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Im Jetlag der Entwicklung – Warum in China die Uhren unterschiedlich schnell gehen

08-10-2016

 

 

Von Verena Menzel

 

 

Die Welt scheint im Entwicklungsschwindel. Immer erreichbar, immer online, immer bereit. Mehr Wahlmöglichkeiten, schnellere Wege, höhere Ziele. Das Informationszeitalter trifft uns mit voller Breitseite. Längst sind wir aufgesprungen auf den Entwicklungszug, schauen uns die Welt vom Bordfenster aus an, im Geschwindigkeitsrausch, halb euphorisch, halb überrumpelt angesichts des neuen Drehmoments unseres Alltags.

 

In Deutschland, wo ich herkomme, haben bereits Gegenentwürfe Hochkonjunktur. Da nostalgeln die Autoren der Handarbeits- und Landlustmagazine und propagieren die neue Langsamkeit. Auf die Teller muss wieder Bio aus der Region statt in Lastwagen angekarrten Zuchttomaten aus Holland. Und nach auf dem Bürostuhl und danach auf der Feierabend-Yogamatte erfolgreich absolviertem Work-Life-Balance-Programm stapeln sich auf deutschen Nachttischen Ratgeber über Entschleunigung, neue Achtsamkeit und Wege aus dem Burnout.

 

Die Welt scheint sich schneller zu drehen, zumindest in unserem gefühlten Alltagsuniversum. Und wir im Westen sind nicht die einzigen, die Antworten suchen im Sog der Moderne. Überall auf der Welt hält das Informationszeitalter Einzug, auch in China, wo ich seit 2011 lebe. Hier hat die Entwicklung in den vergangenen mehr als dreißig Jahren seit Einführung der Reform- und Öffnungspolitik extrem an Fahrt gewonnen. Und das spürt man bis heute. Schneller, höher, weiter - lautet das Credo. Ein Land im Geschwindigkeitsrausch der Moderne.

 

Doch das neue Entwicklungstempo des Informationszeitalters trifft in China auf ganz andere Voraussetzungen als in unseren Breiten. Und dies führt nicht nur zu anderen Ergebnissen, sondern es scheint, als sei die chinesische Gesellschaft angesichts der neuen Beschleunigung in unterschiedliche Zeitzonen katapultiert worden – und mit ihr die Menschen, die sich nun neu orientieren müssen.

 

Ich selbst bin Jahrgang 1983. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend im Rhein-Main-Gebiet zurückdenke, waren die größten Veränderungen, die meinen Alltag damals umgekrempelten, überwiegend technischer Natur.

 

In meiner Grundschulzeit und meinen frühen Jugendjahren schrieb ich noch an Brieffreunde und hatte gerade meinen ersten Walkman bekommen, der Musik mitnehmbar machte. Im Teenageralter kamen in meiner Klasse die ersten Pager auf (ich holte mir keinen). Der erste Videorekorder stand bereits im Wohnzimmer, mit dem man das Fernsehen plötzlich aufzeichnen und zu einem beliebigen Zeitpunkt wiederholen konnte. Dann kamen das Handy und mit ihm spontane Verabredungen per Anruf sowie kurzfristige Absagen per SMS.

 

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an meine erste unbeholfene Websuche bei Google (damals hatte ich noch gar keine rechte Vorstellung davon, was dieses „Internet“ überhaupt sein sollte und wozu es gut war). Dann aber ging es Schlag auf Schlag – E-Mail, StudiVZ und Facebook, das erste Smartphone, Apps und Internet von unterwegs. Und so ist es heute - alles immer und von überall, solange der Akku reicht.

 

Doch wenn ich heute in meine Heimatstadt zurückkehre, merke ich auch, dass sich ansonsten nicht wirklich viel verändert hat – der Supermarkt an der Ecke wartet noch immer mit ähnlichem Sortiment auf, heute wie damals fahren Nachbarn ihre Kinder mit dem Familienauto zum Sportverein, der Italiener um die Ecke hat nahezu die gleichen Speisen im Angebot.

 

Auch meine chinesischen Freunde, die in den achtziger Jahren zur Welt kamen, wurden wie ich auf die Rolltreppe der technischen Entwicklung geschoben. Für viele fuhr sie zudem in ganz ähnlichem Tempo wie die oben beschriebene. Doch während in meiner Heimatstadt und den vielen Orten im Umkreis ansonsten das meiste von der Entwicklung unberührt blieb, sahen meine chinesischen Altersgenossen mit an, wie der Entwicklungssog in ihrem Land alles mit der Planierraupe verschlang und dann in immer neuen Brocken vor ihren Augen ausspie.

 

Bungalowsiedlungen wichen mehrstöckigen Wohnhäusern und Hochhaustürmen, Krämerläden mit begrenztem Sortiment und ohne Selbstbedienung wichen Mega-Malls und bestsortierten Supermärkten, statt Hausmannskost mit Fleisch und Fisch nur zu besonderen Anlässen landen heute Chicken McNuggets und Milchkaffee von Starbucks außer Haus auf dem Tablett. Wer damals noch auf dem Fahrradrücksitz eines Elternteils zur Schule gebracht wurde, karrt heute seinen eigenen Nachwuchs im SUV vors Kindergartentor. Das Elternhaus in der meist fernen Heimat wird wahlweise per Schnellzug Gaotie oder gleich mit dem Flugzeug angesteuert.

 

Doch damit nicht genug: Während in Deutschland fast alle im gleichen Entwicklungskarussell sitzen, scheint das Reich der Mitte für seine Entwicklungspassagiere in unterschiedliche Zeitzonen zerlegt, und wenn sie durch zunehmenden Aufstieg von der einen in eine andere wechseln, ist für manche der Jetlag vorprogrammiert.

 

Denn während in den östlichen Küstengebieten des Landes der Fahrstuhl des Wirtschaftsbooms ganze Landstriche gleich über mehrere Etagen in einen neuen, wohlhabenden Alltag beförderte, ging es in vielen Teilen im Landesinneren sowie in den westlichen Gebieten wesentlich langsamer und nur stockwerkweise nach oben. Im Osten wuchsen für große Bevölkerungsteile in atemberaubendem Tempo Wohlstand, Bildungsmöglichkeiten und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Im Westen und im Landesinneren dagegen gingen die Uhren langsamer.

 

Man wollte erst einen Teil des Landes durch Entwicklung ordentlich ankurbeln und dann die anderen Zeitzonen nachjustieren, so der übergeordnete Plan. Mittlerweile hat die Regierung längst begonnen, dieses Versprechen einzulösen und die Regionen im Zentrum und im Westen des Landes durch großen Finanz- und Innovationsaufwand entwicklungsmäßig nachzuholen. Das Problem nur: Viele der Nachzügler haben heute mit den Nebenwirkungen der Zeitverschiebung zu kämpfen, die das unterschiedliche Entwicklungstempo hervorgerufen hat.

 

Zwei Beispiele werden vielleicht zum Sinnbild dieses Entwicklungsjetlags: Zum einen die Begegnung mit einem lokalen Landwirt in der Provinz Hefei, Kreis Changfeng, im Jahr 2015. Für ihn und seine Nachbarn wurde mit Fördergeldern der Regierung ein nagelneues Dorf errichtet, mit modernen, zweistöckigen Häusern für jede Familie. Ein entwicklungsmäßiger Quantensprung, keine Frage. Doch als wir das neue Zuhause des Mannes besichtigen, das seine Familie erst vor weniger als einem Jahr bezogen hat, wirken viele sanitäre Einrichtungen bereits heruntergewirtschaftet, auf dem kahlen, schmutzigen Fliesenboden liegen ausgespuckte Sonnenblumenkernhülsen. Materieller Fortschritt, das wird schnell klar, kann letztlich nur dann funktionieren, wenn auch der Mensch bereit und in der Lage ist, sich in der neuen Entwicklungszone zurechtzufinden. Und das benötigt Zeit für eine mentale und bildungsmäßige Angleichung. Der Mensch ist eben keine Maschine.

 

Ein weiteres Indiz für die zeitliche Verzerrung, die die chinesische Gesellschaft angesichts ihres bisher in der Geschichte einzigartigen  Entwicklungstempos zu stemmen hat, ist die Mitte April 2015 von der China National Tourism Administration (CNTA) eingeführte „Schwarze Liste“ für im In- oder Ausland auffällig gewordene chinesische Touristen. Auslöser für den Schritt waren mehrere Meldungen über rüpelhaftes Verhalten einzelner Reisender, die in Chinas Medien die Runde machten sowie im Internet für heiße Diskussionen und Fremdschämen sorgten sowie am Auslandsimage des Landes kratzten. Unter den Fehltritten: Ein Chinese, der 2013 seinen Namen in ein Relief im ägyptischen Luxor ritzte, ein chinesischer Passagier der auf einem internationalen Flug im Dezember 2014 einer Flugbegleiterin eine Schüssel voller heißer Fertignudeln nachwarf oder ein junger Mann, der sich beim Besuch des Long-March-Themenparks in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi mit dem Allerwertesten auf den Kopf einer Statue der roten Armee setzte und dabei ein Erinnerungsfoto machte. Was man hinzufügen sollte: Für alle diese Menschen wären in der Vergangenheit vor allem Auslandreisen wohl unerschwinglich gewesen.

 

Doch es wird noch komplizierter: Auch die neue gesellschaftliche Gruppe der Durchschnittsverdiener in den Metropolen, die eigentlich entwicklungs- und bildungsmäßig die gleichen Startbedingungen mitbringen sollte, spürt neben dem allgemein beschleunigten Lebensrhythmus, bewirkt durch die technischen Neuerungen des Informationszeitalters, zusätzlich noch eine wesentlich stärkere Fliehkraft: Diese Menschen leben in einer Gesellschaft, in der sich nicht nur die moderne Welt an sich immer schneller zu drehen scheint, sondern zudem noch die eigenen Mitmenschen ganz unterschiedliche Beschleunigungen an den Tag legen. Sie finden sich in einer Zeit, in der – angesichts des enormen Entwicklungstempos, das die Gesellschaft vorlegt, – nur wer Gas gibt, eine Chance auf Anschluss und einen gebührenden Platz in der Zukunft des Landes hat. Die Menschen in China müssen also gleich mehrere Drehmomente gleichzeitig verkraften, nicht nur eines, wie wir in Deutschland.

 

Während sich viele Länder im Westen also lediglich mit den Herausforderungen der Beschleunigung des Informationszeitalters und deren Auswirkungen auf die bisherige Lebens- und Arbeitswelt beschäftigen, ist die chinesische Gesellschaft mit einem wesentlich vielschichtigerem Beschleunigungsmodell konfrontiert, in dem es nicht nur unterschiedliche Stufen auf dem Karussell der Moderne gibt, sondern auch auf individueller Ebene durch die Mitmenschen sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten vorgelebt werden, von denen der einzelne in seinem Rhythmus keineswegs unbeeinflusst bleibt.

 

China muss es in Zukunft also gelingen, nicht nur mit den Auswirkungen einer beschleunigten Welt an sich zurechtzukommen, sondern die unterschiedlichen Uhren im eigenen Land gut nach zu justieren. Nur wenn es gelingt, das Land und seine Menschen in Zukunft in die gleiche Zeitzone zu holen bzw. die Zeitverschiebung möglichst gering zu halten, wird sich wohl ein chronischer Jetlag vermeiden lassen. Eine Herausforderung, die eine Mammutaufgabe darstellt angesichts eines weltweiten Entwicklungstempos, bei dem es einem ohnehin schon schwindelig werden kann.

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