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Umsatteln aufs Rad – China entdeckt den Reiz der „neuen Langsamkeit“

26-02-2016

 

Wandel in den Köpfen einleiten

 

Jiang Binglei, die erste promovierte Verkehrsexpertin Chinas, arbeitet bereits seit mehreren Jahren beim Ministerium für Wohnen und Entwicklung in Stadt und Land. „Das Schwierigste ist, die Einstellung der Menschen zu ändern“, sagt sie. „Es muss nämlich ein Wandel in den Köpfen einsetzen.“ Und tatsächlich: Studien belegen, dass der Autokauf wie vielerorts auf der Welt auch in China vor allem eine Prestigefrage ist. „In einer Gesellschaft, in der das Auto gerade erst in den Familienalltag getreten ist, möchten die Menschen das neue Fortbewegungsmittel natürlich möglichst viel benutzen“, erklärt sie.

 

Im Vergleich zu anderen internationalen Metropolen in Asien wie etwa Tokio oder Seoul liegt der Anteil der Autobesitzer an der Bevölkerung in China noch deutlich zurück, das Nutzungsverhältnis dagegen ist schon heute am höchsten. Auch Experten und Politiker hängen in China teils noch immer der Vorstellung nach, das Auto sei wichtiger als Fahrrad oder Fußgänger. Viele Städte wollen keine Gelder in die Entwicklung einer „langsamen“ und vermeintlich rückständigen Fortbewegungsweise investieren.

 

„Aber allmählich lässt sich ein kleiner Sinneswandel beobachten, etwa in meinem Familien- und Freundeskreis“, sagt Jiang. Sie habe aber in gewisser Weise auch Verständnis dafür, dass viele Chinesen sich heute vom Auto abhängig fühlen. Sie sagt: „Ein Auto sollte für eine Familie trotzdem letztlich wie eine Bohrmaschine sein: Man muss sie für den Notfall zuhause haben, aber in der Regel benutzt man sie nicht.“

 

Verkehrsexperte Yang Xinmiao besitzt selbst zwei Autos in Beijing. Den Weg zur Arbeit allerdings legt er mit dem Fahrrad zurück, um Zeit zu sparen. „Wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre, dauert das im besten Fall nur 15 Minuten, im schlimmsten Fall aber kann es auch schon mal eine Stunde und 15 Minuten dauern. Mit dem Fahrrad brauche ich dagegen immer 20 Minuten. Aber natürlich bin ich unterwegs den Autoabgasen und der Luftverschmutzung ausgesetzt.“

 

Der Bewegungsradius der meisten Bewohner chinesischer Städte liegt Studien zufolge bei rund sieben Kilometern. Eine Distanz also, die mit dem Rad oder Elektroroller gut zu bewältigen ist. Zum Vergleich: In den USA sind es rund 20 Kilometer.

 

„China hat gerade erst die flächendeckende Versorgung seiner Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten wie Nahrung und Kleidung gelöst. Um die Vorstellungen der Menschen zu verändern, braucht es nun Zeit, bei manchen Leuten dauert so etwas fünf Jahre oder sogar zehn Jahre, bei anderen rührt sich vielleicht auch gar nichts“, sagt Yang. Trotzdem ist der Fachmann zuversichtlich, was die Zukunft der Zweiräder in China angeht. „Wie alle wissen, ist das Fahrrad als Verkehrsmittel in der Erinnerung der Chinesen tief verwurzelt. Das ist für die Zukunft sicher ein Vorteil. Die meisten Erwachsenen in China haben die Erfahrung gemacht, mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule zu fahren. Das ist sicher ein wichtiger Unterschied zum Ausland,“ sagt er. „Eines Tages werden die Chinesen also vielleicht doch zu ihrer vertrauten Fortbewegungsweise zurückkehren“, so seine Hoffnung.

 

Yangs Meinung nach sei es sinnvoll, die verschiedenen Verkehrsweisen in China parallel zu entwickeln. Aufgabe der Regierung sei es dabei, so günstige Bedingungen wie möglich zu schaffen, damit sich verschiedene Fortbewegungsweisen gleichberechtigt entwickeln können.

 

Anstoß zum Umdenken könnte dabei auch der starke Smog bilden, unter dem chinesische Großstädte wie die Hauptstadt Beijing in den letzten Jahren immer wieder gelitten haben. Laut einer vom Verkehrsforschungszentrum der Stadt Beijing durchgeführten Untersuchung möchten heute viele Leute gerade wegen der schlechten Luft nicht aufs Fahrrad umsteigen. „Das ist natürlich ein Widerspruch, denn der grüne Verkehr ist schließlich gerade eine wichtige Maßnahme, um die Luftqualität langfristig zu verbessern“, sagt  Yao Guangzheng, Planungsleiter des Beijinger Verkehrsforschungszentrums. „Meiner Meinung nach wäre es ein guter Zwischenweg, zunächst auf die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen“, rät er. „Wenn es dann Wetter und Luftbedingungen zulassen, kann man sich auch mal in den Sattel schwingen. Wichtig ist, dass man nach und nach seine Einstellung ändert. Am besten wäre es natürlich, wenn die Menschen bei starker Luftverschmutzung gar nicht vor die Tür gehen, sondern einfach zu Hause bleiben,“ so Yao.

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