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Mein zweites Leben

28-10-2014

 

Von Wolfgang Kubin

 

Ich liebe Züge, weniger Flugzeuge, es sei denn ich darf mit der Lufthansa fliegen. Da schaue ich mir dann gerne, sehr gerne schmucke Männer und Frauen an. Ich liebe Züge. Seit meiner Kindheit haben sie mein Fernweh geweckt. Das erste Mal auf der Heide von Celle, wenn ich vor dem Einschlafen die Pfiffe der Loks in der Ferne hörte. Das zweite Mal an der holländischen Grenze. In Salzbergen pflegten wir Kinder auf den ausrangierten, noch mit Kohle befeuerten Lokomotiven zu spielen, bis wir verjagt wurden. Wir stellten uns vor, wir würden mit den Zügen bis Peking fahren. Doch erst im Sommer 1978 wurde dieser Traum wahr, als ich mit meinen Berliner Studenten von Ost-Berlin über Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn die fernste Ferne erkundete.

In China fliege ich nicht gern. Es ist wegen des ständigen Staus und wegen der überfüllten U-Bahnen ein tägliches Martyrium, überhaupt bis zum Flughafen zu kommen. Gelingt es einem, dank frühen Aufbruchs vorfristig einzutrudeln, darf man zufrieden sein, eine Auskunft zu bekommen. Es gibt kaum ein chinesisches Flugzeug, das im Inland nicht verspätet ist. Die Verspätung ist an und für sich nicht unbedingt das eigentliche Problem. Verzweifeln läßt einen die fehlende Kunde an einem jeden Informationsschalter. Ein Kollege der Ocean University in Qingdao wollte einmal besonders klug sein. Er hatte einen Flug nach Shanghai gebucht. Morgens um 7 Uhr sollte es losgehen, abends um 19 Uhr befand er sich noch immer vor Ort.

Ich habe nicht nur daraus meine Lehre gezogen: Wenn eben möglich, verzichte ich auf einen Flug innerhalb von China. Ich ziehe den Hochgeschwindigkeitszug, Gaotie genannt, vor. Das hat viele Vorteile: Pünktlichkeit, Abfahrt und Ankunft mitten in der Stadt, Auskünfte nach Wunsch, und vor allem wie bei der Lufthansa schmucke Dinger. Man wird begrüßt und begleitet von hoch gewachsenen jungen Frauen, die sich auch auf dem Laufsteg sehen lassen könnten. Sie sind höflich und anmutig. Sie alle haben das Haar hoch gesteckt, sind in blaue Uniformen aus Rock und Bluse gekleidet. Sprechgeräte hängen an ihren schlanken Taillen, im Ohr tragen sie einen Kopfhörer. Himmlische Wesen also, die mit dem Jenseits in Verbindung stehen.

Alle drei Tage folge ich dem Ruf des Wolfes, gehe frühmorgens zur U-Bahn, passiere mit meinem Paß die Kontrollen am Südbahnhof und schon sitze ich gemütlich in der ersten Klasse, die nicht viel teurer ist als die zweite? Ich folge dem Ruf des Wolfes. Wirklich? Was ich an den Zügen meiner Jugend mochte, war der Lockruf des Lokomotivführers, wenn er ein Signal gab. Immer meinte ich einen Wolf in der Ferne zu hören, mein Lieblingstier in einem jeden Zoo, denn es wirkt einsam und treu. Doch die Zeiten der Eisenbahnpfiffe und der heulenden Wölfe scheinen lange vorbei, auch in China. Also folge ich der weiblichen Grazie? Ja, wahrscheinlich, denn ich schaue gern etwas Schönes.

Alle drei Tage sitze ich zum Beispiel im Zug nach Qingdao. Mein zweites Leben sah ebenfalls die Leitung der Deutsch-Abteilung an der „Meeresuniversität“ vor. Vor den Toren der Millionenstadt unterrichte ich im Gebirge des Lao Shan, wo man im deutschen Stil einen Campus aus der Erde gestampft hat. Der erste Unterricht fand vor etwa einhundert Jahren noch in den alten Kasernen der deutschen Soldaten statt. Die Räumlichkeiten wurden aber zu eng. Man baute am Fuße des Fu Shan, baute jedoch nur die Eingangstore im deutschen Stil nach. Auch diese Anlage am Stadtrand erwies sich bald als ungeeignet. Das weite Land mit dem Lao Shan bot die seltene Gelegenheit, ein universitäres Gelände der deutschen Altstadt von Qingdao nachzuempfinden. Das Ergebnis kann sich heute sehen lassen. Unter dem hohen Himmel und im Anblick der blauen Berge fühle ich mich zwar nicht in meine Heimat zurückversetzt, doch die großzügigen Bauten und Grünanlagen sagen mir, Peking, es geht auch anders. Weniger Großmannssucht bitte, und schon ist der Mensch ein Mensch. Ein Gebäude möchte mit einem Auge erfaßt sein.

Mit einem einzigen Auge? Mit einem Augenpaar natürlich. Doch die Renmin-Universität und in Folge meine Gastuniversität, die Beijing Foreign Studies University, haben beide Klötze entworfen, die selbst bei gehörigem Abstand nicht mehr in einem Blick wahrgenommen werden können. Die Bauwerke wiegen schwer auf der Seele. Auf der Seele? Welcher Seele? Immer noch altmodisch? Ja, Gott sei Dank.

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