medium zu sein. Der Außenwelt einen Einblick in die echte tibetische Kultur zu vermitteln, das erschien Baima Dorje als Herzensmission.

 

1992 trat er eine Stelle bei China Central Television (CCTV) an. Dort produzierte er zunächst einige Dokumentarfilme über die tibetische Kultur. 1998 räumte er mit seinem Regiewerk „Antlitz der Berge“ (Originaltitel: Dashan de Xiaoxiang), einem Dokumentarfilm, der die Geschichte eines traditionellen Dorfes im Gebirgsland der Provinz Yunnan erzählt, eine Auszeichnung beim TV Festival de Cannes ab.

 

Seine Arbeit bei CCTV ließ Baima Dorje nicht nur seine eigene Kultur noch besser kennen lernen, in ihm wuchs auch mehr und mehr der Wunsch, eine eigene Plattform aufzubauen, um die tibetische Kultur mit seinen Mitmenschen zu teilen. Seine Idee: Verschiedene Ethnien und Menschen unterschiedlicher Kulturkreise sollten unter einem Dach zusammentreffen.

 

„Meine Kollegen aus dem Produktionsteam haben sich bei mir nach unseren Drehreisen häufig über die schlechten Unterkünfte im Bezirk Diqing beschwert. Der paradiesischen Landschaft fehlten einfach vernünftige Herbergen, so ihr Tenor“, erinnert sich Baima Dorje. Er begann also zu überlegen, wie sich nach dem Vorbild kleiner Gasthäuser in Europa auch in seiner Heimat ähnlich ansprechende Unterkünfte errichten ließen. „Ich hatte selbst bereits gute Erfahrungen mit derartigen Unterkünften in Paris gemacht. Auf einer Dienstreise habe ich dort einmal in einem kleinen gemütlichen Gasthaus am Arc de Triomphe gewohnt. Das war ganz wunderbar und sehr familiär“, erzählt er begeistert. Das war der Zeitpunkt, als Baima Dorje die ersten Ideen kamen, wie er sein Geburtshaus in ein kleines Hotel verwandeln konnte.

 

Baima Dorjes Wohnhaus umfasste einst zwei Höfe auf einer Gesamtfläche von mehr als 1000 Quadratmeter. Früher wohnten Baima Dorjes Eltern in einem der Höfe und die Familie seiner jüngeren Schwester im anderen.

 

Baima Dorje konnte auch seine Verwandten für seinen Plan begeistern und gemeinsam riss die Familie im Jahr 2001, im selben Jahr, in dem aus dem Kreis Zhongdian das neue Shangri-La werden sollte, die alten, baufälligen Wohnhäuser auf dem Familiengrundstück ab, um das Gasthaus Songtsam Shangri-La (Lügu) zu errichten. Baima Dorje und seine Familie investierten insgesamt rund 60.000 Yuan, umgerechnet rund 8000 Euro, in die Anlage. Heute bietet die Pension 22 Gästezimmer an.

 

Vor der atemberaubenden Kulisse des Dreiflusstals

 

Ein Ort, um die Seele baumeln zu lassen: Das Gasthaus Songtsam Tacheng ist umgeben von Feldterrassen und liegt inmitten einer traumhaften Berg- und Flusslandschaft, die an die Landschaft südlich des Jangtse erinnert. 

 

In den ersten Jahren nach der Gründung des Hotels lief das Geschäft nur schleppend, lange Zeit fuhr die Familie Verluste ein. Doch Baima Dorje wollte sich so schnell nicht entmutigen lassen und lud Tourismusfachleute aus Deutschland und Österreich ein, um die Geschäftsführung unter die Lupe zu nehmen und Verbesserungen vorzunehmen. Doch auch dies brachte zunächst keine Wende zum Guten.

 

2003 beschloss Baima Dorje schließlich, die Führung des Hotels selbst in die Hand zu nehmen. Er bezog kurzerhand ein Quartier in der Pension und begann, dem Personal seine Ideen über die tibetische Kultur persönlich zu vermitteln. Reisende sollten in der Pension die Kultur, Religion und Geschichte der Tibeter hautnah erleben können, so sein Konzept. Um dies zu gewährleisten, stellte Baima Dorje nur noch Ortsansässige als Hotelangestellte ein. „Ich wollte meinen Gästen einfach authentische lokale Kultur näher bringen. Außerdem sollten sie während ihres Aufenthalts ein Leben genießen können, das im Einklang zu Natur und Umwelt stand.“

 

Idyllischer Ausblick: Das Gasthaus Benzilan liegt inmitten eines kleinen Dorfes. Die Räumlichkeiten bieten einen herrlichen Blick über das Tal. 

 

Das Konzept ging auf und die Besucherzahlen stiegen. Die zunehmende Berühmtheit seines kleinen Hotels rief auch viele Investoren auf den Plan. Doch Baima Dorje lehnte dankend ab. „Ich wusste, dass ich nicht bereit war, blind neues Kapital für eine undurchdachte Expansion aufzunehmen“, sagt er.

 

Durch Diqing schlängeln sich die Betten gleich dreier großer Flüsse. Hier fließen der Jinsha, der Lancang und der Nu in unmittelbarer Nähe zu einander, woraus sich ein wunderschönes Landschaftsbild ergibt. Die örtlichen Reiseressourcen sind einmalig. „Ich habe meine Gasthäuser nicht des Geldes wegen eröffnet. Und wenn ich keinen passenden Plan für den Ausbau gehabt hätte, hätte ich sicher nicht expandiert. Ich möchte die Ressourcen meiner Heimat unberührt an unsere Nachkommen weitergeben“, versichert der Hotelmanager.

 

Fast zehn Jahre verwendete Baima Dorje darauf, verschiedene Modelle der Geschäftsführung zu erproben und seine Hotels auch ohne teure Werbeaktionen und Expansionsvorstöße zu betreiben. 2006 traf Baima Dorje auf einen Geschäftspartner, der seine Philosophie teilte. Gemeinsam entwickelten die beiden einen Plan für eine nachhaltige Ausweitung des Geschäfts. „Unsere Idee war es, eine Hotelkette nach dem Vorbild alter Postläuferstationen aufzubauen“, erklärt er uns. Die Gasthäuser sollten allesamt an einer bestimmten Route liegen und so miteinander verbunden sein. Die neuartigen Pensionen sollten quasi die Form eines Wachturms annehmen. Gemeinsam mit seinem neuen Geschäftspartner begann Baima Dorje, die Idee Schritt für Schritt in die Wirklichkeit umzusetzen. Und so wurde im Jahr 2009 auf dem Berghang gegenüber dem Sumtseling-Kloster das Gasthaus Songtsam Linka eröffnet. 2011 nahmen vier weitere Pensionen unter dem Mantel der Songtsam-Hotelkette im Hinterland von Diqing nach und nach ihren Betrieb auf.

 

Vom Gasthaus Songtsam Shangri-La aus erreicht man nach etwa einer Stunde Autofahrt das Gasthaus Benzilan, das am Ufer des Jinsha und an einem Tee-Pferde-Pfad aus alter Zeit liegt. Die kleine Pension, die inmitten eines idyllischen Dorfes liegt, das gerade einmal ein paar Dutzend Einwohner zählt, bietet einen herrlichen Blick über das Tal. Vom Fenster aus kann man den Bewohnern bei ihrem alltäglichen Treiben zusehen und seinen Gedanken nachhängen. Eine einfache Sandsteinstraße verbindet den kleinen Ort mit der Außenwelt. 

 

Überquert man das Baima-Gebirge, erreicht man von der Ortschaft Benzilan aus den Kreis Deqen, der am Fluss Lancang liegt. Für Touristen, die in den Kreis reisen, ist die Besichtigung des Meili-Schneegebirges ein absolutes Muss. Auf den Standort des Gasthauses Songtsam Meili ist Hotelmanager Baima Dorje besonders stolz. Die Pension bietet einen atemberaubenden Ausblick auf das Panorama der schneebedeckten Berggipfel, die der Himmel ständig in neue Wolken- und Nebelschleier kleidet.

 

Gasthaus Songtsam Cizhong: Die Pension liegt am Fluss Lancang, nur ein paar Schritte von der berühmten katholischen Kirche des Ortes entfernt. Vor dem Hotelfenster entfaltet sich ein wunderschönes Bergpanorama.  

 

Reist man weiter gen Süden entlang des Flusstales des Lancang, erreicht man die Ortschaft Cizhong, in der eine kleine katholische Kirche steht, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von französischen Missionaren errichtet wurde. Das Gasthaus Songtsam Cizhong liegt nur etwa 200 Meter von dieser in der Region berühmten Sehenswürdigkeit entfernt. Öffnet man das Fenster, schweift der Blick über einige im Nebel verborgene Weingärten. Die katholischen Missionare führten einst nämlich auch den Traubenanbau und die Weinkelterei in das kleine Dorf ein. Heute baut fast jeder Haushalt hier eigene Trauben an. Daraus werden hochwertige Weine gewonnen, die mehr als 3000 Meter über dem Meeresspiegel gedeihen und einen ganz besonderen Geschmack tragen.

 

Die nächste Station führt uns in die Stadt Tacheng, die ungefähr vier Autostunden von Cizhong entfernt liegt. Eine besondere touristische Attraktion des Ortes sind die Höhle von Bodhidharma und das angrenzende buddhistische Kloster. In der Nähe findet sich auch das Gasthaus Songtsam Tacheng, das umgegeben ist von Feldterrassen und inmitten einer traumhaften Berg- und Flusslandschaft liegt.

 

Auf der Suche nach innerem Frieden

 

Vielen Hotelgästen fällt als erstes die reiche Sammlung von tibetischen Dekorationsgegenständen und tibetischen Möbelstücken, die sich in den Empfangsräumen, Speisesälen und sogar in einigen Gästezimmern der Songtsam-Hotels finden, ins Auge. Tatsächlich stammen viele der Kleinode aus der Privatsammlung Baima Dorjes. „Viele Gäste wundern sich, dass ich diese wertvollen Unikate einfach ungeschützt im öffentlichen Bereich ausstelle. Sie fürchten, die Ausstellungsstücke könnten beschädigt werden“, sagt der Kunstliebhaber. „Aber meiner Meinung nach würde es diese Kunstgegenstände in ihrem Wesen einengen, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit von Menschen bewundert würden. Der Wert einer Sammlung wird meiner Meinung nach erst durch ihre Ausstellung verwirklicht.“

 

Um das Antlitz der Dörfer und ihrer natürlichen Umgebung zu bewahren, besteht Baima Dorje bei der Errichtung neuer Gasthäuser stets auf einer traditionellen und umweltfreundlichen Bauweise. Für die Verwirklichung seiner Bauvorhaben heuert er lokale Zimmermänner, Steinhauer und Kupferschmiede an. Beim Bau des Gasthauses Songtsam Linka fand Baima Dorje zum Beispiel einen sehr guten Kupferschmied. „Er spielte damals mit dem Gedanken, eine Umschulung zum Schnitzer zu machen, weil sich in diesem Beruf mehr Geld verdienen lässt“, erzählt uns Baima Dorje. „Ich habe ihm daraufhin angeboten, ihn solange anzustellen, solange er arbeiten möchte. Mittlerweile beschäftigen wir fünf Kupferschmiede, die ausschließlich für uns tätig sind. Alle Kupferwaren in unseren Gasthäusern – von den Waschschüsseln über die Töpfe bis hin zu den Türenbolzen – wurden von ihnen gefertigt.“ Darüber hinaus arbeitet Kunstliebhaber Baima Dorje auch mit vielen lokalen Manufakturen zusammen, die lokale Produkte herstellen. Die Liste reicht von örtlichen Töpferwaren bis hin zu hausgemachtem Tofu. Baima Dorje und sein Team bieten Besichtigungen dieser lokalen Manufakturen für die Gäste an, um die Touristen in unmittelbare Berührung mit heimischer traditioneller Handwerkskunst zu bringen. Als Nebeneffekt hilft Baima Dorje auch, die lokale Wirtschaft anzukurbeln.

 

„Viele Menschen, auch Einheimische, haben heute nur noch ein sehr oberflächliches Verständnis von der Essenz der tibetischen Kultur“, sagt Baima Dorje. Das gelte zum Beispiel für die tibetische Malerei. „Die Künstler und Handwerker, die nach der Kulturrevolution (1966-1976) ihre Tätigkeiten aufgenommen haben, leiden bis heute unter einem Mangel an Kunstverständnis und überlieferten künstlerischen Fertigkeiten“, sagt er. „Da werden manchmal hunderttausende Yuan in die Renovierung eines Wohnhauses im tibetischen Stil gesteckt, doch die Dekorationsschnitzereien, die herauskommen, sind protzig und oberflächlich“, sagte er. „Die wahrhafte tibetische Kultur ist durch einen gediegenen und in sich gekehrten Stil gekennzeichnet. Nehmen Sie etwa die Klöster als Beispiel. Dort herrscht stets eine ernste und ruhige Atmosphäre.“ Um den Besuchern die authentische tibetische Kultur näherzubringen, stimmt Baima Dorje beispielsweise die Farben für verschiedene Bilder in seiner Songtsam-Hotelkette persönlich sorgfältig aufeinander ab. „Die Farben definiere ich, indem ich die Farbtöne von Hunderten von alten Bildern imitiere, die ich in Tibet über die Jahre gesammelt habe“, erklärt er.

 

Atemberaubender Ausblick schon beim Aufstehen: Das Songtsam Meili liegt in einem winzigen Dorf und bietet seinen Gästen vom Zimmerfenster aus einen atemberaubenden Blick auf die Kulisse der Meili-Schneeberge. 

 

Baima Dorje, selbst geboren und aufgewachsen in einem kleinen Dorf, weiß auch um die Wichtigkeit einer guten Bildung. Deshalb unterstützt er bereits seit 2005 Kinder in seiner Heimat und gibt ihnen die Chance, in den Genuss einer höheren Schulbildung zu kommen. Insbesondere den Ortschaften, in denen seine Songtsam-Hotels angesiedelt sind, fühlt sich Baima Dorje besonders verpflichtet. Er vergibt dort jedes Jahr Stipendien für einen besonders begabten Mittelschüler, einen Oberstufenschüler sowie einen Hochschulstudenten in Höhe von jeweils 500, 1000 Yuan bzw. 2000 Yuan (68, 136 bzw. 270 Euro). „Unser Leben gleicht einer langen Reise und anderen auf dieser zu helfen, macht sie bedeutungsvoller“, sagt er.

 

Ein wichtiger Eckpfeiler seines Erfolges als Hotelbetreiber ist seine Personalpolitik. 98 Prozent seiner Angestellten sind Einheimische. „Sie stehen den Gästen von Herzen zur Seite, wie Freunde“, sagt er. „Unsere Mitarbeiter arbeiten nicht nach den Kriterien der Sterne-Hotels, sondern auf Grundlage einer inneren Überzeugung, die von Herzen kommt, so dass eine enge Verbindung zwischen den Gästen und unseren Angestellten entsteht. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihre aufrichtigen Gefühle und ihr feste Überzeugung unsere Gäste tief berühren und sie so ein Stück dieser Herzlichkeit mit nach Hause nehmen“ sagt Baima Dorje.

 

Im Zuge der Entwicklung seiner Hotelkette ist für den Unternehmer immer deutlicher geworden, wie sehr die Menschen aus der Stadt Zufluchtsstätten wie die seinigen benötigen. „Es gibt immer mehr Menschen, die zunehmend unter dem Druck des gesellschaftlichen Wettbewerbs leiden. Ihnen wollen wir einen Rückzugsort bieten, an dem sie einfach mal die Seele baumeln lassen können“, sagt der erfolgreiche Selfmade-Hotelier.

 

Ob über das Ermöglichen von persönlichen Erlebnissen oder über seine filmischen Regiewerke, Baima Dorjes hat in der Kulturvermittlung seine Passion gefunden. „Ich hoffe, dass ich eines Tages auch wieder meine Kamera in die Hand nehmen werde und weitere Dokumentarfilme über Tibet drehen kann“, sagt er zum Abschluss. So möchte er noch mehr Menschen, auch denen, die die weite Reise nach China nicht auf sich nehmen können, den Zauber der tibetischen Kultur ein Stückchen näher bringen.   

 

*Wang Shuo ist Journalist des Magazins „China Pictorial“.

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