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Chinas KI-Entwicklung – Impulsgeber der Weltwirtschaft und Zielscheibe der Konkurrenz

2020-01-21 10:01:00 Source:China heute Author:
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Von Zhang Xin*



Blick auf den Ausstallungsbereich für intelligentes Verkehrswesen im Lenovo Future Center, das am 2. November 2019 eröffnet wurde. 


Künstliche Intelligenz ist schon heute allgegenwärtig. Sie findet Anwendung in verschiedensten Wirtschaftsbranchen, ob im Finanzwesen, der Fertigungsindustrie, in den Bereichen Bildung, Medizin und Verkehr oder auch der öffentlichen Verwaltung. KI ist eine treibende Kraft der neuen technischen Revolution, das wird derzeit immer deutlicher.

 

Forschungsinstitute weltweit vertreten die Ansicht, dass die künstliche Intelligenz als aufstrebender Wirtschaftszweig neue Industrien im Wert von Hunderten Milliarden, wenn nicht sogar von einer Billion US-Dollar entstehen lassen wird. Eine Entwicklung, die allen Ländern zugutekommen würde und zudem neues Wirtschaftswachstum generieren dürfte.

 

Im kommenden Jahrzehnt wird die KI Prognosen zufolge etwa zwölf Prozent zum globalen Gesamtproduktionswert beisteuern, was einem Wirtschaftswachstum von bis zu zehn Billionen US-Dollar entspräche. Die nordamerikanischen und europäischen Länder dürften dabei als größte Nutznießer dieser neuen Runde der technischen Revolution hervorgehen. Aber auch die Entwicklungsländer, die dem Westen in Sachen KI-Anwendung heute noch hinterherhinken, werden profitieren, da die KI auch ihre Wirtschaftsentwicklung beflügeln wird.

 

Von der globalen Warte aus betrachtet ist China ein wichtiger Standort für Forschung und Entwicklung sowie die industrielle Anwendung künstlicher Intelligenz. Von daher wird die Volksrepublik maßgeblich zur künftigen KI-Entwicklung und damit auch zum Weltwirtschaftswachstum beitragen.

 

Chinas KI-Markt vor beschleunigtem Wachstum

 

Getrieben durch den Bedarf und die Führungsrolle chinesischer Unternehmen wird sich der Marktumfang der KI in China voraussichtlich schnell erweitern.  Bereits seit der Jahrtausendwende ist die KI im Aufwind. In den Anfangsjahren stützte sich ihre Entwicklung maßgeblich auf Investitionen von Regierung und wissenschaftlich-technischen Branchenriesen sowie auf Risikokapital. Im Zuge der Ausreifung vorherrschender Technologien wie Deep Learning im Bereich der schwachen KI bildet heute der Bedarf die Haupttriebkraft und auch das hervorstechende Merkmal der gegenwärtigen KI-Entwicklung.

 

Im globalen Wettbewerb um die führende Stellung bei Forschung und Entwicklung sowie die industrielle Anwendung künstlicher Intelligenz ist die Volksrepublik eher ein Nachzügler. Doch sie kann auch mit wichtigen Vorteilen auftrumpfen, nämlich ihrem riesigen Markt sowie vielfältigsten Anwendungsbereichen.

 

Seit 2016 investieren chinesische Internetunternehmen wie beispielsweise der Suchmaschinenbetreiber Baidu aber auch Start-ups wie SenseTime Technology Development und Megvii schwerpunktmäßig in KI-Technologien und deren Anwendung. So hat eine Standortverteilung für die vertikale technologische Verbreitung begonnen. Schon heute verfügt China über eigene Produktionsketten für KI-Chips und KI-Phonetik. Produktionsumfang und Effizienz steigen dabei stetig.

 

Dennoch befindet sich Chinas KI-Industrie gegenwärtig zweifellos noch immer in der Anfangsphase ihrer Entwicklung. Der Gesamtumfang der Anwendung ist noch immer begrenzt. Doch im Zuge der groß angelegten und beschleunigten Einführung neuer KI-Produkte und -Dienstleistungen auf dem heimischen Konsummarkt dürfte Chinas KI-Industrie einer Zeit des nachhaltigen und eruptiven Wachstums entgegengehen.

 

Laut Daten des staatlichen Berichtes über die chinesische KI-Entwicklung erreichte Chinas KI-Markt im Jahr 2018 ein Volumen von 23,74 Milliarden Yuan, umgerechnet sind das rund 3,1 Milliarden Euro. Blickt man auf die Entwicklung einzelner Branchen, schneiden insbesondere computergestützte bildgebende Verfahren, zu denen Bio-Erkennungsverfahren sowie Bild- und Videoerkennung als Schlüsselbereiche zählen, gut ab. Mit 8,28 Milliarden Yuan (1,1 Milliarden Euro) stellen sie den größten Marktanteil von rund 34,9 Prozent. An zweiter bis fünfter Stelle folgen die Branchenzweige Phonetik (24,8 Prozent), Verarbeitung natürlicher Sprachen (21 Prozent), Hardware (11,3 Prozent) und KI-gestützte Algorithmen (8 Prozent). Die weitere Ausreifung und Kommerzialisierung wichtiger KI-Technologien dürften dafür sorgen, dass der chinesische KI-Markt ein nachhaltiges und hohes Wachstum beibehält. 2017 betrug das Branchenwachstum im Vergleich zum Vorjahr 67 Prozent, 2018 waren es schon 75 Prozent. Für die kommenden drei Jahre rechnen Experten mit einem Wachstum von im Schnitt 40 Prozent für die chinesische KI-Industrie.

 

Auch das politische Umfeld stimmt

 


 


Chinas KI-Durchstarter iFLYTEK präsentierte seine Produkte am 13. Juli 2019 auf der Australia-China Trade Expo.


Auch politisch stellt China die nötigen Weichen. Die Regierung bemüht sich um ein offenes und innovationförderndes Umfeld für die Entwicklung der Branche.

 

Hauptstrategie ist es dabei, ein offenes und innovationsförderndes Umfeld zu schaffen und den Aufbau von Unternehmensplattformen für Forschung, Entwicklung sowie Demonstration allgemein anwendbarer Technologien in verschiedenen Branchen zu unterstützen. Mit Blick auf Chinas im Jahr 2017 veröffentlichten „Entwicklungsplan für die KI neuer Generation“ ergriffen die zuständigen Regierungsstellen und -gremien eine Reihe politischer Maßnahmen zur Unterstützung der tiefen Integration der KI in Chinas sozioökonomische Entwicklung. Im Tätigkeitsbericht der Regierung vom 5. März 2019 wurde die Forderung gestellt, die KI-Entwicklung zu „KI Plus“ auszubauen. So sollen der Niveauhebung und Transformation der Fertigungsindustrie neue Impulse verliehen werden.

 

Vor nicht langer Zeit hat das Ministerium für Wissenschaft und Technik die Durchführung einer Reihe wichtiger Forschungs- und Entwicklungsprojekte in Angriff genommen, die für die allgemeine Anwendung der KI von Bedeutung sind. Dazu zählt auch das Projekt „Wissenschaftlich-technische Innovation 2030 – KI neuer Generation“. Im Juni 2019 gab die Fachkommission für die Governance der KI neuer Generation Prinzipien für die Regierungsführung in diesem Bereich bekannt. Das Papier spiegelt Chinas Haltung bezüglich des verantwortungsbewussten Vorantreibens der KI-Entwicklung. Nachdem 2018 die ersten fünf staatlichen offenen und innovationsfördernden Plattformen für KI neuer Generation fertiggestellt worden waren, begann man im August 2019 gestützt auf führende KI-Unternehmen mit dem Aufbau von zehn weiteren Plattformen dieser Art.

 

Chinas Regierung schenkt der KI-Demonstration und -Anwendung große Aufmerksamkeit und unterstützt KI-Start-ups schwerpunktmäßig dabei, direkte Finanzierung auf dem Kapitalmarkt zu erlangen. Bisher sind in China bereits sechs Pilotzonen für innovationsgetragene KI-Entwicklung in Betrieb, in Beijing, Shanghai, Tianjin, Shenzhen, Hangzhou und Hefei. In Zukunft werden weitere Pilotzonen auf Kreisebene folgen. Dadurch sollen auch die Lokalregierungen ermutigt werden, eigene technische Demonstrationen sowie Pilotversuche für politische und gesellschaftliche Projekte durchzuführen.

 

Zeitgleich haben das Ministerium für Industrie und Informatisierung sowie andere Ministerien und Kommissionen eine Pilotpolitik zur Förderung der Anwendung und Entwicklung künstlicher Intelligenz eingeführt. So verkündete beispielsweise das Ministerium für Industrie und Informatisierung im Oktober vergangenen Jahres, den Aufbau der Vorreiterzonen Jiʼnan-Qingdao und Shenzhen zur innovationsgetragenen KI-Anwendung zu beschleunigen. Außerdem greift auch die Börse für wissenschaftlich-technische Innovationen innovativen Unternehmen der Branche bei der Finanzierung unter die Arme. Diese Börse hat laut statistischen Daten der Shanghaier Börse bis zum 29. August 2019 Börsenganganträge von insgesamt 26 Unternehmen, die sich auf KI-Forschung und -Entwicklung sowie die Herstellung von KI-gestützten Ausrüstungen spezialisiert haben, erhalten und diese bearbeitet. Sie machten 17 Prozent aller bearbeiteten Anträge aus. Die gesamte Finanzierung beläuft sich voraussichtlich auf 20 Milliarden Yuan (2,6 Milliarden Euro).

 

Hand in Hand mit globalen Partnern

 

Bedroht werden die globale KI-Forschung und -Entwicklung insbesondere von Handels- und Technik-Protektionismus. Sie verhindern Wissensverbreitung und Kooperation.

 

In Zukunft werde die KI-Industrie aller Voraussicht nach eine rasante Expansion erfahren. Sie dürfte zum neuen Zugpferd der chinesischen und globalen Wirtschaft werden. Zugleich wird sie aber auch eine Umgestaltung der internationalen Industrie- und Beschäftigungsstruktur herbeiführen. Damit die KI-Technologie zu voller Entfaltung kommt und weitestgehend verbreitet wird, müssen alle Länder die Mentalität des Nullsummenspiels über Bord werfen und den Herausforderungen bei der Governance der Begleiterscheinungen der neuen Technik und ihrer Verbreitung Hand in Hand begegnen. Derzeit beziehen sich diese Herausforderungen – von Entwicklungsengpässen und ethischen Risiken einmal abgesehen – in erster Linie auf eine potentielle Spaltung zwischen denjenigen Ländern, die bei der Entwicklung der KI-Technik und –Industrie eine führende Rolle spielen.

 

Das gilt vor allem für China und die USA, die bei der globalen KI-Entwicklung weltweit vorne mit dabei sind. In Sachen technische Fähigkeiten und auch bei der Standortverteilung hat China gegenüber den USA jedoch noch immer das Nachsehen.

 

Dies zeigt sich vor allem in den Kennziffern des finanziellen Einsatzes in den KI-Bereich. Zwar stimmt es, dass China und die USA die Führungsrolle bei der Entwicklung der KI-Technik und -Industrie übernommen haben, aber in Bereichen wie den Regierungsinvestitionen in Grundlagenforschung sowie der Gesamtanzahl an Fachkräften, Unternehmen und wissenschaftlichen Publikationen hinkt China den USA weiterhin hinterher.

 

Vor allem in Bezug auf Investitionen in Grundlagenforschung und die Gesamtzahl an Fachkräften zeigen sich Chinas Nachteile deutlich. Im Jahr 2017 machten die von der National Natural Science Foundation of China vergebenen Geldmittel für KI-Grundlagenforschung nur 14 Prozent von den von der National Science Foundation (NSF) getätigten Investitionen aus. Im selben Jahr entsprach zudem die Gesamtzahl chinesischer KI-Fachkräfte nur 27 Prozent der Gesamtzahl der amerikanischen Fachkräfte in diesem Bereich. Im Januar 2019 machte die Zahl an chinesischen Unternehmen und wissenschaftlichen Publikationen im KI-Bereich jeweils nur 55 bzw. 95 Prozent der amerikanischen Seite aus. Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen und erteilten Patente Chinas in diesem Bereich ist zwar hoch, doch in qualitativer Hinsicht können die chinesischen Veröffentlichungen und Patente den amerikanischen noch immer nicht das Wasser reichen. Das wird an der FWCI-Kennziffer, dem sogenannten Field Weighted Citation Impact, deutlich, an dem die Qualität wissenschaftlicher Beiträge gemessen wird. Hier erreichen Chinas wissenschaftliche Veröffentlichungen nur etwa die Hälfte der Qualität der amerikanischen Publikationen. Die Qualität von Patenten ist zwar schwierig zu ermitteln, fest steht aber, dass die chinesischen Patente in Schlüsselbereichen wie grundlegende Hardware und KI-Schlüsselalgorithmen keinen hohen Anteil ausmachen, zumal die globale Standortverteilung völlig fehlt.

 

Die KI stellt sowohl eine allgemein anwendbare Technologie als auch eine Schlüsseltechnologie für die zivile und militärische Nutzung dar. Beide Bereiche werden in Zukunft die Konstellation des weltweiten Handels und das Gefüge der Kriegsführung umkrempeln. Aus diesem Grund verfolgen die USA die chinesische Entwicklung mit größter Wachsamkeit und versuchen, unter Beibehaltung der eigenen Innovationsfähigkeit in der KI-Industrie die chinesische Entwicklung durch eine Reihe von Maßnahmen zu blockieren und einzudämmen. Beispielsweise greift die amerikanische Regierung direkt in den Markt ein und attackiert gezielt führende chinesische Start-ups aus dem KI-Sektor.

 

Am 8. Oktober 2019 nahm das dem amerikanischen Handelsministerium unterstehende Bureau of Industry and Security (BIS) acht chinesische Spitzenreiter in der Branche, darunter iFLYTEK und MEGVII, in die „Entity List“ auf. Zudem arbeitet die US-Regierung intensiv daran, Rechtsvorschriften zur Kontrolle und Einschränkung des Exports aufstrebender Technologien zu erstellen. Im November 2018 machte das BIS einen Rahmenvorschlag zur Kontrolle und Einschränkung des Exports grundlegender und aufstrebender Schlüsseltechnologien in 14 Kategorien bekannt und sammelte zugleich Feedback aus den einschlägigen amerikanischen Industrien.

 

In Zukunft dürfte die US-Regierung sogar noch mehr derartige Maßnahmen, die dem fairen Wettbewerb zuwiderlaufend, ergreifen, um die chinesische KI-Entwicklung einzuschränken. Da aber die KI-Forschung und -Entwicklung ihrem Wesen nach offen und vom Geist der gemeinsamen Teilhabe geprägt sind, ist es für die US-Regierung schwierig, die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen durch amerikanische Unternehmen und Hochschulen direkt zu verbieten. Die getroffenen Maßnahmen laufen in erster Linie also darauf hinaus, den Export relevanter Technologien und Chips für Cloud Computing einzuschränken und Mechanismen zur Einengung des Zugangs ausländischer Institutionen zu den neuesten Forschungsergebnissen zu etablieren.

 

Dieses Vorgehen wirft dem Fortschritt der globalen KI-Entwicklung zweifelsohne Knüppel zwischen die Beine und führt zu einer Fragmentierung der technischen Normen und des Anwendungsmarktes. Insgesamt gesehen dürfte die chinesisch-amerikanische Kooperation in Bereichen wie KI-Forschung und -Entwicklung, Investitionen und Industrien in Zukunft also auf noch größere Hindernisse stoßen. Zudem versuchen die USA, auch die Kooperationen anderer Industrieländer mit China vehement zu verhindern. Gelingt es den wichtigen federführenden Ländern im Feld der KI bei der KI-Entwicklung und -Governance jedoch nicht, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und einen Konsens zu erzielen, sieht sich die globale KI-Entwicklung in Zukunft sehr wahrscheinlich mit einer Spaltung konfrontiert.

 

*Der Autor Zhang Xin ist Forscher im Professorenrang an der Abteilung für innovationsgetragene Entwicklung des Zentrums für Entwicklungsforschung des Staatsrates.

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