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Zur Ästhetik der chinesischen Kalligraphie

27-11-2015

 

Von Kolja Quakernack

Die chinesische Kalligraphie hat eine sehr lange Tradition mit zahlreichen großen Kalligraphen. In ihren Anfängen als Bronze- und Knocheninschrift sehr piktografisch, ist sie mit der Zeit verändert und auf insgesamt sechs große Stile erweitert worden. Regel-, Halbkursiv-, Kursiv-, Kanzlei-, Siegel- und Bronze- und Knocheninschrift haben jeweils eine eigene Grundstimmung, die sie von den anderen fünf unterscheidet. Jede hat ihre ganz eigene Form und Grundzüge, die ihr zugrunde liegen. Ebenso unterscheiden sich die Geschmäcker; so kann man z.B. die strenge, statische Regelschrift bevorzugen, die wilden, scheinbar zügellosen Grasschriftstriche oder die rundliche, weiche Siegelschrift.

Doch neben der rein historischen Entwicklung stellt sich die Frage, ob sich auch die Ästhetik weiterentwickelt hat. Ist die Kalligraphie in ihrer Ästhetik eine zeitlose Kunst? „Ästhetik“ soll dabei als Synonym für eine rein optisch erfassbare, künstlerische Anziehungskraft verstanden werden.

Es stellt sich die Frage, was nun diese sechs unterschiedlichen Schriftstile miteinander verbindet, so dass man bei ihnen von einer Ästhetik sprechen kann (persönliche Vorlieben seien an dieser Stelle vorerst vernachlässigt). Allein die Tatsache, dass es sich bei chinesischen Schriftzeichen um ein komplexes Schriftsystem handelt, das dem europäischen Auge ungewohnt fremd und schon allein deshalb so faszinierend erscheint, ist unwahrscheinlich, da auch nicht wenige Chinesen selbst ihre Schriftkunst im hohen Maße schätzen und mit ihr immerhin schon mehrere Jahrtausende vertraut sind. Schreibwettbewerbe und -prüfungen mit dem Ziel der ästhetischen Perfektion und mit Teilnehmern voller Leidenschaft für das eigene Schriftsystem werden noch immer in China abgehalten.

Der individuelle Ausdruck als entscheidendes Kriterium Ob es die filigranen, gleichmäßigen Schwünge seitenlanger Texte (wie etwa das von Zhào Mèngfǔ 趙孟頫 geschriebene Dàodéjïīng 道德經 , Abb. 1) oder eben doch nur wenige gefühlvolle Striche einer überschaubaren Schriftzeichenanzahl sind (zum Beispiel Máo Zédōng's 毛澤東 Aufruf an die Chinesen, zur chinesischen Mauer zu pilgern, Abb. 2) – die Technik mit dem Pinsel hebt sich von der westlichen/arabischen Bandzugfeder-Kalligraphie deutlich ab. Eine Gemeinsamkeit ist, dass letztlich alle Kalligraphien aus einer überschaubaren Anzahl verschiedener Grundstriche (die in ihrer Technik natürlich schon allein der unterschiedlichen Werkzeuge wegen ganz unterschiedlich gehandhabt werden) bestehen und einen, durch eine technische Raffinesse veredelten Schriftzug darstellen. Trotz dieser Gemeinsamkeit ist die Intention einer westlichen und einer chinesischen Kalligraphie in ihrem Ursprung unterschiedlich. In einem gelungenen Schriftzug, unabhängig von seiner Länge oder seinem Schriftstil, hat in einem westlichen Alphabet jeder Buchstabe eine einfache Form, die mit anderen Buchstaben seiner Art identisch ist. So haben alle a's in einem Fließtext die gleiche Schreibtechnik, die gleichen Strichwinkel, die selbe Buchstabenhöhe, -breite, usw. Kurz gesagt: Es bleibt kein Platz für eine Einarbeitung individueller Vorlieben während des Schreibvorgangs.

Gerade das ist es, was der chinesische Kalligraph zu vermeiden versucht. Für ihn ist es die hohe Kunst einen übergeordneten Stil beizubehalten, jedoch möglichst viel individuelles Gefühl, Erfahrung, Stimmung und eine unverwechselbare eigene Note in jedem Strich zu vermitteln. Eine Handschrift ist im chinesischen Sinne kein statisches Kopiermedium, sondern ein Übermittler des persönlichen Verständnisses von ästhetischen Schriftzeichen. Der optische Reiz ist es, der im Vordergrund steht und (meist) weniger der Inhalt des Schriftstücks. Poesie, die in China neben der Kalligraphie und Malerei zu den drei großen Künsten gehört und wie viele andere Disziplinen auch in der Táng-Dynastie 唐朝 (618-907) ihren Höhepunkt hatte, ist nicht unbedingt ausschlaggebend für eine schöne Kalligraphie. Im China der alten Zeit war beispielsweise der textliche Inhalt von Briefen, je nachdem von wem sie kamen und an wen sie adressiert waren, verhältnismäßig unflexibel vorformuliert. Um einem Brief einen persönlichen Charakter zu verleihen, wurde dafür der Fokus auf die eigene Handschrift (und eben nicht mehr auf die Formulierung wohlklingender Worte) gelegt, während es im Westen weiterhin üblich ist, mit einer schönen Kalligraphie die Wichtigkeit des Textinhaltes zu betonen.

 

Abb.1: Zhao Mengfu's „Daodejing“ (Ausschnitt) in kleiner Regelschrift 小楷.

 

Persönliches Grundverständnis von Ästhetik – grobe Ästhetik

Nun ist es so, dass jeder von uns ein eigenes Verständnis von Schönheit hat, auch in Bezug auf die Schriftkunst. Während der eine die Gleichmäßigkeit bevorzugt, lässt sich der andere mehr von der scheinbaren Freiheit und Wildheit der Striche beeindrucken. Ein Liebhaber des idealistischen Stils Monets ist möglicherweise weniger von Picassos Leichtfertigkeit im Umgang mit abstrakten Formen und Perspektiven angetan als ein Dali-Verehrer, der dessen spielerisches Aushebeln sämtlicher Naturgesetze genießt. Die Ästhetik sämtlicher Werke der drei gerade Genannten sei hier keinesfalls in Frage gestellt. Die individuellen Vorlieben sind jedoch erst im Vergleich mit denen anderer als solche zu erkennen. Das heißt für die chinesische Kalligraphie, dass es sowohl Präferenzen bezüglich der sechs zu Beginn genannten Schreibstile als auch bei den einzelnen Vertretern innerhalb der jeweiligen Stile gibt. Wer sich einem bestimmten Kalligraphen widmet und dessen Handschrift studiert, wird ästhetische Diskrepanzen in dessen Schriftzeichen finden. Jene Meinung werden manche Beobachter teilen, während andere sie unverständlich finden mögen. U.a. das ist es, was den Reiz der Ästhetik ausmacht; es gibt kein Patentrezept. Bei der Erschaffung von Kunstwerken mit einem möglichst hohen ästhetischen Gehalt gibt es Spielräume, die erfolgversprechend sind und an die man sich halten sollte. Letztlich aber ist die Ästhetik ein wertvolles Gut, das sich wenig bis gar nicht im Vorfeld berechnen lässt – ansonsten gäbe es nicht immer wieder neue, überraschende Trends.

 

Abb.2: Mao Zedong's Inschrift „Wer es nicht bis zur großen Mauer schafft, ist kein guter (Han-)Chinese“ in Grasschrift 草书.

 

Die Reife des Kalligraphen – Feine Ästhetik

Bei der chinesischen Kalligraphie kommt neben dem persönlichen Grundverständnis von Ästhetik auch die Ästhetik abhängig von der gelernten Reife des Betrachters hinzu. Jeder Beobachter entwickelt recht schnell eine Haltung bezüglich des Gesehenen, quasi eine unmittelbare Ästhetikwertung auf einer Skala, die individuell angelegt ist und die nach ganz eigenen Prinzipien funktioniert. Diese Ästhetikbewertung ist aber keinesfalls unflexibel: Durch ein Reifen des (Ästhetik-)Verständnisses bekommen bereits bekannte Werke eine neue Etikettierung. Einer beeindruckenden Kalligraphie kann man mit zeitlichem Abstand ansehen, dass sie von einem ungeübten Neuling geschrieben wurde, dessen Striche sich letztlich so geordnet und wohlsortiert verhalten wie mein überladener Schreibtisch nach einem langen Arbeitstag. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir aufgrund unseres Strebens nach einer gewissen Ordnung ein Werk mit kontinuierlichem Stil mehr zu schätzen wissen. Diesen müssen wir aber erst erkennen können, was nur durch das Sehen und Vergleichen mehrerer qualitativ unterschiedlicher Kalligraphien erlernt werden kann. Eben diese Fertigkeit, Kalligraphien eine gewisse Ästhetik zuzuschreiben, ist ausbaufähig und wird als Reife des Kalligraphen verstanden. Das Kontingent an Kriterien, nach denen eine Kalligraphie bei Betrachtung in Sekundenschnelle in eine Bewertungssparte eingereiht wird, wächst stetig weiter. Ohne die Idee eines (fiktionalen) Ideals haben wir nichts, woran wir uns messen und an dem wir wachsen können. So ist es auch mit der Handschrift. Sie entwickelt sich, weil sich das Ästhetikverständnis aufgrund der eigenen Reife entwickelt.

Am Anfang nehmen wir die Kunst so, wie sie ist. Mit der Zeit entwickeln wir aber Vorlieben und Abneigungen; unser Ästhetikverständnis reift. Mit der chinesischen Kalligraphie verhält es sich nicht anders; auch wenn wir einen groben, recht unflexiblen Geschmack haben, den wir bevorzugen, so verändern wir doch im Detail immer wieder unsere Neigungen und unsere Vorstellung von Ästhetik. Sehr gut deutlich wird dies an den sechs Grundstilen der chinesischen Kalligraphie mit den einzelnen Kalligraphen der jeweiligen Schriftart, dessen ästhetische Qualität sehr unterschiedlich eingeschätzt wird.

 

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