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Mit Blütenpfeffer gegen die Armut – Eine kleine Gemeinde am Jangtse geht ihren Weg

2019-08-29 10:32:00 Source: Author:
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Von Shen Xiaoning*

 

Die Sichuan-Küche mit ihrem einzigartig würzigen und scharfen Aroma hat schon die Gaumen von Millionen Gästen aus dem In- und Ausland bezaubert. Im Mittelpunkt der Gerichte steht eine besondere kleine Zutat: der Chinesische Blütenpfeffer.

 

Im Hochsommer jedes Jahres wird die Erntezeit dieses magischen Gewürzes eingeläutet. Mitte Juni reisen wir in die Gemeinde Zhanpu am südlichen Ufer des Jangtse, die dem Kreis Fengdu der südwestchinesischen Megametropole Chongqing untersteht. Soweit das Auge reicht, sind die Hänge hier, die am Flussufer emporragen, vom satten Grün der neunblättrigen Pfefferbäume bedeckt. Die kleinen Beeren an den Zweigen sind reif für die Ernte und die Luft ist von ihrem unverwechselbaren Duft geschwängert. Doch diese „grünen Perlen“ sind nicht nur aromatisch, sie haben den einheimischen Bauern auch geholfen, sich aus der Armut zu befreien und zu Wohlstand zu gelangen.

 

Hier wächst der berühmte „Sichuan-Pfeffer“: Die Berge rund um die Gemeinde Zhanpu im Kreis Fengdu sind vom satten Grün der neunblättrigen Pfefferbäume bedeckt.

 

Das neue Leben des alten Herrn Zhang

 

Wir machen uns auf den bergigen, gerade erst von sommerlichen Regenfällen umspülten Weg zum Wohnhaus des 53-jährigen Zhang Jisheng. Das Zuhause seiner Familie befindet sich auf halber Höhe eines Berges in einem Dorf des ländlichen Wohnviertels Baishui der Gemeinde Zhanpu.

 

Als wir eintreffen, ist Zhang gerade dabei, mit seinem Sohn auf dem Feld Pfefferbeeren zu pflücken. Als er uns sieht, legt er die Arbeit sofort aus der Hand, um uns herzlich zu begrüßen. Das Lächeln auf seinem Gesicht lässt nicht erahnen, mit welchen Schwierigkeiten sich dieser Mann als einziger Ernährer seiner verarmten Familie lange konfrontiert sah. Als er uns mit starkem lokalen Akzent die Geschichte seiner Familie erzählt, berührt uns das sehr.

 

Zhangs Familie bestand einst aus vier Mitgliedern, die alle unter einem Dach lebten. Seine Frau leidet an einer psychischen Erkrankung und ist schon lange nicht mehr in der Lage, zu arbeiten oder im Haushalt zu helfen. Im betagten Alter von über 90 Jahren führte Zhangs Mutter damals den Haushalt. Zhangs einziger Sohn besuchte noch die Grundschule. Die ganze Familie lebte damals von den 2000 bis 3000 Yuan im Jahr, die Zhang durch den Maisanbau erwirtschaftete. „Wir ernährten uns nur von Reis und Mais. Von Fleisch auf dem Teller konnten wir nur träumen. Und um sicherzustellen, dass alle anderen Familienmitglieder satt wurden, musste ich oft auf eine Mahlzeit verzichten“, erinnert sich Zhang an diese harte Zeit. Trotz der großen Schwierigkeiten wand sich der Familienvater weder an die Regierung noch an seine Verwandten mit der Bitte um Hilfe.

 

2015 wurde seine Familie dann auch noch von zwei weiteren Schicksalsschlägen getroffen: In dem Jahr, in dem Zhangs Mutter verstarb, wurde auch bei seinem Sohn eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Zhang war am Ende seiner Kräfte. „Ich hatte alle Hoffnung für die Zukunft verloren. Einmal dachte ich sogar daran, der ganzen Familie Rattengift zu verabreichen und unserem Elend so für immer ein Ende zu setzen“, sagt er.

 

In dieser verzweifelten Zeit trat Zhang Yuqiong, die für die Armutsüberwindung in Baishui verantwortlich ist, auf den Plan. Die damals 48-jährige Zhang war Kader der Gemeindeverwaltung von Zhanpu. Bei der Umsetzung der nationalen Strategie zur Armutsüberwindung wurde sie 2014 Leiterin der in Baishui stationierten Arbeitsgruppe. Gemeinsam mit ihren vier Kollegen besuchte sie innerhalb eines Jahres alle mehr als 900 Familien des ländlichen Wohnviertels. Sie zeichnete die Lebenssituation jeder Familie auf und erstellte ein detailliertes Archiv für die von Armut betroffenen Haushalte. Während des Besuchs erfuhr sie auch von der schwierigen Lage der Familie Zhang.

 

„Als ich die Zhangs zum ersten Mal besuchte, war ich schockiert von dem, was ich sah“, erinnert sich die Armutshelferin. „Das Wohnhaus bestand quasi nur aus den vier Außenwänden und befand sich in einem Zustand des Verfalls. Bei Regen sickerte Wasser durch das Mauerwerk. Hinzu kam, dass zwei Mitglieder der Familie an einer psychischen Krankheit litten. Familie Zhang hatte das schlimmste Los unter allen Familien des Dorfes“, sagt die Armutshelferin. Nach ihrem Besuch informierte Zhang Yuqiong sofort Ran Hailong, den Sekretär der Parteizelle des ländlichen Wohnviertels, über die missliche Lage der Familie. In einer Besprechung wurde beschlossen, umgehend Maßnahmen zu ergreifen, um der Familie bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten zu helfen.

 

 

Glücklich im neuen Zuhause: Zhang Jisheng schneidet in seinem Haus die geernteten Pfefferbeeren von den Ästen.

 

Kurz danach beantragte Ran Hailong eine Unterhaltsbeihilfe für die Familie, die es ihr ermöglichte, einen Zuschuss von 180 Yuan pro Monat zu erhalten. Obwohl dies nicht viel Geld war, verringerte es doch die Belastung der Familie erheblich.

 

Anfang 2016 stellte die Dorfverwaltung den Zhangs dann kostenlos ein Stück Ackerland zur Verfügung und organisierte Arbeitskräfte, um ein neues Wohnhaus für sie zu bauen. Die Fertigstellung erfolgte innerhalb eines Monats. Darüber hinaus kauften Zhang Yuqiong und andere Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe noch Möbel und andere Gegenstände des täglichen Bedarfs. Und schließlich halfen sie der Familie, ihr neues Wohnhaus zu beziehen. Am Tag des Umzugs sei Zhang Jisheng sehr aufgeregt gewesen, erzählt die Armutshelferin. „Zhang ist kein Mann vieler Worte, und so wiederholte er nur immer wieder: Die Kommunistische Partei Chinas ist großartig!“, erinnert sie sich.

 

Danach begann Zhang Jisheng unter Anleitung von Ran Hailong, auf einer Ackerfläche von 0,1 Hektar Blütenpfeffer anzubauen, eine Pflanzenart mit hohem wirtschaftlichem Nutzen. Darüber hinaus beantragte Ran noch eine Subvention für Schwerbehinderte, so dass seine Frau und sein Sohn heute jeweils einen Zuschuss von 200 Yuan pro Monat erhalten. Außerdem wurde Zhang ein Arbeitsplatz bei der Straßenreinigung zugewiesen. Er ist heute zuständig für die Reinigung der Straßen im Dorf und erhält dafür ein monatliches Gehalt von 1700 Yuan. Mit der Erhöhung der monatlichen Mindestlebenszulagen auf 350 Yuan pro Kopf liegt das jährliche Einkommen der Zhangs nun bei 38.000 Yuan, was mehr als dem Zehnfachen des Vorjahres entspricht.

 

Als wir Zhang Jisheng nach seinem heutigen Leben fragen, holt er kurzerhand eine volle Packung mit gefrorenem Schweinefleisch aus dem Kühlschrank. „Wir haben jetzt zu jeder Mahlzeit Fleisch zu essen, auch wenn ich aus gesundheitlichen Gründen nicht zu viel davon essen will“, sagt er und lächelt.

 

Im Januar dieses Jahres erhielt Zhang Jisheng mit Unterstützung von Armutshelferin Zhang ein Darlehen in Höhe von 30.000 Yuan, um Blütenpfeffer auf seinem eigenen Ackerland anzubauen. „Seit 2015 arbeitet die Kreisverwaltung von Fengdu mit einigen Banken zusammen, um armen Haushalten Kleinkredite zu gewähren und ihnen bei der Entwicklung ihres eigenen Geschäfts zu helfen“, erklärt Xiang Hailin, Vorsteher der Gemeinde Zhanpu. „In den letzten vier Jahren wurden den Einheimischen in Zhanpu insgesamt Darlehen in Höhe von 6,06 Millionen Yuan gewährt. Die von Armut betroffenen Familien brauchen nur den Kapitalbetrag zurückzuzahlen. Die Zinsen werden vollständig von der Regierung und der Bank getragen. Darüber hinaus bringen die Kader, die für die Arbeit der Armutsüberwindung im Dorf zuständig sind, den armen Familien bei, wie sie vernünftig Kredite aufnehmen und die Geldmittel richtig verwenden“, erklärt uns Xiang.

 

Mit dem gewährten Darlehen in Höhe von 30.000 Yuan kaufte Zhang Jisheng Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Darüber hinaus stellte er noch Arbeitskräfte ein, um Pfeffer anzubauen. Er hat vor, das Darlehen noch in diesem Jahr zurückzuzahlen, damit die Regierung nicht zu viele Zinsen zahlen muss.

 

Xiang Hailin ist mit dem Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen zufrieden und sagt: „Mittlerweile haben sich die Zhangs im Wesentlichen aus der Armut befreit, was der guten Politik zur Armutsüberwindung der Regierung und der harten Arbeit Zhang Jishengs zu verdanken ist.“ Wenn Zhang über die großen Veränderungen seiner Familie spricht, glänzen seine Augen: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal ein so glückliches Leben führen würde. Die Kommunistische Partei Chinas ist großartig! Die lokalen Kader behandeln mich wie ein Familienmitglied. Auch falls ich in Zukunft auf Schwierigkeiten stoßen sollte, werde ich nie aufgeben. Das bin ich diesen großartigen Menschen einfach schuldig.“

 

Eine schöne Umwelt und ein wohlhabendes Dorf

 

2014 habe die Gemeindeverwaltung von Zhanpu Blütenpfeffer als Wirtschaftszweig auserkoren, der zur Armutsüberwindung beitragen solle, sagt Xiang Hailin. „Und bereits 2015 wurde mit dem großflächigen Anbau des Pfeffers begonnen“, sagt Xiang Hailin. Heute würden in der Gemeinde auf 742 Hektar Pfeffersträucher angebaut. Im letzten Jahr habe der Produktionswert mehr als 70 Millionen Yuan erreicht.

 

Durch den Anbau des Pfeffers konnten sich 155 der insgesamt 261 verarmten Haushalte der Gemeinde aus ihrer Armut befreien. „Die Praxis hat inzwischen bewiesen, dass der Anbau von Blütenpfeffer im Einklang mit dem von Staatspräsident Xi Jinping vorgebrachten ökologischen Entwicklungskonzept steht, dass klares Wasser und grüne Berge im Grunde genommen so wertvoll wie Berge aus Gold und Silber. Durch den Pfefferanbau wurde nicht nur die Umwelt der Region des Drei-Schluchten-Staudamms geschützt, sondern auch zahlreichen armen Haushalten geholfen, die Armut zu überwinden“, sagt Xiang. Zwar ist der 39-Jährige erst seit drei Monaten für die Arbeit der Armutsüberwindung vor Ort zuständig, er hatte jedoch von Anfang an ein gutes Gespür dafür, wie sich hier etwas bewegen lässt.

 

Gegenwärtig gibt es in Zhanpu noch 36 Familien und damit 71 Personen, die noch immer in Armut leben. Die meisten von ihnen seien krank und nicht mehr in der Lage zu arbeiten, sagt Xiang. „Dank der Politik, dass jeder verarmte Haushalt Mindestlebenszulagen von der Regierung erhält, können auch diese Familien letztendlich aus ihrer schwierigen Lage befreit werden. Wir sind voller Zuversicht, dass bis 2020 die Armut in Zhanpu völlig überwunden sein wird“, sagt er.

 

 

Wertvolle Nutzpflanze: Durch den Anbau von Chinesischem Blütenpfeffer konnten sich viele Haushalte

 der Gemeinde Zhanpu aus ihrer Armut befreien.

 

Einige Menschen sorgen sich darüber, dass die Politik zugunsten der Landwirte abgeschafft werden könnte, sobald das Ziel der Armutsüberwindung erreicht ist. Doch hier gibt Xiang Entwarnung. Er erklärt, dass die Zentralregierung ihre günstigen Maßnahmen für Landwirte auch nach der Beseitigung der Armut nicht aufheben werde. „Die Strategie für den Aufschwung der ländlichen Gebiete wird auch nach dem Abschluss der Armutsüberwindung umgesetzt, was dazu beiträgt, dass die Entwicklung des ländlichen Raums auf ein neues Niveau gehoben werden wird“, sagt er. „Da einige Menschen hier die Regierungspolitik nicht gut verstehen können, ist es unsere Pflicht, praktische Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Lebensqualität weiter zu verbessern“, sagt er.

 

Nach Xiangs Ansicht gibt es ein höheres Ziel als die planmäßige Armutsüberwindung, nämlich die Schaffung eines schönen Lebensumfeldes. Bei seinem Amtsantritt schlug er deshalb einen Plan zur Verschönerung der Gemeinde in vier Aspekten vor. Dazu gehören saubere Wohnhäuser sowohl im Innen- als auch im Außenbereich, eine ordentliche Gestaltung der Dörfer, schöne Wohnhöfe mit Blumen und viel Grün sowie gute Gewohnheiten und ein gesunder Lebensstil der Bewohner.

 

Im Mai dieses Jahres verteilte die Gemeindeverwaltung von Zhanpu jeweils zehn Setzlinge Chinesischer Rosen an jeden Haushalt, wodurch die Bewohner ermutigt wurden, ihre Wohnhöfe zu verschönern. „Wir wollen eine gute Atmosphäre schaffen, in der die Menschen gute Gewohnheiten zur Verschönerung der Umwelt entwickeln können“, erklärt Xiang. „Alle Menschen haben letztlich eine Vorliebe für natürliche Schönheit und sie werden dementsprechend große Anstrengungen unternehmen, um einen höheren Lebensstandard anzustreben und ein besseres Lebensumfeld zu schaffen. Deshalb haben sie letztlich auch ein starkes Verlangen danach, die Armut abzustreifen“, sagt er.

 

Mittlerweile haben alle Haushalte der Gemeinde Chinesische Rosen angepflanzt, viele Pflanzen sprießen in ausrangierten alten Behältern, manche in alten Waschbecken, andere in alten Autoreifen. Schon in einigen Monaten dürfte hier ein Blumenmeer erblühen. Dann wird sich in dieser kleinen Gemeinde am Jangtse der Duft der Rosen mit dem des Blütenpfeffers vermischen.

 

Während unserer Interviews betonten Xiang Hailin, Zhang Yuqiong, Ran Hailong und die anderen Regierungskader, mit denen wir gesprochen haben, immer wieder, dass sie letztlich mit ihrer Arbeit nur einen bescheidenen, unbedeutenden Beitrag zu Chinas Armutsüberwindung geleistet hätten. Doch wir Journalisten verlassen die kleine Gemeinde mit dem Eindruck, dass dieser kleine Beitrag durchaus von großer Bedeutung für Chinas Sache der Armutsüberwindung ist. Die Gemeinde Zhanpu schreitet schon heute in eine neue und bessere Zukunft.

 

*Shen Xiaoning ist Journalist des Magazins „People’s China“. 

 
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