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Raumfahrt: Mit Präzision und Teamwork zum Erfolg

2018-06-01 14:39:00 Source:China heute Author:
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Von Wang Bo* 

  

Dass sich China mittlerweile unter den führenden Raumfahrtnationen der Welt einreiht, ist längst keine Neuigkeit mehr. Und für viele Chinesen scheint es nicht mehr allzu aufsehenerregend, wenn eine neue chinesische Rakete ins All gebracht wird. Für Chinas Raumfahrtingenieure allerdings fühlt sich jeder gelungene Abschuss wie eine Premiere an. Das gilt auch für das Arbeitsteam des chinesischen Ingenieurs Yang Yinyu. Er ist in China eine echte Koryphäe im Bereich der heimischen Raumfahrt.  

 

 

  

Eine bekannte Größe in seinem Metier: Yang Yinyu stellt sein Technikerteam vor.

 

Vor einigen Jahren gründete Yang Yinyu unter dem Dach der Firma Chuannan ein Ingenieursteam, das heute sogar seinen Namen trägt. Die Chuannan GmbH hat ihren Sitz in der südwestchinesischen Provinz Sichuan und hat sich auf die Herstellung von Zündsystemen und Initialsprengstoffen für die Raumfahrt spezialisiert.  

  

Wer jetzt denkt, die Zündung stelle nur ein kleines Rädchen im Getriebe eines Raumfahrtprojektes dar, der irrt, wie ein Manager des Hightech-Unternehmens erklärt: „Für Raketen sind Zündsysteme wie die Zündschnur eines Feuerwerkskörpers – ohne funktionsfähige Zündung findet keine Rakete ihren Weg ins All.“  

  

Seit Jahrzehnten arbeiteten die Ingenieure und Techniker von Chuannan nun schon an ausgeklügelten Zündsystemen und speziellen Initialsprengstoffen für den Einsatz in der Raumfahrtindustrie. Dabei prägen Präzision und Perfektion ihre Schlosserarbeiten. „Yangs Team wurde bereits vielfach von der Unternehmensleitung für seine hervorragende Arbeit ausgezeichnet“, berichtet der Unternehmensvertreter. Yangs Namen trage das Team bereits seit 2004.  

  

Sicherheit steht an erster Stelle 

  

Yang Yinyu kam 1965 zur Welt. Als Sprössling einer Astronautenfamilie wurde er von Kindesbeinen an unter dem Motto „entweder gar nichts machen oder das Beste schaffen“ erzogen. Nach seinem Berufseinstieg als Schlosserlehrling stand für Yang schnell fest, dass er es zu einem technisch versierten Fachmann auf seinem Gebiet bringen wollte. Einerseits eignete er sich hierfür im Selbststudium theoretische Kenntnisse der Mechanik an, andererseits nutzte er jede erdenkliche Gelegenheit, technische Fertigkeiten von seinen Meistern zu erlernen. „Lernen, lernen und abermals lernen“ – das sei bis heute seine Devise, sagt er.  

  

Yangs Fleiß sollte sich bald auszahlen: Schon nach kurzer Zeit beherrschte er die anspruchsvolle Schlosser- und Montagetechnik für astronautische Produkte aus dem Effeff. Seine reiche Praxiserfahrung und seine soliden theoretischen Grundlagen nutzte er schließlich, um noch effektivere Verarbeitungs- und Montageverfahren zu entwickeln. Er tüftelte an besseren technischen Modellen und ebnete den Weg für eine Reihe technischer Innovationen.  

  

Doch es lief nicht immer so rund für den jungen Schlosser. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn musste Yang einen schweren Rückschlag hinnehmen. Im Juni 1981, nur drei Monate nach seinem Berufseinstieg, verlor er wegen eines Bedienungsfehlers der Stanze ein Stück seines rechten Mittelfingers. „Damals hatten fast alle Mitarbeiter schlechte Erfahrungen mit der Bedienung der Stanze gemacht. Um andere Mitarbeiter zu warnen und weitere Arbeitsunfälle zu vermeiden, brachte ich nach meinem Unfall einen Abdruck meines beschädigten Fingers als Warnung an der Wand der Werkhalle an“, erinnert sich der Ingenieur. „Alle sollten die blutige Lehre, die ich gezogen hatte, verinnerlichen.“ 

  

Doch Yang wollte nicht nur durch seine persönlichen Erfahrungen die Bedienungssicherheit der technischen Geräte erhöhen. Jahrzehnte lang arbeitete Yang daran, wissenschaftlich fundierte und standardisierte Bedingungsanweisungen zu erstellen und Maßnahmen zur Vorbeugung gegen Betriebsunfälle zu ergreifen.  

  

So konnten auf Grundlage zahlreicher technischer Untersuchungen und zahlreicher Experimente unter Yangs Federführung im Jahr 2004 die „50 Vorschriften zur Standardisierung des Managements“ veröffentlicht werden. Seither hat es in Yangs Team keinen einzigen Arbeitsunfall mehr gegeben, ein Novum im gesamten Betrieb.  

  

Yang betonte gegenüber allen Angestellten immer wieder, wie wichtig die Einhaltung des Regelwerkes sei. „Der Sinn dieser Vorschriften liegt gewiss nicht darin, Ihre Handlungsfreiheit in der Arbeitswelt zu beschneiden“, erklärte er. „Vielmehr dienen die Vorschriften – ganz offen gesprochen – dazu, dass Sie es unversehrt in den Ruhestand schaffen.“ 

  

Hohes Berufsethos 

  

Wie bereits erwähnt, entscheidet das Zündsystem jeder Rakete über Erfolg und Misserfolg des Abschusses. Jeder technische Handgriff muss von daher mit größter Sorgfalt ausgeführt werden. Um ein perfektes Ergebnis zu erzielen, sind Akribie und größte Präzision gefragt. Seit Jahrzehnten pflegen Vorzeigeingenieur Yang und seine Mitstreiter deshalb ein hehres Berufsethos und setzen dieses Tag für Tag um. Und die Qualität ihrer Produkte gibt ihnen Recht. Sie mit dem Wort „millimetergenau“ zu beschreiben, wäre noch untertrieben, denn sie sind auf mehr als das Zehntel eines Haares genau! 

  

Als 1994 bei Chuannan eine Produktbestellung einging, war Yang gerade auf einer Dienstreise. Allerdings war nur er mit der Technologie, die zur Herstellung des angefragten Produktes nötig war, vertraut. Ohne ihn gelang es dem Team nicht, den Auftrag zu erfüllen. Schließlich blieb Yang nichts anderes übrig, als seine Dienstreise zu unterbrechen und in die Firma zurückzukehren. Für den erfahrenen Ingenieur sollte der Vorfall zu einem beruflichen Schlüsselerlebnis werden. Er fasste den Entschluss, alle von ihm beherrschten Schlüsseltechnologien an seine Kollegen weiterzugeben.  

  

Mittlerweile hat sich das Yang Yinyu-Technikerteam zu einer gleichnamigen technischen Werkstatt auf staatlicher Ebene gemausert. Diese 2015 ins Leben gerufene Werkstatt ist zwar von der Größe her überschaubar, aber sie wirkt als wichtiger Inkubator für die Fortbildung von Fachkräften des Unternehmens.  

  

Wang Chenglong ist ein junges Mitglied der Werkstatt. Unter Yangs Anleitung hat der junge Techniker einen kleinen Roboter entwickelt, der fähig ist, Klebstoffe gleichmäßig auf Zündstoffbehältern aufzutragen. Die Innovation automatisiert einen wichtigen Arbeitsschritt, der zuvor von vier Technikern in mühevoller Handarbeit erledigt werden musste. 

  

Leiter Yang zeigt sich hochzufrieden mit der Entwicklung seines Teams. „Heute sind alle Mitglieder in der Lage, selbstständig komplizierteste Arbeiten zu erledigen“, sagt er. Und auch seine Mitarbeiter finden nur positive Worte für ihren Chef. Liang Kejuan, eine Technikerin des Teams, sagt: „Yangs Elan ist einfach ansteckend. Außerdem ist sein großes Verantwortungsbewusstsein sehr bewundernswert.“ 

  

Yang selbst erklärt: „Ich versuche stets, alle Teammitglieder durch aufmunternde Worte anzuspornen, sich voll und ganz der Sache der chinesischen Raumfahrt zu verschreiben und damit auch ihre eigenen Werte zu verwirklichen.“ 

  

Und Yangs Führungsstil erweist sich als Erfolgsmodell. Seit Jahren ist die Ausschussquote in der Produktion des von ihm geleiteten Teams verschwindend gering. Die Quote der Produkte, die die Norm verfehlen, beträgt gerade einmal zwei Prozent, Erzeugnisse, die völlig aussortiert werden müssten, gibt es keine. Auch gibt es keine Qualitätsmängel, die auf menschliches Versagen zurückzuführen wären. Bei zahlreichen Experimenten am Boden und in der Luft erwiesen sich die von Yang Yinyus Team gefertigten Zündsysteme als höchst zuverlässig und sicher. Mit seiner Präzisionsarbeit verleiht das Team der Entwicklung der chinesischen Raumfahrt von daher zusätzlichen Schub. 

  

Gemeinsames Engagement als Schlüssel 

  

Wie bereits angeklungen, müssen die Zündsysteme für Raumfahrtraketen höchsten Normen entsprechen. Bei der Firma Chuannan spricht man deshalb nicht von guten oder schlechten Zündsystemen, sondern nur von erfolgreichen bzw. nicht erfolgreichen. Diesem Credo folgend hat Yang in den vergangenen drei Jahrzehnten ein ausgeklügeltes Managementkonzept für sein Team entwickelt, ein Konzept, das vor allem auf gutem Teamwork und gemeinsamem Engagement fußt. „Eine Arbeitsgruppe ist für mich vergleichbar mit einem Baum. Und ob dieser gut gedeiht, hängt letztendlich davon ab, ob seine Zweige und Blätter wachsen. Übertragen auf das Teammanagement bedeutet diese Metapher, dass es der Gruppe nur dann gut gehen kann, wenn sich alle einzelnen Mitglieder gleichermaßen engagieren“, sagt er. 

  

„Ganz konkret steht und fällt der Erfolg eines Teams mit all seinen einzelnen Mitgliedern, der Qualität ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Teamgeist, den sie pflegen“, sagt Yang. Nur bei einem guten Zusammenspiel dieser drei Faktoren könne es allen gut gehen und sich eine gute Gruppendynamik herausbilden. „Das bedeutet letztlich nichts anderes, als dass zunächst jedes einzelne Teammitglied seine eigenen Hausaufgaben gut erledigen muss und man dann den anderen seine Hilfe anbietet. Nur so können letztlich alle gemeinsam gute Leistungen erbringen“, so der Teamleiter. 

  

Unter der Anleitung von Yangs Managementmodell haben sich im Team eine einzigartige Gruppendynamik und ein fruchtbares Arbeitsklima herausgebildet. Die Leitungsbefugnisse wurden dezentralisiert, sprich jeder kann heute an der Leitung mitwirken. Außerdem hat Yang die Entlohnung basierend auf der Einzelleistung der Mitglieder abgeschafft. Stattdessen ist heute der Gesamterfolg des Teams ausschlaggebend. Durch solche und andere Maßnahmen werden alle Mitarbeiter angespornt, ihre eigenen Fähigkeiten voll zu entfalten und innovative Arbeit zu leisten. Die Teammitglieder werden so dazu gebracht, über den Tellerrand hinaus zu blicken, die Arbeit der anderen als ihre eigene zu betrachten, sich für die Entwicklung des Teams zu engagieren und damit gemeinsame Beiträge für den Fortschritt der chinesischen Raumfahrt zu leisten. 

  

Yangs Strategie geht also voll auf. Jedes Jahr erfüllt sein Team seine Aufgaben in Produktion sowie Forschung und Entwicklung mit Bravour. Die Produktivität konnte stetig gesteigert werden. Alljährlich bearbeitet das Team heute mehr als eine Million Werkteile. Dabei werden im Schnitt nur weniger als zehn für qualitativ ungenügend erklärt. Diesen Rekord konnte Yangs Team bereits fünf Jahre in Folge halten. Obwohl die Gruppe in den letzten Jahren verkleinert wurde, haben sich Produktivität und Qualität stetig erhöht.  

  

Eine weitere Stärke des Teams liegt im Bereich der Kostensenkung. Unter dem Motto „Produktivität erhöhen, Verbrauch senken“ wird die Arbeitsleistung regelmäßig unter dem Aspekt der Einsparung von Personal und Maschinen sowie von Werkstoffen und deren recyclinggerechter Nutzung evaluiert. Alle Mitglieder haben mittlerweile ein starkes Bewusstsein für Kostensenkung und Effizienzerhöhung. Gemeinsam hat die Arbeitsgruppe einen Jahresplan zur Ressourcensenkung ausgearbeitet und implementiert. Dabei wurden die Kennziffern auf die einzelnen Personen bezogen, so dass sich tatsächlich alle aktiv an der Kostensenkung beteiligen. So konnten die Einsparungsmaßnahmen optimal durchgesetzt werden. 

  

Darüber hinaus verfolgt Yangs Arbeitsgruppe noch den Ansatz des toleranten Umgangs mit Fehlschlägen und der Förderung von Innovation. Dadurch werden die Teammitglieder ermutigt, kühn mit Neuem zu experimentieren. Auch dies trägt Früchte: Allein im Jahr 2014 verwirklichte das Team mehr als 50 größere und kleinere Innovationsprojekte, wodurch die Firma letztlich über 500.000 Yuan einsparen konnte, umgerechnet rund 67.000 Euro. In einigen Bereichen gehört Chuannan damit schon heute zur landesweiten Spitze.  

  

*Der Autor Wang Bo ist Journalist der Website http://www.people.com.cn. 

 

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