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Bauer als neuer Traumberuf? – Wie die Modernisierung das Leben chinesischer Landwirte verändert

2019-09-25 10:46:00 Source: Author:
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Von Ma Li

 

Im Frühherbst ist die nordchinesische Provinz Hebei von sattem Grün bedeckt. Dann beginnen hier, im Dorf Xiazhuang des Kreises Laishui, hunderte Hektar Maisstängel mit der Ährenbildung und strecken sich bis auf Taillenhöhe.

 

Doch das schwüle Wetter, das bereits über Tage andauert, gefällt den Larven der Bohrkäfer. Landwirtin Zhang Lilong ist deshalb heute schon am frühen Morgen auf dem Maisfeld, um mit den Arbeitern zu besprechen, wie sich die vorbereiteten Pflanzenschutzmittel am effektivsten per Drohne auf die Maisstängel sprühen lassen.

 

Zhang leitet die Lilong Wheat Planting Specialized Cooperative. Im Jahr 2013 gründete sie diese Genossenschaft im Dorf, nachdem sie das Leben als Wanderarbeiterin in der Stadt satt hatte und stattdessen in ihre Heimat zurückgekehrt war. Nach sechs Jahren hat sich die Genossenschaft im Kreis den Ruf eines großen und verlässlichen Getreidelieferanten erarbeitet.

 

In diesem Frühjahr unternahm Wang Dongfeng, Sekretär des Parteikomitees der Provinz Hebei, eine Inspektionsreise durch den Kreis, um sich mit dem örtlichen Frühlingspflügen vertraut zu machen. Während seiner Inspektion sagte er zu Zhang: „Ich finde es großartig, dass Sie als Angehörige der Post-80er-Generation in Ihrem Heimatdorf Existenzgründung betreiben und dabei so große Erfolge erzielen.“ Er lobte Zhang Lilong als Vertreterin qualifizierter Landwirte neuen Typs.

 

 

Hightech auf dem Acker: Ferngesteuerte Drohnen kommen in Chinas Landwirtschaft mittlerweile

 in großem Umfang zum Einsatz und erhöhen so die Arbeitseffizienz.

 

 

Aus Traum wird Wirklichkeit

 

Die 37-jährige Zhang, selbst auf dem Land groß geworden, lernte von klein auf die Härten des Landwirtlebens kennen. „Immer dann, wenn der Weizen reif für die Ernte war, lag das Ackerland unter der sengenden Sonne regelrecht ausgedörrt. Die Landwirte schufteten oft ganze Tage auf dem Feld nur mit einer Sichel als Werkzeug. Der Schweiß durchnässte ihre Kleidung, die bald wieder unter der Sonne trocknete, nur um dann wieder durchgeschwitzt zu werden. Regnete es, mussten alle Familienmitglieder mit anpacken, um in Windeseile die Ernte einzuholen“, erinnert sich Zhang an diese Zeit zurück.

 

In der Schule sprach man schon damals über die Modernisierung der Landwirtschaft. Zhang träumte von dem Tag, an dem auch ihr Heimatdorf diese Modernisierung erleben würde und ihre Eltern nicht mehr im Schweiße ihres Angesichtes auf dem Acker schuften würden müssten.

 

Nach dem Abschluss der Unterstufe der Mittelschule entschied sich Zhang – wie viele ihrer Altersgenossen im Dorf – sich als Wanderarbeiterin in der Stadt zu verdingen. Aber bald stellte sie fest, dass dies nicht das Leben war, das sie sich wünschte. So beschloss sie, in ihr Heimatdorf zurückkehren, um eine Dienststelle zu errichten, in der Saatgut und chemische Düngemittel verkauft wurden. Von da an schenkte Zhang der nationalen Politik für den ländlichen Raum, die Landwirtschaft und die Landwirte größte Aufmerksamkeit.

 

2012 erfuhr Zhang aus dem Radio, dass die Regierung Landwirte dazu ermutigte, spezialisierte Pflanzgenossenschaften zu gründen und großflächige Plantagen zu entwickeln. Als sie diese Nachricht hörte, kam ihr sofort das brachliegende Ackerland in ihrem Dorf in den Sinn. „Damals arbeiteten viele junge Menschen als Wanderarbeiter in den Städten, weil die Einnahmen aus der traditionellen Landwirtschaft sehr gering waren. Nur die Senioren blieben zurück, so dass es viele brachliegende sandige und unfruchtbare Ackerböden im Dorf gab“, sagt Zhang.

 

Zhang erkannte das vielversprechende Potenzial, das diese ungenutzten Böden boten, und beschloss, das Nutzungsrecht der kargen Ländereien durch Übertragung zu übernehmen und großflächige Plantagen zu entwickeln. Anfang 2013 unternahm sie den ersten Schritt ihrer Existenzgründung. Das Startkapital, etwa 400.000 Yuan, umgerechnet rund 51.300 Euro, lieh sie sich damals von Freunden und Verwandten. Mit dem Geld pachtete sie anfangs sieben Hektar Ackerland.

 

 

 

Bäuerin mit Gründergeist: Zhang Lilong leitet die Genossenschaft Lilong Wheat Planting Specialized Cooperative.

 

 

Hart verdientes Geld

 

Jedoch wird Existenzgründung oft von Rückschlägen begleitet. Im ersten Jahr erlitt Zhangs Plan des Wechsels vom Weizen- zum Maisanbau zunächst einen herben Schlag. In der entscheidenden Wachstumsphase zerstörte ein Hagelsturm die gesamte Maisernte, was zu einem Verlust von Hunderttausenden Yuan führte. Angesichts der Misere versuchten Zhangs Eltern und ihr Ehemann, sie zu überreden, ihren Plan aufzugeben. Doch mit dem Gewerbeschein der Genossenschaft in der Tasche und den für drei Jahre gepachteten Ackerböden wollte Zhang nicht so schnell das Handtuch werfen. Sie hielt weiterhin an ihrem Traum der Selbstständigkeit fest und glaubte fest an die Zukunft der modernen Plantage.

 

Im zweiten Jahr beschloss Zhang, ihr Wohnhaus für einen Bankkredit in Höhe von 370.000 Yuan (ca. 50.000 Euro) zu verpfänden, eine Entscheidung, die viele Dorfbewohner nicht nachvollziehen konnten. Mit der Geldsumme pachtete Zhang weitere 400 Mu Ackerland. Danach konzentrierte sie sich ganz auf den Getreideanbau. Ein chinesisches Sprichwort besagt, dass der Himmel die Fleißigen immer mit reicher Ernte segnet. Ende des Jahres hatte Zhang einen Reingewinn von 200.000 Yuan erwirtschaftet. Rote Zahlen schrieb die Genossenschaft seither nie wieder.

 

Ihr Geld habe sie sich hart verdient, betont Zhang. Denn Feldarbeit zu verrichten, sei immer noch ein mühsames Unterfangen, auch wenn sich die Situation der Landwirte in den letzten Jahren stark verbessert habe.

 

In der Erntesaison 2015 ging tagelang Starkregen nieder. Zhangs über 400 Mu Zuckermais konnten sich eine verspätete Ernte jedoch nicht leisten, weil überreifer Mais keinen Absatz findet. So organisierte Zhang kurzerhand alle Arbeitskräfte, die sie finden konnte, um eine schnelle Ernte durchzuführen. Da Regenstiefel leicht im Schlamm stecken bleiben und dann nur schwer zu befreien sind, arbeiteten die Erntehelfer barfuß auf den Feldern. Am Ende des Erntetages kamen sie völlig durchnässt nach Hause.

 

Zhang ist fest entschlossen, die Landwirte langfristig von den Mühen der harten Feldarbeit zu befreien. Dies war auch die ursprüngliche Motivation für die Gründung der spezialisierten Genossenschaft. „Modernisierung der Landwirtschaft ist für mich kein leeres Wort. Ich hoffe wirklich, dass mein Traum, den ich seit meiner Kindheit hege, möglichst bald Realität wird“, sagt die Gründerin.

 

 

Goldene Ernte: Mais ist traditionell ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Nordchina. Die örtliche Maisernte

 gilt als Barometer für die Getreideproduktion des gesamten Landes.

 

 

Die ersten Erfolge machen Mut

 

„Zhang Lilong ist die jüngste und auch die einzige Frau unter all unseren landwirtschaftlichen Genossenschaftsleitern“, sagt ein Verantwortlicher für die Landwirtschaft des Bezirks Yi’an uns Journalisten von „China Today“. „Die von ihr bewirtschaftete Lilong Wheat Planting Specialized Cooperative ist zudem die größte und erzielt das höchste Nettoeinkommen“, sagt er.

 

Nach sechsjährigen Anstrengungen kann sich Zhang heute getrost als Expertin für Weizen- und Maisanbau bezeichnen. Mit den erzielten Erfolgen aber, mag sie sich noch nicht zufrieden geben. Um den Mehrwert von Wissenschaft und Technologie bei der Getreideproduktion zu steigern, investierte Zhang 2014 mehr als 10.000 Yuan in den Kauf einer Sprenkelanlage.

 

Durch deren Einsatz, erklärt uns Zhang, lasse sich das Land noch besser nutzen, weil die Kanäle und Gräben, die traditionell für die Bewässerung verwendet werden, so in zusätzliches Ackerland umgewandelt werden könnten. Darüber hinaus lasse sich so mehr als ein Drittel des Wassers einsparen. Nach Zhangs Berechnungen wird sie das Geld für den Kauf der Anlage demnach schon innerhalb eines Jahres wieder eingespielt haben, da auch die Stromkosten für die Bewässerung der Flächen dank der neuen Maschine nur noch 15 Yuan (ca. zwei Euro) pro Mu betrügen. Bei der traditionellen Bewässerungsmethode seien hier bis zu 35 Yuan (4,50 Euro) pro Mu fällig.

 

In den folgenden Jahren schaffte Zhang nacheinander zwei Drohnen, fünf Kreiselgrubber, fünf Strohmühlen sowie jeweils fünf Sä- und fünf Erntemaschinen an. Nach ihrer Berechnung kann der Einsatz der Geräte die Kosten um bis zu 300 Yuan (ca. 40 Euro) pro Mu senken. Da Zhangs Genossenschaft ein Vorbild für die örtlichen Landwirte ist, hat die Landschaftsbehörde des Kreises Laishui ihre Genossenschaft in diesem Jahr zudem mit modernen landwirtschaftlichen Geräten im Wert von mehr als einer Million Yuan (ca. 130.000 Euro) ausgestattet.

 

Der mechanisierte, großflächige Anbau hat die Arbeitnehmer in Zhangs Genossenschaft von der anstrengenden Feldarbeit befreit. Gegenwärtig gibt es in der Genossenschaft vier festangestellte Arbeitnehmer, deren durchschnittliches Pro-Kopf-Jahreseinkommen 26.000 Yuan (3300 Euro) erreicht. Darüber hinaus hat die Genossenschaft noch 30 Zeitarbeiter beschäftigt, deren durchschnittliches Jahreseinkommen bei jeweils rund 10.000 (1280 Euro) liegt. „Feldarbeit zu verrichten, ist jetzt viel einfacher geworden. Im Alter von fast 70 Jahren kann ich mithilfe der Maschinen Aussaat und Ernte mühelos bewältigen“, sagt Zheng Jinjiang. Er hat sein Ackerland an Frau Zhang verpachtet und arbeitet jetzt als Arbeitnehmer in Zhangs Genossenschaft. Insgesamt verdient er auf diese Weise jährlich rund 30.000 Yuan (3850 Euro).

 

Wie Zheng Jinjiang haben auch die übrigen zwölf verarmten Haushalte des Dorfes ihr Ackerland an Zhang verpachtet. 23 Mitglieder dieser Haushalte arbeiten nun in der Genossenschaft und verdienen sich so ein durchschnittliches Jahreseinkommen in Höhe von mehr als 24.000 Yuan (ca. 3100 Euro). Bis jetzt hat Zhang das Nutzungsrecht von 1100 Mu Ackerböden im Dorf durch Übertragung erhalten.

 

Landwirt als potentieller Traumberuf

 

Die jahrelange Praxis in der Landwirtschaft hat Zhang zu der festen Überzeugung gebracht, dass Feldarbeit zu verrichten, eine vielversprechende Zukunft hat. Mittlerweile beschränkt sich Zhangs Aufmerksamkeit nicht nur auf das jährliche Pflanzmodell des Wechsels zwischen Weizen- und Maisanbau. Für die Zukunft erwarte sie nämlich noch weitere Durchbrüche in der Entwicklung ihrer Genossenschaft, wie sie verrät.

 

„Am 15. Oktober wird der Wachsmais auf den Markt gebracht. Dann folgt die Aussaat von Winterweizen. Ich habe vor, in diesem Jahr probeweise Schwarz-Weizen, der reich an Selen ist, auf einer Ackerfläche von 100 Mu anzubauen. Wenn das gelingt, werde ich ihn im nächsten Jahr großflächig pflanzen“, sagt sie. Weil Schwarz-Weizen einen hohen Nährwert besitze, könne er in der Steinmühle zu Mehl gemahlen und in Säcken zu fünf Kilogramm verkauft werden. „So lässt sich eine industrielle Kette herausbilden, die Anbau, Verarbeitung und Verkauf umfasst“, so die junge Gründerin. Sie habe bereits eine eigene Marke für Schwarz-Weizenmehl eintragen lassen.

 

Um die Maisstängel voll auszunutzen, plant Zhang außerdem, in die Straußenzucht einzusteigen. „In diesem Herbst werden unsere Arbeitnehmer die Stängel auf den Feldern nach der Ernte einsammeln und sie zu Straußenfutter verarbeiten“, erklärt sie. Auf diese Weise könnten einerseits die Stängel recycelt, und andererseits könne die Umweltverschmutzung verringert werden. „Darüber hinaus lässt sich Straußenmist auch als Dünger verwenden. Auch die Eier, das Fleisch und die Federn der Tiere können meiner Genossenschaft natürlich ein beträchtliches Zusatzeinkommen bringen“, sagt Zhang. Ihr Plan für die Entwicklung eines zirkulären Agrarökosystems stößt im Kreis auf große Unterstützung. Sie hat bereits ein Hypothekendarlehen in Höhe von 600.000 Yuan und ein zehn Mu großes Landstück durch Nutzungsrechtübertragung erhalten, dass als Brutstätte für die Strauße dienen soll. „Ich habe bereits 30 Brutvögel und 40 Jungvögel bestellt“, sagt sie.

 

In China haben sich in den letzten Jahren verschiedene Formen solcher spezialisierten landwirtschaftlichen Genossenschaften entwickelt, die ein wachsendes Spektrum von Sektoren und eine sich ausdehnende Industriekette abdecken. Statistiken zufolge waren bis Ende 2016 in China etwa 1,8 Millionen Genossenschaften registriert, denen 44,4 Prozent der gesamten ländlichen Haushalte Chinas beigetreten sind. Dies hat die gesunde und rasante Entwicklung der chinesischen Agrarwirtschaft stark gefördert.

 

In der ersten Jahreshälfte 2019 betrug der Pro-Mu-Weizenertrag von Zhangs Genossenschaft 575 Kilogramm. Es wird erwartet, dass die gesamte Maisproduktion in der zweiten Jahreshälfte 110 bis 120 Tonnen erreicht und das Jahresnettoeinkommen auf 500.000 Yuan (64.000 Euro) steigen wird. „Genossenschaften sind ein Entwicklungstrend der modernen Landwirtschaft. Mit der Einführung weiterer Unterstützungsmaßnahmen der Regierung könnte der Beruf des Bauern in Zukunft ein neuer Traumberuf werden“, schätzt Zhang.

 

 

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