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„China war die bisher beste Erfahrung meines Lebens“

28-07-2016

 

– 2016 ist das Jahr des chinesisch-deutschen Schüler- und Jugendaustauschs

 

Von Helmut Matt

 

Freiburg Hauptbahnhof! Kein Wölkchen trübte den herbstlichen Morgenhimmel. Nachdenklich, aber voll Vorfreude stand ich wartend auf Bahnsteig zwei. Was würde sich in den kommenden zehn Monaten alles in unserem Leben ändern? Würden wir uns gut mit unserer fünfzehnjährigen chinesischen Gasttochter verstehen? Wir kannten uns zwar schon. Zusammen mit ihr und ihrer Mutter waren wir im Frühjahr ein paar Tage lang im Huangshan-Gebirge unterwegs gewesen.  Es war eine schöne Zeit. Doch wie wird es sein, wenn wir fast ein ganzes Jahr unter einem Dach zusammen leben werden?

 

Ankunft in Deutschland: Die chinesische Schülerin Yiqi verbrachte zehn Monate bei ihrer deutschen Gastfamilie. 

 

Wie weggeblasen waren alle Bedenken aber, als sich die Türen des Fernzugs geöffnet hatten und Yiqi als eine der ersten Fahrgäste auf dem Bahnsteig stand. Fröhlich lachend rannte sie auf mich zu und begrüßte mich, als wäre ich ihr leibhaftiger Papa. Nun war ich sicher, dass das Jahr, das nun vor uns lag, viele schöne, interessante und spannende Erlebnisse für uns und unsere Gasttochter aus dem südchinesischen Anhui bereithalten würde. Ich nahm ihren Koffer in die Hand und zusammen gingen wir zu meinem Auto. Meine Frau Linda wartete sicher schon ungeduldig zuhause auf unseren Gast.

 

Gleich für diesen ersten Tag hatten wir uns etwas ganz Besonderes ausgedacht: In St. Märgen im Schwarzwald fand an diesem Sonntag das traditionelle Rossfest statt. Begeistert stand Yiqi unter den vielen Gästen und bestaunte fröhlich lachend den Umzug mit seinen vielen historischen Pferdefuhrwerken, mit festlicher Volksmusik und vielen Menschen in ihren original Schwarzwälder Trachten. Besser konnte ein Austauschjahr doch kaum beginnen, dachten wir.

 

„Ich bin jetzt seit über drei Monaten in China, in Beijing, und werde jeden Tag wieder aufs Neue zum Staunen gebracht. Denn jeden Tag fallen mir neue Dinge auf, lerne ich mehr und mehr über China.“ ­– „Für mich war China wie ein Swimmingpool, randvoll mit neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen. Ich bin glücklich, dass ich hineingesprungen bin und mich jetzt das Wasser an Neuartigkeiten umgibt.“ Das sind zwei kurze Zitate aus Erlebnisberichten, die junge Menschen während oder nach einem Schüleraustausch in China geschrieben haben. Es gibt eine große Zahl solcher Berichte.

 

Erinnerungsschnappschuss: Yiqi mit ihrem Gastpapa Helmut Matt auf dem Heidelberger Schloss 

 

Schüler- und Studentenaustausch mit China?

 

Was vor ein paar Jahren noch aufhorchen ließ, ist in den heutigen Tagen fast schon Routine geworden. Überall in Deutschland und China gibt es Vereine, Schulen, Universitäten und andere Organisationen, die sich im Bereich des Austauschs zwischen China und Deutschland engagieren.

 

Dabei war es ein langer Weg von der Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland mit der Volksrepublik im Jahr 1972 bis hin zu den ersten direkten Kontakten zwischen Schülern und Studenten beider Länder. Und doch war es ein Weg voll positiver Erfahrungen, gegenseitigem Lernen und wachsendem Vertrauen zwischen den beiden Ländern. China ist der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien, Deutschland ist Chinas wichtigster Handelspartner in Europa. Ich denke, am besten beschreibt man das gegenwärtige Verhältnis zwischen China und Deutschland als freundschaftlich und dynamisch.

 

Regelmäßige hochrangige bilaterale Abstimmung zwischen den Regierungen beider Länder, stetig wachsende Handelsbeziehungen, beidseitige Investitionen sowie Zusammenarbeit in Wissenschaft, Forschung und Umweltfragen sind kennzeichnend für die immer engeren Bande zwischen den beiden Ländern. Seit 2004 betrachten China und Deutschland ihre Beziehungen als „Strategische Partnerschaft in globaler Verantwortung“, seit dem Staatsbesuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in Deutschland Ende März 2014 spricht man von einer „umfassenden strategischen Partnerschaft“. Seit 2011 finden regelmäßige Regierungskonsultationen auf hoher Ebene statt.

 

Ebenso wichtig aber wie die Kontakte in Diplomatie und Wirtschaft, sind der Austausch der Kulturen und die direkten Kontakte zwischen Chinesen und Deutschen. Nach ersten vorsichtigen Schritten nach der Öffnung Chinas durch Deng Xiaoping im Jahr 1978 ist mittlerweile auch im kulturellen und zwischenmenschlichen Bereich eine erstaunliche Dynamik zu erkennen. Begegnungen zwischen Menschen verbinden die Völker und Kulturen der Erde und tragen zu einem besseren beidseitigem Verständnis und zum Abbau von Vorurteilen bei. Die wichtigsten Instrumente zur Beseitigung von Schranken und zum Bau von Brücken zwischen den Kulturen sind Städtefreundschaften und Städtepartnerschaften, direkte Kontakte zwischen Vereinen, kommunalen Organisationen und ganz besonders der Schüler- und Jugendaustausch. Auf all diesen Ebenen gibt es heute eine beeindruckende Fülle von Kontakten, Begegnungen und Freundschaften. Bereits im Jahr 1982 war zwischen Wuhan und Duisburg die erste Städtepartnerschaft zwischen einer chinesischen und einer deutschen Stadt geschlossen worden. Inzwischen gibt es einen überaus lebhaften Austausch und eine große Zahl bilateraler Kontakte auf kommunaler und regionaler Ebene.

 

Konzertabend in Waldkirch: Yiqi beeindruckte ihr neues Umfeld nicht nur durch ihre herzliche Art, sondern auch durch ihr außergewöhnliches musikalisches Talent. Sie absolvierte mehrere kleine Auftritte. 

 

Ein wichtiger Schlüssel des gegenseitigen Verstehens ist die Sprache des jeweils Anderen. Seit vielen Jahren bemüht sich die chinesische Regierung darum, die eigene Sprache und Kultur im Ausland zu verbreiten – ein unschätzbarer Beitrag zur Völkerverständigung. Eine Schlüsselrolle übernehmen hier die Konfuziusinstitute, die sich inzwischen in vielen deutschen Städten etabliert haben. Im Gegenzug leisten in China das Goethe Institut, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und eine Reihe von Sprachzentren wertvolle Arbeit.

 

In zunehmendem Maß finden aber auch Begegnungen auf privater und persönlicher Ebene statt. Auch der kulturelle Austausch entwickelt eine immer stärkere Dynamik. So waren in den letzen Jahren zahlreiche hervorragende deutsche Orchester, Opern und Ballettensembles auf Tournee in China unterwegs. Im Gegenzug finden immer häufiger auch chinesische Künstler und Gruppen den Weg nach Deutschland.

 

Bei seinem Staatsbesuch in China im März dieses Jahres betonte Bundespräsident Joachim Gauck, dass „durch den direkten Kontakt mit einer anderen Kultur sowie durch den Fluss von Ideen, die Neugier, Fremdes zu verstehen oder Bekanntes mit neuen Augen zu sehen, dass aus diesen positiven gemeinsamen Erfahrungen Vertrauen und Freundschaft wachsen“. Im Rahmen dieses Besuchs eröffneten der Bundespräsident und der chinesische Staatspräsident Xi Jinping in China gemeinsam das Deutsch-Chinesische Jahr für Schüler- und Jugendaustausch, das im vorangegangenen Sommer zwischen den beiden Ländern vereinbart worden war. Eine wichtige Redewendung in der chinesischen Sprache lautet „Jemanden mit voller Aufrichtigkeit behandeln“. Chinas Staatspräsident Xi Jinping wünschte sich bei seiner Rede im März, dass sich deutsche und chinesische Jugendliche mit gegenseitiger Aufrichtigkeit kennenlernen können.

 

Ein Jahr voller Erfahrungen

 

Yiqis Austauschjahr verging wie im Flug. Die ersten Wochen standen ganz im Zeichen der Sprache und der ersten Orientierung. Nachdem wir uns anfangs noch weitgehend auf Englisch verständigten, einigten wir uns schon nach wenigen Wochen darauf, es mit Deutsch zu probieren. Im Rahmen ihres AFS-Austauschjahres besuchte Yiqi einen mehrwöchigen Intensivsprachkurs. Unterstützt durch unsere auf Deutsch geführten Gespräche machte sie rasch erstaunliche Fortschritte, so dass das Thema Sprache schon nach zwei Monaten gar kein Problem mehr war.

 

In Ihrer Schule im benachbarten Kenzingen lebte sie sich ebenfalls richtig gut ein. Sie besuchte alle Kurse, die auch ihre Klassenkameraden besuchen mussten – auch wenn einige davon für sie nicht verpflichtend waren. Anstatt zwei Wochen Ferien zu genießen, absolvierte sie sogar freiwillig ein handwerkliches Praktikum bei einem Orgelbaubetrieb, der übrigens auch schon Orgeln für die ostchinesische Stadt Qingdao gebaut hat. Ein absolutes Novum an ihrer Schule war ein Festabend anlässlich des chinesischen Neujahrs, den sie für über hundert Gäste organisierte und gleich selbst moderierte.

 

Auf dem Weihnachtsmarkt im französischen Colmar: Gemeinsam mit ihrer Gastfamilie und Freunden machte Yiqi viele Ausflüge. 

 

Durch ihr fröhliches und liebenswertes Naturell gewann sie rasch Freunde und auch bei den Lehrern war sie sehr beliebt. Immer wieder wurde sie von den Klassenkameradinnen eingeladen – zur Geburtstagsfeier, zum Bowling oder zu gemeinsamen Ausflügen. Besonders überrascht war sie darüber, wie in Deutschland Lehrer und Schüler miteinander kommunizierten. Während in China der Lehrer eine Respektsperson ist, stellte sie fest, dass Lehrer und Schüler in Deutschland auf einer eher partnerschaftlichen Ebene kommunizierten.

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