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40 Jahre Reform und Öffnung: Worin liegt Chinas Schlüssel zum Erfolg?

27-12-2017

 

Von Hu Biliang*

Ende 1976 war China im Großen und Ganzen ein landwirtschaftlich geprägter Staat, in dem 82,6 Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebten. Das Gros der Bevölkerung lebte in absoluter Armut. Nach zehn Jahren der „Kulturrevolution“ (1966–1976) stand Chinas Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs und auch das politische System war in Unordnung geraten. Die Lage führte schließlich zu einem Innehalten und die Chinesen begannen, die Zukunft und das Schicksal ihres Landes neu zu überdenken. Chinas Staatsführung arbeitete derweil unter Hochdruck an neuen Strategien, einer neuen politischen Ausrichtung und neuen Plänen für die zukünftige Entwicklung.

 

Deng Xiaoping (r.) und Chen Yun auf der dritten Plenartagung des XI. Zentralkomitees der KP Chinas, die im November 1978 in Beijing stattfand.

 

Nach zwei Jahren der Beratungs- und Planungsarbeit und auf Grundlage der Erfahrungen und Praktiken der Basisebene wurde schließlich Ende 1978 ein Paket neuer Entwicklungspläne bekannt gegeben und mit deren Umsetzung begonnen. Seither hat China einen völlig neuen Entwicklungsweg eingeschlagen.

In den darauf folgenden vier Jahrzehnten konnte China große wirtschaftliche Erfolge erzielen. Heute belegt die Fertigungsindustrie des Landes in Sachen Wertschöpfung weltweit Platz eins. Die tatsächlich genutzten ausländischen Direktinvestitionen sind von Null auf beachtliche 133,7 Milliarden US-Dollar angeschwollen, womit China im globalen Vergleich auf Platz drei landet. Die Direktinvestitionen im Ausland kletterten von Null auf 183,1 Milliarden US-Dollar. Hier muss sich die Volksrepublik lediglich noch den USA (299 Milliarden US-Dollar) geschlagen geben.

Laut dem von Deloitte veröffentlichten Global Manufacturing Competitiveness Index 2016 war China 2016 der größte Hersteller von 220 der 500 wichtigsten Industrieprodukte, darunter Eisen und Stahl, Kohle, Zement, elektrolytisches Aluminium und raffiniertes Kupfer. Darüber hinaus konnte Chinas High-Tech-Industrie in Bezug auf ihre Wertschöpfung, ihr Exportvolumen und die Wertschöpfung der Exporte sogar die USA überholen und steht auch hier heute weltweit an erster Stelle. All dies belegt eindrucksvoll, dass China in die erste Liga der weltweiten High-Tech-Fertigung aufgerückt ist.

Mit einer landwirtschaftlichen Wertschöpfung, die 2016 lediglich 8,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachte, hat sich China außerdem von einem Agrarland zum weltweit größten Land der Fertigungsindustrie gemausert. China gelang der Wandel von einer landwirtschaftlichen zu einer urbanen Gesellschaft. Die Verstädterungsrate erreichte im Jahr 2016 bereits 57,4 Prozent.

Wie ist es China gelungen, diese großen Erfolge zu erzielen? Und welche Erfahrungen kann die Volksrepublik diesbezüglich anderen Entwicklungsländern mit auf den Weg geben? Dies sind die Kernfragen, denen ich mich im folgenden Beitrag widmen möchte.

Im Jahr 1979, als China gerade seine neuen Strategien und politischen Maßnahmen für die Entwicklung einführte, schrieb ich mich gerade im Fach Finanz- und Wirtschaftswissenschaften an einer chinesischen Universität ein. Nach meinem Studienabschluss begann ich im Bereich Wirtschaft an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften zu forschen. Danach trat ich in die Weltbank ein, um die chinesische Wirtschaftspolitik und die chinesische Makroökonomie sowie den Kapitalmarkt kennen zu lernen. Schließlich arbeitete ich bei einer französischen Investmentbank. Im Jahr 2000 gründete ich gemeinsam mit Geschäftspartnern ein eigenes Software-Outsourcing-Unternehmen, das chinesische Ingenieure einstellte, um IT-Services für amerikanische Kunden anzubieten. Meine berufliche Erfahrung ermöglichte es mir, die großen Veränderungen, die China in den letzten 40 Jahren erlebt hat, mit eigenen Augen zu verfolgen. Vor dem Hintergrund meiner theoretischen und praktischen Untersuchungen, meiner langjährigen Geschäftsaktivitäten sowie meiner internationalen Erfahrung bin ich heute der Ansicht, dass Chinas Erfolge im Großen und Ganzen auf fünf Faktoren zurückzuführen sind.

 

Wirtschaftliche Aufbruchsstimmung: Die Sonderwirtschaftszone Shenzhen gilt als Sinnbild des Erfolges der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik. Unser Bild zeigt den Grenzübergang Luohu in Shenzhen im Jahr 1990.

 

Entwicklungsweg chinesischer Prägung

Der erste Grund ist, dass China einen einzigartigen Entwicklungsweg gewählt hat, der genau auf Chinas Verhältnisse abgestimmt ist. Offiziell wird er als Weg des Sozialismus chinesischer Prägung bezeichnet. Dieser Weg zeichnet sich durch zahlreiche inhaltliche Aspekte aus, wovon vor allem folgende zwei Aspekte wichtige Merkmale darstellen: Zum einen das Festhalten an der Richtung des Sozialismus und zum anderen das Setzen auf einen Weg chinesischer Prägung.

Was die sozialistische Richtung angeht, so strebt China einen Weg an, der zu gemeinsamem Wohlstand führt. Auch wenn die chinesische Regierung in der Anfangsphase der Reform und Öffnung zunächst vor allem die Menschen in den Küstengebieten dazu ermutigt hat, reich zu werden, bleibt doch das endgültige Ziel, letztlich allen Menschen ein Leben in Wohlstand zu bescheren. Aus diesem Grund liegt ein Schwerpunkt der Arbeit der chinesischen Regierung auf der Armutsüberwindung. Hier haben die Verantwortlichen eine ganze Reihe politischer Maßnahmen eingeführt. Dank dieser Anstrengungen konnten in den letzten vierzig Jahren rund 700 Millionen Chinesen aus absoluter Armut befreit werden. Nun bemüht sich die Regierung, auch die verbliebenen 30 Millionen Armen des Landes bis 2020 aus ihrer Lage zu befreien.

Neben den Anstrengungen zur Armutsüberwindung hat China auch große Fortschritte bei der Verbesserung des Lebensunterhalts seiner Bevölkerung gemacht. Erstens wurden in den letzten Jahren jährlich rund 13 Millionen Arbeitsplätze in den Städten geschaffen, wodurch die Arbeitslosenquote bei rund vier Prozent und damit auf einem niedrigen Niveau gehalten werden konnte. Zweitens hat sich der Zugang zu Bildung erheblich ausgeweitet. Die Analphabetenrate ist von über 30 Prozent noch vor 40 Jahren auf heute weniger als drei Prozent gesunken. Der Anteil der Arbeitskräfte mit Hochschulbildung stieg von weniger als 0,5 Prozent auf heute rund 25 Prozent. Drittens hat sich das Sozialabsicherungssystem stark verbessert. Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung genießen heute eine grundlegende Altersversicherung, mehr als 95 Prozent besitzen eine grundlegende Krankenversicherung. Viertens hat sich das Gefälle zwischen Stadt und Land im Jahrzehnt von 2000 bis 2010 weiter verkleinert. Auch der Gini-Koeffizient ist seit 2008 Jahr für Jahr gesunken, obwohl er noch immer bei über 0,45 liegt.

Das Festhalten an der sozialistischen Richtung spiegelt sich auch in Bereichen wie dem Anteil des öffentlichen Eigentums am Grundbesitz, der Entwicklung staatseigener Unternehmen und der vergleichsweise starken Kontrolle der Regierung über die wirtschaftlichen Aktivitäten wider.

Der zweite wichtige Aspekt besteht in der Erkenntnis, dass Chinas Entwicklungsweg chinesische Eigenschaften aufweisen muss. Vor allem Chinas politisches System unterscheidet sich deutlich von dem der westlichen Länder. Unter Berücksichtigung seiner Geschichte und seiner kulturellen Traditionen hat China das Modell, die Macht im Staat auf die drei Bereiche Legislative, Exekutive und Judikative zu verteilen, nicht übernommen. Stattdessen hat China ein Modell eingeführt, in dem die Führung durch die KP Chinas, das Volk als Herr im Staate sowie die gesetzesgemäße Verwaltung des Staates die drei grundlegenden Pfeiler bilden.

Gleichzeitig praktiziert China das System der Volkskongresse, das System der Mehrparteien-Zusammenarbeit und der politischen Konsultation unter der Führung der KP Chinas, das System der Autonomie der Nationalitäten und das System der Selbstverwaltung durch die Bevölkerung auf der Basisebene. Diese Systeme werden zudem ständig vervollkommnet. Zweitens spielt die Regierung eine wichtige Rolle bei der Förderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung sowie in allen anderen Bereichen des Landes. Drittens ist der große Einfluss historischer, kultureller und traditioneller Faktoren zu nennen. Beispielsweise haben bestimmte Gedanken des Konfuzianismus noch immer große Auswirkungen auf die Koordination und Balance der Beziehungen zwischen der Verwaltung durch Gesetze und der Regulierung durch die Moral, zwischen Ordnung und Regeln sowie zwischen dem sozialen Netz und der allgemeinen Entwicklung. Staatliche Institutionen und moralische Normen greifen in der chinesischen Gesellschaft also ineinander.

Der Sozialismus chinesischer Prägung ist die unangefochtene Wahl, die China von seinen eigenen Verhältnissen ausgehend getroffen hat. Nach jahrzehntelanger Praxis und stetiger Vervollkommnung hat dieser Sozialismus seine einzigartigen Vorzüge bei der Koordinierung der Rolle von Regierung und Markt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Beispielsweise erweisen sich die sozialistischen Systeme und Institutionen als äußerst effektiv bei der Bündelung von Arbeitskräften sowie materieller und finanzieller Ressourcen für große Bauprojekte. Doch natürlich muss China noch mehr tun, um die Rolle der Regierung und des Marktes in Zukunft noch besser zu koordinieren.

 

Fulminante Eröffnung: Um 20.00 Uhr Ortszeit des 8. Augusts 2008 wurden im Beijinger Nationalstadion, dem sogenannten Vogelnest, die Olympischen Sommerspiele eröffnet.
 

Marktorientierte Reformen

Es ist allgemein bekannt, dass Chinas große Entwicklungserfolge, auf die das Land heute zurückblicken kann, vor allem den von Deng Xiaoping Ende der 1970er Jahre initiierten Reformen zu verdanken sind. Ein anderer wichtiger Grund liegt darin, dass sich Chinas Reformen unbeirrt am Markt orientieren.

Nach der Gründung der Volksrepublik 1949 hat China in seinen Anfangsjahren das Planwirtschaftsmodell der ehemaligen Sowjetunion zunächst kritiklos übernommen. Doch die Erhöhung der Produktivität und die Entwicklung der nationalen Wirtschaft nach diesem Vorbild brachten anfangs allerlei Probleme mit sich. Im Laufe der Zeit kam man zu der Einsicht, dass die Einführung marktorientierter Systeme und Institutionen den besten Weg darstellte, um diese Probleme effektiv zu lösen. Daher startete China eine Reform zur Entwicklung der Warenwirtschaft, indem das Land vermehrt Wert auf Warenproduktion und –austausch legte. Im Zuge dieser Reformen wurde China die Wichtigkeit der Etablierung einer funktionierenden Marktwirtschaft zunehmend bewusst.

Bei der Förderung seiner marktwirtschaftlichen Reformen hat China die ursprünglichen Systeme und Institutionen der Planwirtschaft jedoch nicht völlig über Bord geworfen. Stattdessen ließ das Land alte und neue Systeme sowie Institutionen koexistieren und setzte auf deren gegenseitige Ergänzung. Auf diese Weise konnten Regierungsplanung und Marktfunktionen ein relatives Gleichgewicht entfalten, so dass es nicht nur gelang, die Reformen zu fördern, sondern auch die gesellschaftliche Stabilität zu gewährleisten.

In den gut 40 Jahren seit ihrer Einführung haben Chinas marktorientierte Reformen große Fortschritte erzielt. Nun plant China, seine Reformen in diesem Bereich noch weiter zu vertiefen, um dem Markt eine entscheidende Rolle bei der Ressourcenallokation zuzugestehen. Chinas wirtschaftliche Freiheit hat sich dabei stetig erhöht, was sich auch am „Index der wirtschaftlichen Freiheit“ der Heritage Foundation ablesen lässt. Laut ihm stieg Chinas wirtschaftliche Freiheit von 52 von 100 möglichen Punkten im Jahr 1995 auf 57,4 Punkte 2017. Heute bezweifelt niemand mehr die Richtigkeit der Entscheidung, marktorientierte Reformen durchzuführen. Der Erfolg hat auch Skeptiker von diesem Weg überzeugt. Auch in Zukunft wird das Festhalten an diesem Weg der chinesischen Entwicklung neue Früchte bescheren.

 

Der Onlinehandel boomt: Mitarbeiter eines Verteilzentrums in Taiyuan, Provinz Shanxi, sortierten einen Berg von Paketen. Sie enthalten Waren, die von chinesischen Verbrauchern während des Online-Einkaufsfestivals am 11. November 2017 erworben wurden.

 

Förderung der global integrierten Öffnung

Chinas große Erfolge sind auch seiner Öffnung nach außen zu verdanken. Diese hat bisher die folgenden drei Phasen durchlaufen: Die erste Phase fand in den 1980er und 1990er Jahren statt. Ziel war es damals, ausländische Investitionen für den Aufbau der inländischen Infrastruktur und die Durchführung wichtiger Industrieprojekte anzuziehen. Aufgrund ihrer vorteilhaften geographischen Lage sowie ihrer historischen und kulturellen Tradition entwickelten sich die Küstengebiete, insbesondere Guangdong, Fujian und Shanghai, in dieser Zeit am schnellsten.

Nehmen wir etwa die Provinz Guangdong als Beispiel: Aufgrund der geografischen Nähe haben viele Bewohner der Provinz Verwandte in Hongkong. Nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik im Jahr 1979 strömten zahlreiche Hongkonger nach Guangdong, um dort Fabriken zu errichten. Durch die Gründung zahlreicher Industriegebiete, die sich heute auf die ganze Provinz erstrecken, verwandelten sich viele Dörfer in Zentren der globalen Produktion. Die Stadt Dongguan beispielsweise ist heute der weltweit größte Elektronikproduzent. Ende der 1990er Jahre erreichten die ausländischen Direktinvestitionen in China ihren vorläufigen Höhepunkt. China hatte sich bis dahin als „Werkbank der Welt“ etabliert.

Die zweite Phase verlief von Chinas WTO-Beitritt 2001 bis zum Jahr 2012. In dieser Phase meisterte China zwei große Aufgaben: Erstens wurden Chinas Handels- und Investitionsregeln in Übereinstimmung mit den internationalen Standards, insbesondere den Regeln der westlichen Industriestaaten gebracht. Zweitens gelang es, die chinesische Wertschöpfungskette eng mit der internationalen Wertschöpfungskette zu verbinden. Die Erfüllung der ersten Mission ermöglichte eine bessere Akzeptanz der chinesischen Nation in der Welt und die zweite machte China zu einem wichtigen Bestandteil der globalen Industrie- und Wertschöpfungsketten.

Die zunehmende globale Integration in diesem Jahrzehnt hatte jedoch keinen negativen Einfluss auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Fertigungsindustrie, im Gegenteil: sie erhöhte Chinas Konkurrenzfähigkeit zusätzlich. Die Wertschöpfung der chinesischen Fertigungsindustrie übertraf als Folge sogar die der USA. Heute belegt sie weltweit Platz eins. In Sachen BIP ist es China gelungen, Asiens Musterschüler Japan zu überholen.

Die dritte Öffnungsphase begann im Jahr 2013, als China die Initiative zum Aufbau des Wirtschaftsgürtels Seidenstraße und der maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts aufstellte. Mit dieser Initiative hofft China, seine Vorteile in Bezug auf Kapital, bestimmte Technologien und Fachkräfte voll zur Geltung zu bringen und mit den anderen Ländern gemeinsam die globale Konnektivität von infrastrukturellen Einrichtungen, Handel, Investitionen, Finanzen und gesellschaftlich-kulturellem Austausch zu fördern. Es wird erwartet, dass die Umsetzung der Seidenstraßen-Initiative die gegenseitige Unterstützung und die Entwicklung der teilnehmenden Länder fördert, was zur Wahrung des Weltfriedens und der Förderung einer offenen, innovativen und integrativen Entwicklung der Welt beiträgt. Durch den verstärkten Dialog zwischen den Zivilisationen soll eine zukunftsweisende Schicksalsgemeinschaft der Menschheit aufgebaut werden, die allen Menschen der Erde ein glückliches Leben ermöglicht. In den erst vier Jahren seit ihrem Start hat die Seidenstraßen-Initiative bereits gute Resultate erzielt.

Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung

Zwei Jahre nach dem Ende der „Kulturrevolution“ stellte China am Ende des Jahres 1978 eine Reihe neuer Gedanken zur nationalen Entwicklung auf. Der wichtigste darunter war, dass der Arbeitsschwerpunkt der Partei und des Staates vom Klassenkampf auf die wirtschaftliche Entwicklung verlagert werden sollte. Seitdem ist die wirtschaftliche Entwicklung zur zentralen Aufgabe der Organisationen der KP Chinas und der Regierungen aller Ebenen geworden. In den darauf folgenden Jahren wurde das Wirtschaftswachstum als der wichtigste Index zur Messung der Entwicklung einer Region und der Arbeitsleistung eines öffentlich Bediensteten angesehen. Das Schlagwort „Entwicklung ist ein essentielles Kriterium“ war auf Plakaten im ganzen Land zu lesen. Es wurde nationaler Konsens, dass Entwicklung gleichbedeutend mit Wirtschaftswachstum und die beste Lösung für die Chinas Probleme war.

Angesichts der Tatsache, dass es die Fertigungsindustrie vermochte, das Wirtschaftswachstum stark anzutreiben, legten Chinas Zentral- und Lokalregierungen großen Wert auf die Entwicklung der Fertigungsindustrie. Aber in den 1970er, 1980er sowie den frühen 1990er Jahren fehlte es am nötigen Geld für den Aufbau dieser kapitalintensiven Branche, die den Kauf von Maschinen, die Erschließung von Land, den Bau von Fabriken und die Einstellung von Arbeitskräften erforderte. Da kam es sehr gelegen, dass ausländische Investoren gerade nach Geschäftsmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt Ausschau hielten. Weil die Einfuhr ausländischer Investitionen viele Vorteile wie höhere Steuereinnahmen, neue Arbeitsplätze sowie höhere Einkommen versprach, unternahmen viele Lokalregierungen große Anstrengungen, um ausländisches Kapital anzulocken. Einige von ihnen gewährten ausländischen Investoren Vorzugsbedingungen wie Steuersenkungen oder gar eine Steuerbefreiung, ermäßigte Preise für die Pachtung von Boden oder die kostenlose Nutzung bestimmter Flächen. Andere gingen sogar soweit, die Umweltstandards zu senken oder Umweltaspekte völlig außer Acht zu lassen.

 

Die China Rendezvous 2017, eine Expo für Yachten, Luftfahrt und Luxus-Güter, wurde am 8. Dezember 2017 in Sanya, Provinz Hainan, eröffnet.

 

Neben dem Anziehen ausländischer Investoren bemühten sich die Lokalregierungen auch darum, für lokale Unternehmen Kredite bei inländischen Banken aufzunehmen. Sie richteten teils sogar eigene Finanzierungsplattformen ein, um Geldmittel für die Entwicklung der lokalen Fertigungsindustrie und den Aufbau der Infrastruktur zu beschaffen, womit das Wirtschaftswachstum weiter angekurbelt werden konnte.

Bemühungen wie diese haben Chinas Wirtschaft ein starkes Wachstum beschert. Nur wenige Regionen verbuchten eine BIP-Wachstumsrate unter zehn Prozent. Eine Reihe neuer Infrastrukturprojekte konnte fertiggestellt werden und die Fertigungsindustrie bekam Aufwind in Stadt und Land. Doch schon bald traten erste Nebenwirkungen auf. Die Tatsache, dass ausländischen Investoren preisgünstige, ja teils sogar kostenlose Bauflächen zur Verfügung gestellt wurden, führte zu einem Anstieg der Industrieflächen und einem starken Rückgang der Ackerflächen. Auch gab es viele Fälle der Korruption im Zuge der Geschäfte zwischen lokalen Kadern, ausländischen Investoren und Banken. Glücklicherweise erkannte die chinesische Führung diese Probleme rechtzeitig und begann, gezielte Regulierungsmaßnahmen zu ergreifen, um die beim Streben nach wirtschaftlichem Wachstum aufgetretenen Missstände zu korrigieren.

Politische und gesellschaftliche Stabilität

Ein weiterer wichtiger Grund für Chinas rasante Entwicklung in den vergangenen 40 Jahren liegt in der politischen und gesellschaftlichen Stabilität des Landes. Sowohl Chinesen als auch Ausländer teilen den Eindruck, dass China ein sicheres und stabiles Land ist. Wie hat China, das bevölkerungsreichste Land der Erde, dies erreicht? Meiner Ansicht nach gibt es hierfür vier Gründe.

Erstens ist die zentralisierte und einheitliche Führung durch die KP Chinas von entscheidender Bedeutung für Chinas politische Stabilität. Die KP Chinas bildet die alleinige Regierungspartei der Volksrepublik. Andere politische Parteien nehmen unter ihrer Führung an den staatlichen Angelegenheiten teil. Diese Struktur sichert die grundlegende Stabilität der politischen Situation. Darüber hinaus kann die KP Chinas durch ihre Organisationen, die sich auf alle Landesteile verteilen und die in Übereinstimmung mit den einheitlichen Anforderungen streng dieselbe Politik verfolgen, eine effektive Verwaltung gewährleisten. In ihrer bald 100-jährigen Geschichte konnte die KP Chinas reiche Erfahrungen sammeln, um die chinesische Gesellschaft entsprechend den nationalen Verhältnissen effektiv zu regieren. Obwohl die KP Chinas in der Vergangenheit auch einige Fehler, etwa in der „Kulturrevolution“, begangen hat, bewies sie stets den Mut, sich selbst zu korrigieren und mit der Zeit Schritt zu halten. Aus diesem Grund findet sie großen Rückhalt in der Bevölkerung, heute wie damals.

Zweitens legen die Parteiorganisationen und Regierungen aller Ebenen größten Wert auf die Wahrung der gesellschaftlichen Stabilität. „Stabilität hat höchste Priorität“ – dieser Leitspruch ist in China weitläufig bekannt. Ohne gesellschaftliche Stabilität, so die feste Überzeugung der meisten Chinesen, lässt sich nichts erreichen. Um die gesellschaftliche Stabilität zu gewährleisten, schenkt China der organisatorischen Arbeit größte Aufmerksamkeit. Die gesellschaftlichen Verwaltungsorganisationen haben sich bis in die Dörfer auf dem Land und die Straßen der Städte ausgedehnt. Darüber hinaus hat China starke, teils bewaffnete Polizeikräfte aufgebaut, um Aufruhr schon im Keime zu unterbinden und gegen Rädelsführer vorzugehen. Auch dies dient dazu, die gesellschaftliche Stabilität und Ordnung nachhaltig zu wahren und zu schützen.

Drittens verfügt China über ausreichende Finanzressourcen, um die Arbeit zur Gewährleistung der gesellschaftlichen Stabilität nachhaltig durchzuführen. In dieser Hinsicht ist finanzielle Unterstützung von großer Bedeutung.

Viertens tragen auch einige Elemente der traditionellen chinesischen Kultur zur Wahrung der gesellschaftlichen Stabilität bei. Beispielsweise treten Chinesen seit jeher gegen Konfrontation und Extreme auf. Stattdessen schätzen sie Harmonie und Freundlichkeit, befürworten den goldenen Mittelweg und sind im Allgemeinen der Ansicht, dass Genügsamkeit den Schlüssel zum Glück bildet.

 

Der Shenzhener Hafen Yantian, Provinz Guangdong, verfügt über 18 Tiefwasserliegeplätze und eine jährliche Umschlagskapazität von mehr als zehn Millionen Containern. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Umsetzung von Chinas Seidenstraßen-Initiative.

 

Umsetzung der Entwicklungspläne

In jedem der oben genannten Bereiche hat China auf Grundlage umfangreicher Forschung spezifische Arbeitspläne ausgearbeitet. Neben Plänen, die auf die Arbeit der Partei und der Regierung abzielen, gibt es auch spezielle Pläne für die Arbeit in jedem Gesellschaftsbereich. Sowohl langfristige Pläne für die nächsten 15 bis 30 Jahre als auch mittelfristige Pläne für fünf Jahre sowie jährliche und vierteljährliche Pläne wurden ausgearbeitet. Solche Pläne sind in China nahtlos miteinander verbunden. Viel wichtiger ist aber, dass alle Pläne durch konkrete Anstrengungen aktiv in die Realität umgesetzt werden.

Ein gutes Beispiel hierfür bilden Chinas Fünfjahrespläne. Seit der Gründung der Volksrepublik 1949 hat China insgesamt 13 Fünfjahrespläne erstellt. Jeder von ihnen hat die wichtigsten Probleme und Herausforderungen, mit denen sich China in der jeweiligen Entwicklungsphase konfrontiert sah, aufgezeigt. Darüber hinaus wurden konkrete Ziele für die nächsten fünf Jahre und die wichtigsten politischen Maßnahmen für ihre Erfüllung formuliert.

Ein großer Vorzug dieser Pläne besteht darin, dass sie die ganze Nation über die Ziele der zukünftigen Entwicklung informieren. Darüber hinaus vermitteln sie der Bevölkerung eine klare Vorstellung davon, wie diese Ziele im Einzelnen erreicht werden sollen und welche Hindernisse auf dem Weg zu meistern sind. Auf diese Weise können alle Chinesen ihre Kräfte bündeln, um bestehende Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden und die gesteckten Ziele zu erreichen. In den vergangenen mehr als 60 Jahren seit der Gründung der Volksrepublik konnte China dank der Durchführung dieser Fünfjahrespläne zahlreiche Probleme lösen und schrittweise beachtliche Erfolge erzielen. Dank dieser Erfolge verfügt China heute über eine derart solide Entwicklungsgrundlage.

Am Ende meines Beitrages möchte ich noch zwei Punkte nachdrücklich betonen. Erstens: Wenn wir uns Chinas Entwicklung in den vergangenen 40 Jahren erneut vor Augen führen, sollten wir niemals die harte Arbeit der chinesischen Bevölkerung übersehen. Jeder Kommentar über Chinas erfolgreiche Erfahrungen wird ins Leere laufen, wenn er die Anstrengungen der allgemeinen Bevölkerung verkennt. Zweitens legt die KP Chinas seit jeher großen Wert darauf, von erfolgreichen Erfahrungen, vor allem gutem Gedankengut der gesamten Menschheit zu lernen. Durch deren Zusammenfassung, Auswertung, Aufnahme und Erneuerung wappnet sie sich und lässt ihre Praxis von diesem Gedankengut profitieren. Xi Jinpings Ideen des Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter stellen die neueste theoretische Innovation der KP Chinas dar. Und ich bin davon überzeugt, dass Chinas Staatspräsident es vermag, das chinesische Volk gut zu leiten, um in Zukunft noch größere Erfolge zu erzielen und schließlich das Ziel des großartigen Wiederauflebens der chinesischen Nation zu verwirklichen.

*Hu Biliang ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Direktor des Emerging Marktes Institute an der Beijing Normal University.

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