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Die Kraft der Gemeinschaft nutzen: Ein chinesisches Dorf findet den Weg aus der Armut

01-12-2017

 

Von Zhou Lin

Die Provinz Guizhou im Südwesten Chinas ist eine der ärmsten Regionen der Volksrepublik. Zwar ist es Chinas Regierung während der Periode des 12. Fünfjahresplanes zwischen 2011 und 2015 gelungen, hier rund 6,56 Millionen Menschen aus der Armut zu befreien, doch trotz aller Anstrengungen warten noch immer rund 3,722 Millionen Menschen - so viele Einwohner wie die Gesamteinwohnerzahl Zahl Roms - in Guizhou darauf, Anschluss zu finden an den rasanten Aufschwung des übrigen Landes und damit endgültig die Fesseln der Armut abzustreifen. Die Provinzregierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, im laufenden Jahr eine weitere Million Menschen aus der Armut zu befreien. Welche Maßnahmen hat sie konkret ergriffen, um dieses Ziel zu erreichen? „China heute“ ist in die Region im Südwesten des Landes gereist und hat einige arme Dörfer und Landstriche auf dem Verwaltungsgebiete der Großstädte Anshun und Liupanshui besucht, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen.

Armut weckt den Wunsch nach Veränderung

Unsere Fahrt führt uns in den Ort Tangyue, der verwaltungsmäßig der Stadt Anshun untersteht. Tangyue war lange eines der ärmsten Dörfer der Gegend. Durchschnittlich verdienten die Menschen hier weniger als 4000 Yuan pro Kopf und Jahr, das sind umgerechnet gerade einmal 520 Euro. Die Wirtschaftsleistung des Ortes lag bei verschwindend geringen 40.000 Yuan jährlich (5200 Euro). Ihr Geld verdienten die Einwohner vor allem in der traditionellen Landwirtschaft. Die Einkünfte reichten in der Vergangenheit geradeso aus, um sich eine karge Existenz mit dem Lebensnotwendigsten zu sichern.

Zhang Fuyou und seine beiden Brüder gehörten damals zu den Dorfbewohnern, die ein solches ärmliches Dasein führten. Um ihre Familien zu ernähren, bewirtschafteten sie gemeinsam ein Stück Ackerland. Trotz harter Arbeit reichten die Erträge nur mit Mühe aus, um die Familie mit dem Nötigsten wie Nahrung und Kleidung zu versorgen. Die wirtschaftliche Situation war so aussichtslos, dass sich Zhang Fuyou im Jahr 1998, damals war er 34 Jahre alt, gezwungen sah, seine Heimat zu verlassen, um sich nach lukrativeren Arbeitsmöglichkeiten in der wirtschaftlich wesentlich besser entwickelten Küstenprovinz Zhejiang im Südosten Chinas umzusehen.

Fern der Heimat hangelte sich Zhang von einem Gelegenheitsjob zum nächsten. Über zehn Jahre ging das so. Seine Einkünfte genügten trotzdem lediglich, um das tägliche Überleben zu sichern. Im Jahr 2010, mittlerweile war er 46, merkte Zhang allmählich, wie ihm die körperliche Arbeit zunehmend schwer fiel und ihn die Kräfte verließen. Hinzu kam, dass die Sehnsucht nach der Heimat mit jedem Monat und Tag wuchs. Zhang entschloss sich deshalb, in sein Heimatdorf zurückzukehren.

Zu seinem Erstaunen stellte Zhang nach seiner Rückkehr fest, dass sich in Tangyue seit seiner Abreise kaum etwas verändert hatte. Einige der Felder der Familie wurden mittlerweile durch die Übertragung der Nutzungsrechte von anderen Einheimischen kultiviert, während die übrigen brachlagen und von Unkraut überwuchert waren. Der Nachwuchs des Dorfes war fast vollständig in die Städte abgewandert, um sich ebenfalls als Wanderarbeiter zu verdingen. Zurückgeblieben waren nur Alte und Kinder.

Noch schlimmer wurde die Situation, als Tangyue am 3. Juni 2014 von einer gewaltigen Hochwasserkatastrophe heimgesucht wurde. Die Wassermassen fluteten alle Straßen und Ackerflächen des Dorfes. Was die Naturgewalten hinterließen, war eine Spur der Verwüstung. „Viele Häuser waren eingestürzt und die meisten der ohnehin kärglichen Habseligkeiten der Dorfbewohner wie Kleidung, Schuhe und Artikel des täglichen Bedarfs hatte das Hochwasser davongespült“, erinnert sich Zhang an das Ausmaß der Katastrophe. „Viele Dorfbewohner waren damals völlig am Boden zerstört und jeder Hoffnung beraubt“, sagt er.

Das ohnehin ärmliche Dorf, das von der traditionellen Landwirtschaft kaum hatte überleben können, war über Nacht durch die Fluten in bittere Armut gerutscht. Doch Armut weckt den Wunsch nach Veränderung, so heißt ein altes chinesisches Sprichwort. Wenn die Dinge erst einmal ein Extrem erreicht haben, schlägt das Pendel naturgemäß in die entgegengesetzte Richtung aus, so sagt man im Reich der Mitte. Eine alte Weisheit, die sich für Tangyue bewahrheiten sollte.

 

Heute werden alle Ackerflächen des Ortes von der landwirtschaftlichen Produktionsgruppe aktiv genutzt und kultiviert. Insbesondere viele Frauen konnten so eine Arbeit finden.

 

Die Kraft der Gemeinschaft nutzen

Zuo Wenxue, Parteisekretär des Dorfes Tangyue, ist ein gebildeter Mann. Ihm war schnell klar, dass es nach der verheerenden Flutkatastrophe die wichtigste Aufgabe war, die Dorfbewohner neu zu organisieren, damit es ihnen gestützt auf die Kräfte des Kollektivs gelingen konnte, ihr Heimatdorf wieder neu aufzubauen.

Zu einem historischen Datum für den Ort sollte der 8. Juni 2014 werden, ein Tag, den gerade einmal fünf Tage von der Flutkatastrophe trennten, die so viel Unheil über das Dorf gebracht hatte. An diesem Tag kamen Vertreter aus zehn Dörfern im Dorfkomitee von Tangyue zusammen, um gemeinsam an einer Sitzung teilzunehmen. Auf dieser Sitzung hielt Parteisekretär Zuo eine Rede, in der er den Anwesenden erklärte, warum und wie eine ländliche Genossenschaft gegründet werden sollte, um das Schicksal der Region zum Besseren zu wenden.

„Unser Plan ist es, das Ackerland zusammenzulegen und es nach einem einheitlichen Plan zu bewirtschaften. Auf dieser Grundlage wollen wir verschiedene professionelle Arbeitsgruppen wie eine Baugruppe, ein Team für die landwirtschaftliche Produktion, eines für die Vieh- und Geflügelzucht sowie eine Transportgruppe gründen. Der langfristige Plan ist es, diese Gruppen letztlich alle zu kleinen Unternehmen zu entwickeln“, so der Parteisekretär. „Alle Dorfbewohner, sowohl Männer als auch Frauen, können sich freiwillig einer der Arbeitsgruppen anschließen und erhalten für ihre Tätigkeit einen Monatslohn. Für die Übertragung ihrer Landnutzungsrechte bekommen sie zudem jedes Jahr eine zuvor vereinbarte Pacht, die ihnen auch ohne Arbeitseinsatz ein Existenzminimum sichert. Am Ende des Jahres haben sie zudem die Aussicht auf eine Dividende.“

Es sei keineswegs eine administrative Anordnung für Dorfbewohner, sich der Genossenschaft anzuschließen, betonte Zuo. Alle Dorfbewohner könnten frei darüber entscheiden, ob sie das Nutzungsrecht ihres Ackerlandes auf die Genossenschaft übertragen wollten oder nicht. „Die wichtigste Voraussetzung ist für uns der Schutz der vertraglich vereinbarten Landbewirtschaftungsrechte der Dorfbewohner“, sagte Zuo.

Das neue Konzept stieß auf großen Zuspruch und wurde schließlich einstimmig von allen 68 Vertretern verabschiedet. Alle Anwesenden verband der glühende Wunsch, die geliebte Heimat wieder aufzubauen. Somit wurde der 8. Juni 2014 zur Geburtsstunde der neuen Genossenschaft des Dorfs Tangyue.

Auch Zhangs Familie entschloss sich, die Nutzungsrechte für ihr Land an die neue Genossenschaft zu überschreiben. Die Familie besaß damals mehr als drei Mu Ackerland (15 Mu entsprechen einem Hektar). „Seit wir unsere Nutzungsrechte auf die Genossenschaft übertragen haben, erhalten wir dafür jedes Jahr eine ordentliche Dividende“, sagt Zhang. Auch entschied sich Zhang, eine Stelle bei der Genossenschaft anzutreten. Dafür erhält er heute 150 Yuan Lohn pro Tag, umgerechnet also rund 20 Euro. Auch seine Frau erledige einige einfache Arbeiten, womit sie täglich 80 Yuan (ca. 10 Euro) zum Familieneinkommen beisteuere. „Heute erzielt unsere Familie insgesamt ein Jahreseinkommen von rund 60.000 Yuan“, erzählt Zhang mit zufriedenem Lächeln. Umgerechnet sind das immerhin rund 7700 Euro.

„Uns geht es heute deutlich besser, als vielen Wanderarbeitern in den Städten“, sagt Zhang. „Außerdem können wir uns hier vor Ort um die Senioren der Familie und auch um unsere Kinder kümmern. Auch, dass wir als Eheleute zusammen sein können, macht das Leben deutlich lebenswerter“, so der ehemalige Landwirt. Das Wichtigste aber sei, dass die Einkünfte heute wesentlich höher lägen als in der Vergangenheit.

Der Erfolg des Dorfes Tangyue ist vor allem den angestoßenen Reformen zu verdanken, welche auf eine Übertragung der Landnutzungsrechte und die Gewinnbeteiligung der Landwirte setzen. Doch die Reformen vollziehen sich keineswegs von selbst, wie die Verantwortlichen betonen. Es ist ein mühsamer Prozess, der sorgfältige Arbeit erfordert, etwa eine genaue Vermessung der Felder, die zuvor von den einzelnen Bauernhaushalten vertragsgemäß bewirtschaftet wurden. Diese müssen in einem ersten Schritt genau registriert werden. Es gilt Akten anzulegen und wichtige Informationen in Bulletins bekanntzumachen, um zu gewährleisten, dass der Prozess für alle Einwohner des Dorfes transparent ist. Erst wenn das offizielle Zertifikat der Regierung für das Landnutzungsrecht vorliegt, können die Nutzungsrechte auch ganz offiziell übertragen werden.

Was die Reformen in Tangyue so besonders macht, wird bei einem Blick in Chinas jüngere Geschichte deutlich: So galt das System des Kollektiveigentums an Feldern im ländlichen Raum als eine der größten institutionellen Errungenschaften der KP Chinas nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949. Danach war das Ackerland über Jahrzehnte im kollektiven Besitz und wurde auch kollektiv bewirtschaftet. Erst in den frühen 1980er Jahren wurde ein neues System eingeführt, um die Initiative der Landwirte voll zur Geltung zu bringen und die Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion zu steigern, nämlich das System der vertragsgebundenen Verantwortlichkeit auf Basis der Haushalte in Abhängigkeit von Ertrag. Dieses bewirkte, dass die Felder wieder an einzelne Haushalte zur Bewirtschaftung vergeben wurden. Durch diese Reform wurde das Problem, dass lange Jahre „alle aus dem gleichen großen Topf aßen“, gelöst und die Produktivität erhöhte sich prompt. Mit der rasanten Entwicklung Chinas in den letzten mehr als drei Jahrzehnten allerdings stieg auch die Produktivität stark an, so dass die Produktionsweise auf Basis der Haushalte den Entwicklungsbedürfnissen bald nicht mehr gerecht werden konnte. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen erkannten die Verantwortlichen in Tangyue - wie übrigens auch in vielen anderen Dörfern des Landes -, dass es nötig war, die verstreuten Felder, die von einzelnen Haushalten vertraglich bewirtschaftet wurden, wieder zu konzentrieren, um eine größere Entwicklung zu realisieren.

 

Der Ort Tangyue in der vielerorts landschaftlich schönen Provinz Guizhou hat sich von einem armen Dorf zu einem Demonstrationsdorf mit bescheidenem Wohlstand entwickelt.

 

Weitere Reformen beflügeln die Entwicklung

Neben dem Landnutzungsrecht wurden in Tangyue auch das Waldbewirtschaftungsrecht, der kollektive Landbesitz, das kollektive Nutzungsrecht für Bauflächen, die Eigentumsrechte an Wohnraum und an kleineren Wasserbauprojekten sowie das kollektive Eigentumsrecht im ländlichen Raum reformiert. Diese Vorstöße beflügelten die Reform des ländlichen Eigentumsrechts weiter.

Tangyue ist in der Region bekannt für seine landschaftliche Schönheit. Rund drei Viertel der Gesamtfläche des Ortes sind von Wäldern bedeckt. Nach der Festlegung der Waldbewirtschaftungsrechte plant die örtliche Genossenschaft nun, zwei Millionen Hühner auf einer Waldfläche von mehr als 133 Hektar (2000 Mu) zu züchten. Darüber hinaus ist vorgesehen, eine Quellwasserfabrik aufzubauen, die vor allem für die Frauen im Dorf neue Arbeitsplätze schaffen soll. Ferner sind eine moderne Schweinefarm und als Zusatzprojekt eine große Jauchegrube im Bau. Sie soll den organischen Dünger für die örtliche 40 Hektar große Gemüseanbaubasis liefern.

Drei Jahre liegt die Gründung der Genossenschaft nun zurück und mittlerweile haben sich ihr rund 90 Prozent der Dorfbewohner angeschlossen. Auf diese Weise wurden mehr als 280 Hektar Ackerland zusammengeführt und Großplantagen angelegt. Heute werden in Tangyue auf mehr als 6,6 Hektar Pilze angebaut, auf gleichgroßer Fläche sprießen Lotuswurzeln und mehr als 20 Hektar sind dem Gemüseanbau vorbehalten. Die Gewinne werden in einem 3: 3: 4–Verhältnis unter der Genossenschaft, dem Dorfkollektiv und den Dorfbewohnern aufgeteilt.

2016 investierte die Longyao Food Group Co., Ltd, die in der Stadt Shouguang in der ostchinesischen Küstenprovinz Shandong liegt, 4,7 Millionen Yuan, umgerechnet also rund 600.000 Euro, in den Bau eines 20 Hektar großen landwirtschaftlichen Industrieparks in Tangyue. Darüber hinaus stellte sie dem Dorf sieben Millionen Yuan (90.000 Euro) als Hilfsgelder zur Verfügung. Schätzungen gehen davon aus, dass der neue Industriepark sechs Millionen Yuan (770.000 Euro) pro Jahr erwirtschaften wird.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

In kurzer Zeit hat die Kollektivwirtschaft in Tangyue erstaunliche Blüten getrieben. Die Einheimischen, die früher von der wenig lukrativen traditionellen Landwirtschaft lebten, haben mittlerweile eigene landwirtschaftliche Produktionsgruppen gegründet. Viele haben zudem eigene Unternehmen aufgebaut, etwa für Transportdienste, Bauvorhaben oder Wasserwirtschaft. Ob die Dorfbewohner einer der örtlichen Produktionsgruppen oder einem Unternehmen beitreten, können sie noch immer selbst entscheiden. Zudem werden die Leiter der Produktionsgruppen von den Dorfbewohnern selbst gewählt und anschließend vom Dorfkomitee ernannt. Die vier landwirtschaftlichen Produktionsgruppen des Ortes bieten heute Beschäftigung für mehr als 80 Angestellte. Zur Erntezeit sind sogar mehr als 300 Personen nötig, um die anfallenden Arbeiten zu erledigen. Bei 80 Prozent der Angestellten handelt es sich um Frauen. Auf den Reisfeldern der Genossenschaft erhalten die Arbeiterinnen beispielsweise 100 Yuan Lohn pro Tag, umgerechnet sind das 12,90 Euro. Für die Arbeit auf nicht bewässertem Ackerland gibt es eine Tagespauschale von 80 Yuan (rund 10 Euro). Mit einem arbeitsfreien Tag pro Woche kommen die Arbeiter so auf einen Netto-Monatslohn von etwa 2000 Yuan (ca. 260 Euro).

Der 45-jährige Luo Guanghui ist Leiter einer der Produktionsgruppen des Dorfes. Er schenkt insbesondere dem Intensivanbau große Aufmerksamkeit und führte hierfür einen standardisierten Produktionsprozess ein. Dank seiner Anstrengungen werden heute auf einem Mu Ackerland zwischen 3500 und 4000 Kilogramm Paprika pro Jahr geerntet. Die Jahreseinkünfte sind damit auf stattliche 10.000 Yuan (1300 Euro) pro Mu gestiegen. Nach der Paprika-Ernte kann auf den Äckern zudem noch Chinakohl angebaut werden, was Einkünfte von weiteren 3000 bis 4000 Yuan (390 bis 520 Euro) einbringt.

Jede Arbeitsgruppe ist dazu angehalten, sich in einem Vertrag mit der Genossenschaft auf die Erreichung eines gewissen jährlichen Produktionswertes zu verpflichten, damit das Grundgehalt aller Mitglieder der Arbeitsgruppe garantiert werden kann. Das Jahresgehalt des 45-jährigen Luo beträgt derzeit 50.000 Yuan, umgerechnet rund 6500 Euro. Verfehlt seine Arbeitsgruppe jedoch den festgestellten Produktionswert, wird sein Lohn entsprechend gekürzt. Erfüllt die Arbeitsgruppe dagegen das Plansoll, hat er als Leiter die Chance auf bis zu 30 Prozent des überschüssigen Gewinns. Die restlichen 70 Prozent gehen in diesem Fall an die Genossenschaft. Von diesen 70 Prozent werden dann wiederum rund 40 Prozent am Jahresende als Dividende an die Landwirte ausgeschüttet, 30 Prozent bleiben im Besitz der Genossenschaft, 20 Prozent dienen als öffentlicher Reservefonds und 10 Prozent werden zur Deckung der Verwaltungskosten des Dorfkomitees verwendet.

Die Veränderungen, die das neue System dem Dorf beschert hat, sind für alle offensichtlich. Vor Einrichtung der Genossenschaft lagen 30 Prozent der Ackerflächen brach, da viele Dorfbewohner zum Arbeiten in die Städte abgewandert waren. Heute werden alle Ackerflächen des Ortes von der landwirtschaftlichen Produktionsgruppe aktiv genutzt und kultiviert. Insbesondere viele Frauen konnten so Arbeit finden. Die große Mehrheit der Arbeiter ist weiblich. Die Erträge liefern zum Beispiel auch die nötigen Erträge, um die Schulkantinen der Stadt Anshun zu versorgen, zu deren Verwaltungsgebiet das Dorf gehört. Auf rund 83 Hektar werden hierfür Obst, auf rund 27 Hektar Gemüse und auf 10 Hektar Lotoswurzeln angebaut, hinzu kommen noch einmal 40,8 Hektar mit Baumsetzlingen. Szenen wie die von Landwirten, die ihr Gemüse in große Körbe luden und es mit Stangen auf den Schultern abtransportierten, um auf den Markt zu fahren und einen höheren Preis auszuhandeln, gehören dank des neuen Systems der Vergangenheit an.

In der von der Genossenschaft gegründeten Baugruppe kann ein Hauptarbeiter 300 Yuan (rund 40 Euro) pro Tag verdienen, Hilfsarbeiter erhalten zwischen 120 und 150 Yuan (zwischen 15 und 20 Euro) pro Tag. Die Baugruppe gliedert sich in zwölf kleinere Gruppen, in denen insgesamt 286 Personen Beschäftigung gefunden haben, darunter Zementarbeiter, Anstreicher, Steinmetze, Wasser- und Elektroinstallateure sowie Raumausstatter. Auch hier beläuft sich die Zahl der Frauen auf fast einhundert Beschäftigte.

Die Transportgruppe zählt über 40 Mitarbeiter. 60 Prozent von ihnen sind Arbeiter, die aus den Städten zurückgekehrt sind. Nach der Übertragung ihrer Landnutzungsrechte garantierte ihnen die Genossenschaft einen Kredit von der Bank, um mittelgroße bis große Lastkraftwagen anzuschaffen. Heute besitzt die Transportgruppe ungefähr 50 Fahrzeuge. Fahrer von großen Lastkraftwagen können hier heute monatlich rund 30.000 Yuan verdienen. Das entspricht zirka 3870 Euro und damit dem Bruttomonatsgehalt eines verbeamteten Gymnasiallehrers in Deutschland. Das Monatsgehalt der Fahrer eines mittelgroßen Lastkraftwagens liegt immerhin noch bei etwas über 10.000 Yuan, umgerechnet rund 1290 Euro. In ihrer Freizeit haben die Arbeiter zudem die Möglichkeit, Nebentätigkeiten in anderen Gruppen auszuüben.

Angesichts der guten Arbeitsmöglichkeiten, die die Genossenschaft den Dorfbewohnern heute bietet, entscheiden sich immer mehr Menschen, in ihrem Heimatdorf zu bleiben. Statistiken zufolge ist die Zahl der Wanderarbeiter aus dem Dorf Tangyue in den letzten zwei Jahren von 860 auf knapp 50 geschrumpft.

Tangyue ist heute Sinnbild von Chinas rasantem Aufschwung geworden, an dem mittlerweile auch die Landbevölkerung zunehmend teilhat. Besonders beeindruckend sind für Besucher die neuen Lesezimmer des Ortes, das neue E-Commerce-Service-Center des Onlinehändlers Jingdong und das neue Finanzdienstleistungszentrum des Dorfes. Die lernbegierigen Bewohner des kleinen Ortes im Südwesten Chinas nutzen die nationale E-Commerce-Plattform als Brücke, um die Kommunikation mit dem übrigen Land zu vertiefen.

Das Konzept geht voll auf: Durch die Reformen konnten nicht nur die brachliegenden Landressourcen revitalisiert werden, die Landwirte sind heute zudem zu den wahren Eigentürmer der Kollektivwirtschaft geworden. Sie beteiligen sich aktiv am Aufbau und der Weiterentwicklung der Genossenschaft. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Nettojahreseinkommen ist mittlerweile von knapp 4000 Yuan (520 Euro) im Jahr 2013 auf mehr als 10.000 Yuan (1300 Euro) im Jahr 2016 gestiegen. Tangyue hat sich damit in wenigen Jahren von einem ärmlichen Dorf zu einem Vorzeigeort für die Verwirklichung des Regierungszieles zum Aufbau einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand entwickelt.

Und Tangyue ist nur eines von vielen Beispielen von Dörfern der Provinz Guizhou, in denen es den Bewohnern gelungen ist, sich von den Fesseln der Armut zu befreien und den Weg in ein glückliches Leben zu finden. Ihr Entwicklungsmodell lässt sich im Begriff der „drei Umwandlungen“ zusammenfassen, nämlich die Umwandlung der Ressourcen in Vermögenswerte, die Umwandlung der Geldmittel in Aktien und die Umwandlung der Bauern in Aktionäre. Guizhous einzigartige Erfahrungen im Kampf gegen die Armut wurden mittlerweile in die entsprechenden Dokumente der Zentralregierung aufgenommen, um sie landesweit zu popularisieren und die Vitalität der ländlichen Kollektivwirtschaft nachhaltig zu erhöhen.

Maßnahmen wie die in Tangyue bringen die Initiative der Landwirte voll zur Geltung. Viele Wanderarbeiter kehren dank der Reformen aus den Städten in ihre Heimat zurück, wo sie mit Unterstützung der Regierung nach Kräften auf dem Weg zu bescheidenem Wohlstand voranschreiten.

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