CHINAHOY

HOME

HOME

„Nulla dies sine linea“
Vorwort zu Wolfgang Kubins Schriftenverzeichnis

23-12-2016

 

Spricht man von China, so sieht Wolfgang Kubin den Fokus der Theorie Lu Xuns auf der Kreation einer Sprache der Literatur. Doch schaue man gen Westen, so läge dieser auf einer Befreiung von der Knechtschaft des Spirituellen: „Manés Sperber sah sein literarisches Schaffen als Mittel, um seiner Forderung nach der unverschleierten Darstellung der Ausweglosigkeit und somit der Zerschlagung utopischer Luftschlösser Ausdruck zu verleihen. Man könnte fast meinen, dass er im Leben und Werk des Schriftstellers und Menschen Lu Xun eine praktische Überprüfung seiner Ansichten gefunden habe.” Dank der Arbeiten der modernen Autoren erhalten wir tiefe Einblicke in die problematischen Fragen, denen sich die Entwicklung der chinesischen Literatur im vergangenen Jahrhundert stellen musste – darunter allen voran die Frage, was nun nach dem Tod des Kaisers eigentlich zu tun sei. Guo Moruo hat in seinem Gedicht „Tiangou 天狗 („Himmelshund“) mittels seiner „Ich-bin-Formel“ die Frage nach dem „Selbst“ thematisiert und Lu Xun beschrieb in seinen Erzählungen „Panghuang“ 彷徨 („Auf der Suche“) und „Yecao“ 野草 („Wilde Gräser“) lebhaft seine Verfolgung eines menschlichen Ideals. Dies sind keineswegs lediglich Melancholien chinesischer Intellektueller, sondern ganz genauso Melancholien europäischer Intellektueller. So kommt Kubin zu der überzeugenden Ansicht, dass die moderne chinesische Literatur nicht nur China des 20. Jahrhunderts, sondern auch das damalige Europa widerspiegelt – ihr Charakter repräsentiert eine globale Literatur.

In den Jahren 1949–1979 musste das Chinesische jedoch schwere, ideologisch motivierte Einbußen hinnehmen. Chinesische Schriftsteller waren infolgedessen dazu gezwungen, ihre Sprache von Grund auf neu zu lernen – der Entwicklung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht unähnlich. Kubin bezieht sich bei seiner Darstellung der Wichtigkeit der Rekonstruktion von Sprache und Ausdruck gerne exemplarisch auf den deutschen Schriftsteller Heinrich Böll (1917–1985). Durch den ideologischen Missbrauch der deutschen Schriftsprache in den Jahren 1933–1945 entstand ein Bruch, welcher die deutsche von der internationalen Literatur isolierte. Als Resultat waren die deutschen Schriftsteller nach 1945 mit der Herausforderung konfrontiert, einerseits zu den anderen westlichen Ländern aufzuschließen und andererseits gleichzeitig ihre eigene traditionelle deutsche Linie fortzusetzen. Diese junge Generation deutscher Schriftsteller (Böll eingeschlossen) wollte ganz von neu beginnen, nochmal ganz bei Null anfangen. So entstand die heute so berühmte deutsche „Trümmerliteratur,“ eine Gattung, die viele Gemeinsamkeiten mit der „Narbenliteratur“ der Folgezeit der Kulturrevolution aufweist. Kubin kommentierte dazu: „Der Missbrauch der Sprache im Dritten Reich hat bei vielen Menschen großes Leid verursacht. Selbst heute sind diese Wunden noch teilweise spürbar. Aus diesem Grund bedeutet Sprachanalyse auch immer zugleich eine Kritik der implizierten Ethik.”

Außer der Problematik der Sprache spricht Wolfgang Kubin noch eine weitere schwere Herausforderung der chinesischen Autoren an. So möchte er verdeutlichen, dass diese mit der gesamten Unruhe, Unsicherheit und Instabilität einer Gesellschaft konfrontiert werden, die sich in einer Zeit des extremen gesellschaftlichen Wandels und ökonomischen Wachstums befindet. Doch dabei mangelt es ihnen an einer Möglichkeit, dieser Hilflosigkeit mit einem Lösungsansatz aus der eigenen kulturellen Tradition zu begegnen. Der Bruch mit der Tradition – und ganz besonders im Fall von Sprache und Literatur – hat zweifellos zur Intensität und Wucht dieser Hilflosigkeit beigetragen. Also hat er sich dazu entschlossen, die zeitgenössische Entwicklung der Kommerzialisierung von Literatur schärfstens zu verurteilen. Er war immer schon der Meinung gewesen, dass die moderne chinesische Literatur des 20. Jahrhunderts in den Jahren vor 1949 ihre Blütezeit erlebt habe; nach 1949 hätten sich dann viele Schriftsteller an die Politik verkauft; aber nach 1992 hätten sie sich auch an den freien Markt verscherbelt. Nach 1992 ist die chinesische Literatur eine vom Markt verdorbene Literatur. Nachdem man sich von der Praxis der Planwirtschaft distanziert und der freien Marktwirtschaft zugewandt hatte, bescherte uns der Wettbewerb unvergleichliches Wirtschaftswachstum und persönlichen Wohlstand. Zahlreiche Leute vertreten sogar die naive Meinung, dass die Gesetze des Marktes universal und unveränderlich seien und dass man ihnen nur blind vertrauen müsse. Doch wissen sie nichts vom „alles verschlingenden Moloch Kommerz.” In Wirklichkeit ist es eben diese gewinnorientierte Konsumgesellschaft, welche die traditionellen und typischen Charakteristika unserer ursprünglichen Kultur zerschlagen hat, die die ethischen und moralischen Grundsätze des Menschen zerstört. Folgen wir weiter dieser Vermarktung von Sprache, so werden die Intellektuellen langsam, aber sicher von der öffentlichen Bühne verschwinden. Und dies gilt natürlich nicht nur für China, doch dient es in diesem Fall als leuchtendes Paradebeispiel einer globalen Entwicklung. Wolfgang Kubin weigert sich zu akzeptieren, dass die chinesischen Schriftsteller zu eben solch bloßen Schundproduzenten verkommen: „Sie bieten ihre aschfahlen Leiber zum Menschenopfer dar.“ Gejagt von Kommerzialisierung und seelischem Missbrauch verklingt die Stimme des Literaturkritikers zu einem immer leiseren Flüstern. So baut Professor Kubin seine Hoffnung auf die Entfaltung einer chinesischen Stimme – der inneren Stimme der Autoren vor 1949. Der Umstand, dass viele chinesische Dichter von der Kommerzialisierung bisher unbeeinflusst geblieben sind, spendet ihm dabei ein wenig Trost. Ihre Werke erlangen meistens keinen großen Bekanntheitsgrad, wodurch sie weiterhin ein Leben am Rande der Gesellschaft fristen müssen. Dadurch stehen sie aber auch nicht vor der Entscheidung, sich selbst vermarkten zu müssen, weshalb sie sich noch ganz auf den inneren Wert von Sprache und Kunst fokussieren können.

Professor Xiao Ying 肖鹰 vom Philosophischen Seminar der Tsinghua-Universität meinte einmal zu mir, dass chinesische Akademiker eigentlich Herrn Kubin zu danken verpflichtet seien. Sehr viele Leute würden von dem, was Reporter in Interviews mit ihm festgehalten hätten, nur Phrasen wiedergeben, um sodann eine Strafexpedition gegen ihn zu führen. Xiao Ying meint, die Argumentationspunkte, die die chinesischen Wissenschaftler veröffentlichen, könne Kubin alle lesen, doch den Großteil der Ansichten, die er in seinen auf Deutsch geschriebenen Aufsätzen anführe, könnten wir nunmal einfach nicht verstehen. Ich stimme Xiao Ying da insgesamt völlig zu, und das ist auch der Hauptgrund, warum ich seit vielen Jahren ständig dabei bin, die wichtigsten Werke von Wolfgang Kubin ins Chinesische zu übersetzen. Gestützt auf den langjährigen Kontakt und Gedankenaustausch mit Kubin meint Xiao Ying, dass das, was dieser als „Wirklichen Dialog“ bezeichnet, die drei folgenden Aspekte beinhalte: das passionierte Nachhaken, das aufrichtige Zuhören und den klaren Ausdruck. Diese drei von Xiao Ying erwähnten Punkte habe ich auch selbst erfahren.

Für Kubin ist China nicht nur ein Forschungsfeld oder Broterwerb. Es ist vielmehr ein heimatlicher Teil seiner Seele. Als er seiner Frau Zhang Suizi 張穗子 vor über 30 Jahren das eheliche Ja-Wort gab, wandelte sich seine Beziehung mit China von einer Freundschaft zu einer engen Blutsverwandtschaft. Doch ganz gleich ob er sich mit historischen oder modernen Studien beschäftigt – er wird niemals aufhören, sich über zeitgenössische Kritik und Kritikergeist Gedanken zu machen. Gleich nach seiner Emeritierung hat Kubin eine neue „vita activa“ begonnen (so der Titel eines Werkes von Hannah Arendt) begonnen. Für einige Jahre seines Pensionärslebens ist er an die Beijinger Fremdsprachenuniversität gekommen, um hier seine Lehrtätigkeit fortzusetzen – das ist wirklich etwas, das mich immer wieder zutiefst bewegt:

Gedicht im Alten Stil

In die Hauptstadt zog es dich, vier Jahre schon weilst du.

 Lang waren die Reisen durch Fernost.

Wind und Schnee im Norden,

fallende Blätter an den Mauern von Peking.

Müdigkeit sei dir fern im Unterricht.

Um fünf Uhr morgens beginnt dein Übersetzungswerk.

Du liebst die Müdigkeit auf Reisen.

Im Schnaps allein liegt für dich alle Wahrheit verborgen.

Die obigen Zeilen schrieb ich nieder, als Beijing im Dezember des Jahres 2015 gerade vom ersten heftigen Schneefall heimgesucht worden war. Ich wollte damit den Seniorprofessor Kubin porträtieren, der abgesehen von seinen schriftstellerischen Aktivitäten und seinen Übersetzungen weiterhin die ihm verbliebenen Kräfte nutzt, um junge Talente zu unterweisen . Man möge mir nachsehen, dass ich mich an dieser Stelle eines berühmten Vers des von Wolfgang Kubin verehrten Tang-Dichter Du Mu 杜牧 (803 – ca. 852) bedienen möchte:

„Des zweiten Monats Blüten waren nicht so rot

wie diese Blätter voller Frost.“

So sind denn heute die Schüler Wolfgang Kubins in China noch zahlreicher als die in Bonn.

*Der Text wurde von Sabine Weber übersetzt.

      1   2   3   4  

Reisen

„Qiongyou“ – Die neue, große Lust der Chinesen am Reisen mit kleinem Budget

Die Chinesen sind im Reisefieber. Das gilt vor allem für die Angehörigen der aufstrebenden Mittelschicht. Viele Menschen im Reich der Mitte wollen sich ihren Urlaub längst nicht mehr gehetzt durch das hektische Anpeitschen eines Reiseführers per Megaphon oder durch aufreibende Sehenswürdigkeitenmarathons trüben lassen. Der Individualtourismus boomt und mit ihm einige neue aufstrebende Reiseportale für den kleinen Geldbeutel.

Gesellschaft

Meng Zhou: Botschafterin zwischen Kulturen und Herzen

Wirtschaftlicher und kultureller Austausch ist immer auch ein Austausch zwischen Menschen. Und hier bedarf es nicht selten des Brückenschlags, um Kulturunterschiede und kulturelle Stolpersteine zu überwinden. Eine, die viele Wege geebnet hat im Austausch zwischen China und Deutschland und zwischen den Partnerstädten Beijing und Köln ist die Chinesin Meng Zhou. Freunde haben sie die „deutsch-chinesische Botschafterin“ getauft.

Ehrenamtliches Engagement – Junge Freiwillige in China

Viele junge Menschen im Westen haben bereits Erfahrung mit ehrenamtlicher und gemeinnütziger Arbeit. Auch in China suchen immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene nach einem tieferen Sinn im Leben, wollen helfen und sich als Freiwillige engagieren. Einer von ihnen ist der junge Student Xie Feixun aus Guangzhou, der neben dem Studium mit vier Mitstreitern ein spannendes gemeinnütziges Projekt auf die Beine gestellt hat.

Im Jetlag der Entwicklung – Warum in China die Uhren unterschiedlich schnell gehen

Die Welt scheint sich schneller zu drehen, zumindest in unserem gefühlten Alltagsuniversum. Wir im Westen sind dabei nicht die einzigen, die Antworten suchen im Sog der Moderne. Auch in China sieht sich die Bevölkerung mit einem schnelleren Alltagsdrehmoment konfrontiert. Doch anders als für die Menschen in Deutschland ist dieses nicht überall gleich, sondern es bestehen unterschiedliche „Zeitzonen“. Ist der Jetlag vorprogrammiert? Ein Kommentar von Verena Menzel.

Tibet

Nachwort

In der Gegenwart erlebt die tibetische Literatur eine beispiellose Blüte. Im vorliegenden Buch können nur wenige, repräsentative Werke vorgestellt und kommentiert werden. Und natürlich geht es vor allem um von tibetischen Schriftstellern geschaffene Werke.

Gesundheit

Die TCM geht in die Welt

Wenn die herkömmliche Medizin keinen Rat mehr weiß, hilft nicht selten die Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM. So wie im Falle von Ursula Wolf, die sich nach langem Leidensweg in die TCM-Klinik Bad Kötzting begab und dort Hilfe fand. Mit ihren ganzheitlichen Heilmethoden wird die fernöstliche Lehre in Deutschland zunehmend anerkannt.

TCM-Gebirge Luofushan – Hype um Medizin-Nobelpreis bringt neue Entwicklungschancen

Anfang Oktober 2015 stand fest, dass die 84-jährige Chinesin Tu Youyou den Nobelpreis für Medizin erhält. Die Nachricht hat die Traditionelle Chinesische Medizin als solches auf die Bühne der Weltöffentlichkeit gehievt. Ein geschichtsträchtiger Ort, der davon besonders profitiert, ist das Luofushan-Gebirge in der Provinz Guangdong. Denn hier liegen die Ursprünge der Auszeichnung für Tu Youyou.

Kräutermedizin heilt Krankheiten – Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin

Im Vergleich zur westlichen Medizin erscheint die traditionelle chinesische Medizin (TCM) um einiges geheimnisvoller. Das chinesische Schriftzeichen für „Medizin“ (药,yao) beinhaltet ein Radikal, das „Kräuter“ bedeutet, denn Heilkräuter sind die grundlegenden Elemente der traditionellen chinesischen Pharmakologie.