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Ressource Bauschutt: Nachhaltige Nutzung eines Abfallprodukts des chinesischen Aufstiegs

31-08-2016

 

Von Dang Xiaofei

Auf einer Messe wurde der Beijinger Liu Xiaofan auf eine fast zwei Meter große Skulptur aufmerksam, die auf den ersten Blick aus Bronze gefertigt schien. Als Liu jedoch nachfragte, erfuhr er, dass es sich bei der Plastik in Wirklichkeit um ein Recycling-Produkt aus Bauschutt handelte. Der Hauptstädter wurde hellhörig. Ihm kam sofort der Haufen unbrauchbaren Bauschutts neben seinem eigenen Wohnhaus in den Sinn. Ließe sich vielleicht auch dieser am Ende in ein Kunstwerk verwandeln?

Jedes Jahr, wenn in Beijing die ersten warmen Frühlingstage ihre Fühler ausstrecken, erwacht der Renovierungsgeist der Hauptstädter. Dann beginnt die Saison der Um- und Neubauten. Liu Xiaofan lebt in einem Wohnviertel an der westlichen dritten Ringstraße. Jedes Jahr im Frühjahr türmt sich neben seinem Zuhause der Bauschutt. Die Luft der Nachbarschaft ist von Staub geschwängert, der sich auch sichtbar auf seinem eigenen Balkon absetzt.

Ein Bild, das den „Metabolismus“ chinesischer Städte zu verkörpern scheint, wie vielleicht kaum ein anderes. In den vergangenen Jahren fielen nämlich in ganz China jedes Jahr etwa 1,55 bis 2,4 Milliarden Tonnen Bauschutt an. Sie machten 40 Prozent der gesamten Abfallmenge chinesischer Städte aus. Der Schutt bestand hauptsächlich aus ausgehobenem Erdreich, überschüssigen Baumaterialien und übriggebliebenem Zement, allesamt Abfallprodukte, die beim Bau der städtischen Infrastruktur, der Verlegung oder Entfernung von Rohrnetzen oder bei der Renovierung von Privathäusern angefallen waren.

Als Wang Qiang vor mehr als zehn Jahren erstmals nach Beijing kam, arbeitete er zunächst als LKW-Fahrer für den Abtransport von alten Baustoffen. Mittlerweile hat er sein eigenes Transportunternehmen für dieses Geschäft gegründet. Es gibt wohl nur wenige, die das explosive Wachstum des städtischen Bauschutts so hautnah miterlebt haben, wie er. „Man kann sich manchmal gar nicht vorstellen, dass der Abtransport des Schutts eines Tages überhaupt zu bewältigen ist. Bei jedem neuen Bauprojekt fällt auch wieder neuer Schutt an“, sagt er. Mittlerweile gebe es in der Beijinger Vorstadt keine einzige freie Schuttgrube mehr. Noch bis vor einigen Jahren, so erinnert sich Wang, hätten die Menschen Baureststoffe einfach in jede beliebige Grube gekippt, weil es an standardisierten Verwaltungsmaßnahmen im Bereich der Entsorgung gefehlt habe. Allein im Jahr 2015 gab es in Beijing mehr als 3700 Baustellen, die schätzungsweise 40 Millionen Tonnen Baureststoffe erzeugten.

Auch Professor Wang Yimin, der am Architekturinstitut der Tsinghua-Universität lehrt, bestätigt diese Einschätzung. „Die rasche Urbanisierung der letzten Jahrzehnte, die mit dem Abriss vieler alter und dem Bau vieler neuer Gebäude einherging, hat Unmengen von Bauschutt in China erzeugt. Leider waren die Ideen und auch die Methoden zur Behandlung der Abfälle lange veraltet“, sagt er. Als Folge sahen sich viele chinesische Städte von Bauabfällen regelrecht umzingelt.

„Zu den traditionellen Methoden zur Behandlung von Abfällen zählen das Aufhäufen, Verbrennen und Deponieren“, erklärt Wang, „die allerdings allesamt zu einer starken Wasser-, Luft-, und Bodenverschmutzung beitragen. Außerdem haben diese Methoden einen großen Flächenbedarf.“ Hinzu kämen Bedenken, was die Sicherheit angehe, so der Experte.

„Bei genauerem Hinsehen handelt es sich bei Bauschutt jedoch um eine wertvolle Ressource“, sagt Guo Haibin, der Generalsekretär der Chinesischen Strategischen Allianz der Bauschuttrecycling-Industrie. „Die Reststoffe können als wiederverwertbare Rohstoffe genutzt werden“, sagt er.

Wie aus altem Schutt wertvolle Ressourcen werden

Was genau tun aber mit fragmentierten Ziegelsteinen und zerkleinerten Betonblöcken? Zum Beispiel Baustoffe und Bauzuschlagstoffe herstellen! Dieses Recycling-Wunder ereignet sich jeden Tag in der Beijinger Firma Yuantaida Environmental Protection Technology.

Yuantaida ist das erste Unternehmen der Hauptstadt, das aus der Wiederverwertung recycelten Bauschutts Kapital schlägt. Es produziert eine ganze Reihe erneuerbarer Produkte wie Zement- und Asphaltbeton sowie anorganische und ökologische Materialien zum Bau von Straßen, zur Herstellung von Zuschlagstoffen für Sand und Kies, zur Produktion von aktiven Partikeln (als Zementersatz), sauberen Brennstoffen, Holzkohle und Brandbeschleuniger, biologischen Pestiziden sowie Stoffen zur Verbesserung der Bodenqualität aus alten Materialien.

 

Landesweiter Vorreiter: Yuantaida ist das erste Unternehmen Beijings, das aus der Wiederverwertung recycelten Bauschutts Kapital schlägt.

 

Beim Besuch des Unternehmens bin ich von den ausgestellten Produkten, die allesamt aus altem Bauschutt kreiert wurden, tief beeindruckt. Im firmeneigenen Park reihen sich Skulpturen, Bänke und andere Einrichtungen aneinander, die allesamt aus recycelten Bauabfällen erschaffen wurden. Kaum zu glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte!

Der technische Direktor der Firma, Wang Gongsheng, erklärt mir unterdessen, über welche Verfahren aus den Reststoffen neue Produkte werden: Am Anfang stehe zunächst eine genaue Trennung und Sortierung, in einem zweiten Schritt werden die Reststoffe dann zerkleinert, noch einmal feiner sortiert und schließlich umgeformt. Anschließend folge die Verarbeitung des entstandenen Pulvermaterials sowie anderer Sorten von Baustoffen. Durch die Weiterverarbeitung entstünden so schließlich neuer Hochleistungsbeton, ökologische und anorganische Materialien, Verbundwerkstoffe für den Straßenbau, Recycling-Mörtel und vieles, vieles mehr.

Auch Altmetalle sind nicht einfach bloß Schrott, sondern können eingeschmolzen in einer Vielzahl von Stahlprodukten ein neues Leben finden, wie ich erfahre. Während gebrauchte Hölzer, Bambusse und Sägemehl wiederum verwendet werden, um neue, künstliche Bretter herzustellen. Auf Baustellen können gebrochene Steine und Betonblöcke nach dem Quetschen den Sand ersetzen. Besonders erwähnenswert ist vielleicht, dass die erneuerbaren Pulver aus Bauschutt auch einen prima Grundstoff für 3D-Druck-Bauten bilden.

„Unsere Recycling-Produkte werden mehreren Tests in Bezug auf Radioaktivität, ätzende Wirkung oder andere Umwelteinflüsse unterzogen, bevor sie auf den Markt gelangen“, betont Projektmanager Wu Sheng. „Solange sie den nationalen Normen entsprechen, unterscheiden sie sich quasi nicht von anderen handelsüblichen Erzeugnissen. Und unter den gleichen Bedingungen haben sie zudem einen Preisvorteil“, fügt er hinzu.

 

Um neue Produkte aus Reststoffen herzustellen, sollten zunächst eine genaue Trennung und Sortierung durchgeführt werden.

 

Null-Emissionen

Breite Straßen gesäumt von Grünflächen mit Blumen und Bäumen, hier und da ein Vogelzwitschern – das Fabrikgelände von Yuantaida gleicht zu meiner Überraschung eher eine Parkanlage. Niemand hätte wohl auf den ersten Blick vermutet, dass hier eine Fabrik zur Aufbereitung von Bauschutt liegt.

Das Summen der Maschinen ist nur in den Werkshallen zu hören, da alle Bauten von außen mit schallabsorbierenden Platten isoliert sind. „Kein Staub, kein Geruch und auch kein Rauch werden hier während des Zerkleinerungs- und Zersetzungsprozesses freigesetzt“, sagt Chefwissenschaftler Dr. Zhang Ying. „Testergebnisse zeigen, dass die Emissionen unseres Unternehmens deutlich unter dem von der Stadtregierung festgelegten Mindeststandard bleiben“, so Zhang.

Auch das in der Fabrik erzeugte Abwasser kann bis zu 100 Prozent recycelt werden. „Abwasser wird in zwei Verfahren erzeugt“, erklärt Wu Sheng. „Zum einen bei der Produktion von Recycling-Kiesen. Hier trennen wir dann den Schlamm vom Wasser und das aufgearbeitete Wasser wird zur Spülung anderer Baustoffe verwendet. Nachdem der Schlamm sich abgesetzt hat, wird er in sogenannte Schlammkuchen gepresst, aus denen dann wiederum Keramikpulver hergestellt wird. Das andere Verfahren ist die Produktion von Beton. Hier verwenden wir Maschinen, um Wasser und Kies sauber zu trennen.“

In der Tat ist es dem Unternehmen in drei Bereichen gelungen, seine eigenen Abfallstoffe zu hundert Prozent zu recyceln. Alle Bau-Reststoffe werden nach der Trennung und Verarbeitung in erneuerbare und umweltfreundliche Materialien umgewandelt. Das gesamte Produktionsverfahren entspricht den Umweltschutznormen. Und alle Recycling-Produkte wurden zudem bereits in einer Vielzahl von Bauprojekten erfolgreich erprobt und entsprechen den örtlichen Industriestandards, weshalb sie auf ein großes Marktinteresse stoßen.

„Die eingesetzten Schlüsseltechnologien zur Behandlung von Bauschutt und der Produktion von Recycling-Produkten haben wir selbstständig entwickelt“, sagt Wu Sheng. Seit 2006 habe das Unternehmen jährlich rund 100 Millionen Yuan, umgerechnet rund 13,2 Millionen Euro, investiert, um Forschung und Entwicklung voranzutreiben.

Heute hat Yuantaida eine Jahreskapazität zur Behandlung von 1,5 Millionen Tonnen Bauschutt. Dadurch können jedes Jahr 20.000 Tonnen Standardkohle eingespart und die örtlichen Kohlendioxid-Emissionen um rund 30.000 Tonnen reduziert werden. Da die chinesische Regierung die Behandlung von Bauschutt fördert, erhält der Betrieb jährlich rund drei Millionen Yuan (340.000 Euro) an Subventionen.

Bei einem Jahresumsatz von rund 500 Millionen Yuan fällt dieser Zuschuss allerdings kaum ins Gewicht. Was die zukünftige Entwicklung des Unternehmens betrifft, so sagt Wu: „Wir planen, Bauschuttentsorgungsanlagen in 300 mittelgroßen und großen Städten Chinas einzurichten.“ Als nächster Schritt sollen hierfür zunächst geeignete Städte als Pilotstädte gefunden werden, um so die Erfahrungen der Firma landesweit zu nutzen.

 

Ein weiterer wichtiger Arbeitsschritt ist die Zerkleinerung der Reststoffe.

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