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Kommentar: Geschichte und Völkerrecht müssen in der Frage des Südchinesischen Meeres respektiert werden

13-09-2016

 

Von Zhu Jianrong*

 

Nachdem der so genannte Schiedsspruch zur Frage des Südchinesischen Meeres verkündet wurde, ist die Lage in der Region noch komplizierter geworden. China hat seine Haltung zu der Entscheidung mehr als deutlich gemacht: Die Volkrepublik hat sich an dem Schiedsverfahren nicht beteiligt und akzeptiert den verkündeten Schiedsspruch auch nicht. Ein Vorgehen, für das ich persönlich vollstes Verständnis habe. Denn in ihrem gemeinsamen Kommuniqué, das China und die Philippinen am 10. August 1995 unterzeichnet haben, steht deutlich geschrieben: „Beide Seiten versprechen, graduelle Zusammenarbeit durchzuführen und bestehende Streitigkeiten letztendlich durch Verhandlungen zwischen beiden Seiten zu lösen.“ Auch danach betonten beide Länder immer wieder, an diesem Kommuniqué festzuhalten. Das diplomatische „Versprechen“, das Problem durch Verhandlungen lösen zu wollen, hat in den internationalen Beziehungen eine bindende Funktion.

 

Trotz alledem verzichteten die Philippinen letztlich auf Verhandlungen und beantragten stattdessen einseitig das Schiedsverfahren. Und das, obwohl nach Chinas Erklärung im Jahr 2006 zu Artikel 298 des UN-Seerechtübereinkommens gar keine Schiedsverfahren zur Lösung von Streitigkeiten bezüglich der Souveränität oder der Hoheitsgewässer akzeptiert werden. Abgesehen von den USA, die dem Übereinkommen nicht beigetreten sind, nahmen deshalb auch die anderen vier Ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats eine ähnliche Position ein. Denn beim philippinischen Antrag auf ein Schiedsverfahren ging es im Grunde genommen um die Frage der Souveränität über Inseln und Riffe im Südchinesischen Meer.

 

Das Ergebnis des Schiedsverfahrens trägt letztlich in keiner Weise zur Lösung der Streitigkeiten bezüglich des Südchinesischen Meeres bei. Im Gegenteil. Wie der außerordentliche Professor der Wuhan-Universität Huang Wei erklärte, „streut der Schiedsspruch die Saat neuer Konflikte“. Einige kleinere Inselstaaten im Südpazifik sowie im Indischen Ozean besitzen nur eine kleine Landfläche. Nach der Logik des provisorischen Schiedsgerichts müssten auch diese Inseln als „Riffe“ eingestuft werden. Damit würde aber, so Huang Wei, der Anspruch dieser Länder auf eine ausschließliche Wirtschaftszone und einen Festlandsockel im Umkreis von bis zu 200 Seemeilen annulliert, was einen vernichtenden Schlag für die Existenz dieser Länder bedeuten würde.

 

Wenn sich ein Schiedsspruch nicht auf historische Tatsachen und das Völkerrecht stützt, kann er auch keine Lebenskraft oder allgemeine Bedeutung erlangen. Im vorliegenden Text möchte ich versuchen, unter historischen und völkerrechtlichen Gesichtspunkten die Beziehungen zwischen Japan und dem Südchinesischen Meer unter die Lupe zu nehmen und so zum Verständnis des Wesens der aktuellen Frage beitragen.

 

Als Professor chinesischer Abstammung lehre ich seit vielen Jahren in Japan. Dabei habe ich den Beziehungen zwischen Japan und dem Südchinesischen Meer immer große Aufmerksamkeit geschenkt. Bei den bisherigen Untersuchungen wurden zumeist Quellen aus Taiwan und anderen Orten verwendet, bei denen es sich aber letztlich nur um indirekte Quellen handelt. Ich selbst habe hingegen in japanischen historischen Schriften zahlreiche direkte Verweise gefunden und auch einige Neuentdeckungen gemacht.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg strebte Japan eine Expansion nach Südostasien an. Die Marine des Landes setzte alles daran, mit Hilfe der gleichen Strategie, durch die zuvor bereits die Diaoyu-Inseln besetzt werden konnten, auch eine Invasion der Inseln im Südchinesischen Meer zu starten. Der Vorstoß fußte auf der Behauptung, die Japaner hätten die Inseln im Südchinesischen Meer als erstes entdeckt. Japans Außenministerium empfand diese jedoch als nicht stichhaltig genug, zumal es an handfesten Beweisen mangelte. Nach einer internen Auswertung historischer Materialien korrigierte die japanische Regierung daraufhin diesen Standpunkt und entschied sich, die Tatsache anzuerkennen, dass die Inseln im Südchinesischen Meer seit jeher zu China gehörten. Außerdem versuchte man, durch die Verneinung des von Frankreich proklamierten sogenannten „Erstentdeckungsrechts“ die französische Expansion im Südchinesischen Meer einzudämmen und zugleich die Grundlage für eine spätere japanische Besetzung der Inseln im Südchinesischen Meer zu schaffen.

 

Bild 1 

 

 

Im Historischen Archiv des japanischen Außenministeriums wird unter den Informationsblättern für die im Jahr 1929 einberufene 56. japanische Reichsversammlung ein historisches Dokument aufbewahrt, das den Titel „Zur Angelegenheit der Sammlung von Vogelkot auf der Xisha-Inselgruppe durch japanische Staatsangehörige“ trägt. Darin heißt es: „Die Xisha-Inselgruppe liegt 140 Seemeilen südöstlich von der Insel Hainan und 16 bzw. 17 Grad auf nördlicher Breite im Südchinesischen Meer. Die Inselgruppe besteht aus mehr als 20 größeren und kleineren Inseln und die meisten davon sind Korallenriffe. Nach einer chinesischen Untersuchung liefern die Inseln aufgrund des Aufenthaltes von Seevögeln hauptsächlich Vogelkot und darüber hinaus noch Fische und Schalentiere. Auf den Inseln leben keine ständigen Bewohner. Nur in der Fischereisaison halten sich dort einige Hundert Fischer von 20 bis 30 Fischerbooten auf. Im 10. Jahr unter der Regierungsdevise Taisho (1921) erwarb ein Chinese namens He Ruinian aufgrund seiner Unterstützung für die von Sun Yat-sen geführte Revolution das Recht auf die Bewirtschaftung der Xisha-Inselgruppe. He gründete eine Firma zur Erschließung der Inseln. Ein Chinese namens Liang Guozhi stellte dieser Firma als Kapitalgeber Geldmittel zur Verfügung. Die beiden Seiten unterzeichneten einen Vertrag zur gemeinsamen Bewirtschaftung. In Wirklichkeit stammen die Geldmittel allerdings aus Japan, sie wurden von Hirata Sueharu, der in Gaoxiong in Taiwan ansässig ist, zur Verfügung gestellt.“ (siehe Bild 1)

 

Aus diesen Ausführungen wird deutlich, dass Japan damals nach den Xisha-Inseln greifen wollte. Da die Inselgruppe aber unter chinesischer Verwaltung stand, musste man sein Vorhaben notgedrungen unter dem Namen eines Chinesen abwickeln. Das historische Dokument beweist zugleich, dass Japan damals die chinesische Souveränität über die Xisha-Inselgruppe eindeutig anerkannte.

 

Bild 2 

 

1933 erreichte Japan schließlich die Nachricht, Frankreich habe die „neun kleinen Inseln“ der Nansha-Inselgruppe besetzt. Ich recherchierte die Meldung in der Yomiuri Shinbun vom 21. Juli 1933. Die Überschrift des Zeitungsberichts lautete: „Französische Besetzung von Inseln, militärische Kapazität jedoch begrenzt – Bericht von Botschafter Naga Oka“. Der Meldung ist zu entnehmen, dass der japanische Botschafter in Frankreich Naga Oka dem japanischen Außenministerium einen Bericht vorgelegt hatte, nachdem französische Truppen die Nansha-Inseln besetzt und die französische Souveränität über sie verkündet hatten. Im Bericht des japanischen Botschafters wird darauf hingewiesen, dass die Japaner bereits seit dem Jahr 1925 nach Silbererz auf den Inseln suchten und die Chinesen, die dort seit längerer Zeit wohnten, vor Ort Spuren hinterlassen hätten. Auf einer anderen von französischen Truppen besetzten Insel – wissenschaftliche Verifizierungen haben ergeben, dass es sich dabei um die Shuangzi-Riffgruppe handelt, – lebten schon immer Chinesen, die von der Insel Hainan übergesiedelt waren. (siehe Bild 2)

 

Bild 3 

 

Im Historischen Archiv des japanischen Außenministeriums ist zudem ein Dokument mit dem Titel „Zu den geographischen Beziehungen verschiedener Länder“ zu finden. Der Text wurde nachweislich von Suma Zakitiro, dem japanischen stellvertretenden Generalkonsul in der Provinz Guangdong, am 21. Oktober 1930 erstellt. Darin berechnete dieser die gesamte Landfläche der Provinz Guangdong sowie die Fläche der 94 Kreise einschließlich der Gewässerfläche. In dem Papier listete der Generalkonsul dabei auch eigens die Flächen der Guangzhou-Bucht, Hongkongs, Macaos und der Xisha-Inseln auf. (siehe Bild 3)

 

Im Frühsommer 1938 entsandte die französische Behörde für die Verwaltung Indochinas Truppen zur Besetzung der Xisha-Inselgruppe. Ich studierte zwei historische japanische Zeitungsberichte von damals. Ihnen ist zu entnehmen, dass Japan in diplomatischen Verhandlungen mit Frankreich den Standpunkt vertrat, dass „die Xisha-Inselgruppe zu China gehört“. Beispielsweise lautete die Schlagzeile der Yomiuri Shinbun vom 8. Juli 1938: „Mit ernsthafter Besorgnis wurde den Franzosen eine diplomatische Note übergeben und die französische Besetzung der Xisha-Inselgruppe nicht anerkannt“. Im anschließenden Bericht heißt es weiter, dass der französische Botschafter in Japan am 4. Juli den Vizeaußenminister Horiuthi besucht und ihm mitgeteilt habe, dass die französische Behörde für die Verwaltung Indochinas einige Verwaltungsbeamte und ein Dutzend Inspekteure auf die Xisha-Inseln entsendet und durch die Errichtung von Leuchttürmen, Bojen und Funkanlagen die Besetzung der Inselgruppe vollzogen habe. Wegen dieses Vorfalls habe das japanische Außenministerium am 7. Juli den französischen Botschafter einbestellt und auch der Vizeaußenminister Horiuthi habe dem französischen Botschafter in Japan eine diplomatische Note überreicht und Frankreich offiziell zum Rückzug von der Inselgruppe aufgefordert. Die diplomatische Note brachte zum Ausdruck, dass die französische Seite mit ihrem Vorgehen dem Versprechen, das sie Japan im Jahr 1937 gegeben habe (keine Besetzung der Xisha-Inseln im Streit über die Souveränität über diese Inselgruppe mit China) zuwiderlaufe. Daher könne Japan Frankreichs Vorgehen nicht akzeptieren und man werde von seinem konsequenten Standpunkt, dass „Japan in Fragen bezüglich dieser Inselgruppe nur mit China Verhandlungen führt“, nicht abweichen.

 

Bild 4 

 

In der Abendausgabe derselben Zeitung wurde auf der ersten Seite eine Meldung mit dem Titel gedruckt: „Protest gegen Frankreich – die Xisha-Inseln gehören eindeutig zum chinesischen Territorium“. In dieser Meldung werden Einzelheiten von der Einbestellung des französischen Botschafters am vorangegangenen Tag berichtet. Am 7. Juli habe der japanische Vizeaußenminister Horiuthi den französischen Botschafter in Japan einbestellt und ihm mitgeteilt, dass die Inseln (gemeint sind die Xisha-Inseln) „eindeutig“ zum chinesischen Territorium gehörten. In der Meldung werden auch die von der japanischen Regierung angeführten Beweise genannt: Erstens habe der französische Marineminister des besetzten Indochinas erklärt, ihm hätten keine Aufzeichnungen über die Zugehörigkeit der Xisha-Inseln zum französischen Territorium vorgelegt, als er im Jahr 1920 von einer japanischen Firma nach der Zugehörigkeit der Xisha-Inselgruppe gefragt worden sei. Zweitens habe der Leiter der Behörde für Zivile Angelegenheiten der Provinz Guangdong 1921 eine Bekanntmachung veröffentlicht, in der geschrieben stand, dass die Xisha-Inselgruppe zum Verwaltungsgebiet der Zweigstelle seiner Behörde für die Insel Hainan gehöre. (Dagegen wurde kein Einspruch erhoben). (siehe Bild 4).

 

1939, bevor Japan die Xisha-Inseln direkt besetzte, wies der damalige japanische Außenminister Arita in einem Dokument über die Einführung eines japanischen Generalkonsuls in Haikou darauf hin, dass die Insel Hainan, die Xisha-Inselgruppe sowie auch die Inseln Weizhou und Sheyang unter Berücksichtigung der geographischen Lage des Standorts des Generalkonsulats, seiner verkehrstechnischen Lage und seiner politischen Arbeit zu dessen Verwaltungsgebiet gerechnet werden sollten. In diesem Dokument stimmte Japans Außenminister zudem der Einrichtung des Generalkonsulats zu.

 

Die Anerkennung der Zugehörigkeit der Xisha- und der Nansha-Inseln zu China durch die japanische Regierung resultierte nicht aus deren „Wohlwollen“, sondern aus ihrem damaligen außenpolitischen Standpunkt, in dessen Sinne die chinesische Souveränität über die Nansha-Inseln anerkannt und das französische „Erstentdeckungsrecht“ verneint werden sollten, da Japan zum damaligen Zeitpunkt noch keinen Vorwand gefunden hatte, die Nansha-Inseln direkt zu besetzen und auch die historischen Tatsachen nicht ohne Weiteres leugnen konnte. Von diesem außenpolitischen Standpunkt ausgehend wurde die militärische Besetzung der Xisha- und der Nansha-Inseln als Verlängerung des Kriegs mit China gesehen. Nach der japanischen Besetzung von Inseln im Südchinesischen Meer wurden diese Inseln in „Neue südliche Inselgruppe“ umgetauft. Die Inseln gehörten damals zum Verwaltungsgebiet Taiwans, das ebenfalls unter japanischer Besatzung stand. Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg wurden die Inseln jedoch wieder an China zurückgegeben.

 

In der Nachkriegszeit vertrat Japan dann lange den Standpunkt, dass die Xisha- und die Nansha-Inseln zu China gehörten. Nach einem Weißbuch, das am 13. Juli 2016 von der chinesischen Regierung veröffentlicht wurde, wurden im Jahr 1952 auf der 15. Karte – der Südostasienkarte – im „Standardatlas der Welt“, der vom damaligen japanischen Außenminister Okazaki Katsuo unterschriftlich empfohlen wurde, die Xisha- und die Nansha-Inseln, die Japan nach dem „Friedensvertrag von San Francisco“ hatte aufgeben müssen, sowie auch die Dongsha- und die Zhongsha-Inseln als Teil des chinesischen Staatsgebietes bezeichnet.

Ich lege meinerseits größeren Wert auf die Aussagekraft des im April 1952 zwischen Japan und Taiwan abgeschlossenen „Japanisch-chinesischen Vertrages“. In Artikel 2 des Dokuments heißt es dort, dass Japan alle Rechte, Anrechte und Ansprüche auf Taiwan, die Penghu-Inseln sowie die Nasha- und Xisha-Inselgruppe aufgibt. Das Japan von damals erkannte also deutlich an, dass Taiwan China vertritt. Aus diesem Artikel geht zudem eindeutig hervor, dass in einem damals mit China abgeschlossenen Vertrag anerkannt wurde, dass die Nansha- sowie die Xisha-Inseln an China zurückgegeben wurden. Im September 1972 erklärte der damalige japanische Außenminister Ohira Masayoshi im Zuge der Normalisierung der chinesisch-japanischen Beziehungen den japanisch-chinesischen Vertrag aus dem Jahr 1952 insgesamt für ungültig. Damit wurden alle Rechte an die Volksrepublik China übertragen.

 

Bild 5 

 

Im Zuge meiner Recherchen konnte ich außerdem eine Reihe von Publikationen ausfindig machen, die von japanischen Publizisten und Wissenschaftlern nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht wurden, und in denen die Neun-Striche-Linie anerkannt wurde. In Band 15 der vom japanischen Verlag Shgakukan im Jahr 1987 veröffentlichten „Japanischen Enzyklopädie“ ist dem Lemmaartikel China eine Landkarte angehängt. Darin ist die Neun-Striche-Linie im Südchinesischen Meer eingezeichnet. (siehe Bild 5)

 

 Bild 6

 

Seit Mitte der 1950er Jahre wird in Japan zudem das „China-Jahrbuch“ (eine Zeitlang auch unter dem Titel „Jahrbuch über das Neue China“ herausgebracht) veröffentlicht. Diese Bücher enthalten Beiträge über China, die von Japans repräsentativen Chinawissenschaftlern verfasst wurden. Bis in die Mitte der 1990er Jahre wurde das „südlich bis an das Zengmu-Riff reichende“ chinesische Territorium darin detailliert beschrieben. Mehrmals wurden themenrelevante Landkarten mit der „Neun-Striche-Linie“ in die Jahrbücher aufgenommen. (siehe Bild 6, Quelle: „Jahrbuch über das Neue China“, 1981)

 

Im Jahr 1988 verkündete China die Errichtung der Provinz Hainan. Das „China-Jahrbuch“ aus dem Jahr 1989 enthält bereits eine Landkarte vom Verwaltungsgebiet der Provinz Hainan einschließlich der Neun-Striche-Linie auf dem ganzen Titelblatt. (siehe Bild 7)

 

 

Bild 7

 

Das Estoppel-Prinzip

 

Die gegenwärtigen geltenden internationalen Regeln sind auf Grundlage der Ergebnisse, Erklärungen und Versprechen, die durch unzählige diplomatische Verhandlungen erzielt wurden, entstanden. Ohne historische Akkumulation ist die Gegenwart undenkbar. Auch die heutige Erörterung der Frage des Südchinesischen Meeres muss deshalb auf der historischen Entwicklung fußen.

 

Im Völkerrecht gilt ein wichtiges Prinzip, nämlich das Prinzip des Estoppels. Demnach ist ein Rechtsspruch verwirkt, wenn er im Widerspruch zu früheren Verhalten und Versprechen steht. Dieses Prinzip wurde im Jahr 1933 im internationalen Prozess bezüglich Ostgrönlands angewendet, und damit erstmals in der Lösung einer territorialen Frage. Der Grundsatz hat sich mittlerweile zu einem völkerrechtlichen Prinzip entwickelt. Die bindende Funktion des Estoppel-Prinzips gilt vor allem für staatliche Handlungen und es hilft damit auch der Bewahrung der Kontinuität dieser.

 

Betrachtet China heute die japanischen außenpolitischen Handlungen bezüglich der Frage des Südchinesischen Meeres, zieht das Land natürlich die Geschichte von Japans Beziehungen zum Südchinesischen Meer in Betracht. Wenn doch die japanische Regierung die Zugehörigkeit der Inseln zu China in der Vergangenheit immer wieder anerkannt hat, warum sollte das Land dann heute mit erhobenem Zeigefinger in diese Frage hineinreden? Wenn Japan heute seine Worte und Taten aus der Vergangenheit bereut und sich nach mehr als 70 Jahren wieder mit Eifer in die Frage des Südchinesischen Meeres einmischt, kann die chinesische Bevölkerung nur an der Gerechtigkeit Japans in dieser Frage zweifeln und muss den Schluss ziehen, dass Japan nicht nach dem Völkerrecht handelt und etwas anderes im Schilde führt. Die chinesisch-japanischen Beziehungen sind bereits jetzt mit zahlreichen Problemen belastet und man sollte sie behutsam behandeln. Ich für meinen Teil erwarte und hoffe, dass das derzeitige Chaos durch die Einmischung Japans nicht noch verschlimmert wird.

 

* Zhu Jianrong ist Professor an der Tokyo Gakuen University und Experte für chinesisch-japanische Beziehungen. Er kam 1957 in Shanghai zur Welt, absolvierte später ein Hochschulstudium an der East China Normal University und erlangte schließlich die Doktorwürde für Politikwissenschaft an der japanischen Gakushuin University. Als bekannter Gelehrter chinesischer Abstammung hat er sich auf internationale Politik und die chinesisch-japanischen Beziehungen spezialisiert und gilt als Wissenschaftler mit dem aktivsten Engagement in japanischen Medien. Er fungierte in der Vergangenheit als Vertreter des Vereins der Professoren chinesischer Abstammung in Japan sowie als Vorsitzender des NPO-Zentrums des chinesisch-japanischen akademischen Austausches. Zurzeit hat er den Posten eines Professors an der Abteilung für internationalen Austausch der Tokyo Gakuen University inne und ist zugleich Vizevorsitzender der International Academic Society for Asia Community.  

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