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Badische Weinberge in Shandong – Chinesische Teegärten am Tuniberg

14-06-2016

 

 

Von Helmut Matt

 

„Soweit mir bekannt ist, bin ich der bisher einzige Bauer Deutschlands, der chinesischen Tee kultiviert. Naja, ich habe mich eigentlich schon mein ganzes Leben lang mit ungewöhnlichen Themen beschäftigt.“ Man spürt die Begeisterung, wenn Erwin Wagner von seinem ganz besonderen Projekt erzählt, das ihm sozusagen in den Schoß gefallen ist. Noch lässt sich höchstens erahnen, dass die zarten Pflänzchen, die da zu Hunderten in Blumentöpfchen sprießen, in wenigen Jahren zu stolzen Teebäumen heranwachsen sollen.

 

Zuwendungsbedürftig: Die Anzucht von grünem Tee ist eine komplizierte und zeitintensive Angelegenheit. Vor allem der richtige Boden spielt eine entscheidende Rolle. 

 

Wieso chinesischer Tee im Breisgau, mag man sich nun fragen. In der Tat handelt es sich bei diesem bisher einzigartigen Versuch um die Frucht einer jahrelangen freundschaftlichen Beziehung zwischen zwei Städten, die fast 9000 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt sind.

 

Die Geschichte der Beziehung zwischen der Breisgaumetropole Freiburg und der ostchinesischen Stadt Qingdao reicht zurück bis ins Jahr 2000, als die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eine Fortbildungsreise für Gastwissenschaftler in die Provinz Shandong organisiert hatte. Damit kam der entscheidende Stein ins Rollen. Die Reise blieb nicht ohne Folgen: Nachdem im Jahr 2004 eine politische Delegation aus der Stadt am Gelben Meer zum Gegenbesuch nach Freiburg gekommen war, informierte sich Qingdaos damaliger Bürgermeister persönlich über eine Sammlung wertvoller Dokumente aus der deutschen Kolonialzeit ‚Tsingtaos‘ (1897-1914), die im Freiburger Bundesmilitärarchiv untergebracht sind. Eine daraus hervorgegangene Ausstellung des Militärarchivs über die „Musterkolonie Tsingtao“ in der Freiburger Sparkasse stieß auf ein sehr positives Echo. Unter den Besuchern der Ausstellung befand sich auch der aus Qingdao stammende Generalkonsul Chinas, Li Haiyan, der sich sehr für die historische Sammlung begeisterte. Ihm wurde bei seinem Besuch in Freiburg ein Faksimile der Immatrikulationsurkunde des Studenten Wen Haibao, einem Großonkel des späteren chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao aus dem Wintersemester 1936/37 überreicht.

Eine weitere Annäherung der beiden Städte brachte ein Vortrag des Leiters der „Freiburger Wirtschaft und Touristik Messe“ (FWTM), Dr. Bernd Dallmann anlässlich des „Creativity World Forum“ über die „Grüne Stadt Freiburg“ im Jahr 2007. Es folgten erste Fachgespräche zwischen beiden Städten zur Sanierung und Belebung der historischen Altstadt und der Einrichtung eines Besucherzentrums mit Tourist Information in Qingdao.

 

Ein kultureller Höhepunkt war die Einweihung der ersten Orgel der Firma Jäger & Brommer in der katholischen Kirche von Qingdao im Oktober 2008. Eine weitere Orgel erbaute die Waldkircher Firma in der evangelischen Kirche, in der sich das berühmte Fenster des Freiburger Restaurators und Glasmalers Fritz Geiges befindet. Auch im Konzerthaus der Stadt erklingt inzwischen eine Orgel aus Waldkircher Fabrikation.

 

Teepionier Erwin Wagner - er will grünen Tee in den Breisgau bringen. 

 

Zahlreiche Besuche und Gegenbesuche auf politischer, wirtschaftlicher, kultureller und zwischenmenschlicher Ebene haben die Beziehungen zwischen den beiden Städten mittlerweile gefestigt und intensiviert. Sichtbare Ergebnisse eines gegenseitigen fruchtbaren Zusammenwirkens sind vielfältig. Da gibt es beispielsweise das auf Initiative der FWTM hin umfangreich sanierte Offizierscasino, das heute der feste Sitz der ‚Deutschen Community' in Qingdao geworden ist. Selbst Altkanzler Gerhard Schröder hatte es sich nicht nehmen lassen, an dessen feierlicher Eröffnung teilzunehmen. Die umfangreiche Sanierung zahlreicher deutscher Bauten in Qingdaos historischer Altstadt erfolgte ebenfalls auf Initiative von Herrn Dr. Bernd Dallmann und mit Unterstützung der Stadt Freiburg. Im Oktober 2012 folgte schließlich Hua Yusong, Distriktbürgermeister des Qingdaoer Stadtbezirks Shinan, einer Einladung der Stadt Freiburg. Höhepunkt dieses Besuchs war die Unterzeichnung der Freundschaftsvereinbarung zwischen beiden Städten und die Überreichung des Qingdao-Preises an Herrn Dr. Dallmann für seinen großen persönlichen Einsatz.

 

Seit geraumer Zeit wachsen nun badische Weinreben im näheren Umland der ostchinesischen Stadt Qingdao. Die Pflanzen gedeihen prächtig und scheinen sich auch fern der Heimat sichtlich wohl zu fühlen. Sicher ist schon bald mit ersten Erträgen zu rechnen. Die Freundschaft zwischen den beiden Städten sollte auch wirkliche Früchte tragen – so Bernd Dallmanns Idee. Das ungewöhnliche Geschenk führte in der Folge zu einem mindestens ebenso originellen Gegengeschenk der Chinesen: Mehrere Säcke mit Samen von grünem chinesischen Tee.

 

Die Anzucht von grünem Tee ist eine recht komplizierte und zeitintensive Angelegenheit. „Die größte Schwierigkeit ist die Sprache...". Als Erwin Wagner sich auf Bitten der Stadt Freiburg bereit erklärt hatte, sich um die praktische Umsetzung des Teeprojektes zu kümmern, ahnte er noch nichts von der Komplexität der Aufgabe. Man findet, so Bauer Wagner, auch im Internet nur sehr wenig Hilfreiches an Informationen über Anzucht und Pflege von grünem Tee. „Man ist da so ziemlich auf sich selbst gestellt.“ Nachdenklich blickt er bei diesen Worten auf „seine“ Bäumchen. Schon der Vorgang des Keimens ist sehr aufwändig und zeitintensiv. Zunächst muss man die erbsengroßen Samenkörner mehrere Tage lang wässern und immer wieder selektieren. „Beim Tee sinken, anders als im sonstigen Leben, die Guten nach unten.“ Erwin Wagner lächelt dabei bedeutungsvoll und erklärt weiter, wie er die Samen in einem Feld, das er normalerweise an Beachvolleyballclubs vermietet, zum Keimen ausgebracht hat. In ihrer ersten Lebensphase brauchen die Teekeimlinge eine feuchtes und sandiges Umfeld, damit sie überhaupt keimen und Wurzeln bilden können. Man kann sich lebhaft vorstellen, mit welch großem Aufwand der Bauer zusammen mit seinen Helfern tagelang damit beschäftigt war, die jungen, zarten Pflänzchen Stück für Stück wieder aus dem Sandplatz auszugraben und einzeln in Plastiktöpfe zu verpflanzen.

 

„Man findet auch im Internet nur sehr wenig Hilfreiches an Informationen über Anzucht und Pflege von grünem Tee“, sagt Bauer Wagner. „Man ist da so ziemlich auf sich selbst gestellt.“ 

 

Pioniere haben es niemals leicht. So waren auch die ersten Versuche mit der Anzucht chinesischer Teebäume im Breisgau mit schmerzhaften Rückschlägen verbunden. Zu Beginn des vergangenen Jahres waren alle Beteiligten noch recht optimistisch. Zwar waren die kleinen Bäumchen in ihren Töpfchen noch recht zart, aber weder Krankheiten noch Schädlinge machten ihnen zu schaffen. Doch schon bald begannen sich bei allen Pflanzen die Blätter aufzurollen und wenige Wochen später war die gesamte Anzucht tot. Mag sein, dass die meisten Menschen an dieser Stelle aufgegeben hätten. Nicht jedoch Erwin Wagner. Er machte sich zusammen mit einem befreundeten Gartenbaufachmann aus der Nachbarschaft auf die Suche nach der Ursache für das überraschend plötzliche Ende dieses ersten Versuchs, Tee im Breisgau anzubauen. „Es war in erster Linie der Boden. Die Pflanzen können, ebenso wie beispielsweise Azaleen oder Heidelbeeren, nur in torfhaltigen, sauren Bodenarten überleben.“ Mit dieser neuen Erkenntnis begann Erwin Wagner im Sommer 2015 seinen zweiten Versuch – mit sichtbarem Erfolg. Auf seinem Hofgut und in der Gärtnerei seines Freundes reihen sich viele hundert Teebäumchen -  kräftig und gesund, allen Wetterwidrigkeiten trotzend. Schon bald wird man sie direkt ins Freiland aussetzen können – natürlich mit speziell dafür vorbereitetem Boden. Da auch ausgewachsene Teepflanzen Temperaturen unter -7°C kaum überleben können, wird man für die wenigen extremen Wintertage besondere Vorkehrungen treffen. „Wir werden wohl abdecken und wahrscheinlich auch heizen müssen“, verrät Bauer Wagner. Er ist überzeugt, dass es dieses Mal klappen wird. Die Freiburger freuen sich schon jetzt auf die erste Ernte. Ein hochwertiger Tee, so glauben die Verantwortlichen, könnte durchaus Preise um die 3000 Euro pro Kilogramm erzielen. Doch bis es soweit ist, wird man sich noch ein paar Jahre lang in Geduld üben müssen. So bleibt mehr Zeit für die Vorfreude – und bei Erwin Wagner und seinen Helfern sind die Teepflänzchen ganz sicher in guten Händen.

 

Vorfreude auf die erste Ernte: Nachdem ein erster Anlauf scheiterte, reihen sich nun viele kräftige und gesunde Teebäumchen aneinander, die allen Wetterwidrigkeiten trotzen. 

 

Freiburg und Qingdao sind befreundete Städte. Städtefreundschaften und Städtepartnerschaften verbinden Menschen unterschiedlicher Länder und Kulturen und tragen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und zum Abbau von Vorurteilen bei. Die erste Städtepartnerschaft zwischen einer deutschen und einer chinesischen Stadt wurde im Oktober 1982 geschlossen. Dabei handelte es sich um die Städte Wuhan und Duisburg. Im Jahr 2015 gab es bereits 19 Provinz- und 36 Städtepartnerschaften zwischen China und Deutschland. So zum Beispiel die Provinzpartnerschaften zwischen Anhui und Niedersachsen, zwischen Hubei und dem Saarland, Jiangsu und Baden-Württemberg, Shandong und Bayern, Fujian und Rheinland-Pfalz, Sichuan und Nordrhein-Westfalen. Chinesisch-deutsche Städtepartnerschaften gibt es zum Beispiel zwischen Beijing und Berlin, Shanghai und Hamburg, Dalian und Bremen, Chengdu und Bonn, Ningbo und Aachen, Guangzhou und Frankfurt/Main, Shenzhen und Nürnberg, Nanjing und Leipzig, Qingdao und Mannheim sowie Yichang und Ludwigsburg. Bestimmt wird schon bald auch aus der Städtefreundschaft zwischen Freiburg und Qingdao eine offizielle Städtepartnerschaft erwachsen sein. Man ist schon jetzt auf dem besten Weg.

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