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Vom Holzfäller zum Förster: Wu Kesheng und seine Geschichte

13-11-2017

 

Von Li Guowen

Als wir in den Kreis Zixi in der Provinz Jiangxi reisen, entfalten weite Bambuswälder ihr Grün vor unseren Augen. Frische Bergluft weht uns durch das Autofenster entgegen. Der Kreis Zixi ist eine grüne Oase vor den Toren der Provinzhauptstadt Nanchang. In den vergangenen Jahren hat die Kreisverwaltung hier große Anstrengungen unternommen, um die grüne Entwicklung in der Region gezielt zu fördern. Heute sind 87,3 Prozent der Gesamtfläche des Kreises von Wäldern bedeckt. Ein großer Erfolg, der auch dem Engagement der Einheimischen geschuldet ist. Einer von ihnen ist der Förster Wu Kesheng.

Wu lebt seit fast 60 Jahren in Zixi. Lange arbeitete er auf der Forstfarm des Matou-Gebirges, was wörtlich Pferdekopf-Gebirge heißt. Hier sprießt ein rund 11.000 Hektar großer Urwald. Mittlerweile ist Wu zwar im Ruhestand, doch dem Wald und seiner Flora und Fauna ist er noch immer eng verbunden. Bis zum heutigen Tag pflegt er noch immer die Gewohnheit, einmal wöchentlich auf den Berghängen nach dem Rechten zu sehen, ehrenamtlich versteht sich. „Wissen Sie, ich mache das ja nun schon seit Jahrzehnten. Wenn ich lange nicht hier in den Bergen war, macht sich einfach ein Unwohlsein bei mir breit“, sagt er und lacht.

 

Ein Mann und sein Berg: Wu Keshang ist zwar im Ruhestand, pflegt jedoch noch immer die Gewohnheit, einmal wöchentlich auf den Berghängen ehrenamtlich nach dem Rechten zu sehen.

 

Vom Holzfäller zum Förster

In den 1970er und 1980er Jahren stützte sich die Wirtschaft des Kreises weitgehend auf den Abbau natürlicher Ressourcen. Das Fällen von Bäumen und die Verarbeitung von Holz und Bambus waren lange die Haupteinnahmequellen des Kreises, der damals zu den am wenigsten entwickelten Kreisen ganz Chinas zählte.

1971 fand Wu, damals gerade einmal 16 Jahre, eine Anstellung auf der Matou-Forstfarm. Er war zuständig für eine Vielzahl von Tätigkeiten wie das Setzen von Sämlingen, Holzfällerarbeiten oder die Verarbeitung von Holz und Bambus. Er erinnert sich noch gut daran, wie er als junger Holzfäller im Jahr 1979 insgesamt 100 Kubikmeter Waldwuchs fällte. „Mein Lohn war damals an meine Arbeitsleistung gebunden. Je mehr Bäume ich fällte, desto mehr verdiente ich, ganz einfach“, erzählt er.

1980 hatte sich Wu in der Region bereits einen Namen gemacht als Holzfäller, da er seit Jahren seine Arbeitsquote übererfüllte. Jährlich rodete er nun mehr als 240 Kubikmeter Wald, was ihm hohe Anerkennung in der Branche einbrachte. Um wirtschaftliche Gewinne zu erzielen und den guten Ruf der Farm weiter zu festigen, machten Wu und seine Kollegen oft tagelang Überstunden.

Doch seit der Jahrtausendwende praktiziert die Kreisverwaltung Zixi eine neue Entwicklungsstrategie, die auf den Erhalt der ökologischen Umwelt und die Förderung einer grünen Entwicklung setzt. Die Forstfarm begann, die Anzahl der gefällten Bäume Jahr für Jahr zu reduzieren. Wus Arbeit verlagerte sich damit nach und nach von der Holzfällerei zum Waldschutz.

Nachdem das Matou-Gebirge 2001 zum Naturschutzgebiet auf Provinzebene und 2008 sogar auf nationaler Ebene erklärt worden war, gewann der Waldschutz immer größere Bedeutung. Um die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die ökologische Umwelt zu minimieren, siedelte die Kreisverwaltung mehr als 5000 Einwohner aus drei Dörfern der Bergregion in andere Wohnorte um.

Wu wurde aufgrund seiner hervorragenden Arbeitsleistungen zum Vorsteher der Jijiaocha-Waldstation befördert, die ebenfalls der Matou-Forstfarm untersteht. Zu den Aufgaben des einstigen Holzfällers gehörten nun die Verhinderung und Bekämpfung illegaler Holzgewinnung, die Früherkennung von Brandrisiken und die Bekämpfung von Krankheits- und Schädlingsbefall an Bäumen und anderen Pflanzen.

„Damals zählte unsere Waldstation vier Mitarbeiter“, erinnert sich Wu. Einer der Mitarbeiter blieb jeden Tag in der Station, die anderen drei bildeten einen Patrouillentrupp. „Nach dem Frühstück packten wir rasch etwas Proviant ein und brachen schon in der Frühe auf. Wir marschierten täglich mehr als 40 Kilometer zu Fuß und kehrten in der Regel erst nach Sonnenuntergang in die Station zurück.“

Einmal entdeckten Wu und seine Kollegen tatsächlich einige Bauern, die illegal Bäume fällten. Sie versuchten, Wu mit 500 Yuan zu bestechen, was damals mehr als ein Monatsgehalt für den Förster war. Doch Wu lehnte entschieden ab und alarmierte stattdessen die Polizei.

Dank der aufrichtigen Anstrengungen Wus und seiner Mitarbeiter erweiterte sich die Grünfläche des Kreises stetig. Heute erreicht die Waldfläche rund 109.200 Hektar, was 87,3 Prozent der Gesamtfläche des Kreises entspricht. Laut Zhan Xiaowu, dem Chef der lokalen Forstbehörde, zählt Zixi momentan insgesamt 265 Vollzeit-Förster sowie 50 Waldpolizisten und Feuerwehrmänner.

 

Grüne Oase vor den Toren der Provinzhauptstadt Nanchang: Das Landschaftsgebiet Dajueshan am Fuß des Matou-Gebirges gehört heute zur nationalen Kategorie AAAAA, der höchsten touristischen Wertungsklasse Chinas.

 

Öko-Tourismus und Forstwirtschaft gehen Hand in Hand

Nachdem er viele Jahre im Matou-Gebirge gelebt hat, ist Wu Kesheng fast wie eine fleischgewordene Wanderkarte der Region. Er kennt fast jeden Winkel wie seine eigene Westentasche. Nach der Gründung des Naturschutzgebietes arbeitete er nicht nur als Förster, sondern auch als Guide für zahlreiche Wissenschaftler und Tourismusexperten, die zur Erforschung der Region anreisten.

Im Juni 2002 begleitete Wu beispielsweise eine Delegation unter Führung des Geschäftsmanns Li Qiming aus der chinesischen Inselprovinz Hainan, der die touristischen Ressourcen des Naturschutzgebietes begutachten wollte. Unterwegs ging dann unerwartet ein heftiger Gewitterregen nieder und einige Delegationsmitglieder gerieten im sintflutartigen Regenwasser ins Rutschen. Wu riskierte sein eigenes Leben, um die Besucher aus dem stürmischen Regenwasser zu retten. Erst gegen sieben Uhr abends kehrte die Gruppe vollständig und wohlauf aus dem Wald zurück.

Trotz dieses lebensgefährlichen Abenteuers entschied sich Geschäftsmann Li Qiming für die touristische Erschließung des Landschaftsgebietes Dajueshan, das heute ein Landschaftsgebiet der nationalen Kategorie AAAAA - die höchste touristische Wertungsklasse Chinas - ist. Jeden Sommer strömen seither zahlreiche in- und ausländische Abenteuertouristen in die Schlucht, um sich von der Strömung durch das Wildwasser treiben zu lassen.

In den letzten Jahren hat sich der Öko-Tourismus zu einem wichtigen wirtschaftlichen Standbein des Kreises entwickelt. Vor der kommerziellen Erschließung kommen Investoren meist persönlich nach Zixi, um zu erfahren, welche Strömungen reißend sind, welche Gipfel die beste Aussicht bieten und welches Tal ideale Naturbedingungen für Erholung und Gesundheitserhaltung bietet. „In dieser Hinsicht kann ich ihnen fachkundliche Unterstützung bieten“, sagt Wu.

Wu begleitet aber auch Experten und Gelehrte für Land- und Forstwirtschaft bei ihren wissenschaftlichen Expeditionen und gibt dabei seine reichen Erfahrungen in Sachen der lokalen Fauna und Flora weiter. Mittlerweile hat er sich auch Fachwissen angeeignet und kennt mehr als 1000 Pflanzenarten, die im Naturschutzgebiet beheimatet sind, sowie ihre medizinischen Wirkungen. Der UNO erteilte er Empfehlungen bei der Auswahl eines geeigneten Ortes für die Auswilderung des Südchinesischen Tigers. Wu nutzte seine Verbindungen zu akademischen Kreisen auch, um weitere Experten nach Zixi einzuladen, die heute Vorträge und Workshops für örtliche Viehzüchter und Unternehmen veranstalten und ihnen so bei der Lösung kniffliger Probleme in der Land- und Zuchtwirtschaft helfen.

 

Besuch an der alten Arbeitsstätte: Vor seiner Pensionierung arbeitete Wu mehr als 40 Jahre auf der Matou-Forstfarm.

 

Ernennung zum Bergvorsteher ehrenhalber

In den letzten Jahren hat der Kreis eine weitere Innovation eingeführt: Er setzt auf ein System von Bergvorsteher. Dabei fungieren führende Kader der Kreis-, Gemeinde- und Dorfebene sozusagen als „Bergpaten“ in ihrem jeweiligen Verwaltungsgebiet. Sie und ihre Arbeit unterliegen dabei einer strengen Bewertung. Durch die gleichzeitige Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Regierungsorganen und eine breite Beteiligung der Einheimischen hat das System die nachhaltige Erhaltung der forstwirtschaftlichen Ressourcen in der Region weiter gefördert. Aufgrund seines Engagements für das Matou-Gebirge wurde Wu Kesheng von den lokalen Bewohnern zum Ehrenbergvorsteher des Naturschutzgebietes gewählt.

Wu hat eigentlich nur die Grundschulbildung genossen. Aber durch seine großen Anstrengungen im Laufe seiner beruflichen Karriere kennt er heute die Topographie sowie die Flora und Fauna der Urwälder des Matou-Gebirges in- und auswendig. Viele Gelehrte und Experten sind der Ansicht, dass er in der Lage sei, Postgraduierte in der Praxis mitzubetreuen. Aufgrund seiner herausragenden Arbeitsleistung wurde Wu im November 2005 als Modellarbeiter der Provinz Jiangxi und im Jahr 2009 als vorbildlicher Förster Chinas ausgezeichnet. Im Mai 2014 wählte man ihn sogar zum Modellbürger Chinas.

Auch nach seiner Pensionierung patrouilliert Wu weiterhin als freiwilliger Förster im Wald. „Wenn ich nicht hierher käme, würde ich jeden Baum und jedes Gras vermissen“, sagt er. Es ist diese tiefe Verbundenheit zur örtlichen Natur, die Wu all die Jahre angetrieben hat, die Berge und ihre urwüchsigen Wälder über 40 Jahre lang mit viel Ehrgeiz und großer Hingabe zu schützen, und das, ohne dabei an persönliche Gewinne und Verluste zu denken.

 

Wu begleitet nicht nur immer wieder Experten und Gelehrte für Land- und Forstwirtschaft bei ihren wissenschaftlichen Expeditionen in das Gebiet, sondern gibt seine reichen Erfahrungen in Sachen der lokalen Flora und Fauna auch gerne an in- und ausländische Besucher weiter. Im Bild ist Wu mit Journalisten von China heute zu sehen.

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