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Umweltfreundlich zum Erfolg – Kanadier gründet Öko-Betrieb in Beijinger Vorstadt

26-09-2016

 

Von Deng Di

Im Dorf Liugezhuang, das im Bezirk Tongzhou im Osten Beijings liegt, lebt das Ehepaar Moore. Darren Moore stammt ursprünglich aus Kanada. 1996 kam er im Rahmen einer Dienstreise erstmals nach China. Während dieses Aufenthalts verliebte er sich in eine junge Chinesin, die damals als Dolmetscherin in einer chinesischen Firma arbeitete. Heute, zwanzig Jahre später, sind die beiden lange verheiratet und haben sich in Chinas Hauptstadt niedergelassen. Doch nicht nur privat sind die Eheleute ein gutes Team. 2004 begannen sie, gemeinsam eine eigene Firma aufzubauen. Sie mieteten Geschäftsräume an und gründeten ihre eigene Fabrik, eine Fabrik für Hautpflegeprodukte. Mit „Organic Earth“ (OE) kreiert sie gar eine eigene Marke, die es mittlerweile zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Damit fiel der Startschuss für eine Erfolgsgeschichte im Bereich naturbelassener Kosmetik im Reich der Mitte.

 

Echte kaltgefertigte Seifen sind im Unterschied zu handelsüblichen Seifen nicht transparent und haben keine helle Farbe.

 

Grüne Unternehmensphilosophie zahlt sich aus

Die Idee für den kanadisch-chinesischen Familienbetrieb wurde eigentlich aus der Not heraus geboren. Moores Familie leidet nämlich bereits seit Generationen an einer empfindlichen Haut. Auch Darren Moore plagt sich seit Kindesbeinen mit Hautallergien herum. Jeden Sommer musste er im Freien lange Hose tragen, um seine Haut zu schützen. Eine lästige Prozedur, vor allem in Teenagerjahren.

Auch als Darren nach Beijing kam, machte ihm seine Haut zu schaffen, besonders wegen des trockenen Klimas in der nordchinesischen Metropole. Seine Frau kaufte anfangs ein ganzes Sortiment an verschiedenen Gesichtscremes und Körperlotionen, sogar Arzneimittel. Doch die Wirkung war gering. Um das Problem ein für alle Mal zu lösen, beschloss Moore, der selbst Naturwissenschaften studiert hatte, schließlich seine eigene Seife zu entwickeln. Er las sich in Fachaufsätze ein und studierte seitenweise Informationsmaterialien. Schließlich kaufte er einfach etwas Olivenöl, Sodapulver und Pflanzenextrakte und funktionierte die heimische Küche zum Seifenlabor um. Womit Moore nicht gerechnet hatte: Schon die erste selbstgemachte Seife vertrug sich ausgezeichnet mit seiner sensiblen Haut. Beflügelt von diesem ersten Erfolg traf der Wahlbeijinger eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte: Er trat von seiner langjährigen Arbeitsstelle zurück und begann mit großer Leidenschaft, ein eigenes Bio-Geschäft aufzuziehen.

Mit seiner selbstentwickelten Marke „OE“ legt der Kanadier größten Wert auf seine grüne Philosophie. Die verwendeten Rohstoffe sind zu 100 Prozent natürlich und aus Pflanzenextrakten gewonnen. „Im gesamten Produktionsprozess befolgen wir zudem strikt ein spezielles und sehr schonendes Kaltfertigungsverfahren“, sagt er. „Die Rohstoffe sind dabei im Zuge der Weiterverarbeitung weder hohen Temperaturen noch hohem Druck ausgesetzt, damit ihre Eigenschaften nicht verändert und auch keine Industrieabfälle erzeugt werden.“ Echte kaltgefertigte Seifen, so erklärt Moore, seien im Unterschied zu handelsüblichen Seifen nicht transparent und hätten keine helle Farbe. Sie seien stattdessen äußerst fein und glatt, erzeugten beim Reiben nicht viel Schaum und böten den Anwendern natürliche Pflege und Schutz. „Was ich persönlich nicht nur schade, sondern auch bedenklich finde, ist, dass fast alle Hautpflegeprodukte, die es heute auf dem Markt gibt, nicht nur Chemikalien enthalten, sondern die Verbraucher über diesen Umstand zudem in Unwissenheit lassen“, sagt der Ökounternehmer.

Auch seine chinesische Ehefrau Zhang Ping wurde vom Elan und der Leidenschaft ihres Gatten angesteckt. „Seit unserer ersten Begegnung sind mittlerweile zwei Jahrzehnte vergangen und ich habe über die Jahre Darrens grüne Philosophie und seine große Zielstrebigkeit schätzen gelernt“, sagt sie. „Er schenkt stets der Wahl der Rohstoffe größte Aufmerksamkeit und arbeitet nur mit Lieferanten zusammen, die wirklich hochwertige Produkte anbieten. Einmal kooperierten wir mit einem ausländischen Lieferanten. Aber die organischen Seifen, die wir mit den von ihm angebotenen Rohstoffen produzierten, erschienen in unreinen Farbtönen. Darren ging der Sache auf den Grund und entdeckte letztlich die Ursache: Die Rohstoffe des Lieferanten enthielten doch einige chemische Zusätze. In einem Wutanfall ließ er daraufhin alle produzierten Seifen zerstören und entsorgen. Diese Entscheidung kostete ihn Hunderttausende Yuan, aber wenn es um Gerechtigkeit und Ehrlichkeit geht, macht er eben keine Kompromisse.“

Diese Philosophie sollte sich letztlich für den Unternehmer auszahlen: Dank der großen Anstrengungen des Ehepaars hat sich OE mittlerweile zum weltweit drittgrößten Hersteller für kaltgefertigte Naturseifen entwickelt. OE landet nicht nur im Einkaufskorb gewöhnlicher Verbraucher rund um den Globus, sondern auch im Badezimmer von Prominenten, ja die Moores beliefern sogar königliche Familienmitglieder. Während des APEC-Gipfels 2014 besuchte Laureen Harper, die Ehefrau des kanadischen Premierministers Stephen Harper, den kleinen Familienbetrieb in der Beijinger Vorstadt und verkostete zum Erstaunen der Anwesenden sogar eine spezielle essbare Seife mit Kakaogeschmack. Seither ist auch Kanadas First Lady treue Kundin der Marke OE. Auch viele große Unternehmen wie HP, Samsung (China) und Mercedes-Benz haben die Bio-Seifen der Firma als Geschenk für ihre Mitarbeiter entdeckt.

China als neues Zuhause

Heute zählt OE in Beijing bereits über 40 Angestellte. Die meisten von ihnen sind Einheimische aus Liugezhuang. Mit seiner Firma hat das Ehepaar also auch die lokale Beschäftigung gefördert, was den Moores eine Auszeichnung der Tongzhouer Bezirksregierung bescherte. Immer wieder erhält das chinesisch-kanadische Paar zudem Einladungen, ihre grüne Firmenphilosophie in Präsentationen und Vorträgen vorzustellen.

Auch das Beijinger Zuhause des Paares ist eine grüne Oase. Im Hof der Familie wachsen zahlreiche Bäume, die im Sommer angenehmen Schatten spenden. Kinder aus dem Dorf kommen gerne vorbei, um auf dem aufgestellten Trampolin zu tollen, beobachtet von Hundewelpen aus der Nachbarschaft, die sich ebenfalls bevorzugt an dieses schattige Plätzchen zurückziehen. Gemeinsam mit den Mitarbeitern von OE genießen alle die natürliche Gemütlichkeit. Moore hat zudem ein Stück Ackerland gemietet, um selbst Gemüse anzubauen. Die üppige Ernte teilt er stets mit Freunden und Nachbarn. So lassen sich die Erträge noch besser genießen.

Moore hat seinen Platz gefunden und führt ein Leben genau nach seinem Geschmack. „Schon als ich zum ersten Mal nach China kam, hatte ich das Gefühl, dass ich einfach hier hingehöre“, erzählt der Kanadier. Die Gastfreundschaft der Chinesen, die Vielfalt der chinesischen Küche und auch die reiche chinesische Kultur hätten ihn von Anfang an in ihren Bann gezogen. All diese Gründe haben Moore und seine Frau letztlich darin bestärkt, sich in China niederzulassen und nicht etwa in Kanada. In der neuen Heimat sind das Grillen und Schnapstrinken mit Kollegen und Nachbarn im Hof des Hauses längst zu einem lebensfrohen Alltagsritual geworden.

 

Am Wochenende lädt Darren Moore Blinde in seine Fabrik ein, um sie mit dem Duft der ätherischen Öle vertraut zu machen.

 

Wann immer er Zeit findet, lädt Moore zudem lokale Kinder zu Werksbesichtigungen in seine Fabrik ein, um sie mit der Kunst der Seifenherstellung vertraut zu machen. Immer wieder hält er auch Vorträge in Grundschulen zum Thema Umweltschutz. Und ab und an macht er auch einen Abstecher zur Chinesischen Universität für Landwirtschaft in Beijing, um seine Erfahrungen mit den dortigen Studenten, die dem Umweltschutz große Aufmerksamkeit schenken, zu teilen. „Ich hoffe, dass meine grüne Lebenseinstellung nicht nur junge Menschen in China, sondern auf der ganzen Welt inspirieren kann“, sagt er. Der Wahlbeijinger sieht alle Menschen in der Pflicht, bestehende Umweltprobleme zu lösen. „Wir alle haben ein enormes Potential. Aber was wir bis jetzt daraus gemacht haben, reicht bei weitem nicht“, mahnt er. „Junge Menschen sollten ihre Mobiltelefone und Computer beiseitelegen und die Natur und ihre Mitmenschen schätzen lernen“, so sein Apell.

In den letzten 20 Jahren wurde Darren Moore Zeuge der rasanten Entwicklung Chinas, insbesondere der Hauptstadt Beijing. „Das Umweltbewusstsein der Chinesen ist in den vergangenen Jahren schon deutlich gestiegen“, sagt er. „Und die große Aufgeschlossenheit und das Selbstvertrauen der chinesischen Jugend üben auf Ausländer heute große Anziehungskraft aus.“ Seinem Geschäft kommt vor allem der steigende Lebensstandard im Reich der Mitte zugute. „Aufgrund des hohen Preises haben sich unsere Bio-Produkte anfangs nicht gut verkauft. Aber heute haben wir einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent“, sagt Moore stolz.

Die Beijinger Stadtregierung hat eine von OE entworfene Geschenkbox in ihre Liste der offiziellen „Beijing-Geschenke“ aufgenommen. Das Päckchen besteht aus acht Seifen verschiedener Düfte, in die verschiedenartige Blumen, die Glück, Reichtum, Langlebigkeit und Freude symbolisieren, eingraviert sind. Als Visitenkarte Beijings sollen die handgemachten Seifen so zusammen mit anderen Souvenirs die chinesische Kultur in die Welt hinaus tragen.

Noch viele Pläne

Nach mehr als zehn Jahren harter Arbeit hat sich der grüne Traum des Kanadiers im Großen und Ganzen erfüllt. Seine Fabrik wurde mittlerweile ausgebaut. Im September wird sie vom gegenwärtigen Gelände an einen acht Kilometer entfernten neuen Standort ziehen. Das neue Gelände wird eine Fläche von mehr als 3000 Quadratmetern haben. Beim Baubeginn auf dem Areal standen die Moores im Hof des Geländes, den der vorherige Besitzer gänzlich zubetoniert hatte. „Was meinst du, sollen wir loslegen?“, fragte Zhang ihren Mann und erntete von ihm ein vielsagendes Lächeln. So ließ das Paar als erstes den Zement entfernen, um im Hof Blumen, Gräser und Bäume zu pflanzen. Schon bei der Fabrikgestaltung sollte alles so „grün“ wie möglich von statten gehen.

Über viele Jahre hat sich Moore in seiner Freizeit dem Studium von Hautkrankheiten verschrieben. Vor kurzem startete er ein experimentelles Projekt über Schuppenflechte und Pilzerkrankungen der Nägel. Er lud viele Betroffene ein, sich daran zu beteiligen und kostenlos die von ihm entwickelten natürlichen Produkte zu testen. Das regelmäßige Feedback der Patienten soll ihm einen Überblick über die Wirkung seiner Produkte bei Betroffenen vermitteln. Wenn im kommenden Jahr die neue Fabrik in Betrieb genommen ist, will Moore noch mehr Umweltschützer und Menschen mit Hautproblemen einladen, seine Firma zu besichtigen. Nach seiner Ansicht werden Hautkrankheiten vor allem durch Umweltverschmutzung ausgelöst. „Die Umweltverschmutzung ist ein globales Problem. China, Kanada und alle anderen Länder in der Welt sehen sich mit Umweltproblemen wie Wasser-, Luft- und Nahrungsmittelverschmutzung konfrontiert. Chinas schnelle Entwicklung hat hier große Chancen, aber auch große Herausforderungen mit sich gebracht“, sagt er. „Über mein ursprüngliches Leben auf dem Land und meine Bio-Seifen hoffe ich, meinen persönlichen grünen Traum mit dem der Einheimischen hier verbinden zu können“, sagt Moore.

„Eigentlich wollte ich gar kein Unternehmer werden, sondern nur eine Lösung für meine eigenen Hautprobleme finden“, so der Kanadier. Heute werkelt Moore weiter unermüdlich an der Verwirklichung seines grünen Mikrokosmos in der Vorstadt der quirligen Millionenmetropole. Auch in den nächsten zehn Jahren will er alles daran setzen und seinen kleinen Teil dazu beitragen, das Leben der Chinesen sowie ihr Land, ja letztlich die Welt insgesamt ein Stückchen grüner zu machen.

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