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Ralf Jauch aus Jena: Ein deutscher Biowissenschaftler schlägt Wurzeln in China

23-05-2017

  

Von Huang Yi und Li Yuan

 

 

Gute Stimmung im Labor: Neben Chinesen arbeiten in Ralf Jauchs Team auch Kollegen aus Deutschland und Indien. 

 

Kräftiger Körperbau, elegantes Auftreten und Englisch mit leicht deutschem Akzent - das sind für seine chinesischen Kollegen die Markenzeichen von Ralf Jauch. Der Deutsche lebt bereits seit 2013 im Reich der Mitte und leitet dort als ausländischer Wissenschaftler ein führendes Forscherteam am Guangzhou Institute of Biomedicine and Health (kurz: GIBH) der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Ursprünglich stammt der promovierte Biowissenschaftler aus der traditionsreichen Stadt Jena. Sein Vater hat sich dort als Vizebürgermeister aktiv für die Entwicklung der Freundschaft und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der thüringischen Großstadt und der südchinesischen Metropole Guangzhou, Hauptstadt der Provinz Guangdong, engagiert. So war China für Wissenschaftler Jauch auch vor dem Antritt seiner Stelle in der Volksrepublik kein Fremdwort. 2014 wurde Jauch über das „Hundred-Talent Program“ der Chinesischen Akademie der Wissenschaften als Spitzenforscher für Genomik, Stammzellenbiologie und strukturelle Zellbiologie am GIBH angestellt.

 

Eine Entscheidung auch aus „Abenteuerlust“

 

Erste Chinaerfahrung sammelte der junge Jenaer Forscher im Jahr 2012. Damals waren seine Eltern gerade auf einer Delegationsreise im Rahmen eines Austausches mit dem Guangzhouer Stadtbezirk Panyu unterwegs. Jauch, der damals noch in Singapur lebte und arbeitete, nutzte die Gelegenheit, um sich die Metropolen Beijing, Guangzhou und Hongkong näher anzusehen. „So hatte ich die Möglichkeit, gemeinsam mit meinen Eltern hinter die Kulissen dieses großen und dynamischen Landes zu schauen. Obwohl ich bereits fast sieben Jahre in Singapur lebte, wusste ich damals noch recht wenig über China, da sich meine vorherigen Reisen zumeist auf den südostasiatischen Raum konzentriert hatten“, erzählt der junge Forscher.

 

Auf seiner ersten China-Reise machte Jauch im Perlflussdelta dann gleich einige Gemeinsamkeiten zwischen China und seiner damaligen Wahlheimat Singapur aus: „Beide verbindet ein ähnliches Klima, ähnliche Infrastruktur, die starke Einbindung in internationale Handelswege sowie der Ideenaustausch“, sagt Jauch. „Die Dynamik der Region, finanzielle Spielräume der öffentlichen Hand und das Gefühl, dass Internationalisierung geschätzt und gewünscht ist, haben mich letztlich bewogen, Guangzhou und Hongkong als potentielle Lokationen in die für Akademiker üblichen Jobportale mit aufzunehmen“, so Jauch weiter. „Ich war damals nämlich gerade auf der Suche nach meiner ersten unabhängigen Stelle als Gruppenleiter.“

 

2013 nahm der Deutsche dann eine volle Stelle am GIBH an und schlug dafür unter anderem mehrere attraktive Angebote aus Schweden, Kanada und Südkorea aus. Kurz nach dem Antritt seiner Stelle formte Jauch ein zwölfköpfiges Forscherteam, dem Doktoranden, Techniker und Postdoktoren angehörten. 60 Prozent der Mitglieder dieser Arbeitsgruppe bringen Erfahrungen mit Auslandsstudien oder Forschungsaufenthalten in Übersee mit.

 

„Ein Teil meiner Entscheidung, nach China zu gehen, war sicher Abenteuerlust und der Wunsch, etwas völlig Neues kennen zu lernen“, sagt Jauch. „Gerade die Möglichkeit, einen unkonventionellen Weg einzuschlagen, der unter Umständen deutlich mehr ‚upside’ hat als klassische akademische Karrierepfade, hat mich gereizt“, sagt er.

 

Zudem sei ihm die Forschung am GIBH bekannt gewesen und sie erschien ihm komplementär mit seinen persönlichen Interessen. „Auch die Infrastruktur erschien mir sehr gut und die Finanzierung generös und gesichert. Darüber hinaus gab es bereits eine Reihe westlicher Forscher, die erfolgreich am GIBH arbeiteten“, so der Deutsche. „All diese Faktoren zusammen haben letztlich für mich den Ausschlag gegeben, nach China zu kommen“, so sein Resümee.

 

Forschungsarbeit in China trägt bereits reiche Früchte

 

 

Jauch, hier bei einem Fachvortrag am GIBH, hat während seiner Zeit in China knapp 50 wissenschaftliche Beiträge in renommierten internationalen Fachzeitschriften als Hauptautor oder Co-Autor veröffentlicht. 

 

Jauch absolvierte sein Biologiestudium einst an der Jenaer Friedrich Schiller Universität und promovierte anschließend im Fach Molekularbiologie am Max-Planck-Institut. Dadurch konnte er sich fundiertes Fachwissen in den Bereichen Genomik, Stammzellenbiologie und Computerbiologie aneignen und eine solide Grundlage für seine spätere Forschungstätigkeit als Molekularbiologe und Biochemiker legen.

 

Angesprochen auf seine Forschungsarbeit, ist der Deutsche sofort Feuer und Flamme: „Wir haben heute bereits ein gutes Verständnis des Repertoires an Genen, welche unser menschliches Genom kodieren. Grundlegende Prozesse wie die Embryonalentwicklung, die Evolution und genetisch bedingte Krankheiten werden aber durch ein kompliziertes Zusammenspiel geregelt, nämlich wann und wo in unserem Körper bestimmte Gene an- bzw. ausgestellt werden. Ein Ziel meiner Forschungsarbeit ist es, dabei zu helfen, den Code zu knacken, der das An- und Ausstellen von Genen reguliert. Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf sogenannte Schalterproteine, wir nennen sie Transkriptionsfaktoren. Sie können diesen Code ‚lesen’ und damit grundlegende biologische Prozesse einleiten, die Zellen ihre Identität geben und Gewebe, Organe und letztlich den gesamten Organismus formen“, erklärt er. „Wir denken, wenn wir diese Prozesse noch besser verstehen werden, sind wir in der Lage, gezielt Zellen herzustellen, die dann für biomedizinische Anwendungen nutzbar gemacht werden können“, umreißt der Biowissenschaftler das Ziel seiner Forschungsarbeit am GIBH.  

 

In den vier Jahren, seit Jauch nach China kam, hat die Forschungsarbeit seines Teams bereits reiche Früchte getragen. 2014 erhielt Teamchef Jauch den namhaften „Larysa Pevny Award for Excellence in SOX Research“. Zudem wurden die von ihm geleiteten Projekte vielfach finanziell unterstützt, etwa durch Fördermittel der National Natural Science Foundation of China, des Chinesischen Ministeriums für Wissenschaft und Technologie sowie des Science and Technology Planning Project der Provinz Guangdong. Insgesamt konnte das Team Forschungsgelder in Höhe von mehr als sieben Millionen Yuan, umgerechnet rund 900.000 Euro, für seine Arbeit sammeln. Auch veröffentlichte Jauch während seiner Zeit in China als Hauptautor oder wichtiger Co-Autor bereits nahezu 50 wissenschaftliche Beiträge in renommierten internationalen Fachzeitschriften, darunter „Nature“, „Stem Cell“, „Nucleic Acid Res“ und „EMBO“. Die Ergebnisse der von ihm geleiteten Forschung über Stammzellen und Genregulierung finden in internationalen akademischen Kreisen große Anerkennung.

 

Aber auch jenseits des Forschungslabors ist Teamleiter Jauch sehr beschäftigt damit, eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen. „Die erste eigene Arbeitsgruppe aufzubauen, ist eine große Herausforderung im Leben eines Wissenschaftlers. Neben guten Ideen und spannenden Projekten muss man sich um Personal, Finanzierung, Kooperationspartner und Zugang zu Infrastruktur bemühen“, sagt er.

 

Beispielsweise investiert der Wissenschaftler aus Jena deshalb viel Zeit in Aufbau und Pflege seines Arbeitsteams, um ein fruchtbares Arbeitsumfeld zu schaffen. Jede Woche hält er ein Arbeitstreffen ab, bei dem jedes Teammitglied über die Fortschritte seiner Forschungsarbeit berichtet. Neben Chinesen arbeiten in Jauchs Team auch Kollegen aus Deutschland und Indien. „Unsere Arbeitssprache hier ist Englisch“, sagt eines der chinesischen Mitglieder der Forschungsgruppe. „So wird ein internationales Umfeld geschaffen, von dem wir Einheimische stark profitieren.“

 

Brücken schlagen für den deutsch-chinesischen Wissenschaftsaustausch

 

 

Ralf Jauch bei der Betreuung deutscher und chinesischer Studenten: „Der Austausch bringt frischen Wind in bestehende Projekte und hilft, neue Ideen zu generieren“, sagt er. 

 

Wissenschaft lebe von Kreativität, der Ablehnung von intellektuellen Dogmen und der globalen Nutzung bestehender Ressourcen und Technologien, sagt Jauch. „Interkultureller Austausch, die Schaffung von Teams mit komplementären Problemlösungsansätzen und der Zugang zu globalen Ressourcen kann diesen Prozess fördern – das hat sich in den führenden Wissenschaftsnationen gezeigt“, betont Jauch.

 

Seit seinem Arbeitsantritt im GIBH engagiert er sich deshalb stark für den wissenschaftlichen Austausch zwischen China und Deutschland, indem er insbesondere die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen der Max-Planck-Gesellschaft und dem GIBH vorantreibt. An der Vorbereitung und Gründung des Zentrums für wissenschaftliche Zusammenarbeit Max-Planck-Gesellschaft – GIBH hat der Wissenschaftler maßgeblich mitgewirkt.

 

Außerdem hat er die Kooperation zwischen dem GIBH und anderen deutschen Universitäten und Forschungsinstitutionen, darunter mit der Freien Universität Berlin und dem Max-Delbrück-Center für Molekulare Medizin in der Helmholz-Gemeinschaft maßgeblich vorangebracht. Darüber hinaus legt Jauch auch großen Wert auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchs. In den letzten vier Jahren betreute er bereits sechs deutsche Studierende bei ihren Bachelor- und Masterarbeiten in seinem Labor in Guangzhou. Im Gegenzug hat er sich dafür eingesetzt, auch chinesischen Studierenden einen Studienplatz in Deutschland zu vermitteln. Dazu sagt er: „Dieser Austausch hat frischen Wind in bestehende Projekte gebracht und geholfen, neue Ideen zu generieren. Nicht zuletzt hat er allen Beteiligten viel Spaß bereitet.“

 

„Die Stammzellen- und Genomforschung hat Einsichten und Technologien hervorgebracht, die nicht nur die Biomedizin, sondern die gesamte Gesellschaft beeinflussen“, sagt Biowissenschaftler Jauch über die Bedeutung seines Forschungsgebiets. Zu den Perspektiven seiner wissenschaftlichen Arbeit sagt er: „Ich hoffe, mein Team kann dazu beitragen, dass wir den Prozess der Genregulierung und der Herstellung von Zellen und Organen im Labor in Zukunft besser verstehen werden, so dass wir verantwortungsvoll mit neuen Möglichkeiten umgehen und dazu beitragen können, ethisch unbedenkliche Anwendungen zu schaffen. Wir haben die Vision, dass wir bestimmte Zelltypen im Reagenzglas nur mit Hilfe von artifiziell hergestellten Transkriptionsfaktoren (TFs) herstellen können.“

 

Als deutscher Wissenschaftler, der Wurzeln in China geschlagen hat, sagt er zum Abschluss: „Ich denke, der asiatische Raum bietet eine Menge an Möglichkeiten gerade für deutsche Innovationsträger. Ein starkes Engagement und ein reger Austausch mit Asien generell und mit China im Speziellen ist meiner Meinung nach sehr sinnvoll und zukunftsorientiert.“

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