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Chinas Schwerindustrie im Umbruch: Wohin mit den freigesetzten Arbeitern?

24-05-2016

 

 

Von Jiao Feng

 

Chinas Wirtschaft hat mittlerweile in vielen Branchen mit beträchtlichen Produktionsüberschüssen zu kämpfen. Betroffen sind insbesondere Bereiche wie Stahl, Kohle, Beton und Tafelglas. In diesen Branchen wird längst mehr produziert, als Nachfrage besteht. Chinas Regierung plant, die Ressourcen dieser Branchen auf neue Industriezweige zu verlagern, die in Zukunft die Stütze der chinesischen Wirtschaft bilden sollen. Doch bisher stockt dieses Vorhaben. Längst sind weitere Probleme wie ausstehende Kredite und riskante Unternehmenskredite hinzugekommen. Zudem droht sich das Ungleichgewicht auch zunehmend negativ auf andere Industriebranchen auszuwirken. Chinas Regierung hat deshalb angekündigt, in diesem Jahr mit Hochdruck daran zu arbeiten, Produktionsüberschüsse sukzessive abzubauen.

 

Die jüngste Arbeitssitzung für Wirtschaft des Zentralkomitees der KP Chinas hat beschlossen, gesetzmäßige Konkursverfahren durchzuführen und diesbezügliche Verhandlungen vor Gericht aktiv zu beschleunigen. So sollen besonders ressourcenintensive und unrentable Betriebe nach und nach stillgelegt werden.

 

All diese Maßnahmen stellen Chinas Wirtschaft allerdings vor ein riesiges Beschäftigungsproblem: Wohin in Zukunft mit der überschüssigen Belegschaft stillgelegter Firmen? Untersuchungen zeigen, dass die Umwälzungen überwiegend arbeitsintensive Branchen betreffen dürften. So ist abzusehen, dass allein in der Stahl- und Kohleindustrie 1,8 Millionen chinesische Arbeiter ihren Job verlieren könnten. Im ganzen Land sind rund 10 Millionen Stellen bedroht. Eine riesige Herausforderung, die es für die chinesische Regierung nun zu lösen gilt.

 

Einem Bericht des Ministeriums für Humanressourcen und soziale Absicherung zufolge bieten sich grundsätzlich vier Wege an, um Belegschaftsteile, die ihre Stelle verloren haben, wieder in ein Beschäftigungsverhältnis zu vermitteln: Zum einen sind Umverteilungen innerhalb des jeweiligen Unternehmens denkbar, zum anderen könnten ältere Arbeitnehmer in den Vorruhestand entlassen werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, neue Arbeitsstellen im Bereich des Gemeinwohls zu schaffen. Als letzte Lösung bleiben dann nur noch betriebsbedingte Kündigungen, nach deren Ausspruch sich die Betroffenen selbst um eine neue Anstellung bemühen müssten. Chinas Regierung hat bereits angekündigt, allein in diesem Jahr 100 Milliarden Yuan, umgerechnet also 13,5 Milliarden Euro, in die Umverteilung und Neuvermittlung betroffener Arbeiter investieren zu wollen.

 

Künftig mehr Schutz für Industriearbeiter

 

Eines der Unternehmen, die von der industriellen Umstrukturierung betroffen sind, ist die Firma Sino-Stahl Xingtai, die im Jahr 1958 gegründet wurde und ihren Firmensitz in der Stadt Xingtai (Provinz Hebei) hat. Die Firma produziert unter anderem Walzwerkrollen und Walzmaschinen. 2007 war der chinesische Betrieb hier weltweiter Branchenführer. 2012 aber rückte Sino-Stahl Xingtai auf die Liste der stark verschmutzenden Unternehmen der Stadt Xingtai. Danach setzte der Betrieb auf verschiedene Maßnahmen, investierte unter anderem große Summen, um die Umweltfreundlichkeit seiner Maschinen zu erhöhen, setzte gar manche Arbeiten vorübergehend aus, um die Verschmutzung zu reduzieren. Doch all dies trieb auch die Kosten der Firma weiter in die Höhe. Viele Mitarbeiter wurden in der Umstellungsphase bereits in andere Abteilungen versetzt und mussten Nach- und Umschulungen durchlaufen. Davon waren allein bei Sino-Stahl Xingtai im Zuge der jüngsten Umstrukturierungen mehr als 2000 Arbeiter betroffen. „Die Flaute auf dem internationalen Stahlmarkt, weniger Aufträge und der anhaltende Preisverfall setzen unser Unternehmen zunehmend unter Druck“, sagt ein führender Mitarbeiter der Firma auf Anfrage.

 

Einstiger Branchenführer: Das 1958 gegründete Unternehmen Sino-Stahl Xingtai produziert unter anderem Walzwerkrollen und Walzmaschinen. 2007 war der chinesische Betrieb hier weltweiter Branchenführer. 

 

Einer der Arbeiter, die von den Umstrukturierungen direkt betroffen waren, ist Zhang Yushan. Für den 40-Jährigen bedeuteten die Neuerungen große persönliche Einschnitte. Ursprünglich arbeitete Zhang im Bereich Verpackung bei Sino-Stahl Xingtai. Sein Monatseinkommen belief sich auf 3000 Yuan (rund 400 Euro). Es reichte aus, um ihn und seine Familie zu ernähren. Doch angesichts der Umstrukturierungsmaßnahmen wurde die Produktion deutlich reduziert. Danach blieben dem Familienvater durch die verkürzten Arbeitszeiten unterm Strich nur noch gut 1200 Yuan (160 Euro) pro Monat zum Leben übrig. Die finanziellen Probleme setzten dem 40-Jährigen mehr und mehr zu. Schließlich entschied er sich, seine Stelle aufzugeben und eine Umschulung zum Sicherheitsmann anzutreten. Die neue Stelle, die ihm mit Unterstützung der Regierung vermittelt werden konnte, lockte nicht nur mit einem geregelten Einkommen, sondern auch mit einem höheren Monatslohn.

 

2014 gab die Regierung der Provinz Hebei ihre Politik „Drei Subventionen und eine Reduzierung“ bekannt. Sie soll kriselnde Unternehmen unterstützen und die Beschäftigungslage stabilisieren. Im Zuge des Programms greift ein Fonds geprüften Unternehmen gezielt bei ihren Ausgaben für Ausbildungs-, Arbeits- und Sozialversicherung unter die Arme. Außerdem werden Unternehmen dazu ermutigt, Mitarbeiter im eigenen Betrieb bei Bedarf zu versetzen. So sollen betriebsbedingte Kündigungen möglichst vermieden werden. Wenn der Lohn der Arbeiter weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in der Gesellschaft beträgt, müssen Arbeitnehmer wie Arbeitgeber nur aufgrund des realen Einkommens die verbindlichen Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Dadurch wird die Unternehmensbelastung merklich erleichtert. Dank dieser neuen Politik bekam Sino-Stahl Xingtai bisher rund 7,7 Millionen Yuan (ca. eine Million Euro) an Unterstützungsleistungen. Seit Einführung einer neuen Arbeitslosenversicherungspolitik im Juli 2014 wurden in Xingtai insgesamt 58,52 Millionen Yuan (7,9 Millionen Euro) für mehr als 50.000 Mitarbeiter aus insgesamt 39 Unternehmen gezahlt.

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