Der XIX. Parteitag der KP Chinas im Fokus| Chinas Regierungsführung einfach erklärt

Ein irrtümliches historisches Verständnis – Kommentar zum Vergleich des heutigen Chinas mit dem wilhelminischen Kaiserreich

2017-08-15 09:45 China heute

 

Von Xue Shixue

 

Nachdem China zur zweitgrößten Wirtschaftmacht der Welt aufgestiegen ist, ist die Bezeichnung vom so genannten „chinesischen Manchesterkapitalismus“ in deutschen Medien weniger oft anzutreffen. Doch seit einiger Zeit kursiert in der deutschen Medienlandschaft und in Fachkreisen der Vergleich des gegenwärtigen Chinas mit dem „kaiserlichen Deutschland“. So wurde in einem Beitrag mit dem Titel „Erste Militärbasis im Ausland: Was China in Dschibuti vorhat“ auf dem Nachrichtenportal „Spiegel online“ die Ansicht unterstrichen, „die Entwicklung als ,schleichenden Griff nach der Weltmacht‘(zu beschreiben), wie es der Historiker Fritz Fischer in einer offensiveren Form dem kaiserlichen Deutschland attestierte.“

Mit dem „kaiserlichen Deutschland“ ist hier das wilhelminische Kaiserreich gemeint. Denn vor der Thronbesteigung Wilhelms II. war die deutsche Außenpolitik durch Besonnenheit und Zurückhaltung gekennzeichnet. Das zeigt sich beispielsweise auch am deutschen Engagement in China: Bereits kurz nach der Reichsgründung wurde im Kreis deutscher Kolonialisten lautstark das Interesse artikuliert, einen festen Stützpunkt in Ostasien zu erwerben, um „ein deutsches Hongkong zu errichten“. Ins Visier genommen wurde damals die Insel Tschusan (Zhoushan) nahe der Jangtse-Mündung. Zu diesem Thema forderte Bismarck, „die Frage der Kolonien vorerst ruhen zu lassen“. (Stoecker, S. 72, 78) Über zweieinhalb Jahrzehnte später wurde vor dem Hintergrund der deutschen „Weltpolitik“ das chinesische Küstengebiet Kiautschou (Jiaozhou) durch deutsche Waffengewalt besetzt und damit ein Akt des deutschen Imperialismus vollzogen.

Es sei hier nahegelegt, nicht nur den Titel „Griff nach der Weltmacht“ des Standardwerks des Historikers Fritz Fischer zu zitieren, sondern auch die Inhalte des Buches zu studieren: Fischer formuliert und begründet in seinem Buch die These, dass „die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges trägt“. (S. 97) Sein Standpunkt: Das wilhelminische Kaiserreich trug die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges – eine These, die auch in anderen wichtigen deutschen Geschichtshandbüchern unterstützt wird. (Rassow, S.554) Der Geschichtswissenschaftler Fischer wies zudem noch zu Recht darauf hin, dass die wilhelminische „Weltpolitik“ eine Reihe gefährlicher Krisen ausgelöst hat, was „die Gefahr eines allgemeinen Krieges vermeidbar nahe heranrücken“ musste. (Fischer, 97) Das markanteste Beispiel sind die Marokkokrisen (1905/06, 1911). Die fehlgeschlagenen aggressiven Unternehmungen Deutschlands führten zu dessen Isolation und bereits während der ersten Marokkokrise erschienen die späteren Fronten des Ersten Weltkrieges zum ersten Mal für alle Welt sichtbar.

Das gegenwärtige China mit diesem wilhelminischen Kaiserreich im Zeitalter des Imperialismus zu vergleichen, ist völlig abwegig und irreführend. Zunächst einmal verfolgt China seit jeher eine selbstständige Außenpolitik des Friedens. Den Grundpfeiler dafür bilden die „Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“, nämlich gegenseitige Achtung der Souveränität und der territorialen Integrität, gegenseitiger Nichtangriff, gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, Gleichheit und gegenseitiger Nutzen sowie friedliche Koexistenz. Angeleitet durch diese Prinzipien beschreitet China einen Weg der friedlichen Entwicklung, engagiert sich für den Weltfrieden, bekämpft Hegemonismus und Machtpolitik jeglicher Form und begegnet globalen Herausforderungen im Schulterschluss mit der internationalen Gemeinschaft. Chinas Außenpolitik steht im Einklang mit dem Trend der Zeit, entspricht nicht nur den grundlegenden Interessen Chinas, sondern auch denen der anderen Staaten der Welt und findet weltweit Anerkennung. So lässt sich also weder Chinas Politik mit der Politik des wilhelminischen Kaiserreiches auch nur im Entferntesten vergleichen, noch der weltpolitische Kontext der heutigen Zeit mit der von imperialistischen Bestrebungen geprägten Wende zum 20. Jahrhundert.

China setzt sich auch für den Geist des gemeinsamen Gewinnens ein und steht außerdem dafür ein, sich unter der Prämisse der Wahrung des Weltfriedens zu entwickeln und durch die eigene Entwicklung den Weltfrieden zu wahren. Die von der chinesischen Armee errichtete Logistikunterstützungsbasis in Dschibuti dient vor allem dazu, den Geleitschutz für die Fahrt der chinesischen Handelsschiffe durch den Golf von Aden und die somalischen Meeresgewässer zu unterstützen sowie Chinas internationale Pflicht zur humanitären Hilfe noch besser zu erfüllen. Diese Zweckbestimmung lässt sich nicht einfach durch irreführende Vergleiche wie den obigen in ein falsches Licht rücken.

Das neue Schlüsselwort der „Schaffung einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ ist ebenfalls ein wichtiges Konzept der gegenwärtigen chinesischen Außenpolitik und dient zur Ausgestaltung neuartiger internationaler Beziehungen mit Zusammenarbeit zum gemeinsamen Gewinn als Kern. Dabei werden die Zielsetzungen und Grundsätze der UN-Charta hochgehalten. Das zentrale Anliegen dieser neuartigen internationalen Beziehungen umfasst die Integration von fünf Dimensionen, nämlich den Aufbau gleichberechtigter Partnerschaften zwischen verschiedenen Ländern, die Schaffung einer Sicherheitsarchitektur, die durch Fairness, Gerechtigkeit, gemeinsame Beiträge und gemeinsamen Nutzen gekennzeichnet ist, die Förderung der Perspektive einer offenen, innovativen und inklusiven Entwicklung, die Erweiterung des interkulturellen Austausches und den Aufbau eines Ökosystems, das den Umweltschutz und die grüne Entwicklung an erste Stelle setzt. Das Schlüsselwort der „Schaffung einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ (gòujiàn rénlèi mìngyùn gòngtóngtǐ) wurde bereits im vollen Wortlaut in eine Reihe von Beschlüssen der Vereinten Nationen, darunter die Resolution 2344 (17. März 2017) des UN-Sicherheitsrates, aufgenommen und spiegelt damit den breiten Konsens der internationalen Gemeinschaft wider. Auch vor diesem Hintergrund erscheint es mehr als abwegig, China einen „schleichenden Griff nach der Weltmacht“ zu unterstellen. Es ist zwar richtig, dass die heutige Welt tiefgreifende und komplizierte Veränderungen erlebt, aber Frieden und Entwicklung bilden nach wie vor das Hauptthema unserer Zeit.

Der eingangs genannte Vergleich lässt sich auch unter dem Aspekt der Politikwissenschaft nicht begründen. Eine Grundvoraussetzung für eine politikwissenschaftliche Aussagebildung ist nämlich deren Einbettung in einen – beispielsweise historischen – Kontext, der insbesondere die Ausgangsbedingungen auf der Makro-Ebene umfasst. Aus der obigen Betrachtung unter historischem Aspekt geht hervor, dass sich der Vergleich des wilhelminischen Kaiserreiches mit dem heutigen China völlig von der Realität loslöst und einer Kontextualisierung im Sinne dieses Vergleichs jegliche Grundlage fehlt. Auch unter Heranziehung der so genannten Konkordanzmethode, auch Übereinstimmungsmethode genannt, ist dieser Vergleich nicht plausibel. Nach dieser müsste die Kausalbeziehung für ein bestimmtes, unter völlig verschiedenen Rahmenbedingungen auftretendes Phänomen begründet werden und allein der Anspruch, einen „Kernbereich von Gemeinsamkeiten“ zu ermitteln, schließt einen solchen Vergleich im Falle des historischen Deutschlands und des heutigen Chinas aus.

Vielmehr trifft es zu, dass wir in einer Zeit des Dialogs und des Austausches leben. Austausch und Dialog zwischen unterschiedlichen Ländern und Kulturen haben sich heute bereits zu einem Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens entwickelt. Der gesellschaftlich-kulturelle Austausch zwischen China und Deutschland nimmt derzeit einen merklichen Aufschwung, die Völkerverständigung und das Voneinanderlernen intensivieren sich und die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen wird ständig vertieft. Vor diesem Hintergrund sollte zunehmend interkulturelle Kompetenz an den Tag gelegt werden. Eine epistemische Grundvoraussetzung dafür ist die Bereitschaft, ein bestimmtes Maß an Wissen einschließlich landeskundlichen Wissens zu erwerben. Auch dadurch kann vermieden werden, – wie im oben angeführten Vergleich – neu eintreffende Informationen lediglich auf der Folie von Stereotypen zu interpretieren und im Anschluss kurzatmig ein vorgefasstes Urteil zu artikulieren. Die Verbesserung ihrer interkulturellen Handlungskompetenz ist Aufgabe aller an der Kommunikation Beteiligten. Kommunikation ohne Vorurteile versachlicht die Diskussion und trägt dazu bei, interkulturelle Missverständnisse abzubauen.