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BRICS als Motor: Ein neues globales Wirtschaftsmodell entsteht

2019-10-25 13:35:00 Source:China heute Author:
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Von Sergey Yurievich Glazyev

 

Wir erleben derzeit eine Umstrukturierung der Weltwirtschaft, die mit dem Übergang zu einem neuen technologischen Paradigma verbunden ist. Sie basiert auf einem Zusammenspiel von Nanotechnologie, Bio-Engineering sowie Informations- und Kommunikationstechnologien.



Chinas Staatspräsident Xi Jinping (2.v.l.) mit dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro (Mitte), dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (l.), Indiens Premierminister Narendra Modi (r.) und dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa (2.v.r.) nach einem Treffen der BRICS-Chefs am Rande des G20-Gipfels in Osaka am 28. Juni 2019.


In solchen Zeiten des globalen technologischen Wandels haben wirtschaftlich rückständige Länder die Möglichkeit, zum Niveau der führenden Länder aufzuschließen, während letztere mit einer Überakkumulation von Kapital in obsoleten Produktions- und Technologiebereichen konfrontiert sind.


Gute Chancen haben diesbezüglich insbesondere die führenden Staaten Eurasiens. Schon heute haben China und andere Länder Südostasiens begonnen, aufzuholen. China hat in den letzten drei Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte erzielt. Von der tiefen Peripherie der Weltwirtschaft aus vollzog das Land den Sprung in die Gruppe der führenden Wirtschaftsnationen der Welt und wurde zum weltweit führenden Zugpferd in Bezug auf das realwirtschaftliche Bruttoinlandsprodukt und den Export von Hightech-Produkten.

Auch Indien vollzieht gleichzeitig mit China derzeit einen gewaltigen Durchbruch in der Entwicklung auf Grundlage eines neuen technologischen Modus. Schon heute nimmt Indien damit eine weltweit führende Rolle in Bezug auf die Wirtschaftswachstumsrate ein.


Obwohl die Einhaltung der Dogmen des Washington-Konsenses die Entwicklung der brasilianischen Wirtschaft deutlich verlangsamt und das Fortkommen der russischen Wirtschaft umgekehrt hat, bilden die BRICS-Länder gemeinsam genommen die mächtigste Koalition mit dem dynamischsten Potenzial weltweit. Die BRICS-Länder sind ohne Frage in der Lage, bis zum Ende dieses Jahrhunderts zum Wachstumsmotor der Weltwirtschaft aufzusteigen.


Bisher gingen große strukturelle Veränderungen in der Weltwirtschaft infolge des Wandels technologischer und weltwirtschaftlicher Modelle mit Weltkriegen und Revolutionen einher. Die BRICS-Staaten, die Shanghaier Kooperationsorganisation (SCO) und die Eurasische Wirtschaftsunion (EEU), die sich gerade anschicken, ein neues Weltwirtschaftssystem herauszubilden, sind hingegen ausdrücklich an friedlichen Entwicklung interessiert.


Die herrschende Elite der Vereinigten Staaten reagiert derweil auf den Aufstieg aufstrebender neuer Wirtschaften mit einem weltweiten Hybridkrieg gegen diese Länder, provoziert Konflikte zwischen ihnen, organisiert Farbrevolutionen und Staatsstreiche, greift auf Wirtschaftssanktionen, Handelskriege und Cyber-Terrorismus zurück und fördert Neonazismus und religiösen Extremismus.


Um eine weitere Eskalation dieses anhaltenden weltweiten Hybridkriegs durch die herrschende US-Elite zu vermeiden, müssen die Länder der Welt gemeinsam den Übergang zu einem neuen Weltwirtschaftsmodell und einer neuen Weltwirtschaftsordnung beschleunigen.


Damit dies gelingt, sind die folgenden Schritte nötig:


Erstens, die Wiederherstellung des Völkerrechts, das von den USA und ihren Satellitenstaaten erheblich beschädigt wurde. Diese Länder verstoßen willkürlich und systematisch gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Vereinten Nationen (UN).


Zweitens, die Anerkennung des Rechtes jedes Landes auf eine souveräne Geld- und Wirtschaftspolitik.

Drittens, ein Ende des Monopols des US-Dollars oder jeder anderen eigennützigen Währung. Die weltweite Reservewährung sollte auf Grundlage eines internationalen Abkommens geschaffen werden, welches die Reihenfolge ihrer Ausgabe und ihres Umlaufs regelt.

Viertens, die vollständige Einstellung des Cyber-Terrorismus durch alle Länder. Dies erfordert ein internationales Übereinkommen über Cybersicherheit, das ein Embargo für die Einfuhr von Informationstechnologie sowie entsprechende Waren und Dienstleistungen aus denjenigen Ländern vorsieht, die gegen die Übereinkunft verstoßen.



Eine Gruppe von Wolkenkratzern am Moskauer International Business Center. Russland ist eines der fünf BRICS-Länder. Die Staaten teilen gemeinsame Werte wie Freiheit bei der Wahl der Entwicklungswege, Ablehnung von Hegemonie und die Souveränität über historische und kulturelle Traditionen.

 

Und schließlich die Einhaltung der Grundsätze der Freiwilligkeit, des gegenseitigen Nutzens, der Komplementarität, der Transparenz, der Rechtsstaatlichkeit und der Gerechtigkeit im Rahmen der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Auf diese Prinzipien einigte man sich bereits im Rahmen des Zusammenwirkens zwischen der EEU und der Initiative zum Aufbau der neuen Seidenstraße.


Im Rahmen der Verbindung von EEU und Seidenstraßeninitiative ist eine Kombination aus dem Gemeinsamen Wirtschaftsraum (CES) und gemeinsamen Infrastrukturprojekten, Entwicklungseinrichtungen und Handelsprogrammen, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, technischer, industrieller und humanitärer Zusammenarbeit und gemeinsamen Investitionen entstanden, die eine nachhaltige und harmonische Entwicklung der teilnehmenden Länder im Interesse des Wohlergehens und Wohlstands ihrer Bürger ermöglicht.


Vor unseren Augen bildet sich derzeit ein neues Gesellschafts- und Wirtschaftssystem heraus, das effektiver ist als die vorherigen, wobei sich das Zentrum der globalen Entwicklung zunehmend nach Südostasien verlagert. Dies hat eine Reihe von Forschern dazu angeregt, über den Beginn eines neuen (asiatischen) Jahrhundertzyklus der Vermögensbildung zu diskutieren.


In Übereinstimmung mit der Theorie der Veränderung der Kapitalakkumulation in hundertjährigen Zyklen muss sich der aufstrebende asiatische Zyklus auf ein neues System von Institutionen zur Akkumulation von Kapital stützen. Diese Institutionen bewahren einerseits die alten materiellen und technischen Errungenschaften und schaffen anderseits Möglichkeiten für die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Produktivkräfte.


Um Vorhersagen über die weitere Entwicklung der Ereignisse zu treffen, ist es notwendig, die Struktur dieser Institutionen des neuen Weltwirtschaftsmodells zu verstehen.


Unabhängig von der dominanten Eigentumsform, sei sie staatlich, wie in China oder Vietnam, oder privat, wie in Japan oder Korea, wird ein neues Weltwirtschaftsmodell durch eine Kombination staatlicher Planungsinstitutionen mit Marktselbstorganisation, staatlicher Kontrolle über die wichtigsten wirtschaftlichen Entwicklungsparameter mit freiem Unternehmertum und der Ideologie des Gemeinwohls mit privaten Initiativen gekennzeichnet sein.



Aus Brasilien importierte Sojabohnen werden an einem Quarantäneankerplatz in Yantai, Provinz Shandong, untersucht. China ist für Brasilien einer der wichtigsten Handelspartner.


Angesichts dessen können sich die Formen der politischen Organisation von Indien mit der weltgrößten Demokratie bis nach China mit der weltweit größten kommunistischen Partei grundlegend unterscheiden. Die beständige Konstante ist dabei der Vorrang nationaler Interessen vor privaten, was sich in strengen Mechanismen der persönlichen Verantwortung der Bürger für gewissenhaftes Verhalten, ordnungsgemäße Pflichterfüllung, Gesetzeseinhaltung und die Erfüllung nationaler Ziele ausdrückt.


Das Steuerungssystem für die sozioökonomische Entwicklung stützt sich innerhalb eines solchen Modells auf Mechanismen der persönlichen Verantwortung zur Steigerung des nationalen Wohlstandes.


Der Vorrang der öffentlichen Interessen gegenüber privaten drückt sich in der institutionellen Struktur der Wirtschaftsregulierung aus, die für das neue Weltwirtschaftsmodell typisch sein wird. In erster Linie besteht eine staatliche Kontrolle über die grundlegenden Parameter der Kapitalvermehrung durch Mechanismen der Planung, Kreditvergabe, Subventionierung, Preisgestaltung und der Regulierung der unternehmerischen Rahmenbedingungen.


Beamte werden dabei nicht versuchen, Unternehmer zu führen, sondern sie organisieren die gemeinsame Arbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, um gemeinsame Entwicklungsziele zu formulieren und Methoden zu deren Erreichung auszuarbeiten. Zu diesem Zweck werden auch die Mechanismen der öffentlichen Regulierung der Wirtschaft optimiert.


Der Staat bietet Zugang zu kostengünstiger Infrastruktur, während die Unternehmen die Verantwortung für die Herstellung wettbewerbsfähiger Produkte übernehmen. Um ihre Qualität zu verbessern, organisiert und finanziert der Staat die notwendige Forschungs- und Entwicklungsarbeit sowie Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, wobei die Unternehmer die Innovationen umsetzen und in neue Technologien investieren.


Die öffentlich-private Partnerschaft ist den öffentlichen Interessen der wirtschaftlichen Entwicklung sowie der Steigerung des nationalen Wohlstands und der Lebensqualität untergeordnet. Dementsprechend erlebt auch das Konzept der internationalen Zusammenarbeit einen Wandel, das heißt, das Paradigma der liberalen Globalisierung im Interesse des Privatkapitals der führenden Länder der Welt wird durch ein neues Paradigma der nachhaltigen Entwicklung zum Wohle der gesamten Menschheit ersetzt.


Chinas führende Politiker bezeichnen ihr Land bescheidener Weise nach wie vor als Entwicklungsland. Das stimmt, wenn man das Pro-Kopf-BIP betrachtet. Aber in Bezug auf sein wirtschaftliches Potenzial hat China bereits das Niveau der führenden Länder der Welt erreicht. China wird zu einem Vorbild für viele Entwicklungsländer, die das chinesische Wirtschaftswunder nachahmen wollen. Man sollte die industriellen und gesellschaftlich-politischen Beziehungen, die sich in China herausgebildet haben, nicht als Übergang, sondern als charakteristisch für das fortschrittlichste Sozial- und Wirtschaftssystem dieses Jahrhunderts betrachten.


Sowohl Nachbarländer wie Russland, Indien, Vietnam, Malaysia und Indonesien als auch die Länder Lateinamerikas, darunter unter anderem Brasilien, Venezuela und Kuba, steuern auf den in der Entstehung befindlichen Kern der neuen Weltwirtschaftsordnung zu. Auch die afrikanischen Länder zieht es zunehmend in diese Richtung. Zusammengenommen ist die Wirtschaftskraft dieser Länder bereits mit derjenigen der Kernländer des amerikanischen Akkumulationszyklus vergleichbar.


Im Gegensatz zu den Kernländern des bestehenden globalen Wirtschaftsmodells, das der Welt das universelle System der Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen als Grundlage einer liberalen Globalisierung aufgezwungen hat, ist der entstehende Kern des neuen weltwirtschaftlichen Gefüges sehr vielfältig.


Dieser Unterschied zeigt sich auch in den gemeinsamen Werten der BRICS-Staaten: Freiheit bei der Wahl der Entwicklungswege, Ablehnung von Hegemonie und die Souveränität über historische und kulturelle Traditionen. Mit anderen Worten, die Vereinigung der fünf BRICS-Mitglieder stellt ein qualitativ neues Kooperationsmodell dar, das die Vielfalt im Gegensatz zur Einheitlichkeit der liberalen Globalisierung würdigt, was in Ländern unterschiedlicher Phasen sozioökonomischen Entwicklung gleichermaßen auf Anklang stößt.


Die Herausbildung eines integrierten weltwirtschaftlichen Paradigmas findet auf einer anderen zivilisatorischen Grundlage statt. Zu den gemeinsamen Werten in den geistigen Traditionen der Kernländer des asiatischen Zyklus gehören trotz ihrer komplexen Zusammensetzung der Gewaltverzicht als Hauptform aller Lösungsansätze, die Suche nach Harmonie zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft, die Verurteilung von blindem Gewinnstreben und stattdessen das Streben nach gegenseitiger Zusammenarbeit und Interessenausgleich.


In den internationalen Beziehungen manifestieren sich diese Werte in der gegenseitigen Achtung der nationalen Souveränität, dem Wunsch nach Zusammenarbeit unter Wahrung der Vielfalt aller Länder und in der Ausarbeitung gemeinsamer Entwicklungsstrategien. Im wirtschaftlichen Bereich äußern sie sich in der Kritik an der gegenwärtigen ungerechten Weltwirtschaftsordnung, welche die Bereicherung einiger „goldener Milliardäre“ unter den Ländern sicherstellt, die den Rest der Menschheit durch eine ungleiche ausländische Währung ausbeuten.


Einen Prototyp eines solchen neuen Weltwirtschaftssystems könnte die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeschlagene und als „Integration von Integrationen“ konzipierte Große Eurasische Partnerschaft sein, deren Kern die SCO in Verbindung mit der EEU und die Große Eurasische Partnerschaft in Verbindung mit der chinesischen Seidenstraßeninitiative formt.


Sie basiert auf den Prinzipien der Freiwilligkeit, des gegenseitigen Nutzens, der Achtung der nationalen Souveränität und der Erfüllung internationaler Verpflichtungen. Sie sollte darauf abzielen, die Voraussetzungen für eine fortschrittliche Wirtschaftsentwicklung zu schaffen, die auf einer Kombination aus den Wettbewerbsvorteilen aller am Integrationsprozess beteiligten Länder und der Steigerung des Wohlergehens der eurasischen Bevölkerung durch umfassende Förderung gemeinsamer Investitionen, die Ausweitung des gegenseitigen Handels und die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums beruht.

 

*Sergey Yurievich Glazyev ist Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und Berater des Präsidenten der Russischen Föderation.

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