CHINAHOY

HOME

HOME

Chinas Wenyiqingnian – Eine Jugend auf Identitätssuche zwischen Globalisierung und Individualität

11-07-2014

 

Von Verena Menzel

 

Nachdem 1978 der Startschuss für die Reform und Öffnung gefallen war, hat sich China verändert. Nicht nur wirtschaftliche Einflüsse schwappten aus dem Ausland in die Volksrepublik, auch kulturell wurde die Pforte ins Reich der Mitte aufgestoßen. Der Nachwuchs begann plötzlich, Beats von Michael Jackson, Madonna und Whitney Houston mit den Fingern als Drumsticks auf die Tischkante zu trommeln, während Eltern und Lehrer mahnend die Kalligraphiepinsel hochhielten und Unterricht in der traditionellen chinesischen Kniegeige Erhu verordneten. Später kamen Coca Cola, Volkswagen und die ersten McDonalds-Filialen, und mit Nike und Adidas am Fuß pilgerte die Jugend 1997 in die „Titanic“ - den ersten Hollywood-Film der offiziell auf Chinas Kinoleinwänden anlief und der einer ganzen Generation junger Chinesen als solcher im Gedächtnis bleiben sollte.

 

Identitätssuche zwischen Tradition und Moderne: Chinas Wenyiqingnian finden in der meist stillen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ein wichtiges Ventil. 

 

Mittlerweile ist diese Generation, die sie in China die „Nach-80er“ (Balinghou) und „Nach-90er“ (Jiulinghou) nennen, erwachsen geworden. Und es trennt sie eine beachtliche Kluft von der Generation ihrer Eltern- und Großeltern. Aber nicht etwa, aus „Verwestlichung“ oder „Amerikanisierung“. Dass die Globalisierung nicht einfach eine Verdrängung des Einhergebrachten durch das Fremde bedeutet, sondern die Entstehung von Neuem, inspiriert durch die Einflüsse von Außen, gilt in der weltweiten Kulturforschung mittlerweile als allgemein anerkannt. Auch Chinas neue Jugend  hat das, was da durch die Pforte der Reform und Öffnung hereinspazierte, allenfalls auf- aber keineswegs stumpfsinnig übernommen. Im Zusammentreffen mit der westlichen Pop- und Konsumkultur ist in den vergangenen Jahren im Reich der Mitte allmählich eine ganz eigene Jugendkultur gereift, die Wenyiqingnian.

 

Will man den Begriff präzise übersetzen, stößt man in vielen westlichen Sprachen an seine Grenzen. Eine Tatsache, die unterstreicht, dass hier in China im Zusammenstoß mit der Globalisierung etwas Neues entstanden sein muss, etwas eigenes, das nicht nur Kopie oder Abklatsch der Kultur der Industrienationen ist. Wörtlich bedeutet Wenyiqingnian soviel wie „Kultur- und Kunst-Jugend“, gemeint sind junge Menschen, die sich im weitesten Sinne für Kultur und Kunst begeistern. In den letzten Jahren ist der Begriff in China zu einem gängigen Label gereift. Als Wenyiqingnian wird in der Regel bezeichnet, wer einen Großteil seiner Freizeit mit Musik, Filmen und Büchern jenseits des Mainstreams verbringt. Den Wenyiqingnian wird eine Vorliebe für europäische Arthouse-Filme, Gedichte und Songtexte nachgesagt. Sie besuchen Musikkonzerte und Theateraufführungen, schreiben Gedichte, Geschichten, Romane, verfassen Musik-, Film- und Buchkritiken, ziehen mit ihrer Kamera durch die Straßen und teilen ihre Eindrücke, Gedanken und Gefühle über ihren eigenen Mikroblog. Optisch sind neben der LOMO-Kamera Convers-Schuhe, Matrosenhemd, Vintage- und Retrolook sowie der obligatorische Jutebeutel, der bei Hipstern weltweit lässig an der Schulter baumelt, zu ihren Markenzeichen geworden.

 

Den eigenen Weg finden: Der Masse der neuen westlichen Einflüsse begegnen die Wenyiqingnian mit einem ausgeprägten Individualismus und einer Abkapselung vom Mainstream. Orte wie das malerische Gässchen Wudaoying nahe des Beijinger Lama-Tempels dienen ihnen als Inspiration. 

 

Den Begriff Wenyiqingnian  gab es eigentlich schon früher in der chinesischen Sprache, nie allerdings war er so allgegenwärtig wie heute. Er ist zu einem Schlagwort, einem Statement, einem Marketingslogan geworden, zu einer Bezeichnung, zu der man sich bekennt, oder die man ablehnt, zu der aber in jedem Fall Stellung bezogen wird. Die Wenyiqingnian haben der Entwicklung, die in den achtziger Jahren begann, sowie ihrem vorläufigen Ergebnis einen Namen gegeben, ihr als Phänomen auch ein sprachliches Denkmal gesetzt. Der Begriff spiegelt den Geist einer Generation, die nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik zur Welt kam. Eine Jugend, der neue Türen offen standen, die mehr Wahlmöglichkeiten hatte als ihre Eltern, der es zugestanden wurde, ihren Gefühlen zu folgen, zu träumen, zu suchen. Eine Jugend, deren Vertreter angesichts neuer Möglichkeiten und Horizonte teils ein neues Selbstbewusstsein entwickelten, die bereit waren, mehr Verantwortung zu übernehmen und auch Risiken einzugehen, die über westliche Musik, Filme und ausländische Trends in Mode und Design neue kulturelle Nahrung fanden, und die vor allem mit den Herausforderungen der Kommerzialisierung konfrontiert waren, die im Zuge der raschen Entwicklung auch in China in alle Lebensbereiche einsickerte.

 

Fühlen, träumen, suchen: Der Generation, die in China in den achtziger und neunziger Jahren zur Welt kam, standen neue Türen offen. Ihre Vertreter hatten mehr Wahlmöglichkeiten, konnten ihren Gefühlen folgen, träumen, suchen. Ruhige Winkel wie der Wudaoying-Hutong, in dem unser Foto entstand, gehören heute zu ihren bevorzugten Rückzugsmöglichkeiten. 

 

In der Entwicklungseuphorie und Goldgräberstimmung, die vor allem die größeren Städte an der Ostküste seit Beginn der achtziger Jahre inhalierten, in den neuen Ballungszentren einer ohnehin bevölkerungsreichen Gesellschaft, suchte diese neue Jugend eine Identität zwischen Tradition und Moderne, Individualität und Kollektivismus und fand dabei in der meist stillen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ein Ventil. Der Masse der neuen westlichen Einflüsse begegneten sie mit einem ausgeprägten Individualismus, einer Abkapselung vom Mainstream. Sie zogen sich aus dem geschäftigen, hektisch-lauten Großstadtalltag zurück, um in Musik, Filmen und Büchern eigene Antworten zu finden. Viele von ihnen igelten sich dabei zuhause ein, was den Jugendlichen mit der chinesischen Bezeichnung zhainan bzw. zhainü  („Stubenhocker“) ein weiteres sprachliches Label einbrachte. Andere manifestierten ihre Suche in eigenem künstlerischen Ausdruck, der China in den vergangenen Jahren unter anderem eine rasche Entwicklung der jungen Musikszene und eine Vielzahl junger Nachwuchsschriftsteller bescherte.

 

Eine Schlüsselrolle für die Verbreitung des Phänomens spielte das Internet. Es ist zu einer der wichtigsten Austauschplattformen für junge Kreative in China geworden und die Wenyiqingnian prägten seine Entwicklung in den letzten Jahren maßgeblich mit. Chinas kulturbegeisterte Jugend sucht nicht nur über die eifrige Nutzung chinesischer Mikroblog-Portale wie SinaWeibo den Austausch mit Gleichgesinnten, sondern hat auch neuen Internetportalen zum Durchbruch verholfen. Zu den wichtigsten zählen die Seite Douban.com, auf der Nutzer Musik-, Film- und Buchkritiken verfassen, Interessengruppen bilden und Informationen über Kulturveranstaltungen in der eigenen Stadt finden können. Auch das chinesische Musikportal Xiami.com hat seinen kometenhaften Aufstieg nicht zuletzt den Wenyiqingnian zu verdanken, die auch die Entwicklung der Indipendent-Musikszene des Landes, vor allem des Indie-Folks, Indie-Pops und Indie-Rocks, entscheidend vorangetrieben haben.

 

Faible für Vintage und Retro: In Metropolen wie Shanghai und Beijing haben mittlerweile viele individuelle Boutiquen und Kreativläden eröffnet. Es gibt Cupcake-Konditoreien und Katzen-Cafés, Manga- und Flohmarktläden, Vintage- und Selfmade-Boutiquen. Unser Bild entstand in einem kleinen Antiquitätenladen im Beijinger Hutong Wudaoying. 

 

Längst prägt die neue Jugendbewegung nicht mehr nur den virtuellen Raum, sondern hat sich im Stadtbild vieler chinesischer Großstädte manifestiert. Im Shanghaier Tianzifang, einem Areal auf dem Gebiet der ehemaligen französischen Konzession, und an den Straßen rund um den Beijinger Trommelturm Gulou haben in den letzten Jahren immer mehr individuelle Boutiquen und kleine Kreativläden eröffnet. Hier gibt es Cupcake-Konditoreien und Katzen-Cafés, Manga- und Flohmarktläden, Vintage- und Selfmade-Boutiquen. Mit dem Ausbau und der touristischen Vermarktung des Beijinger Hutongs Nanluoguxiang findet die Popularisierung der Wenyiqingnian-Kultur derzeit einen vorläufigen kommerziellen Höhepunkt. Hier hat es der Slogan Wenyiqingnian bis auf die T-Shirts und Schlüsselanhänger der Souvenirhändler geschafft – der Begriff Wenyiqingnian ist endgültig im Mainstream angekommen.

 

Die zunehmende Kommerzialisierung des Begriffes ist letztlich auch einer der Hauptgründe, warum viele Wenyiqingnian die Bezeichnung mittlerweile eher ablehnen. In Beijing sind sie von der Nanluoguoxiang auf weniger frequentierte Winkel der Stadt ausgewichen. Einer der bekanntesten ist der Wudaoying-Hutong westlich des Beijinger Lamatempels, ein ruhiges Gässchen mit urtümlichem Beijinger Charme, in dem sich heute viele kleine Cafés und kreative Läden versammelt haben.

 

Die 27-jährige Jiang Wanran, selbst ein Kind der Achtziger, betreibt seit gut einem Jahr das liebevoll eingerichtete Blumenlädchen „RoseMary“ im Beijinger Wudaoying-Hutong . Sie sagt: „Wenyiqingnian mögen gerne ruhigere Aktivitäten, sie lesen zum Beispiel gerne, hören Musik oder zeichnen. Deshalb entspricht ein Ort wie Wudaoying ihren Vorstellungen, auch wenn die Zahl der Touristen stetig zunimmt.“

 

Mittlerweile finden allerdings auch immer mehr Touristen den Weg nach Wudaoying, westliche Ketten wie KFC oder die Caféhauskette Costa nagen schon am östlichen Ende des Hutongs. Trotzdem sind Orte wie Wudaoying noch immer Sinnbild und Manifestation dafür, dass die von vielen Kulturhütern gehegten Befürchtungen einer totalen Verwestlichung der chinesischen Jugend sich bisher nicht bewahrheiten. Im Gegenteil: Chinas Nach-80er- und Nach-90er-Generation hat im selbstbewussten und kreativen Umgang mit den neuen Einflüssen aus dem Westen ihre ganz eigene Jugendkultur, eine chinesische Interpretation des kultur- und modebewussten Hipster kreiert, die den virtuellen und städtischen Raum des Landes nachhaltig verändert hat. Letztlich sind es nicht die kulturellen Einflüsse aus dem Westen, die jungen Menschen in China und anderen Teilen der Welt Schranken auferlegen, sondern – wie im Falle von Nanluoguxiang und Wudaoying - die schleichende Kommerzialisierung, die in allen Winkeln der Gesellschaft langsam aber sicher Einzug findet. 

 

 

Reisen

Internationales Drachenbootrennen in Jingzhou, China

Jingzhou ist der Ursprungsort der Chu-Kultur. Chu war vor mehr als 2000 Jahren ein chinesisches Königreich. Das Drachenbootrennen ist ein wichtiger Bestandteil dieser Kultur.

Gesellschaft

Lebensabend im „Goldenen Blatt“: Moderne Altenpflege trifft tibetische Tradition

Auch in Tibet nagt der Zahn der Zeit an den traditionellen Familienstrukturen. Früher war es für Kinder selbstverständlich, ihre Eltern im Alter zu pflegen. Heute fehlt vielen jungen Menschen die Zeit dafür. 20 Kilometer von Lhasa entfernt im Kreis Dagze ist mit Regierungsgeldern und Spenden ein Altenheim mit Modellcharakter entstanden. Reporter Li Guowen hat die Senioren im „Goldenen Blatt“ besucht.

„Senioren im leeren Nest“ – Wenn das Einzelkind aus dem Haus ist

Wer kümmert sich um unsere Alten? Eine zentrale Frage, mit der sich alle Gesellschaften auseinandersetzen müssen. In China gehörte es lange zur konfuzianischen Tradition, dass die Kinder ihre Eltern im Alter zuhause pflegen. Aber in Zeiten der Ein-Kind-Politik und angesichts der zunehmenden Mobilität der Bevölkerung bröckelt dieses Konzept. Viele Senioren verbringen ihren Lebensabend alleine zuhause. Eine Lösung des Problems könnte ein Ausbau der Pflegeangebote der Wohnviertel sein.

Prävention und Bekämpfung von Aids in China

Die Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids steht in China vor einem Umbruch. Bisher wurden viele Anti-Aids-Projekte im Reich der Mitte von ausländischen Organisationen mitgetragen. Ende des Jahres laufen viele dieser Kooperationen nun aus. Doch auch in Zukunft will Chinas Regierung den Kampf gegen die Krankheit sowie die Diskriminierung der Betroffenen fortsetzen. Die nationalen NGOs sollen dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Tibet

Moderne tibetische Opern (2): „Kleine Helden auf dem Schneeberg“

„Kleine Helden auf dem Schneeberg“ ist eine neue Oper und schildert die Heldentaten tibetischer Jugendlicher. Sie beruht auf einer wahren Geschichte, die sich im Kreis Maizhokunggar zugetragen hat.

Gesundheit

Mehr als nur Essen – Wie Chinesen alltägliche Lebensmittel zur Gesundheitserhaltung nutzen

„Essen ist des Volkes Himmelreich“ lautet ein bekanntes chinesisches Sprichwort. Dabei bedeutet Essen in China nicht nur Ernährung, sondern auch Gesundheitspflege. Wer in China am späten Nachmittag durch das Fernseherprogramm zappt, dem begegnen etliche Formate, die sich rund um das Thema Essen und Gesundheitserhaltung drehen. Die chinesische Ernährungslehre ist eine Wissenschaft für sich und für Ausländer gibt es noch viel unbekanntes Terrain zu entdecken.

Die Bienentherapie: Kleiner Stich mit großer Wirkung?

Schmerzvoll aber wirksam? Die Bienenstichakupunktur gehört sicherlich zu den meist umstrittenen Therapien der traditionellen chinesischen Medizin. Bei der Behandlung setzt der Arzt Bienen auf bestimmte Hautpartien, meist des Rückens, in die die Insekten durch Stechen ihr Gift injizieren. Der Beijinger TCM-Arzt Wang Menglin verwendet die Methode. Vor allem Patienten mit Rheuma oder Multipler Sklerose kämen zu ihm, sagt er.

Perle aus Yunnan: Pu-Erh-Tee als Waffe gegen die Pfunde?

Mit steigendem Wohlstand eines Landes schleichen sich auch die üblichen Wohlstandskrankheiten ein, das gilt auch für China. Nicht mehr die Nahrungsversorgung stellt ein Problem dar, sondern die zunehmende Überversorgung mit Lebensmitteln. Könnte Tee dabei zur wirksamen Waffe gegen überflüssige Speckpolster werden?