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Chinas Hinterland: Zieht es wirklich alle in die großen Städte?

08-01-2015

 

Von Verena Menzel

 

China, das Land der Gegensätze – so wird die Volksrepublik in den Augen der westlichen Öffentlichkeit meist wahrgenommen. Da sind auf der einen Seite die boomenden internationalen Metropolen an der Küste und im Osten des Landes mit ihren glänzenden Hochhausfassaden und dem atemberaubenden Wachstum, die nicht nur Chinesen aus allen Landesteilen sondern längst auch Menschen aus allen Teilen der Welt anziehen. Und auf der anderen Seite steht das Reich der Abgehängten im Landesinneren und in den westlichen Gebieten jenseits der großen Städte, weite Landstriche, die eine riesige Einkommens- und Entwicklungskluft von den florierenden Regionen im Osten trennt. In den Augen vieler westlicher Medien Horte der Zurückgelassenen, der Alten und Schwachen. Wer kann, der schnürt sein Bündel und sucht sein Glück als Wanderarbeiter in den Großstädten, um - trotz denkbar schlechter Startbedingungen - doch wenigstens einen Krümel vom großen Aufstiegskuchen abzubekommen. Umweltverschmutzung, Korruption, Benachteiligung, das sind die Schlagworte, die westliche Medien oft zur Charakterisierung des ländlichen Chinas wählen.

Dass zwischen Stadt und Land ein großer Graben klafft, steht außer Frage. Und fest steht auch: Will Chinas Regierung ihr Ziel, in den nächsten Jahren eine Gesellschaft mit bescheidendem Wohlstand aufzubauen, erreichen, muss es der neuen Führungsspitze in Beijing gelingen, auch das Einkommen der Bauern nachhaltig zu erhöhen und ihren Lebensstandard zu steigern.

Aber wie sieht es auf dem Land heute wirklich aus? Trostlosigkeit oder Aufbruchstimmung? Verbitterung oder Hoffnungsschimmer? Was tut Chinas Regierung, um die Entwicklung des Landes ausgewogener zu gestalten? Ist es allein damit getan, den in den mittlerweile über 30 Jahren der Reform und Öffnung erwirtschafteten Wohlstand der entwickelten Küstengebiete ins Landesinnere zu tragen? Und zieht es wirklich alle Jungen fort in die großen Städte?

Wir machen uns über die neue Schnellzugverbindung in viereinhalb Stunden von Beijing auf nach Hefei, Hauptstadt und wirtschaftliches Gravitationszentrum der zentralchinesischen Provinz Anhui. Auf Ausländer wird man in dieser in den vergangenen Jahren schnell gewachsenen und von Industrie geprägten Großstadt unter den 7,5 Millionen Einwohnern kaum treffen. In Anhui leben heute mit rund 66 Millionen Einwohnern fast genauso viele Menschen wie in Frankreich, wenn auch nur auf etwa einem Fünftel der Fläche (rund 140.000 Quadratkilometer). Vielen Menschen aus dem Westen ist Anhui höchstens wegen des berühmten „Gelben Gebirges“ (Huangshan) bekannt, das einen internationalen Touristenmagneten darstellt.

Kein Wunder: Bis Anfang der 1990er Jahre zählte Anhui wegen seiner überwiegend landwirtschaftlich geprägten Wirtschaft zu den ärmsten Provinzen Chinas, vor allem im Vergleich zu seinen erfolgreichen östlichen Nachbarn Zhejiang und Jiangsu. Inzwischen aber hat sich die Provinz beispiellos entwickelt und ist zu einem Zentrum der Schwerindustrie, vor allem der Automobilindustrie um den Hersteller Chery in Wuhu geworden.Viele Landstriche Anhuis sind trotzdem noch ländlich geprägt.

Wenn Hefei für viele Ausländer ein blinder Fleck auf der Landkarte ist, dann kann man den Kreis Changfeng, rund 70 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, getrost als schwarzes Loch bezeichnen. Und in dieses fahren wir nun mitten hinein. In eines dieser vermeintlichen Täler der Hoffnungslosen, mitten im gefühlten Nirgendwo und doch irgendwie exemplarisch für überall im ländlichen China. Der Kreis Changfeng zählt rund 800.000 Einwohner und umfasst ein Verwaltungsgebiet von 14 kleineren Orten und Dörfern. Wir fahren durch die karge, farblose Landschaft ins Dorf Dayao, das zum Ort Gangji gehört. Es ist ein Nest mit gerade einmal 1780 Einwohnern verteilt auf 540 Haushalte, im Dorfkern leben etwa 1050 Menschen. Doch es sind nicht, wie vielleicht vermutet, brüchige alte Hütten, die uns in Dayao erwarten, sondern eine völlig neue Reihenhaussiedlung, die hier in den vergangenen Jahren aus dem Boden gestampft wurde. Fast etwas unwirklich, wie eine Kulissenstadt, erstrahlt der noch immer helle Anstrich der Fassaden in der sonst farblosen Landschaft. Dank der finanziellen Unterstützung der Regierung konnten Dayaos Bauern ein neues Eigenheim beziehen. Und auch die gesamte Infrastruktur des Dorfes hat sich in den letzten Jahren maßgeblich verbessert. Zugangsstraßen wurden erneuert, ein System zur Abwasserentsorgung installiert, es gibt heute Freizeiteinrichtungen wie einen Basketballplatz, Fitnessgeräte und Räume für kulturelle Veranstaltungen. Kurzum: Der Lebensstandard der Bevölkerung hat sich deutlich verbessert. Aber wie sieht es mit den Einkommen aus?

 

Dorfbewohner Jia Xianchuan: Der 68-Jährige hat wie viele seiner Nachbarn sein Ackerland an eine Botanikfirma vermietet. Pro Mu Ackerland erhält er dafür 600 Yuan (rund 81 Euro) Jahrespacht. 

 

„Ursprünglich haben alle Landwirte hier jeder für sich neben Gemüse für den eigenen Bedarf lediglich Agrarprodukte wie Mais, Weizen oder Erdnüsse angebaut, die den Menschen nur ein geringes Einkommen von gerade einmal 400 bis 500 Yuan (54 bis 67 Euro) pro Mu (ein Mu = 1/15 Hektar) im Jahr beschert haben“, erklärt uns He Weihua, der Vize-Ortsvorsteher Ganjis. Doch um selbst einen Neuanfang zu stemmen, fehlte es vielen der lokalen Landwirte am nötigen Bildungshintergrund, Know-how und Bewusstsein. „Es herrschte einfach nicht das entsprechende Denken vor“, sagt er. Die Dorfverwaltung habe sich deshalb für eine Bodenreform entschieden, bei der die Landwirte heute einen Teil ihrer Ackerfläche an eine Botanikfirma vermieten. Und diese baut in Dayao heute großflächig Glanzmispeln (Photinia fraseri) an, eine Art immergrüner und äußerst widerstandsfähiger Ziersträucher, deren Samen in andere Regionen des Landes verkauft werden. „Jeder Landwirt erhält für jedes Mu Ackerland 600 Yuan (81 Euro) Jahrespacht“, erklärt He. Einnahmen wohlgemerkt, über die die Bauern heute verfügen, ohne dass sie den Boden selbst bewirtschaften müssen. Ein kleiner Teil des Ackerlandes bleibt den Landwirten zudem weiterhin für den eigenen Gemüseanbau  erhalten. Kritiker mögen vielleicht argumentieren, dass das für den Mispelanbau zuständige Unternehmen durch die Reform sicher ordentliche Gewinne einstreicht. Doch was wäre die Alternative? Wir statten einem der lokalen Bauern des Dorfes, Herrn Jia Xianchuan, einen Besuch ab.

 

Neue Reihenhaussiedlung: Vom Lebensstandard und den Einkommensverhältnissen ihrer Landsleute in den Städten sind die Einwohner im Dorf Dayao noch weit entfernt, doch in den vergangenen Jahren hat sich auch in ihrem Leben ein riesiger Wandel vollzogen.  

 

Schon von Weitem glänzen die orangenfarbenen Kürbisstücke in der Sonne, die die Familie am Eingang des neuen Reihenhauses zum Trocknen ausgelegt hat. Auf dem Balkon trocknen neben der frisch gewaschenen Wäsche Entenfleisch und Hausmacherwürste. Als wir das neue Eigenheim betreten, läuft in der ansonsten spärlich eingerichteten Stube der Flachbildfernseher an der Wand. Neben den Einnahmen aus der Vermietung seines Ackerlandes verdiene er sich, wann immer er gebraucht werde, noch etwas mit Gelegenheitsjobs dazu, erzählt uns der 68-Jährige. Keine Frage, vom Lebensstandard und den Einkommensverhältnissen vieler seiner Landsleute in den Städten, mag Jia Xianchuan auch heute noch meilenweit entfernt sein. Doch in seinem eigenen Leben hat sich in den vergangenen Jahren durch den Umzug in die neuen vier Wände und die Bodenreform ein riesiger Schritt vollzogen, dem er sein Leben nun erst einmal anpassen muss. Der Wohnzimmertisch des neuen Hauses, an dem uns Herr Jia empfängt, steht auf nacktem Betonboden, der aussieht, als sei der 68-Jährige gerade erst eingezogen; das neue und moderne Bad sowie die Küche dagegen wirken bereits etwas heruntergewirtschaftet, und während wir uns mit dem Hausherren unterhalten, muss immer wieder eine junge Mitarbeiterin der Dorfverwaltung als Dolmetscherin einspringen, damit unsere chinesischen Kollegen die von tiefem lokalen Dialekt gefärbten Worte des 68-Jährigen verstehen.

 

 
Wandel beginnt im Bewusstsein: Um selbst einen wirtschaftlichen Neuanfang zu stemmen, fehle es vielen der lokalen Landwirte noch immer am nötigen Bildungshintergrund, Know-how und Bewusstsein, sagt He Weihua, Vize-Ortsvorsteher des Ortes Ganji, zu dessen Verwaltungsgebiet auch das Dorf Dayao gehört. 

 

Wandel, so wird deutlich, setzt letztlich immer im Bewusstsein ein und der Wandel, den China in den vergangenen Jahren erlebt hat, vollzog sich in einem so atemberaubenden Tempo, dass es für manche tatsächlich schwer geworden ist, hinterher zu kommen, geschweige denn, Schritt zu halten. Besonders auf dem Land scheinen die Umwälzungen der Lebensverhältnisse vor allem für Vertreter der älteren Generation fast unwirklich. Entscheidend wird wohl letztlich sein, wie die nachkommende Generation mit den neuen Verhältnissen umgeht. Und hier zeigt sich, dass es längst nicht alle jungen Menschen blind in die Städte treibt.

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Reisen

Internationales Bierfest in Qingdao

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Gesellschaft

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Norbert Görres: Rheinlandpfälzer Winzer bringt deutschen Wein nach Shandong

Die Industrie der Stadt Zaozhuang in der südostchinesischen Provinz Shandong lebte früher vor allem vom Kohleabbau. Heute ist sie landesweit für ihre Spitzenweine und -fruchtsäfte bekannt. Dass diese Transformation gelungen ist, hat der Ort auch einem Deutschen aus dem rheinland-pfälzischen Ahrweiler zu verdanken.

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Prosa über Sitten und Gebräuche

Tibetische Schriftsteller und Gelehrte haben eine beachtliche Anzahl von Prosatexten verfasst, um die Sitten und Gebräuche Tibets vorzustellen. Repräsentativ dafür ist die von Chilai Qoizha geschaffene Prosasammlung „Aufzeichnungen von Sitten und Gebräuchen Tibets“.

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„Essen ist des Volkes Himmelreich“ lautet ein bekanntes chinesisches Sprichwort. Dabei bedeutet Essen in China nicht nur Ernährung, sondern auch Gesundheitspflege. Wer in China am späten Nachmittag durch das Fernseherprogramm zappt, dem begegnen etliche Formate, die sich rund um das Thema Essen und Gesundheitserhaltung drehen. Die chinesische Ernährungslehre ist eine Wissenschaft für sich und für Ausländer gibt es noch viel unbekanntes Terrain zu entdecken.

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