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Nummer Elf oder die neue Mona Lisa – Ein Essay von Wolfgang Kubin

27-01-2016

 

China liebt den Essay. Die Deutschen lesen ihn weniger. Essayistik hat in China eine lange Tradition, wahrscheinlich die älteste, noch gepflegte der Welt. Sie beginnt im 8. Jahrhundert und findet bis heute viele Liebhaber, egal ob sie diese schreiben oder lesen. Der Essay drücke das Herz aus, so heißt es.

Deshalb besteht im chinesischen Schriftstellerverband als Untersparte der Verband der Essayisten. Aber nicht in jeder Provinz. Prominent ist hier bislang nur der Zweig im Schriftstellerverband von Sichuan, der Heimat des Pandabären. Dieser Verband hat nach 2013 zum zweiten Mal die beste chinesischsprachige Essayistik eines letzten Jahres mit Preisen ausgezeichnet.

Die Gewinner, die 2015 zum Thema Sichuan auf Chinesisch zu schreiben gebeten waren, teilten sich in drei Klassen: A, B und C. Wolfgang Kubin gehörte wieder wie im letzten Jahr zur A-Klasse und wieder als Nr. 2. Der international renommierte Erzähler Alai, den einer seiner ehemaligen Bonner Studenten ins Deutsche übersetzt, war einer seiner Juroren.

Wolfgang Kubin, Emeritus der Universität Bonn 2011, Seniorprofessor der Beijing Foreign Studies University seitdem, ist als Wissenschaftler Sinologe, als Übersetzer Vermittler chinesischer Literatur und Philosophie, als Schriftsteller schreibt er Lyrik, Essays und Erzählungen (nicht nur) über China. Er ist der erste Ausländer, der für sein auf Chinesisch verfasstes literarisches Werk, bereits zweimal mit dotierten Preisen ausgezeichnet worden ist. Diesmal am 19.1.2016 in der Provinzhauptstadt Chengdu. Anlässlich dieser Preisvergabe veröffentlichen wir bei „China heute“ das Essay „Nummer Elf oder die neue Mona Lisa“ aus der Feder Wolfgang Kubins:

 

 

Nummer Elf oder die neue Mona Lisa

Von Wolfgang Kubin

Ich mag chinesische Frauen. Sie sind schmuck anzusehen. Dagegen mag ich weniger chinesische Männer, sie sind oft zu dick, zu nachlässig gekleidet, ihre Umgangsformen lassen zu wünschen übrig, es sei denn sie sind Dichter. Als gut aussehende, gut gekleidete, manierliche Poeten haben sie jedoch heutzutage geringe Chancen, beim schönen Geschlecht Gehör zu finden. Sie rangieren mittlerweile bei Umfragen an erster Stelle, wenn es darum geht, den Typ von Mann zu bestimmen, der für eine chinesische Frau als Heiratskandidat auf keinen Fall in Frage kommt. Das ist einmal anders gewesen, doch diese Zeiten sind längst vorbei und liegen bald bis zu dreißig Jahren zurück. Klagen wir nicht.

Will man sich ein Bild von diesen neuen Tatsachen machen, braucht man nur einen Blick in die vielleicht erfolgreichste Schau des chinesischen Fernsehens zu werfen, die sich dem Thema „Mann sucht Frau, Frau sucht Mann“ jeden Samstag und Sonntag Abend widmet. Sie wird von der Provinz Jiangsu ausgestrahlt (Jiangsu weishi). Ich selbst sehe eigentlich nie Fernsehen, es sei denn, es geht um Fußball oder Nachrichten. Doch ich untersuche seit langem auch Frauenbilder und habe dazu viel geschrieben. Was mir bei einer Sendung wie dieser auffällt, ist das Faktum, dass auch hier das weibliche Wesen nur im Plural auftritt. 24 Frauen werden aufgeboten, die triumphal Einzug in die Manege halten. Fünf Männer dürfen um sie werben, sie haben jedoch alle einzeln und nacheinander anzutreten.

Wie man sich leicht denken kann, ist das ein ungleicher Kampf. Die Männer erscheinen oft als Bubis, reden dauernd von Frau Mama und sind oftmals abgewählt, ehe die Vorstellung überhaupt vorbei ist. Ihre Niederlage scheint mir oft voraussehbar. Sie werden in einem solchen Fall nicht mehr mit einem spöttischen „Bye-Bye“ verabschiedet, sondern mit den gewaltigen Klängen der Carmina Burana, was mir gefällt. Unter den Bewerbern befinden sich selbstverständlich auch Poeten, deren Mut ich sehr bewundere.

Gegen die landläufige Meinung in der sinologischen Forschung bin ich der Auffassung, dass die chinesische Frau sehr stark ist, stärker als jeder chinesische Mann. Sie ist wie in diesem Fall selbstbewusst, prachtvoll gekleidet, humorvoll, intelligent, spritzig, kurz eine Freude für Auge und Ohr.

Warum treten Frauen wie hier im Plural auf? Warum ringt jeweils ein Mann um 24 Frauen? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Die Sache hat vielleicht mit dem Urinstinkt unserer Vorfahren zu tun: Jagen und Gejagt sein wollen. Wie dem auch sei, die Schönen werden alle nur mit Nummern vom Moderator angeredet und der jeweilige Mann wählt nach dem Blick in die Runde eine Nummer unter den 24 Nummern. Eine wird dabei besonders viel aufgerufen: Nummer Elf. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Kaum ist sie für die Ewigkeit erkoren, schon sagt sie: Wir können Freunde werden, aber ich kann nicht mit Dir gehen. Der abgeblitzte Mann trägt es mit Fassung, hat er doch eine Stunde lang etwas sehr Schönes lebendig sehen können, was ihm ansonsten nur noch unnahbarer in seinen einsamen Stunden auf der Mattscheibe begegnet.

Nummer Elf tritt immer in einem langen blauen Kleid auf. Sie befragt die Kandidaten wenig, meist schweigt sie und lächelt, lächelt wie Mona Lisa. Wünsche ich mir, dass sie eines Tages doch jemanden, vielleicht gar einen Dichter, erhört? Eigentlich nicht, denn ich mag geheimnisvolle Frauen. Sie sind die Würze des akademischen Lebens und begegnen uns schon in der chinesischen Literatur spätestens seit den „Liedern des Südens“ (Chuci). Es sind die Göttinnen, die nahen, ohne zu nahen, und sich auf eine sanfte Sprache verstehen. Es ist diese Sprache, die ich einmal die Sprache der Liebe genannt habe, um derentwillen wir uns in die tägliche Schlacht begeben, denn ohne diese Sprache fehlte uns unser ganzes Leben.

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