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Innovation in Sachen Umweltschutz: Flusspaten sorgen in Jiangxi für sauberes Wasser

14-11-2017

 

Von Luo Yuanjun

Der August ist in seinen letzten Zügen und bäumt sich mit ein paar letzten Spuren Sommerhitze noch einmal gegen den nahenden Herbst auf, als wir von Nanchang, der Hauptstadt der Provinz Jiangxi, in den rund 40 Kilometer entfernten Kreis Jing’an fahren. Hier reihen sich vor unseren Augen grüne Bergrücken endlos am Horizont auf. Dazwischen plätschert das klare Flusswasser des Beiliao in seinem Lauf. Ein Anblick, der vor allem Bewohner chinesischer Großstädte zum Durchatmen einlädt, allgemeine Wohlfühlstimmung macht sich breit.

Warum ist ausgerechnet hier in Jing’an der Fluss so sauber und sein Wasser so klar, während doch andere Städte und Landstriche Chinas mit den Folgen der Umweltverschmutzung zu kämpfen haben? Wir machen uns auf, den Ursachen für dieses Bild auf den Grund zu gehen, und finden sie zu unserer Überraschung nicht etwa an der Quelle des Beiliao, sondern in dem Dorf, den der Fluss durchströmt.

 

Unterwegs mit dem Flusspaten: Die Journalisten von „China heute“ begleiten Flusspate Wang Qiming (zweiter von links) auf einer seiner Patrouillenfahrten.

 

Eine Patenschaft der besonderen Art

Im Januar 2015 wurde der Kreis Jing’an in die erste Gruppe von Pilotkreisen aufgenommen, die ein innovatives System für die Verwaltung und den Schutz von Flüssen und Seen praktizieren. Dieses System wird hier zunächst drei Jahre lang erprobt. Schon heute aber verbucht der Kreis bemerkenswerte Erfolge, was den Gewässerschutz angeht.

Am Flussufer bietet sich uns ein idyllisches Bild: Dorfbewohner waschen ihr Gemüse im Flusswasser, einige Meter weiter warten Angler geduldig auf ihren Tagesfang. Im Hintergrund weckt ein Mann mit einem großen Strohhut auf einem Bambusfloß unsere Aufmerksamkeit. Mit Volksliedern auf den Lippen fischt er im Flusswasser emsig nach Unrat und Treibgut.

Der Mann heißt Wang Qiming, wie wir erfahren. Er ist Dorfvorsteher des Ortes Hebei in der Gemeinde Shuangxi des Kreises. Täglich wacht er über die Wasserqualität eines festgelegten Abschnittes des Beiliao, fischt mit einem langen Kescher allen Müll und Unrat aus dem Wasser, der ihm vors Floß kommt, und wirft ihn anschließend in einen großen Bambuskorb. „Trotz des jahreszeitlichen Hochwassers und des dadurch aufgewirbelten Schlammes ist die Farbe des Flusswassers heute hellbraun, während sie in der Vergangenheit tiefrot war“, erzählt er uns. „Früher schwammen zu dieser Jahreszeit viele Abfälle an der Wasseroberfläche“, sagt er. Heute ist davon nichts mehr zu sehen.

Dass der Beiliao heute so sauber ist, hat der Ort einem neuen System zur Kontrolle der Wasserverschmutzung zu verdanken, welches die Kreisverwaltung am 17. August 2015 einführte. Dabei werden für jeden Flussabschnitt auf Kreis-, Gemeinde- und Dorfebene feste Verantwortliche eingestellt. Als „Flusspaten“ sind sie jeweils zuständig für die Gewährleistung der Wasserqualität auf ihrem jeweiligen Flussabschnitt. „Insgesamt gibt es in unserem Kreis 63 solcher Flussabschnitte, die jeweils eine Länge von mehr als zwei Kilometern haben“, erklärt uns Zeng Jianping, stellvertretender Kreisvorsteher Jing’ans, der als Flusspate auf Kreisebene fungiert. „Früher waren die Flussabschnitte durch die illegale Ablagerung industrieller Abfallprodukte und die Ableitung von Haushaltsabwasser stark verschmutzt“, erinnert er sich.

 

Wang Shiqin, Direktor des Büros für Gewässerverwaltung und -schutz des Kreises, erklärt wie das Flusspatensystem funktioniert.

 

Durch den energischen Einsatz aller Beteiligten hat sich das Bild jedoch gewandelt. Zeng erklärt uns, wie dies erreicht wurde: „Wir verfolgen die Quelle von Verschmutzungen genau nach und klären die Verantwortlichkeiten“, sagt er. Um die nasse Lebensader des Kreises nachhaltig zu schützen, habe die Kreisverwaltung vor allem in folgenden drei Aspekten große Anstrengungen unternommen: „Zunächst stellen wir sicher, dass kein Abwasser mehr direkt in den Fluss gelangt. Hierfür haben wir in jeder Gemeinde moderne Anlangen zur Abwasserbehandlung eingerichtet und gleichzeitig durch die Anwendung von Bio-Pestiziden und Bio-Düngemitteln die Entwicklung der biologischen Landwirtschaft gefördert.“ Der Kreis wurde als Demonstrationskreis für grüne und kohlenstoffarme Entwicklung ausgewählt. „Zweitens haben wir in den vergangenen zwei Jahren keine neuen Bergbauprojekte durchgeführt und zudem vier bestehende Minen geschlossen, die zu Bodenerosion geführt haben“, so Zeng weiter. „Drittens fördern wir die Müllsortierung sowie das Recycling und die Wiederverwertung von Abfallstoffen.“

Wang Shiqin, Direktor des Büros für Verwaltung und Schutz der Flüsse und Seen des Kreises sowie Leiter der örtlichen Wasserbehörde, erzählt uns, dass vom 24. bis zum 25. Oktober 2016 in Jing’an die erste nationale Konferenz zur Erörterung des Flusspatensystems veranstaltet wurde. „Dies zeigt, dass die Errungenschaften unseres Kreises bei der Bekämpfung der Wasserverschmutzung landesweite Anerkennung finden“, sagt er. In den vergangenen zwei Jahren kamen mehr als 200 Gruppen aus allen Landesteilen nach Jing’an, um von den Erfahrungen des Pilotkreises in Sachen Gewässerschutz zu lernen. „Tatsächlich ist Jing’an nicht der erste Kreis, der dieses System praktiziert. Nur unser Kreis aber hat derart große Erfolge erzielt“, sagt der Parteikader. „Der Schlüssel zum Erfolg liegt in unserem Plan und in den wirksamen Maßnahmen, die wir ergriffen haben, um diesen umzusetzen. Diese sind sehr effizient und zudem landesweit umsetzbar. Der Zustand unseres Kreises unterscheidet sich sicherlich von dem in stärker entwickelten Regionen Chinas. Die Wasserverschmutzung hielt sich bei uns noch in Grenzen, so dass wir einen langfristigen Vorbeugemechanismus zum Wasserschutz etablieren konnten“, sagt Wang.

 

Gut gelaunte Umweltschützer: Wang Qiming (vorne) und seine Mitarbeiter patrouillieren am Flussufer.

 

Alle helfen mit

Sowohl Regierungsbeamte als auch einfache Dorfbewohner können zum Flusspaten ernannt werden. Entscheidend ist der Wille, einen Beitrag zum Schutz der heimischen Wasserumwelt zu leisten. Wer zum ehrenamtlichen Paten für einen Flussabschnitt ernannt wird, dem winken als Dankeschön zahlreiche Vergünstigungen. Beispielsweise können Flusspaten kostenfrei Bus fahren, auch Kinobesuche und Gesundheitsuntersuchungen stehen den Umweltpaten gratis zur Verfügung.

Dieses neue System, das auch einfache Bürger in den Wasserschutz einbezieht, wird erst seit Juni 2017 praktiziert. Die Flusspaten sind verantwortlich für die Verwaltung eines festen Flussabschnitts, der in der Regel in der Nähe ihres Wohnhauses liegt, erklärt Wang Shiqin. „Manchmal bewerben sich gleich mehrere Personen um eine Position“, sagt er.

Für den Kreis zahlen sich die Anstrengungen in Sachen Umweltschutz schon heute aus. Dank der Verbesserung der Wasser- sowie der allgemeinen Umweltqualität kommen immer mehr Touristen nach Jing’an. 2016 erreichte die Zahl der Besucher acht Millionen, im ersten Halbjahr 2017 waren es bereits mehr als fünf Millionen. Der Tourismusboom hat den Bewohnern beachtliche Einnahmen beschert, so dass sie heute die lokalen Gewässer auch im eigenen Interesse schützen. Dazu sagt Flusspate Wang Qiming: „Als ich von der Regierung zum Flusspaten ernannt wurde, habe ich anfangs noch sehr häufig Müll auf der Wasseroberfläche treiben sehen. Auch am Ufer gab es oft wilde Müllablagerungen. Ich habe daraufhin das Gespräch mit meinen Mitmenschen gesucht und versucht, sie zu überzeugen, mir bei der Müllbeseitigung zu helfen. Solche Gespräche musste ich in der Vergangenheit oft führen. Heute sind sich die meisten der Wichtigkeit des Umweltschutzes bewusst. Das freut mich am meisten“, sagt der Freiwillige. Im Kreis Jing’an gibt es insgesamt 38 Einheimische, die zu Flusspaten ernannt wurden. „Vier von ihnen stammen aus meinem Heimatdorf“, fügt Wang nicht ohne Stolz in der Stimme hinzu.

Zwar erhalten die Flusspaten auch eine kleine finanzielle Aufwandsentschädigung für ihren Einsatz, diese beläuft sich allerdings nur auf einige hundert Yuan pro Monat. In der Vergangenheit wollten deshalb nur wenige diesen Job übernehmen. Heute ist der Andrang dagegen groß. „Ein wichtiger Grund liegt sicher auch darin, dass der Fluss mittlerweile viel sauberer geworden ist, so dass die Arbeit für uns Paten wesentlich leichter von der Hand geht. Es liegt aber auch daran, dass sich das Bewusstsein der Bewohner für den Umweltschutz stark erhöht hat“, so Wang.

 

Ein Beispiel geben in Sachen Umweltschutz: Flusspate Wang Qiming spricht über seine Arbeit zum Schutz des Beiliao-Flusses.

 

Einsatz moderner Technologien

Bei der Patrouille am Flussufer macht Wang Qiming auch von Zeit zu Zeit Aufnahmen mit seinem Smartphone. Die Fotos sind keine Erinnerungsschnappschüsse. Er teilt sie in einer speziellen WeChat-Gruppe (WeChat ist Chinas beliebteste Social-Media-App), die das Büro für die Verwaltung und den Schutz der Flüsse und Seen des Kreises eigens als Kommunikationsplattform eingerichtet hat. In dieser WeChat-Gruppe finden sich alle relevanten Mitarbeiter, die sich mit der Verwaltung und dem Schutz der Gewässer des Kreises beschäftigen. Werden Fälle der illegalen Ableitung industrieller Abwässer oder andere Umweltsünden entdeckt, machen die Patrouillen sofort Aufnahmen und laden sie in der WeChat-Gruppe der Mitarbeiter hoch, damit die Flusspaten auf allen drei Ebenen schnell in Aktion treten können.

„Ich patrouilliere in der Regel morgens von sieben bis acht Uhr am Fluss. Nach Feierabend verlasse ich mein Büro um 18.00 Uhr und bevor es nach Hause geht, mache ich noch einen Rundgang am Flussufer“, erzählt uns Wang Qiming. „Wenn ich Probleme entdecke, kümmere ich mich entweder direkt selbst darum oder ich nehme Kontakt mit anderen Kollegen auf, um ihre Unterstützung anzufordern. Wir kommunizieren direkt über unsere WeChat-Gruppe miteinander.“ Die Paten laden oft Fotos von Flüssen und Seen auf der Social-Media-Plattform hoch, damit sich die Regierungskader höherer Ebene jederzeit direkt ein Bild vom Zustand der Gewässer machen können.

Auch in die Anbringung von Überwachungsgeräten hat die Gemeinderegierung Shuangxi investiert, um die Flüsse und Seen in neun Dörfern mit besonders hoher Bevölkerungsdichte und reichen Wasserwegen zu beobachten. Darüber hinaus wurden auch Videosysteme zur Überwachung und zum Schutz vor Hochwasser installiert, mit denen die Flusspaten auf Gemeindeebene direkt von ihrem Büro aus den Zustand der von ihnen beaufsichtigten Gewässer überwachen können.

„Selbst die Experten der Weltbank waren von unserem Flussvorsteher-System tief beeindruckt“, erzählt Wang Shiqin. „Nach einem Besuch hier vor Ort haben sie beschlossen, ein Projekt zur Errichtung eines Kontrollzentrums für Wasserumwelt mit einer Gesamtinvestition von beinahe 50 Millionen Yuan zu starten. Wir sind gerade dabei, die Konstruktionszeichnungen zu erstellen. Sobald das Projekt verwirklicht ist, werden sich die Überwachungsmethoden und –funktionen hier vor Ort noch weiter verbessern“, so der Parteikader.

„Das Projekt wird weitere technische Unterstützung für die Verbesserung unseres Patensystems bieten“, sagt auch Zeng Jianping. „In Zukunft wird ein Überwachungssystem mit High-tech-Methoden den traditionellen von den Flusspaten erstatteten Bericht ersetzen. Wasserqualität und –quantität, die Umweltbedingungen sowie die Veränderung der Flusswege und Uferläufe werden mithilfe der neuen Technologie genau analysiert werden können“, so Zeng.

 

Heimatverbunden: Wang Qiming vor seinem neuen Wohnhaus

 

Derzeit wird die Wasserqualität aller Flüsse, die durch den Kreis fließen, mit der nationalen Stufe zwei bewertet, was bedeutete, dass das Wasser nach bestimmten Reinigungsprozessen wie Flockung, Sedimentation, Filtration und Desinfektion zum Trinken geeignet ist. Nur wenn Sturzfluten auftreten, verschlechtert sich die Wasserqualität in gewissem Umfang.

Um die ökologische Wasserumwelt in Zukunft noch weiter zu verbessern, arbeitet die Kreisverwaltung Jing’an schon heute mit der Water Resources Investment Group der Provinz Jiangxi zusammen. Geplant ist, insgesamt zehn Milliarden Yuan zu investieren, um den ökologischen Schutz und die umfassende Regulierung des Einzugsgebietes des Beiliao-Flusses zu fördern. Für die kommenden Jahre ist also zu erwarten, dass sich die Qualität des Flusswassers in Jing’an mit Hilfe moderner Wissenschaft und Technik noch weiter verbessern wird und der Kreis zu einer noch grüneren Oase im Umkreis der Provinzhauptstadt Nanchang heranreift.

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