CHINAHOY

HOME

HOME

Das echte China in kleinen Dosen – Reportagengenre erobert Chinas Web

25-01-2016

 

Von Gong Han

 

Vom „Schrottdorf“ zu „Chinas Taobao-Dorf Nr. 1“: In Dongfeng sind in den letzten Jahren viele Dorfbewohner ins Onlinegeschäft eingestiegen.   

 

„Für die Bewohner Dongfengs beginnt der Tag erst in der Mittagszeit. Am Vormittag schlummert das Dorf noch tief und fest. Dafür haben die Menschen hier bis tief in die Abendstunden noch alle Hände voll zu tun. Dann nämlich, wenn die Menschen in der Stadt Feierabend machen, tummeln sie sich auf Chinas größter Internet-Einzelhandelsplattform Taobao. Und dieser ist es auch zu verdanken, dass sich auf dem neu angelegten Dorfplatz am westlichen Rande Dongfengs jeden Abend skurrile Szenen abspielen. Hunderte Frauen mittleren Alters, in China liebevoll Dama genannt, tanzen in kleinen Grüppchen zu revolutionären Melodien. Soweit so gut. Dieser Anblick ist keine Seltenheit in China. In Dongfeng aber piepsen die Handys dieser Damen in sich wiederholenden Wellen. Dann verlassen die Hobbytänzerinnen für kurze Zeit ihre Asphaltbühne, um sich um ihre Onlinegeschäfte zu kümmern. Danach kehren sie zurück, als wäre nichts geschehen, und frönen weiter ihrer Tanzleidenschaft.“

 

Diese Zeilen sind ein Auszug aus der Reportage „Chinas Taobao-Dorf Nr. 1 – Wie das Internet das Leben der chinesischen Bauern verändert“. Sie stammen aus der Feder des Nachwuchsautors He Tao. In seinem anschaulichen Text zeichnet er die Entwicklung des Ortes penibel nach. Er erzählt, wie Dongfeng, dieses Dörfchen im nördlichen Zipfel der ostchinesischen Provinz Jiangsu, in den vorangegangenen 20 Jahren noch als „Schrottplatz Chinas“ verschrien war, da sich im ganzen Dorf Schrotthaufen auftürmten und viele Dorfbewohner damals von der Sortierung und Verarbeitung von Altplastik lebten. Jüngere Menschen kehrten ihrer Heimat meist den Rücken, um in der Stadt ihr Glück zu suchen, beschreibt der Autor. Verschied jemand in Dongfeng, sei es teils nicht einmal möglich gewesen, vier kräftige Männer für das Zugrabetragen des Sarges zu organisieren. Doch seit der Eröffnung des ersten Onlinegeschäfts hat sich hier in Dongfeng alles verändert.

 

In seiner Reportage setzt He diese und andere Wirklichkeitsschnipsel zu einem Textmosaik zusammen, das dem Leser das Gefühl gibt, selbst dabei zu sein. Eine Art zu schreiben, die ankommt bei der jungen Generation im Reich der Mitte. Und so ist es denn auch kein Wunder, dass im vorigen Jahr die Gattung der wirklichkeitsgetreuen Reportage in China einen regelrechten Boom erlebt hat. Sie hat sich zu einem eigenständigen literarischen Genre entwickelt, das jegliche fiktiven Elemente ablehnt und damit im krassen Gegensatz zu den traditionellen literarischen Gattungen steht. Vor allem bei Internet-Usern findet diese aufstrebende neue Textgattung großen Anklang. Die Autoren stammen zumeist aus der Graswurzel-Schicht. Um ihre Werke zu veröffentlichen, haben Chinas große Websites eigene Plattformen eingerichtet, was die Entwicklung des Genres zusätzlich beflügelt hat.

 

„Im Strudel der rasanten Entwicklung der Zeit“

 

Die Autoren holen den Leser mit ihren Texten ganz dicht ran an das Geschehen und auch an seine Protagonisten. Im Falle von He Taos Reportage ist da zum Beispiel Sun Han. Der junge Mann aus Dongfeng erlebte bei seinem Weggang in die Großstadt viele Rückschläge und bittere Enttäuschungen. Er kehrte in sein Heimatdorf zurück, um einen eigenen Onlineshop bei Taobao aufzuziehen. Im Netz verkaufte er selbst gemachte leichte Möbel, die zu einem Verkaufsschlager wurden. Viele Dorfbewohner folgten darauf hin seinem erfolgreichen Beispiel. Fast eintausend ähnliche Onlinegeschäfte schossen plötzlich wie Pilze aus dem Boden, was natürlich für Spannungen sorgte.

 

Mit dem Wandel vom Schrottdorf zum Taobao-Dorf Nr. 1 hat sich in Dongfeng eine subtile Veränderung des Alltags, der Moral und der Gefühlswelt der Menschen eingestellt, die Autor He behutsam herausschält und einfängt. Viele haben es in kürzester Zeit zu Reichtum und Wohlstand gebracht, was am Leben und der Weltanschauung der Menschen nicht spurlos vorübergegangen ist. Wer sich heute in Dongfeng einen Neuwagen für weniger als 200.000 Yuan anschaffe, umgerechnet rund 28.000 Euro, werde müde belächelt, schreibt He. Die vielen Ladenbesitzer konkurrieren miteinander, es gibt Intrigen, manchmal fliegen gar die Fäuste. „In einem einst unscheinbaren Dorf tragen sich plötzlich Geschichten von Reichtum, Raffgier, riesigen Chancen und Rivalität zu. Der boomende Handel lässt die Grenze zwischen Stadt und Land verschwimmen, wodurch eine andere Lebensweise entstanden ist, die sich vom städtischen und ländlichen Leben, wie wir es bisher kannten, deutlich abhebt“, schreibt der junge Autor.

 

Szenenwechsel. Wir befinden uns in der südostchinesischen Metropole Guangzhou. Hier verdient Ye Shaoxiong bereits seit über 34 Jahren sein Geld als Taxifahrer. Doch er sehnt sich nach den guten alten Zeiten der 1980er und 1990er Jahre zurück. Damals, als es in China nur wenige Taxis gab, mussten die Fahrer täglich nur rund sechs Stunden hinterm Steuer sitzen, um ein Einkommen zu verdienen, das dreimal so hoch lag wie das eines durchschnittlichen Arbeiters. Nach Feierabend trafen sich die Fahrer in den kleinen Imbissstuben der Stadt, tauschten sich über das Tagesgeschehen aus, aßen und vertrieben sich so die Zeit.

 

Heute ist alles anders. Der Wettbewerb ist härter geworden und He wird Zeuge des Abstiegs einer ganzen Branche. Hautnah erlebt er die negativen Auswirkungen, die zum Beispiel die neuen Taxi-Apps auf seine Berufsgruppe haben. Viele seiner Kollegen hätten bereits das Handtuch geschmissen, erzählt der Fahrer. Hes Beispiel zeigt: Für Chinas Taxifahrer kamen mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes große Einschnitte. Früher konnten sie sich mit ihrem Gehalt ein finanzielles Polster anlegen, heute leben viele von der Hand in den Mund. He geriet in ein Dilemma zwischen Gehen und Bleiben. Er ist Sinnbild für den Umbruch einer ganzen Berufsgruppe.

 

Gesprochen hat mit He Shaoxiong der Hochschulabsolvent Wang Qingfeng, der momentan selbst auf Jobsuche ist. Seine fesselnde Reportage schließt er mit den Worten: „Viele Menschen werden heute so wie He in den Strudel der rasanten Entwicklung der Zeit hineingerissen, haben keine Möglichkeit sich zu entziehen. Viele Neuerungen kommen schneller, als die Menschen sich ihnen anpassen können.“

 

Ein weiteres journalistisches Glanzstück stammt aus der Feder des Nachwuchsautors He Weimin. Er hat die Geschichte seines Vaters zu Papier gebracht. In der Finanzkrise 2008 ging dessen Geschäft bankrott. Der Mann, der in den 1950er Jahren zur Welt kam, war gerade Absolvent der Unterstufe der Mittelschule, als die „Kulturrevolution“ (1966 – 1976) einsetzte. Nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik in den ausgehenden 1970er Jahren gehörte er der ersten Generation privater Gewerbetreibender an, später gründete er sein eigenes, kleines Geschäft, so wie hunderttausende andere Geschäftsleute im Perlflussdelta.

 

Bei der Firmenaufgabe hatte Yes Vater bereits einen Schuldenberg von einigen Millionen Yuan angehäuft. Man müsse vor allem die potentiellen Kunden ausloten, bevor man eine Geschäftsidee verwirkliche, gab er seinem Sohn mehrfach mit auf den Weg. Auch er selbst hielt weiter an dieser Regel fest. Der Mann wagte einen Neustart, wollte sich nicht unterkriegen lassen. Er erkannte, dass in der Kleinstadt, in der Yes Familie zuhause war, ein großer Bedarf an Wohnungen zu erschwinglichen Mieten für junge Angestellte von außerhalb bestand. Wohnungen, die in ihrer Gestaltung den Wünschen und Vorstellungen der jungen Zielgruppe an ein modernes Zuhause in der Stadt gerecht werden konnten. Schäbige Kellerwohnungen oder Behelfsbehausungen kamen für diese Kunden nämlich nicht in Frage. So mietete der ehemalige Geschäftsführer kurzerhand eine stillgelegte Fabrikhalle, renovierte sie und verwandelte sie in ein bezugsfertiges Appartementhaus. Die neu gestalteten Wohnungen kamen gut an beim jungen Publikum. Mit der Zeit hat sich gar eine junge Wohnviertelkultur in der Gegend entwickelt. Und Yes Vater konnte sich durch die neue Geschäftsidee von seiner alten Schuldenlast befreien. Eines Abends, als Vater und Sohn in einem alten Honda in der Abenddämmerung auf dem Weg in die Vorstadt waren, kam Ye die Idee, das Ganze aufzuschreiben. Daraus entstand die Reportage „Vater auf der Landstraße Nr. 66“.

 

Das andere Gesicht der Stadt

 

 
Große Visionen: In den Bürotürmen im Beijinger Viertel Wangjing spinnen viele Internet-Existenzgründer an der Verwirklichung ihrer Träume. 

 

Mit der Frage, wie man ein gutes Leben führen kann, beschäftigt sich auch die Reportage „Leben und Überleben der Graswurzel-Existenzgründer in Beijing“. Der Text zeichnet Leben und Arbeit von Existenzgründern in der chinesischen Internetbranche auf, porträtiert überwiegend junge Menschen, die in hohen Bürotürmen in den nördlichen Vororten der Hauptstadt an ihren Träumen spinnen. Einige konnten bereits ein Risikoinvestment an Land ziehen und sind voller Tatendrang. Um Zeit zu sparen, stellen manche beim Treffen mit dem Autor gar eine Sanduhr auf.

 

Ein junger Manager einer Internetfirma erzählt: „Das Leben ist hart, aber geistig setzen wir zu Höhenflügen an. Ein Geschäftsgespräch kann schon mal vom späten Abend bis drei Uhr morgens dauern. Am nächsten Morgen heißt es dann trotzdem wieder um sieben Uhr raus aus den Federn.“ Schon in den achtziger Jahren habe es in China junge Macher wie ihn gegeben, die hart an der Verwirklichung ihrer Träume arbeiteten, sagt der Wahlbeijinger. „Sie wussten die Chancen zu schätzen, die sich ihnen boten, als sie von Investoren entdeckt wurden und man ihnen freie Hand zur Verwirklichung ihrer Visionen ließ. Auch wir haben Träume. Aber es ist uns auch wichtig, mit unseren Ideen Geld zu verdienen, und zwar nicht zu knapp.“

 

Ein anderer junger Macher hat eine eigene Social-Networking-Website ins Leben gerufen. Seine Vision: Künstler sollen ein größeres Publikum finden und ihre Werke zu erschwinglichen Preisen an den Mann oder die Frau bringen. Der junge Mann erzählt: „Menschen, die in China in den fünfziger Jahren zur Welt kamen, kämpften, um ihren Alltag gut zu bestreiten und nahmen dabei große Anstrengung auf sich, um Geld zu verdienen. Die Angehörigen der Generation der nach 1960 und 1970 Geborenen wurden zur wichtigsten Konsumentengruppe in China, wobei sich allerdings für die meisten von ihnen der Konsum lediglich auf die materielle Ebene beschränkte, eine ideelle Ebene erreichte er nicht. Die jungen Chinesen von heute, die in den Achtzigern geboren sind, wünschen sich dagegen einen ideellen Konsum, haben aber noch keinen Blick dafür entwickelt. Sie bilden unsere Zielgruppe.“

 

Erneuter Szenenwechsel. Diesmal befinden wir uns in der Beijinger U-Bahn. Sie ist die Lebensader der Metropole. Allein in der Rushhour sind mit der „Ditie“ täglich mehr als fünf Millionen Menschen unterwegs. Die junge Schriftstellerin Ye Wen hat ihre Reportage „Die Beijinger U-Bahn: ein Tag ist länger als hundert Jahre“ dieser pulsierenden Lebensader der Großstadt gewidmet. Sie beschreibt unter anderem die Passagiere: „Das Make-up der Damen wird mit der Ausdehnung der Linien in die Vorstadt immer schlampiger und billiger. In den U-Bahnlinien durch Vororte wie Fangshan oder Changping hieven Wanderarbeiter vom Land große Säcke und kleine, vollgestopfte Tüten durch die Waggongs, die sie um die Haltestangen in der Mitte auftürmen. Sie selbst richten sich häuslich auf dem Fußboden ein, ab und zu heben sie den Kopf, um die Passagiere kommen und gehen zu sehen.“

 

Lebensader der Hauptstadt: Die Beijinger U-Bahn verbindet die Vororte der Metropole mit dem Stadtzentrum. 

 

Auch der Tod wird in der Reportagenwelt des chinesischen Internets nicht ausgeklammert. Qian Yang beschäftigt sich schon seit langem mit diesem sensiblen Thema und hat in Beijing viele Menschen dazu befragt. Resultat war die Reportage „2000 Arten in Beijing mit dem Sterben umzugehen“. Darin beschreibt die Autorin Trauerrituale und Bestattungsbräuche der Hauptstadt. Manche davon sind selbst in China bisher nur wenigen bekannt. Gehobene Bestattungsinstitute etwa haben für die neue Upper Class das Angebot entwickelt, Diamanten aus der Asche von Verstorbenen zu kreieren oder die Asche von Verstorbenen ins Weltall zu befördern. Qian Yang spricht mit einer Frau mittleren Alters, die 110.000 Yuan (rund 15.300 Euro) ausgegeben hat, um die Überreste ihrer Lieben in zwei Diamanten von jeweils 0,8 und 0,6 Karat zu verwandeln. Eine ältere Frau, die in ihrer Jugend als Pilotin tätig war, hat unterdessen schon mal im Testament vermerkt, man möge ihre Asche nach ihrem Tod ins All befördern. Ein junger Science-Fiction-Fan träumt ebenfalls von einem derartigen Abgang.

 

Eine Testament-Agentur bietet derweil den kostenlosen Service, Testamente registrieren und aufbewahren zu lassen. Schon am Eröffnungstag standen rund 70 Senioren in der Frühe um halb neun vor der Tür Schlange, um den Dienst in Anspruch zu nehmen. Nach einem Jahr haben sich mehr als 30.000 Senioren registrieren lassen. Die Agentur verzeichnet so großen Zulauf, dass neue Termine erst für 2017 vergeben werden. Für manche kommt die Registrierung bis dahin zu spät. Teilaspekte wie diesen arbeitet Autor Qian Yang mit großem Fingerspitzengefühl in seiner Reportage heraus.

 

Individuelle Erzähler

 

„Wirklichkeitsgetreue Reportagen haben in China als vergleichsweise junges Genre ein großes Entwicklungspotential“, schreibt der amerikanische Autor Peter Hessler, der das Buch „Country Driving: Chinese Road Trip“ verfasst hat. Die Texte der meist jungen Autoren griffen dabei Aspekte des Lebens auf, über die die meisten Menschen kaum etwas wüssten, und sie erzählten diese Geschichten zudem aus dem individuellen Blickwinkel eines persönlichen Erzählers.

 

Die Autoren stammen dabei aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen. Es finden sich berufsmäßige Schriftsteller und Regisseure darunter, aber auch Orchestermitglieder, Büroangestellte, Wanderarbeiter, einfache öffentliche Bedienstete, Arbeitslose und Auslandschinesen. Viele von ihnen leben in der gesellschaftlichen Peripherie. „Wir wollen uns von der Schlagzeilenkultur und dem Rummel der Mainstream-Medien entfernen und stattdessen Winkel der Gesellschaft beleuchten, die von der Mehrheit übersehen werden. Da die Leser das Gefühl haben, selbst Teil der Geschichte zu sein, entsteht ein intensives und bewegendes Leseerlebnis,“ erklärt Xie Ding, Betreiber einer Onlineplattform für nicht-fiktive Erzählungen.

 

Guan Jun, Chefredakteur der chinesischsprachigen Onlineplattform „The Living“, die sich ebenfalls dem neuen Genre angenommen hat, stellte nach einer Reise durch die südostchinesische Metropole Dongguan fest, dass es auch unter den Wanderarbeitern vom Land leidenschaftliche Literaturliebhaber gebe. „Das hat mich gehörig überrascht“, sagt er. „Ich hatte nicht bedacht, wie wichtig auch für diese Gesellschaftsgruppe das geistige Leben ist.“ Nach seiner Rückkehr nahm Guan deshalb ein neues Projekt in Angriff. Seither bietet er Workshops für kreatives Schreiben für Wanderarbeiter an.

 

Das Mosaik aus einzelnen Beschreibungen der chinesischen Autoren arbeitet teils auch Erlebnisse und Erfahrungen aus anderen Ländern ein. Der Schauspieler Feng Yuanzheng berichtet zum Beispiel in seinem Werk „Durch die Mauer“ über ein Erlebnis, das bereits 26 Jahre zurückliegt. „Auf meiner ersten Auslandsreise fuhr ich nach Westberlin, um an einem Theater-Workshop teilzunehmen. Los ging es am Morgen des 1. November 1989 vom alten Beijinger Hauptbahnhof. Am Grenzübergang bei Erlianhaote verließ der Zug die Volksrepublik, um mich über die Mongolei und die

Sowjetunion nach Westberlin zu bringen. Dort traf ich am frühen Morgen des 8. November ein. Den Moment, in dem wir die Berliner Mauer passierten, werde ich nie vergessen. Ostberlin erschien mir wie ein dunkler Fleck, nachdem wir aber die Mauer passiert hatten und Westberlin erreichten, schien es, als gingen plötzlich die Lichter an. Überall brannten helle Glühbirnen. Ich dachte mir, wie glänzend der Kapitalismus doch ist! Gleichzeitig aber fragte ich mich, wie viel Elektrizität wohl verschwendet werden musste, um all diese Schaufester zu beleuchten. Egal, es war einfach ein herrlicher Anblick!“

 

Chen Xiaoqing ist der Regisseur der erfolgreichen kulinarischen Dokumentarfilmserie „A Bite of China“. Er erzählt, dass er fast jedes Frühlingsfest in seinem Leben an einem anderen Ort verbracht hat. In Japan habe die Kantine des Senders NHK eigens Jiaozi für ihn gekocht. Im Erdbebengebiet Wenchuan in der Provinz Sichuan habe er mit Einheimischen in den Behelfsbehausungen das Frühlingsfest gefeiert und mit ihnen lokale Spezialitäten verkostet. In Beijing habe er gemeinsam mit 22 in der Hauptstadt verbliebenen jungen Haushälterinnen das Frühlingsfest begangen. „Das moderne Leben richtet sich schon längst nicht mehr nach der Wetterlage und es ist nicht mehr nötig über das Frühlingsfest landwirtschaftliche Erfahrungen an die jüngere Generation weiterzureichen. Insofern hat das Fest seine historische Bedeutung verloren. (...) Heute feiern und präsentieren wir das Fest letztlich auch, um unsere Erinnerung an die authentische chinesische Küche wachzurufen.“

 

Zhou Xing, chinesischer Auslandsstudent in Frankreich, wohnte im November 2014 dem Prozess um die Ermordung einer chinesischen Prostituierten bei und verfasste danach die Reportage „Tod eines chinesischen Straßenmädchens“. Darin beschreibt er, wie Frauen häufig Ziel verbrecherischer Gewalt werden, und beleuchtet auch das Tätermilieu, in dem sich ebenfalls viele Abgehängte der neuen Gesellschaft tummeln.

 

In Paris sieht Zhou viele chinesische Straßenmädchen. Manchmal scheint es fast, als sei für sie alles nur ein Spiel. Zhou schreibt: „Es ist wirklich schwer zu unterscheiden, ob diese Mädchen wirklich jeden Skrupel verloren haben oder ob sie hinter der Fassade nur ihre innere Wehmut verstecken. Vielleicht trifft beides ein bisschen zu.“

 

Die Organisation „Lotus-Bus“, die der Weltgesundheitsorganisation untersteht, führte in den Straßen der französischen Hauptstadt eine Aktion zur Verteilung von Kondomen durch. Eine Freiwillige berichtet Zhou: „Einmal hat eine Prostituierte zu mir gesagt: ,Fräulein, lass mich dir einmal übers Gesicht streichen! Meine Tochter ist auch etwa in deinem Alter. Ich habe sie schon jahrelang nicht mehr gesehen.’ Diese Worte haben mich sehr gerührt.“ Worte, die Zhou nun an seine Leser weitergibt und damit einen weiteren Teil nicht nur der Welt sondern auch Chinas beleuchtet.    

Reisen

Der Geruch Chinas – Wie sich mein China-Bild veränderte

Als der Südkoreaner Kim Wodong 2011 zum ersten Mal nach Beijing kam, erlebte er die Metropole vor allem laut, gedrängt und stickig. Der Alltag in der Hauptstadt schien ihm nur wenig lebenswert. Doch nach einem längeren Studienaufenthalt in Qufu und Reisen in weitere Städte änderte sich sein Bild vom Reich der Mitte.

Gesellschaft

Xinjiang – 60 Jahre Entwicklung und Fortschritt

In diesem Jahr feiert das Autonome Gebiet Xinjiang sein 60-jähriges Bestehen. Für uns ein Grund, einen Blick zurück zu wagen. In den vergangenen sechs Jahrzehnten seit seiner Gründung 1955 konnte Xinjiang große Erfolge bei der Entwicklung erzielen. Und auch die Aussichten für die Zukunft sind viel versprechend.

Ein Sack Reis und eine grüne Wüste – Eindrücke vom fünften Kubuqi International Desert Forum

Die Kubuqi-Wüste, einige hundert Kilometer vor den Toren Beijings in der Inneren Mongolei gelegen, dürfte nicht nur für viele Großstädter ein blinder Fleck auf der Landkarte sein. Dabei reichen die Auswirkungen der Erfolge, die dort im Kampf gegen die Wüstenbildung in den letzten Jahren errungen wurden, bis nach Beijing und sorgen sogar weltweit für Aufmerksamkeit.

Die Jahreskonferenz 2015 des Eco-Forum Global Guiyang

Das Globale Öko-Forum Guiyang (Eco-Forum Global, EFG), im Jahr 2013 ins Leben gerufen, ist das einzige internationale Gipfelforum Chinas zum Thema Öko-Zivilisation. Seine Jahreskonferenz 2015 mit mehr als tausend Teilnehmern aus aller Welt fand vom 26. bis 28. Juni in Guiyang, der Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Guizhou, statt. Wie ihre Vorgänger in den letzten beiden Jahren erfreute sich auch die diesjährige Konferenz wieder eines vollen Gelingens.

Tibet

Nachwort

In der Gegenwart erlebt die tibetische Literatur eine beispiellose Blüte. Im vorliegenden Buch können nur wenige, repräsentative Werke vorgestellt und kommentiert werden. Und natürlich geht es vor allem um von tibetischen Schriftstellern geschaffene Werke.

Gesundheit

TCM-Gebirge Luofushan – Hype um Medizin-Nobelpreis bringt neue Entwicklungschancen

Anfang Oktober 2015 stand fest, dass die 84-jährige Chinesin Tu Youyou den Nobelpreis für Medizin erhält. Die Nachricht hat die Traditionelle Chinesische Medizin als solches auf die Bühne der Weltöffentlichkeit gehievt. Ein geschichtsträchtiger Ort, der davon besonders profitiert, ist das Luofushan-Gebirge in der Provinz Guangdong. Denn hier liegen die Ursprünge der Auszeichnung für Tu Youyou.

Kräutermedizin heilt Krankheiten – Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin

Im Vergleich zur westlichen Medizin erscheint die traditionelle chinesische Medizin (TCM) um einiges geheimnisvoller. Das chinesische Schriftzeichen für „Medizin“ (药,yao) beinhaltet ein Radikal, das „Kräuter“ bedeutet, denn Heilkräuter sind die grundlegenden Elemente der traditionellen chinesischen Pharmakologie.

Mehr als nur Essen – Wie Chinesen alltägliche Lebensmittel zur Gesundheitserhaltung nutzen

„Essen ist des Volkes Himmelreich“ lautet ein bekanntes chinesisches Sprichwort. Dabei bedeutet Essen in China nicht nur Ernährung, sondern auch Gesundheitspflege. Wer in China am späten Nachmittag durch das Fernseherprogramm zappt, dem begegnen etliche Formate, die sich rund um das Thema Essen und Gesundheitserhaltung drehen. Die chinesische Ernährungslehre ist eine Wissenschaft für sich und für Ausländer gibt es noch viel unbekanntes Terrain zu entdecken.