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Das Mittherbstfest – das zweitwichtigste Volksfest Chinas

12-09-2016

 

 

Von Jiao Feng

 

Das Mittherbst- oder Mondfest ist ein weit verbreitetes Kulturfest, das von verschiedenen ethnischen Gruppen in China und auch im chinesischen Kulturraum in Ost-  und Südostasien gefeiert wird. Der Bedeutung nach ist dieses Fest das zweitwichtigste Volksfest Chinas und lediglich dem traditionellen Frühlingsfest untergeordnet.

 

Romantische Kulisse: Der Vollmond am klaren Nachthimmel über dem Konfuzius-Tempel in Nanjing, der Hauptstadt der südostchinesischen Provinz Jiangsu. 

 

Das Mittherbstfest wird alljährlich am 15. Tag des 8. Monats nach dem traditionellen chinesischen Kalender begangen. 2016 fällt das Fest also auf den 15. September. Die aus alter Zeit überlieferten Bräuche der Feier sind äußerst vielfältig und zudem von Ort zu Ort verschieden. Sie reichen von der Darbringung von Opfergaben über die Betrachtung und Anbetung des Mondes bis hin zum Verzehr von Mondkuchen und traditionellem Duftblütenwein. Viele der alten Bräuche sind bis in die Gegenwart überliefert und werden weiterhin liebevoll gepflegt. Wenn am Abend des Festtages der Vollmond am Himmel prangt, kommt traditionell die Familie zusammen. Denn die leuchtende runde Scheibe am Nachthimmel symbolisiert für die Chinesen den runden Kreis der Familie und damit das Zusammentreffen aller Familienangehörigen. Wer zu diesem Festtag nicht in die Heimat zurückkehren kann, wird sich seinen Lieben dennoch durch die Betrachtung des Mondes verbunden fühlen, auf den alle gleichermaßen blicken, in welchem Winkel der Welt sie sich auch gerade befinden mögen. Darüber hinaus verleihen viele Chinesen bei der Betrachtung des Mondes an diesem Festtag traditionell ihrer Hoffnung auf eine gute Ernte und ihrem Wunsch nach Glück Ausdruck. Doch es gibt noch viele weitere, teils sehr spezielle Bräuche, das Mondfest zu begehen, die ein wertvoller Teil des chinesischen Kulturerbes sind.

 

Unter dem Einfluss der traditionellen chinesischen Kultur wird das Mittherbstfest in den Ländern Ost- und Südostasiens insbesondere von Überseechinesen gefeiert. 2006 nahm der chinesische Staatsrat das Fest in die erste Gruppe des nationalen immateriellen Kulturerbes auf.

 

Zur Entstehung des Festes

 

 

Jährlich zum Mittherbstfest leben in der Gemeinde Tangqi, Stadt Hangzhou, alte Sitten wieder auf: So begrüßt jedes Jahr ein einhundert Meter langer Drache aus dekorierten Tischen den Festtagsvollmond. So erbittet die tausendjährige Gemeinde Glück für das kommende Jahr. Unser Foto entstand am 4. September 2014. 

 

Das Mittherbstfest fällt in der Regel auf Mitte oder Ende September nach dem westlichen Kalender, in die Mitte des Herbstes also, woher auch sein Name stammt. In China wird das Fest teils auch als „Fest der Familienzusammenkunft“ bezeichnet.

 

Bereits im chinesischen Altertum pflegten die Menschen das Ritual, dem Mond Opfer darzubringen. In historischen Büchern finden sich Belege, dass solche Rituale bereits vor unserer Zeitrechnung gängig waren. Gegen Mitte des 8. Monats des traditionellen chinesischen Kalenders fand in der Regel die Herbsternte statt. Um den Gottheiten und dem Herbst für ihren Segen zu danken, wurde schon früh eine Reihe von Zeremonien und Feierlichkeiten veranstaltet. In der Mitte des goldenen Herbstes ist das Klima bereits merklich kühler, wenn die erste richtige Kälte auch meist noch auf sich warten lässt. Der Mond strahlt zu dieser Jahreszeit besonders glänzend am Himmel. Es ist also die beste Jahreszeit, um seiner Schönheit zu huldigen. Im Lauf der Zeit klangen die sakralen Elemente der Opferzeremonie allmählich ab und an ihre Stelle trat die Mondbetrachtung. Verschiedenen Feierlichkeiten wurden neue Inhalte verliehen.

 

Das Mondfest ist zudem von Sagen und Mythen umwoben. Zahlreiche alte Bräuche und Elemente der traditionellen Kultur sind über die Jahrhunderte in das Fest eingeflossen und haben seinen Inhalt bereichert. Zu nennen sind hier etwa berühmte chinesische Volkssagen, die in Zusammenhang mit dem Mondfest stehen, darunter „Die legendäre Chang’e fliegt zum Mond“, „Vom mutigen Wu Gang, der ewiglich Duftblütenbäume abholzt“ oder „Der Besuch des Tang-Kaisers Xuan Zong im traumhaften Mondpalast“. Diese Erzählungen verleihen dem Fest seit jeher besonderen Glanz und eine romantische Färbung.

 

Kein Fest ohne traditionelle Festspeise: Kurz vor dem Mittherbstfest gehen diese Mondkuchen mit Fleischfüllung in einem traditionsträchtigen Restaurant in Shanghai sprichwörtlich weg wie warme Semmeln. Das Bild entstand am 16. September 2015. 

 

Etwa seit dem 7. Jahrhundert gibt es in China die Sitte, zum Mondfest auch ein großes Bankett zu veranstalten. Seither ist das Fest im chinesischen Brauchtum als fester Feiertag verankert. Um das 10. Jahrhundert entstand in der Bevölkerung zudem der Brauch, anlässlich des Feiertages Mondkuchen zu backen und zu essen. Die Betrachtung des Mondes und der Verzehr traditioneller Mondkuchen bilden bis heute die zwei wichtigsten Komponenten der Feierlichkeiten. Im 14. Jahrhundert erlangte das Mittherbstfest allmählich eine noch größere Bedeutung und wird seither als das zweitwichtigste Fest im Reich der Mitte gefeiert.

 

In vielen Wohnzimmern chinesischer Familien wird anlässlich des Festes ein besonderer Gabentisch aufgestellt, auf dem Melonen und anderes Obst sowie Mondkuchen angerichtet werden. Die runden Mondkuchen erinnern dabei in ihrer Form an den Vollmond, das Obst wird traditionell in Form von Lotusblumen geschnitten. In verschiedenen Fachgeschäften wird zudem Mondlichtpapier angeboten, auf dem historische Motive wie die Mondgottheit sowie das Mörsern von Heilkräutern durch den Jadehasen abgebildet sind. Nach einer kleinen Opferzeremonie wird das Mondlichtpapier verbrannt und Mondkuchen und Obst werden an alle Familienangehörigen verteilt. Die Mondkuchen werden auch als traditionelles Geschenk unter Freunden überreicht. Mit ihnen drücken die Menschen in China ihre guten Wünsche aus. Höhepunkt ist schließlich in jedem Jahr das große gemeinsame Festessen.

 

Lokalkolorit

 

Auch im Kreis Zezhou in der nordchinesischen Provinz Shanxi wird das Mondfest mit besonderen Feierlichkeiten begangen. Highlight ist die Betrachtung des Vollmondes vor der Kulisse des Yushan-Gebirges, dessen Gipfel den Mond eindrucksvoll einrahmen.   

 

Im Küstengebiet der südostchinesischen Provinz Zhejiang ist die Betrachtung der Brandung der Flut an der Mündung des Qiangtang-Flusses jedes Jahr ein Highlight zum Mondfest. Die Flut und die damit einhergehende Brandung fallen jedes Jahr in die Zeit um das Mittherbstfest. Nur an drei Orten weltweit kann ein ähnliches Naturspektakel bestaunt werden, das aufgrund der besonderen Gezeiten und der besonderen geographischen Lage zustande kommt, durch die in den Fluss eine starke Flut eindringt. Da unser Erdball zur Zeit des Mondfestes der Sonne am nächsten steht, ist die Brandung der Flut zu diesem Zeitpunkt jedes Jahr am größten, woraus ein grandioses Naturschauspiel aus Flut und Ebbe entsteht: Hohe Wellen rollen dann in spektakulärer Weise flussaufwärts und branden gegen die Dämme, als ob hunderte Pferde Richtung Ufer galoppierten. Die gewaltigen Wassermassen bieten einen überwältigenden Anblick.

 

Nach einer chinesischen Volkssage steht auf dem Mond ein Duftblütenbaum, der über 1.000 Meter in den Himmel ragt. Da der Legende nach Wu Gang beim Erwerb der Kunst der Unsterblichkeit gegen die Regeln verstoßen hatte, bestrafte man ihn damit, dass er dazu angehalten war, auf dem Mond mit einer Axt diesem Duftblütenbaum abzuholzen. Der Baum wuchs allerdings ständig nach, so dass er sich der Fronarbeit Wu Gangs zum Trotz Tag für Tag aufs Neue frisch in die Höhe streckt, auch nachdem Jahrhunderte ins Land gegangen waren. Nur zum Mondfest durfte sich Wu Gang eine Verschnaufpause unter dem Baum gönnen und genau wie die Menschen auf Erden die Festlichkeiten genießen. Im 8. Monat nach dem traditionellen chinesischen Kalender erblühen die Duftblütenbäume und ihre Blüten können als Zutaten zur Zubereitung von Kuchen sowie zur Herstellung von Duftblütenwein verwendet werden. Der Wein hat eine anregende Wirkung auf den Magen und erfrischt auch das Gemüt. Außerdem soll er die Milz stärken und dem Körper neue Lebenskraft verleihen. Zu den kulinarischen und ästhetischen Genüssen des Mittherbstfestes gehören also neben dem Mundkuchen auch allerlei aus Duftblüten hergestellte Speisen sowie Blütengestecke.

 

In Guangzhou, der Hauptstadt der südtchinesischen Provinz Guangdong, und im Umland pflegt man, in der Nacht des Mondfestes eine lange Holzstange aufzustellen, an die bunte Lampions gehängt werden. Mit Hilfe der Eltern basteln viele Kinder mit Bambuspapier quadratische Lampions oder Laternen in Form eines Hasen oder eines Pfirsichs. Diese Lampions haben einen Henkel aus Bambus, über den sie an der hohen Stange befestigt werden. Das bunte Lampionmeer vor dem klaren Nachthimmel bildet eine besondere Augenweide. Kinder wetteifern miteinander, um die schönste Laterne und den höchsten Platz an der Feststange.

 

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