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„Nulla dies sine linea“
Vorwort zu Wolfgang Kubins Schriftenverzeichnis

23-12-2016

 

Indem Kubin seine eigene Erfahrung mit der europäischen zeitgenössischen Literatur einbrachte, gelang es ihm, als er den Band Die Geschichte der chinesischen Literatur des 20. Jahrhunderts schrieb, die chinesische Literatur des letzten Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Weltliteratur vergleichend zu untersuchen. Dabei stellt er in seiner Besprechung der chinesischen Werke fest, dass alle – ganz gleich, ob unter dem Aspekt der Produktion oder der Rezeption – davon ausgehen, unter westlichem Einfluss zu stehen, zugleich aber auch davon, dass sie diesem Einfluss wiederum selbst etwas transformierendes Neues hinzugefügt haben. Kubin selbst vertritt dabei die Ansicht, dass sich die Schriften in dieser überaus individuell gestalteten Literaturgeschichte unter drei übergeordneten Gesichtspunkten harmonisch zusammenfassen lassen, nämlich:

1. Die chinesische Literatur im 20. Jahrhundert als ein säkularisiertes Heilsversprechen, also letztendlich unter dem eschatologischen Aspekt zu verstehen. 2. Die Frage nach der Individualität des Schriftstellers mit dem Problem von Staat und Nation zu verbinden. Und 3. den chinesischen Schriftsteller mit dem Intellektuellen auf eine Stufe zu stellen.

Zudem strebte er in diesem Werk danach, einige im Zusammenhang mit der chinesischen Literaturgeschichte relevante Themen, wie etwa die Themen Revolution, Bewegung vom 4. Mai, Utopiegedanke etc. von einem europäisch geprägten Standpunkt aus zu erläutern und neu zu beleuchten.

Seit dem Jahr 2004, in dem ich, zurückgekehrt nach China, die Arbeit an der Vorbereitung dieses Übersetzungsprojekts aufnahm, sind bereits sieben Bände der Literaturgeschichte erschienen (die restlichen drei Bände sind Indizes). Der Einfluss dieser chinesischen Übersetzung ist enorm, da sie neben Sinologen des ostasiatischen und südostasiatischen Sprachraums auch auf Sinologen einiger Länder des zwar westlichen, aber eben nicht deutschsprachigen Bereichs Einfluss hatte. So veranstaltete beispielsweise das Council of East Asian Studies der Yale University im April 2009 ein Symposium mit dem Titel History of Chinese Literature in the 20th Century,wo aufgrund der Tatsache, dass nur wenige der Teilnehmer Deutsch beherrschten, die chinesische Version des Werks zur Grundlage des Forums wurde. Wolfgang Kubin selbst hat große Achtung vor der Übersetzung seines Werkes und äußerte sich im Juni 2009 in seinem Eröffnungsvortrag bei dem Bonner Symposium „100 Jahre Sinologie in Deutschland“ folgendermaßen:

Als Sinologen stellen wir in Deutschland eigentlich eine Randerscheinung dar. Und so sind es die chinesischen Übersetzungen unserer Werke, dank derer wir in China mehr Leser als im eigenen Land gewinnen. Auf dieser Ebene kann man sagen, dass unsere Schriften China verändern. So etwas hätten wir uns vor einigen Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt.

Gerade dies ist das Ziel der gemeinschaftlichen Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur – sie soll den gegenseitigen und gleichberechtigten kritischen Diskurs ermöglichen und fördern.

V

 Wie beurteilt nun der Literaturkritiker Wolfgang Kubin die chinesische Literatur? Er verwendete Schnapssorten als Metapher für die chinesische Literatur. Setze man die Zäsur bei 1949, so sei sämtliche vorherige Literatur feiner edler wuliangye, alles danach sei kaum ein erguotou. In Bildern wie diesen erkennt man den charakteristischen Durchbruch seines Verständnisses von Sprache und schriftstellerischem Schaffen: Sprache treibt er kompromisslos bis an die Grenzen des Ausdrucks, jedes Wort wird von ihm auf die Goldwaage gelegt. So entlehnte Kubin einmal die Worte Hans Georg Gadamers (1900–2002), wo dieser von einem epistomologischen Ansatz ausgehend den linguistic turn zu erläutern suchte: „Der ‚linguistic turn‘ impliziert, dass wir unsere Kenntnis von der umgebenden Welt durch Sprache erlangen.“ Das, wofür sich ein Schriftsteller wirklich verantwortlich fühlen sollte, ist die Sprache. Denn Sprache ist nicht nur das Werkzeug, mittels dessen wir unsere Gedanken zum Ausdruck bringen – sie ist mehr. Dies ist der Grund für Kubins Kritik an der zeitgenössischen chinesischen Literatur:

Bei der Betrachtung meiner Kritik an der zeitgenössischen chinesischen Literatur wird meine eigentliche Absicht häufig außer Acht gelassen: Meine Kritik ist zugleich eine Kritik an der modernen chinesischen Sprache. So halten viele Chinesen Sprache für ein bloßes Werkzeug zum Ausdruck von Inhalt. Doch darf Sprache niemals wie bloßes Brotpapier zum Umwickeln von Inhalt behandelt werden – die Sprache selbst ist bereits der Inhalt.

Im Vergleich zu Lu Xun, so Kubin weiter, würden sich moderne chinesische Autoren den Eigenwert der Sprache nicht mehr ins Bewusstsein rufen. Stattdessen folgten sie beliebig irgendeiner Alltagssprache, die man überall hören, sehen oder lesen könne. Dabei handelte es sich häufig um eine Sprache, wie man sie üblicherweise auf den Straßen findet, sie sei vulgär, profan, es mangele ihr an Vitalität. Daher kam Professor Kubin zu dem Schluss, „[…] dass sich die heutigen chinesischen Schriftsteller über ihre Sprache keine Gedanken mehr machen.“

Wie kann ein Autor mittels einer alltäglichen Sprache zu neuen Erkenntnissen über das Leben gelangen? Wird die Steigerung des eigenen Sprachniveaus nicht unweigerlich zu einer Verfremdung und Erzwingung des Textflusses führen? Kubin vertritt die Ansicht, dass das Studium von Fremdsprachen und die praktische Übersetzertätigkeit dazu dienen können, zu einem besseren Schriftsteller zu werden. Während der Nachkriegszeit in Deutschland habe er beispielsweise selber die Erfahrung gemacht, dass seine deutsche Sprachkompetenz durch das Fremdsprachenstudium und die Arbeiten als Übersetzer wesentlich gesteigert wurde. Viele chinesische Autoren und Gelehrte würden dies nur schwerlich akzeptieren. Nach Kubin liegt der Grund dafür, warum die chinesischen modernen Schriftsteller Eigenverantwortung übernehmen müssen, in dem Umstand, dass sie allesamt wie „Frösche im Brunnen“ seien: Sie haben nur Augen für ihr eigenes kleines Reich. So berauben sie sich jeder Chance, aus den originalsprachigen Werken der Weltliteratur Nährstoffe zu ziehen und ihre Werke damit zu bereichern. „Wenn sie nicht in der Lage sind, die großen Werke der Weltliteratur in ihrer Originalfassung zu erleben, dann haben sie auch keinerlei Möglichkeit, durch eine andere Sprache, Tradition oder Weltsicht zu neuer Inspiration zu finden.“ Dies soll nicht heißen, dass chinesische Autoren ihre eigenen Werke nun nur noch aus dem Blickwinkel eines fremden Sprachraums heraus betrachten sollen. Doch vermögen sie weder ihre eigene Sprache kunstvoll zu beherrschen, noch haben sie die Möglichkeit, die Essenz der Weltliteratur zu erfassen – so ist es nur verständlich, dass man sich mit der Erschaffung eines Meisterwerkes schwer tut. Ohne Übersetzung keine Weltliteratur, Übersetzung schafft Weltliteratur. So waren Deutschlands berühmteste Autoren, die zugleich ebenfalls praktische Übersetzer waren, der Überzeugung, dass man mittels Translation die wahre Volksliteratur wieder herstellen könne. Ezra Pound (1885–1972) meint dazu: „Zum Ende des letzten Jahrhunderts hatte die englische Lyrik bereits sämtliche Anziehungskraft und allen Esprit eingebüßt. Also begann man, sie in japanischen und chinesischen Gedichten neu zu beleben.“ „Hätte Lu Xun niemals klassisches Chinesisch, Deutsch oder Japanisch gelernt, so bezweifle ich, dass er jemals zu seiner eigenen Sprache gefunden hätte!“ So hätten Autoren wie Guo Moruo郭沫若 (1892–1978) oder Yu Dafu 郁达夫 (1896–1945) ihre eigene Sprache erst durch das Medium der praktischen Translation entdeckt.

 

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