CHINAHOY

HOME

HOME

„Nulla dies sine linea“
Vorwort zu Wolfgang Kubins Schriftenverzeichnis

23-12-2016

 

Wolfgang Kubin war 1985–1995 als Professor für Chinesisch am Seminar für Orientalische Sprache an der Universität Bonn angestellt, wo er sich für die Pädagogik der Translationswissenschaft (Deutsch-Chinesisch/ Chinesisch-Deutsch) und deren praktische Anwendung einsetzte. 1995–2011 folgte er Rolf Trauzettel (geb. 1930) als Inhaber des Sinologischen Lehrstuhls der Universität Bonn, und zugleich setzte er seine Übersetzertätigkeit für die Kulturräume des Deutschen und Chinesischen fort. Wie ich mich erinnere, waren im großen Hörsaal XIII im Hauptgebäude der Bonner Universität, als er im Wintersemester 1999/2000 seine Vorlesung „Kunst und Hand¬werk des Übersetzens” hielt, nur sehr wenige Zuhörer. In diesem Vortrag ging es um die philosophischen und hermeneutischen Grundlagen seiner Übersetzungspraxis und -methode. Aus dem Inhalt dieses Vortrags entstand später Die Stimme des Schattens, publiziert 2001.

Just seiner rigorosen Haltung zur Übersetzungswissenschaft treu bleibend, hat Wolfgang Kubin die Übersetzungen des amerikanischen Sinologen Howard Goldblatt (*1939) kritisiert. Von einem übergeordneten Standpunkt aus könnten sie als Bestsellerübersetzungen für die breite Masse angesehen werden, doch seien sie keine Literaturübersetzungen im engeren Sinne. So fiel ihm auf, dass Goldblatt – ein Jude – den letzten Abschnitt von Lang tuteng 狼图腾 (in seiner englischen Übersetzung Wolf Totem) entfernt hatte, da sein Inhalt vom Standpunkt der „political correctness“ aus „faschistische Tendenzen“ enthalte. „Da er […] darüber entschied, wie die englische Version des vorliegenden Werkes aussehen sollte, hat er die eigentliche Intention und Idee des Autors nicht in Betracht gezogen. Er hat lediglich den amerikanischen und westlichen Standpunkt betrachtet.“

III

Von seiner eigentlichen Natur her ist Wolfgang Kubin ein Poet. Für ihn ist das Schreiben von Gedichten kein bloßer Zeitvertreib neben der akademischen Forschung, sondern ein essentieller Teil seines Lebens – der Teil, dem er die größte Bedeutung beimisst. So hat er bis dato bereits mehrere Anthologien seiner Lyrik herausgegeben. Wolfgang Kubin ist ein nüchterner sinologischer Forscher, doch sobald er beginnt, Gedichte zu erschaffen oder zu rezitieren, verwandelt er sich sofort in einen temperamentvollen weitherzigen Sänger: Genus irritabile vatum („Das reizbare Geschlecht der Dichter“). Wenn ich einem von Wolfgang Kubins poetischen Lesungen beiwohne, habe ich stets das Gefühl, dass er nur als Lyriker seiner ganzen Brillianz, Lebenskraft und Genialität vollen Ausdruck verleihen kann. Als Professor der Sinologie jedoch macht er häufig den Eindruck, als bedrücke ihn etwas. Ich meine immer, dass Poesie jugendliche Leidenschaft und Vitalität ausdrückt – ganz so, als würde man in einem einzelnen Augenblick seines Lebens alles auf eine Karte setzen. Jeden Tag fährt er mit dem Fahrrad, jede Woche spielt er Fußball, ab und zu geht er in die Berge wandern. Diese kleinen Gewohnheiten halten ihn nicht nur bei guter Gesundheit, sondern bewahren ihm auch seinen sprühenden und jugendlichen Geist – die Quelle seiner Lyrik.

Im August 2010 wurde die erste Anthologie chinesischer Gedichte von Wolfgang Kubin veröffentlicht. Es war damals die erste chinesische Übersetzung von Gedichten eines zeitgenössischen deutschen Lyrikers. Kubin vertritt dabei die bescheidene Meinung, dass er solche Anerkennung nicht im Geringsten verdiene. Die benannte Anthologie wurde aus ausgewählten Stücken seiner über die letzten Jahre publizierten drei Gedichtsammlungen zusammengesetzt (Das Neue Lied von der Alten Verzweiflung, Schattentänzer und Narrentürme). In seinem Nachwort zu Das Neue Lied von der Alten Verzweiflung schreibt Joachim Sartorius über Wolfgang Kubin:

Wir entdecken einen grüblerischen Melancholiker, der ein genaues Auge hat, die Gabe zur bitteren Lakonie in extremer Verknappung, einen Moralisten, der nie moralisiert und uns ernste, oft hart gefügte, spröde Gedichte schenkte, die wenig Duldsamkeit mit dem Leser haben, von ihm aber Reaktionsfähigkeit erwarten und Bereitschaft zur Recherche. … Es ist dieser Dreiklang von geschichtlichem Bewusstsein, rationaler Gestaltung und strengem Austausch von Sprache mit der realen Welt, der Kubins Gedichte reich, weil nach allen Seiten für Assoziationen offen macht..

Bei Dao findet Kubins Gedichte „prägnant, doch maßvoll, reich an philosophischer Tiefe.“ Auch ich denke, dass sich in Wolfgang Kubins Gedichten der reichhaltige Erfahrungsschatz eines ganzen Menschenlebens konzentriert. Er versteht sich darauf, seine Ansicht zum menschlichen Dasein in kurzen Worten treffend zu umreißen. Seine Gedichte drehen sich häufig um Tod, Begräbnis, Heimat, die Ferne, Melancholie und dergleichen. Sartorius meint dazu:

Wer diese finsteren Zeilen genau liest, weiß, dass der Dichter der anwachsenden Leere der Welt mit einer Ästhetik des Verhaltenen, des Unvollkommenen entsprechen will, in der die Vielfalt der Anspielungen, die Verknüpfung von Bild und Geschichte nach einem Gleichgewicht suchen, das zwischen uns wieder heimisch werden soll.

In den letzten zwei, drei Jahren hat Wolfgang Kubin auch damit begonnen, Prosa auf Chinesisch zu verfassen. Seine Artikel und Essays erschienen in Zeitschriften wie der Southern Weekly, Yangcheng Evening News, Qilu Evening News und Beijing Youth Daily. In der Meiwen und Youth erhielt er seine eigene Kolumne, was ihm bei den chinesischen Lesern große Wertschätzung und kritische Beachtung verschaffte. Wolfgang Kubin ist kein bloßer Erforscher der chinesischen Kultur, sondern auch jemand, der aktiv die chinesische Kultur beeinflusst. Sein Chinesisch ist ruhig und besonnen, dann wieder lebendig und ausdrucksstark. Liest man seine Texte, so hat man unweigerlich den Eindruck, dass er gerade vor einem stünde und sich lebhaft mit einem unterhielte. Der Dichter Wang Jiaxin 王家新 (*1957) bezeichnete dies als die „Kubin-Präsenz“: Er ist ein so humorvoller und liebenswerter Mensch, ein brillianter und inspirierender Schriftsteller. Er schreibt über das tägliche Leben, über alltägliche Gedanken, er schreibt über seine Freunde, über Tiere. Sein außergewöhnliches Talent im Hinblick auf den sprachlichen Ausdruck verleiht ihm eine einzigartige schriftstellerische Gabe. So reicht es im Chinesischen einfach nicht aus, seinen ‚Sinn‘ einfach ‚korrekt‘ oder ‚fließend‘ wiederzugeben. Meiner Meinung nach liegt die Schwierigkeit in seiner Kunst, seinen reichen Texten mittels des Chinesischen eine einzigartige und charakteristische Färbung zu verleihen: Die „Kubin-Präsenz“.

So kam es, dass er im Oktober 2015 mit dem „Ersten Internationalen Feng Zikai- Literaturpreis“ (Shoujie quanqiu Feng Zikai sanwen jiang 首届全球丰子恺散文奖) ausgezeichnet wurde – einer Ehrung, die ihn wahrscheinlich zum einzigen Ausländer der letzten paar Jahre macht, der für seine chinesischen Texte einen chinesischen Literaturpreis gewonnen hat.

IV

Als Literaturwissenschaftler hat Wolfgang Kubins zehnbändiges Hauptwerk Geschichte der Chinesischen Literatur in der deutschsprachigen Welt für Aufsehen gesorgt. Es hatte im Deutschen bis dato noch keine Gesamtdarstellung der chinesischen Literaturgeschichte gegeben, was ihn dazu veranlasste, sich diesem enormen Unterfangen zu widmen. Dabei verfolgte er keineswegs die Intention, nach Art der Enzyklopädisten einfach die Biographien und Werke von namenhaften Literaturwissenschaftlern aufzulisten. Vielmehr wollte er ein praktisches Handbuch kreieren. Daher konzentrierte er sich auf die Analyse repräsentativer und namhafter Werke, um durch diese anschaulichen Resultate den einzigartigen ästhetischen und künstlerischen Wert der chinesischen Literatur zu präsentieren.

 

      1   2   3   4     

Reisen

„Qiongyou“ – Die neue, große Lust der Chinesen am Reisen mit kleinem Budget

Die Chinesen sind im Reisefieber. Das gilt vor allem für die Angehörigen der aufstrebenden Mittelschicht. Viele Menschen im Reich der Mitte wollen sich ihren Urlaub längst nicht mehr gehetzt durch das hektische Anpeitschen eines Reiseführers per Megaphon oder durch aufreibende Sehenswürdigkeitenmarathons trüben lassen. Der Individualtourismus boomt und mit ihm einige neue aufstrebende Reiseportale für den kleinen Geldbeutel.

Gesellschaft

Meng Zhou: Botschafterin zwischen Kulturen und Herzen

Wirtschaftlicher und kultureller Austausch ist immer auch ein Austausch zwischen Menschen. Und hier bedarf es nicht selten des Brückenschlags, um Kulturunterschiede und kulturelle Stolpersteine zu überwinden. Eine, die viele Wege geebnet hat im Austausch zwischen China und Deutschland und zwischen den Partnerstädten Beijing und Köln ist die Chinesin Meng Zhou. Freunde haben sie die „deutsch-chinesische Botschafterin“ getauft.

Ehrenamtliches Engagement – Junge Freiwillige in China

Viele junge Menschen im Westen haben bereits Erfahrung mit ehrenamtlicher und gemeinnütziger Arbeit. Auch in China suchen immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene nach einem tieferen Sinn im Leben, wollen helfen und sich als Freiwillige engagieren. Einer von ihnen ist der junge Student Xie Feixun aus Guangzhou, der neben dem Studium mit vier Mitstreitern ein spannendes gemeinnütziges Projekt auf die Beine gestellt hat.

Im Jetlag der Entwicklung – Warum in China die Uhren unterschiedlich schnell gehen

Die Welt scheint sich schneller zu drehen, zumindest in unserem gefühlten Alltagsuniversum. Wir im Westen sind dabei nicht die einzigen, die Antworten suchen im Sog der Moderne. Auch in China sieht sich die Bevölkerung mit einem schnelleren Alltagsdrehmoment konfrontiert. Doch anders als für die Menschen in Deutschland ist dieses nicht überall gleich, sondern es bestehen unterschiedliche „Zeitzonen“. Ist der Jetlag vorprogrammiert? Ein Kommentar von Verena Menzel.

Tibet

Nachwort

In der Gegenwart erlebt die tibetische Literatur eine beispiellose Blüte. Im vorliegenden Buch können nur wenige, repräsentative Werke vorgestellt und kommentiert werden. Und natürlich geht es vor allem um von tibetischen Schriftstellern geschaffene Werke.

Gesundheit

Die TCM geht in die Welt

Wenn die herkömmliche Medizin keinen Rat mehr weiß, hilft nicht selten die Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM. So wie im Falle von Ursula Wolf, die sich nach langem Leidensweg in die TCM-Klinik Bad Kötzting begab und dort Hilfe fand. Mit ihren ganzheitlichen Heilmethoden wird die fernöstliche Lehre in Deutschland zunehmend anerkannt.

TCM-Gebirge Luofushan – Hype um Medizin-Nobelpreis bringt neue Entwicklungschancen

Anfang Oktober 2015 stand fest, dass die 84-jährige Chinesin Tu Youyou den Nobelpreis für Medizin erhält. Die Nachricht hat die Traditionelle Chinesische Medizin als solches auf die Bühne der Weltöffentlichkeit gehievt. Ein geschichtsträchtiger Ort, der davon besonders profitiert, ist das Luofushan-Gebirge in der Provinz Guangdong. Denn hier liegen die Ursprünge der Auszeichnung für Tu Youyou.

Kräutermedizin heilt Krankheiten – Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin

Im Vergleich zur westlichen Medizin erscheint die traditionelle chinesische Medizin (TCM) um einiges geheimnisvoller. Das chinesische Schriftzeichen für „Medizin“ (药,yao) beinhaltet ein Radikal, das „Kräuter“ bedeutet, denn Heilkräuter sind die grundlegenden Elemente der traditionellen chinesischen Pharmakologie.