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Renaissance durch Restaurierung – der Architekt Wu Chen im Porträt

28-06-2017

 

Von An Xinzhu

 

 

An dem höchsten Bauwerk Beijings, dem „China Zun“ (ein Wolkenkratzer mit der Form eines antiken Weinbehälters namens „Zun“), wird derzeit mit Hochdruck gebaut, ein Bahnhof der vierten Generation befindet sich in der Planungsphase und zahlreiche historische Bauten werden restauriert – all diese Bauwerke haben bereits tiefe Spuren in der Geschichte der chinesischen Architektur hinterlassen – oder werden es noch. Dabei ist anzumerken, dass die Bauentwürfe aus der Feder des Architekten Wu Chen stammen. Er ist Experte für städtische Planung sowie für die Erhaltung des Kulturerbes in der Architektur.

 

Für die Wiederbelebung der alten Geschäftsstraße Dashilar wendeten Baukünstler Wu und sein Team mehr als zehn Jahre auf. Schließlich konnte man sich doch auf ein Konzept einigen. Demnach sollte dieses Viertel seine historische Tradition beibehalten und zugleich das moderne Leben in diese Tradition integrieren. Hier zeigt Wu seinen ausländischen Fachkollegen das Modell der Restaurierung.

 

Wu Chen wurde in Beijing geboren und wuchs auch in dieser Millionenmetropole auf. Im Jahr 1995 reiste er nach Großbritannien, um Architektur zu studieren. Nach seinem Abschluss wurde er Mitglied des Chartered Institute of Building und des Royal Town Planing Institute in Großbritannien und erlangte damit die ranghöchsten Titel im Bauwesen. Er kehrte durch das „Rekrutierungsprogramm für globale Experten“ der chinesischen Regierung in sein Heimatland zurück und wurde zuerst als ranghoher Experte angestellt. Heute ist er Chefarchitekt des Beijing Institute of Architectural Design.

 

Rückkehr mit einem Traum von der Renaissance

 

„Die menschlichen Aktivitäten und Interaktionen sind die wichtigsten Elemente des städtischen Lebens. Aber viele Städte haben diese Elemente bei ihrer rasanten Entwicklung völlig ignoriert“, sagte Wu. Vor der Jahrhundertwende hätten viele chinesische Städte blindlings nach dem Bau von skulpturalen Gebäuden und als Wahrzeichen dienenden Bauten gestrebt. Auch die traditionsreiche Hauptstadt der Volksrepublik sei betroffen und zu einem Versuchsfeld ausländischer Architektenbüros verkommen, während die Stadtplanung und der Denkmalschutz in Europa viel strenger gehandhabt würden, kritisierte der Fachmann. Im Hinblick auf diese bedauernswerte Entwicklung hatte Bauingenieur Wu bereits vor seiner Rückkehr eine wissenschaftlich begründete Polemik gegen diese Tendenz geschrieben, was letztendlich auch zu seiner Rückkehr führte. Er fasste den Entschluss, nach China zurückzukehren, um Bauwerke in chinesischem Stil zu errichten. Während seiner beruflichen Tätigkeit in London war der Architekt aus China bereits an mehreren Großbauprojekten, wie beispielsweise an der Gestaltung des Sitzes des Ministeriums für Innere Angelegenheiten des Vereinigten Königreichs, beteiligt. Wu stellte fest, dass viele alte Bauten, wie etwa verlassene Fabrikhallen in der Stadtmitte, in britischen Städten nicht wie nutzlose Baulichkeiten oder städtischer Schrott behandelt wurden. Stattdessen wurden sie für andere Zwecke umgestaltet und ihnen dadurch neues Leben eingehaucht. Das Konzept der „städtischen Renaissance“, das aus den 1980er Jahren stammt, beeinflusste Wu sehr. Aus seiner Sicht lässt sich in der historischen Akkumulation an Baustilen Londons die Bedeutung der Übernahme und Fortführung des Kulturgeistes erblicken. Die Renaissance einer Stadt sei vergleichbar mit dem Wiederaufleben der Antike in Literatur und Kunst, weil es bei den beiden Bestrebungen um die vollkommene Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart zu einer noch reichhaltigeren geistigen und materiellen Welt gehe. Diese Erkenntnis bildete nach seiner Rückkehr nach China schließlich Wus Leitgedanken für die Stadtplanung und die architektonische Gestaltung von Gebäuden.

 

Aus starker Heimatliebe setzt Wu seine Erkenntnisse über die städtische Renaissance in Beijing in die Tat um. Seit dem Jahr 2001 bemüht er sich, die technischen Innovationen aus der Stadtplanung in die Baupraxis umzusetzen. Er stellte im Jahr 2002 eine chinesische „Theorie über die städtische Renaissance“ auf, um Lösungen für die Probleme bei neuesten Phase der städtischen Entwicklung anzubieten.

 

Traditionellem Fluidum moderne Vitalität verleihen

 

Seit mehr als einer Dekade hat Architekt Wu mit seinem Team zahlreiche bedeutende Forschungs- und Entwurfsarbeiten geleistet. Diese deckten viele traditionsreiche Schutzgebiete der Altstadt Beijings ab, wie z. B. die Nord-Süd-Achse der ehemaligen kaiserlichen Hauptstadt, die Geschäftsstraße Dashilar, den Tempel der WeißenPagode, das Sehenswürdigkeitsgebiet Shichahai und das Hutong Nanluoguxiang (Altstadtviertel Südliche Gong- und Trommelgasse) sowie das Ostgebiet des Vorderen Tors der Stadt.

 

Auf der Grundlage seiner tiefgehenden Forschungsarbeiten sowie seiner weitgefächerten Praxiserfahrung hat der Denkmalschützer Wu das „Konzept des aktiven Schutzes, der ganzheitlichen Kreativität und der umfassenden Wiederbelebung“ entwickelt. Demnach soll das traditionelle Antlitz der Hauptstadt erhalten bzw. wiederhergestellt, die geistig-historische Kontinuität fortgeführt und beim städtischen Aufbau die gesunde und nachhaltige Entwicklung der Hauptstadt gefördert werden.

 

Dafür bildet das Hutong Nanluoguxiang ein Paradebeispiel. Diese Gasse besitzt als eine der ältesten Gassen Beijings auch heute noch das typische Flair der Hutong-Kultur. Um den Umbau und die Restaurierung der alten Gasse voranzutreiben, hat der Stadtplaner Wu mit seinem Team die „Richtlinien zur Kontrolle und Beibehaltung des Antlitzes des Hutong Nanluoguxiang“ ausgearbeitet. Dieses Papier dient vor allem dazu, das Problem zu lösen, dass in den vergangenen Jahren zur Anziehung von Touristen planlos und unästhetisch errichtete Bauwerke abgerissen werden, das Hutong wieder in seinen ursprünglichen Zustand gebracht und in diesem Sinne ein Umbau realisiert wird. Diese Richtlinien sind zudem die ersten Normen ihrer Art zur Erhaltung des Antlitzes der Altstadt Beijings. Sie enthalten die genauen Abmessungen für alte Straßen und Wohnhöfe sowie Türen und Fenster. Durch ihre Umsetzung sollte die Altstadt Beijings wiederhergestellt werden.

 

Die Restaurierung der Geschäftsstraße Dashilar, die nur 200 Meter vom Tian’anmen-Platz entfernt liegt, gestaltete sich noch schwieriger. In der Geschichte Beijings diente diese Geschäftsstraße als die zentrale Einkaufsmeile. Auch heute noch machen Touristen gerne einen Bummel durch die Straße. Da aber in deren Umgebung nach der Jahrhundertwende riesige Einkaufszentren wie Pilze aus der Erde schossen, wurde dieses traditionsträchtige Viertel immer weiter heruntergewirtschaftet.

 

Für die Wiederbelebung dieser alten Geschäftsstraße wendeten Baukünstler Wu und sein Team mehr als zehn Jahre auf. Jedes alte Haus und jede alte Säule wurden genau gemessen und Dutzende Pläne für die Restaurierung entworfen und wieder verworfen. Schließlich konnte man sich doch auf ein Konzept einigen. Demnach sollte dieses Viertel seine historische Tradition beibehalten und zugleich das moderne Leben in diese Tradition integrieren. Wenn man heute durch diese Straße bummelt, dann hat man das Gefühl, dass die restaurierten und mit modernem Ambiente ausgestatteten Bauwerke eine neue Vitalität ausstrahlen, die der eigentümlichen Atmosphäre der historischen Hutongs gerecht wird.

 

Im Jahr 2010 gewann Wu mit seinen Konstruktionsplänen die Ausschreibung für das höchste Bürogebäude in Beijing, bei dem es sich um das eingangs genannte „China Zun“ handelt. Dieses ist 528 Meter hoch und liegt im Kerngebiet des Beijinger Hauptgeschäftsviertels. Dieses Mammutbauwerk wurde von chinesischen Architekten mit Wu an der Spitze entworfen und befindet sich heute noch im Bau. Das Bauwerk ist auch deshalb so bekannt, weil es nach der Fertigstellung das weltweit höchste Gebäude in einem Gebiet mit einem möglichen Erdbeben der Stärke acht auf der Richterskala ist.

 

Es war zweifelsohne nicht einfach, als Sieger aus dem Wettbewerb um die Ausschreibung hervorzugehen, zumal fast sämtliche renommierte internationale Architekturbüros und Architekten daran teilnahmen. Der von Wu und seinem Team vorgelegte Bauplan wies aber deutlich mehr Vorzüge als die anderen 80 eingereichten Pläne auf und machte deswegen schließlich das Rennen. Der Name „Zun“ ist auch auf Baumeister Wu zurückzuführen. Denn dieses Bauwerk sehe laut Wu wie ein „Zun“ aus – ein Weinbehälter, der in der chinesischen Tradition für Rituale verwendet wurde. Damit solle diesem modernen Wolkenkratzer der traditionelle geistige Sinngehalt chinesischer Bauwerke verliehen werden, betonte der Fachmann.

 

„Chinesische Stararchitekten von Weltruf hervorbringen“

 

„Ich bin glücklich, dank des Rekrutierungsprogramms für globale Experten der Regierung in mein Heimatland zurückkehren zu können. Nach meiner Rückkehr werde ich ohne jegliche Einschränkungen arbeiten können, was für die berufliche Entfaltung eines Architekten traumhaft ist“, sagte er weiter. Im Jahr 2015 wurde das Beijinger Forschungszentrum für städtische Planung und Restaurierungstechnologien gegründet und Wu wurde zum Direktor ernannt. Es handelt sich um die erste Forschungsinstitution ihrer Art im ganzen Land. „Ich bin ein Architekt, ein Stadtplaner und auch ein Forscher“, erklärte Wu. „Ich hoffe, dass meine Werke in engster Verbindung mit der rasanten Entwicklung und Veränderung in China stehen werden.“.

 

Mittlerweile ist China ein Land, das über die weltweit längsten Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken und die größte Anzahl an Aufbauprojekten verfügt. Bahnhöfe und Verkehrsknotenpunkte spielen eine immer wichtigere Rolle. Wu hat die Konstruktionspläne für moderne Bahnhöfe in Metropolen wie Guangzhou, Nanjing und Qingdao entworfen, die auch von den modernsten Hochgeschwindigkeitszügen angefahren werden können. Zudem entwickelte er auch das Konzept für Bahnhöfe der vierten Generation, bei dem es um die „Integration von Bahnhöfen in die Stadt“ geht. Demnach soll die Stadtplanung eine Plattform bilden, durch die die Bahnhöfe eine zentrale Rolle im städtischen Entwicklungsraum spielen.

 

Die Wiederbelebung des industriellen Erbes fördert die Rekultivierung der städtischen Industriebrachflächen und die wirtschaftliche Transformation. Seit 2009 arbeitet Wu mit seinem Team an einem städtischen Umbauplan für den früheren Standort des Eisen- und Stahlwerks der Shougang-Gruppe. Vor den Olympischen Sommerspielen im Jahr 2008 wurden viele Produktionsanlagen in die Industrieparks der Nachbarprovinz Hebei verlagert. Allerdings konnte das landesweit größte industrielle Umbauprojekt bis heute noch nicht in die Tat umgesetzt werden. Aufgrund der bereits erzielten Forschritte, an denen Wu und seine Kooperationspartner maßgeblich mitwirkten, hat sich inzwischen das Organisationskomitee für die Olympischen Winterspiele 2022 auf dem umgebauten Werksgelände niedergelassen. Die Stadtplaner haben sich zum Ziel gesetzt, das gesamte Fabrikgelände des ehemaligen Eisen- und Stahlwerks zu einem weltweiten Vorzeigeumbaugebiet für Industriegelände umzugestalten.

 

Seit 2016 arbeitet Wu unter Zuhilfenahme mathematischer Modelle an der Analyse komplizierter städtischer Probleme und an Simulationen, um den Aufbau des Nebenzentrums Beijings in dessen östlicher Vorstadt Tongzhou wissenschaftlich zu unterstützen. Dabei werden die von Wu entwickelten präzisen Simulationsmodelle landesweit zum ersten Mal angewendet. Der Aufbau von Tongzhou zum Nebenzentrum zielt darauf ab, die Nebenfunktionen von Beijing, die nicht zu dessen Rolle als Hauptstadt gehören, zu verlagern, den Entwicklungsraum der Metropole zu regulieren und die koordinierte Entwicklung der Städte Beijing und Tianjin und der Provinz Hebei zu unterstützen. Dafür bieten die wissenschaftlichen Arbeiten des Architekten Wu neue Ansichten, Argumente und Beweise.

 

„Für die Altstadt Beijing bieten sich jetzt große Chancen für eine umfassende kulturelle Renaissance“, stellte der Ausnahmearchitekt fest. Aus Wus Sicht ergeben sich auch aus dem Aufbau des Nebenzentrums der Hauptstadt und der Planung der Neuen Zone Xiongan große historische Chancen. „Die Architekten und Erbauer sollten diese Chancen beim Schopfe packen“, meinte Wu. „China wird schon in unserer Generation Architekten von Weltruf hervorbringen.“

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