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„Nulla dies sine linea“
Vorwort zu Wolfgang Kubins Schriftenverzeichnis

23-12-2016

 

Von Li Xuetao*

Während ich Wolfgang Kubins Schriftenverzeichnis in Händen halte, kommt mir einer seiner Verse in Erinnerung: „Jeder Schlaf sei ein Dieb, / lieber bestehle er die Jahre / und setze über.“ Morgens früh um fünf oder sechs Uhr beginnt Kubin schon zu schreiben. Ob als junger Mann oder mit ergrauten Schläfen, ob in Bonn oder in Beijing – stets zeigt sich mehr oder weniger unverändert dasselbe Bild. Der Großteil seiner Gedichte entstand so in seinem Kopf, während andere Leute noch im Land der Träume weilten. Auch wenn der Zahn der Zeit tiefe Falten in sein Gesicht gegraben hat, so dienten ihm die Erfahrungen zweier Generationen doch als Zunder und Funke, mit denen er die Flamme seines Lebenswerks entfachte.

Die Tatsache, dass der Schöpfer der römischen Enzyklopädie Naturalis Historia, Gaius Plinius Secundus Maior (23–79 n. Chr.), sein insgesamt 37 Bände umfassendes Werk vollenden konnte, verdankt sich dem Umstand, dass er sich die Maxime „Nulla dies sine linea“ zum Motto gemacht hat (Plin. Nat. hist. 35, 84). Jeden Tag eine Zeile zu schreiben, das hat sich offenbar auch Wolfgang Kubin zur Leitlinie gemacht.

In diesem ausladenden, weit über hundert Seiten umfassenden Schriftenverzeichnis finden sich Werke aus den Bereichen Sinologie, Übersetzung, Poesie, Literaturgeschichte, Komparatistik, Ästhetik, Literaturkritik moderner chinesischer Literatur sowie Textsammlungen, Kompilationen und vieles mehr. Sie alle sind Zeichen und Errungenschaft eines Lebens, das sich dem Studium und der Wissensvermehrung verschrieben hat. Kubin hat es durch harte Arbeit zu großer Berühmtheit und Wertschätzung gebracht. Nach der Publikation seines literaturgeschichtlichen Bandes Die chinesische Literatur im 20. Jahrhundert nannte die Wiener Sinologie-Professorin Susanne Weigelin-Schwiedrzik Kubin einen „Mönch am Schreibtisch.“

I

Für die Chinesen gibt es wohl keinen bekannteren Sinologen als Wolfgang Kubin. Wie hat er das nur geschafft, sich von einem bloßen „Anderen“ zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, die einen ganz eigenen Status einnimmt, und der sich selbst zum Maß nimmt, um seine sinologische For¬schung zu erläutern? Die Menschen sind schon immer von „außen“. nach „innen“ gegangen, haben die Bestimmung der Existenz des „An¬de¬ren“ als Hilfsmittel benutzt, um ihr „Selbstsein“ anhand der Grenzen zwischen sich und ihrer Umgebung zu definieren. Wolfgang Kubin schrieb einst dazu:

Why do we care about China? I can answer this question only as a non-Chinese. To me it is important as a means to enhance my self-knowledge: I cannot understand myself self-referentially, but only in reference to that which is different. Only by knowing what I actually am not, can I ascertain what I could potentially be.

Wolfgang Kubin untersuchte die Funktion der Sinologie vor dem Hintergrund seiner philosophischen Forschung: „Philosophie ist eine Chance. Sie ermöglicht es dem Menschen, sich der Grenzen des eigenen Selbst bewusst zu werden und diese zu ergründen.“, so Kubin. Für ihn stellte die Sinologie ebenfalls eine solche Gelegenheit dar.

Sehr viele Sinologen neigen bei ihrer Erforschung Chinas zu einer strategischen Vorgehensweise. Sie suchen nämlich nach einem Spiegel, dessen sie sich bedienen können. Wolfgang Kubins Intentionen unterscheiden sich insofern von diesen, als er die Funktion des Anderen nicht ausschließlich dazu verwendet, Selbsterkenntnis zu erlangen: „Es ist der Schlüssel zu einer tieferen Erkenntnis des Selbst, aber zugleich auch einer tieferen Erkenntnis des Anderen…“ Oder „Wie ist es uns möglich, auf dem verschlungenen Pfad des Lebens das fremdartige Andere und das innere Selbst besser zu verstehen, Europa durch China, China durch Europa?“ Obgleich Kubins Ansichten selbst von einer westlichen Weltsicht geprägt sind, sind seine Bemühungen doch beidseitig ausgerichtet: So ist er mit dem beständigen Hin und Her zwischen den Zeiten und Welten tief vertraut. Der Sinologe Wolfgang Kubin hat China aus einer distanzierten Position heraus kennen gelernt und ist so zu noch tieferen Einsichten über sich selbst gelangt. Daher ist es nur logisch, dass seine Werke für den chinesischen Leser ebenfalls Möglichkeiten der kritischen Reflexion eröffnen und ihm tiefere Einsichten über sein Selbst ermöglichen.

Tritt man in die Gedankenwelt Wolfgang Kubins ein, so erhält man unter anderem Einblicke in seine Forschung zur chinesischen Mentalität, Philosophie, Literatur, Religion, zu seinen kontrastiven Studien, Ansätzen, usw. Sein Ziel ist es, mittels des Anderen das Eigene zu ergründen. Doch im Hinblick auf China dient die Sinologie auch dazu, von einer fremden Gegenperspektive aus mehr über sich selbst zu erfahren.

II

 Als Übersetzer hat Wolfgang Kubin Erstaunliches vollbracht. Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hat er Dutzende chinesische Werke übersetzt, darunter Lyrik, verschiedenste Kompilationen, Belletristik, Klassisches und Modernes. Außer seinem Frühwerk Mao Zedong Texte (1978), an dem er noch seine Finger übte, organisierte er ebenso die Übersetzung gesammelter Schriften Lu Xuns 鲁迅 in Werke in sechs Bänden (1994) und der Lyrik von Dichtern wie Bei Dao 北岛, Yang Lian 杨炼, Leung Ping-kwan 粱秉钧 (mit Künstlernamen Yesi 也斯) und Ouyang Jianghe 欧阳江河. Seine Übersetzungen stellten diese Werke den deutschen Lesern vor und machten damit die chinesische Literatur im deutschen Sprachraum bekannt.

Im Jahr 2011 begann Wolfgang Kubin seine zehnbändige Kompilation und Übersetzung der altchinesischen Klassiker, darunter Konfuzius – Gespräche, Lao Zi (Laotse)Der Urtext, Meng ZiReden und Gleichnisse, Zhuang ZiVom Nichtwissen, Das große Lernen: Maß und Mitte und Xun Zi – Die Bildung des Menschen. Alle diese Titel sind bereits in Deutschland herausgegeben und wurden durchweg positiv rezipiert. Das Oevre seiner Übersetzungen ist so umfangreich, dass es in dem vorliegenden Schriftenverzeichnis über zehn Seiten einnimmt – dies ist etwas, das andere Sinologen wohl kaum für sich in Anspruch nehmen können. Seine Leistungen auf dem Gebiet der akademischen und künstlerischen Übersetzung wurden 2013 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis gewürdigt. Dieser Preis wird jeweils an Übersetzer „mit hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung“ vergeben und stellt Deutschlands größte Auszeichnung für Übersetzertätigkeiten dar.

Seine vorsichtige, nahezu pedantische Haltung zur Übersetzung verdankt Wolfgang Kubin seinen zahlreichen differenzierten Kritiken älterer Übersetzungen. Ein anschauliches Beispiel findet sich in Richard Wilhelms (1873–1930) Übersetzung Mong Dsi (Mong Ko) aus dem Jahr 1916. So tauchten in den Nachdrucken translatorische Fehler auf, Auslassungen und Ungenauigkeiten verfälschten Text und Sinn. Ich erinnere mich daran, wie Wolfgang Kubin mich damals darauf aufmerksam machte. Er meinte, dass man während des Lesens unbedingt Folgendes beachten solle: Im „Neudruck“ würden viele Anmerkungen und Konnotationen des Originals ausgelassen. Seit Richard Wilhelms Übersetzung waren bereits über hundert Jahre vergangen, und die deutsche Sprache hatte sich seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg stark verändert. So waren viele der von ihm verwendeten Begriffe christlich-religiös gefärbt. Einige Zeit später fielen mir folgende Zeilen Zhang Xuechengs 章学诚 (1738–1801) in die Hände: „Weiß man nichts von der Welt der Alten, darf man nicht leichtfertig über ihre Worte sprechen; kennt man ihre Welt jedoch, ohne aber ihre Umstände zu kennen, darf man ebenfalls nicht unbedacht über ihre Worte sprechen.“ Da wurde mir bewusst, wie recht Wolfgang Kubin mit seiner Ansicht gehabt hatte.

 

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