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Kein Mundschutz und keine Heimquarantäne? – Warum Deutsche und andere Europäer im Kampf gegen die Epidemie manches anders machen

2020-03-16 14:18:00 Source:China heute Author:
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Von Verena Menzel

 

In seinem Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ verrät der Historiker und Philosoph Yuval Noah Harari, welcher kleine, aber feine Unterschied es uns Menschen ermöglicht hat, eine evolutionäre Erfolgsgeschichte zu schreiben. Was unterscheidet den Homo Sapiens von seinen engsten Verwandten im Tierreich, den Primaten, sowie auch allen anderen Organismen auf dieser Erde? Vereinfacht gesprochen die Kombination zweier Dinge: Erstens, die Fähigkeit in theoretisch unbegrenzt großen Gruppen in komplexer Weise zu kooperieren, und zweitens, diese Zusammenarbeit über Geschichten zu steuern, gemeinsame Erzählungen nämlich, an die alle Gruppenmitglieder gleichermaßen glauben, die ihr Handeln koordinieren und leiten und die somit Gestalt im realen Leben annehmen. Geld als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel ist zum Beispiel eine solche „Geschichte“, aber auch Abstrakteres wie der Glaube an die Wichtigkeit internationaler Zusammenarbeit oder die Existenz einer globalen, Ländergrenzen übergreifenden Gemeinschaft sind solche menschgemachten Erzählungen, die unsere Welt gestalten, unser Handeln steuern und uns so letztlich die Fähigkeit geben, als Menschen gemeinsame Herausforderungen durch gezielte Zusammenarbeit zu bewältigen.

 

Die größte gemeinsame Herausforderung, die unsere Welt aktuell in Atem hält, ist der Ausbruch des neuartigen Coronavirus und der durch dieses verursachten Lungenkrankheit Covid-19. Bisher ist die Lage noch unübersichtlich und viele nationale Einzelgeschichten scheinen sich miteinander zu verweben. Dabei braucht die Welt genau in diesem Moment mehr denn je eine gemeinsame große Erzählung, um diese Krise zu bewältigen.


 

Verena Menzel lebt und arbeitet seit neun Jahren in Beijing. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hat sie in der Hauptstadt direkt miterlebt. 


Meine persönliche Covid-19-Geschichte

 

Meine persönliche Covid-19-Geschichte spielt in China, genauer gesagt in Beijing, und beginnt am 21. Januar 2020, an dem Tag als ich in chinesischen Medien erstmals eindringliche Warnungen vor dem neuartigen Coronavirus wahrnehme. Danach sollte der unsichtbare Erreger meinen Alltag in Chinas Hauptstadt, in der ich seit mittlerweile neun Jahren lebe und arbeite, Schlag auf Schlag aus den gewohnten Schienen heben. Am 23. Januar, dem chinesischen Silvestertag, wird die zentralchinesische Millionenmetropole Wuhan abgeriegelt, wo auch ich gute Freunde und Bekannte habe. Es folgen schon bald weitere Städte. Auch in Beijing werden die Schutzmaßnahmen kontinuierlich verschärft und im Alltag für jeden einzelnen immer deutlicher sichtbar. Die Menschen im Supermarkt und auf der Straße tragen Atemschutzmasken, quasi ausnahmslos, ob in Geschäften – so sie denn geöffnet haben – oder öffentlichen Verkehrsmitteln – so man denn einsteigt – überall gilt Maskenpflicht. Vielerorts wird zudem die Körpertemperatur gemessen. Im Supermarkt beginnen viele Menschen, zusätzlich Schutzbrillen und Einweghandschuhe zu tragen. Alle Großveranstaltungen in der Hauptstadt sind abgesagt, Feuertopfrestaurants, Friseure und Fitnessstudios geschlossen. Mein Wohnviertel darf ich bald nur noch mit einem speziellen Passierschein verlassen und wieder betreten, Besuch von außerhalb darf nicht mehr empfangen werden. 



 

Ob draußen oder im Supermarkt: In Beijing sieht man heute kaum noch jemanden, der ohne Atemschutzmaske aus dem Haus geht.


Die Kommunikation mit Freunden, meine Arbeit, Einkäufe, ja mein ganzer Alltag verlagert sich zunehmend von offline zu online. Genauso wie meine chinesischen Freunde gehe auch ich nur noch für die nötigsten Besorgungen vor die Tür, meide Plätze mit Menschenansammlungen, gönne mir höchstens alle zwei-drei Tage einen Spaziergang im Park. Keine Café- und Barbesuche oder Streifzüge durch urige Hutong-Gassen mehr, kein Kino und keine Kulturveranstaltungen, kein chinesisches Fondue und kein Hammelfleisch-Barbecue mehr, und auch keine Ausflüge ins Beijinger Umland – all das, was das Leben in der quirligen Millionenmetropole lebens- und liebenswert macht, liegt plötzlich auf Eis.

 

Während der Chlorgeruch von Desinfektionsmittel jeden Morgen durch den Türspalt in meine Wohnung kriecht, beobachte ich durch das dicke Glas des Küchenfensters, wie die Frühlingstriebe an den Bäumen im Hof mit jedem Tag länger werden, genauso wie mein Pony, der mir mittlerweile schon die Sicht verwuchert. Wir hier in Beijing und in ganz China haben die Pausetaste gedrückt, doch das Leben geht weiter. 



 

Gähnende Leere herrscht in diesen Tagen im Beijinger Shopping- und Szeneviertel Sanlitun.


Die Coronavirus-Epidemie ist in China die Geschichte einer kollektiven, landesweiten Hausquarantäne, und ich bin mittendrin. In einem Land, in dem die viel bevölkerten Bürgersteige gewöhnlich einem menschlichen Slalomparcours gleichen, wo kein Tag ohne gemeinsames Essen in großer Runde oder in vollgedrängten dampfenden Garküchen vergeht, wo es mit dem Wörtchen “renao” sogar einen oft gebrauchten Euphemismus für schwitzig-heiße und ohrenbetäubend-laute Trubel-Atmosphäre gibt, in einem Land, wie diesem, haben sich 1,4 Milliarden Menschen für den gemeinsamen Kampf gegen die Epidemie quasi in freiwillige Isolation begeben, und das schon wochenlang.

 

Die Zahlen geben ihnen Recht. Dank der strengen Präventions- und Kontrollmaßnahmen geht die Zahl der registrierten Neuansteckungen mittlerweile in ganz China zurück. Zwar ist dieser Kampf zentral organisiert und verordnet, doch ich spüre, dass ihn die gesamte Gesellschaft trägt. Es ist eine gemeinsame Erzählung, und auch ich bin ein Teil von ihr. Ich bin nicht mehr nur ein Individuum in meinem Beijinger Apartment Nummer 503, sondern Teil des Häuserblocks 13, des Tuanjiehu-Wohnviertels, des Stadtbezirks Chaoyang, der Stadt Beijing. Wie sich mein konkreter Alltag gestaltet, welche Quarantäne-, Kontroll- und Präventionsmaßnahmen für mich gelten, darüber entscheidet nicht nur mein eigenes Gesundheitsbefinden und mein persönliches Verhalten in dieser Ausnahmesituation, sondern auch das aller anderen Menschen in meinem Block, in meinem Viertel, in meinem Stadtbezirk, in meiner zweiten Heimatstadt Beijing.




 

Unterwegs im Großstadtdschungel: Zahlreiche Kurierboten liefern in Chinas Städten auch während der Epidemie Pakete und Lebensmittel aus. In die Wohnviertel können sie aber mittlerweile nicht mehr. Stattdessen werden die Lieferungen oft an zentralen Sammelstellen am Eingangstor abgestellt, wo die Hausbewohner sie abholen können. 


Von einer virtuellen zu einer realen Erzählung

 

Für die Menschen in meiner ersten Heimat, Deutschland, war Covid-19 noch bis Mitte Februar eine rein virtuelle Erzählung. Sie setzte sich zusammen aus einem Mosaik aus Faktenberichten mit sterilen Infektions- und Sterberaten einerseits und eindringlichen Bildern von Passanten mit Atemschutzmasken und medizinischem Personal in weißen Schutzanzügen andererseits. Doch lange schien all dies fest in Bits und Bites verschnürt und sicher hinter Handy- und Fernsehbildschirmen verstaut. Und auch die Sorge um mich hielt sich in der Heimat oft in Grenzen. „Wuhan ist ja zum Glück einige Flugstunden von Beijing entfernt, nicht wahr? Und falls alle Stricke reißen, kommst du einfach zurück nach Deutschland!“ In der Geschichte von ehemaligen Klassenkameraden und entfernten Bekannten, die sich nun bei mir meldeten, war China ein weitentfernter Ort, nicht nur geografisch, sondern eben auch gefühlt weit weg vom eigenen Alltag in Deutschland und Europa. Von einem Alltag, den meine Generation, die Generation Y, wie sie in Deutschland heißt, nur wohlbehütet und komfortabel kennt. Krieg und Hunger, Chaos und Mangel, das waren für uns „Post-1980er“ in Deutschland immer die Geschichten der anderen. Eine Situation wie in Wuhan? Für eine solche Geschichte gab es bis Mitte Februar in vielen deutschen Köpfen keine Schablone.

 

Doch wie wir alle wissen, springt der Funke virtueller Geschichten und der durch sie geweckten Ängste und Unsicherheiten eben doch auch oft unmittelbar vom Virtuellen ins Reale über. Virtuelle Geschichten, wenn sie in den Köpfen der Menschen die falsche Wendung nehmen, wachsen sich nicht selten zu Alltagsdramen aus. Die allmähliche internationale Ausbreitung des bisher unbekannten Covid-19-Erregers über Chinas Landesgrenzen hinaus, schien online Ängste zu schüren, die schnell in reale Übersprungshandlungen mündeten. Als Folge nahmen die Ressentiments gegen Chinesen und Menschen asiatischer Herkunft in aller Welt zu, auch in meiner Heimat Deutschland. Schuldzuweisungen und diffuse Ängste, die rasch in Aggression umgemünzt werden – das ist keine neue, sondern eine alte Geschichte, die leider bei jeder Seuche wieder aufs Neue aufgewärmt wird, weiß der Historiker, Soziologe und promovierte Arzt Alfons Labisch, der obendrein langjähriger Chinakenner mit Ehrenprofessur der Beijing Foreign Studies University ist. „Heute wie früher waren es im Alltagsleben oft ,die anderen’: Juden im europäischen Mittelalter etwa, oder die Chinesen im malaiischen Südostasien. Man sucht einen Schuldigen“, sagte Labisch Anfang März in einem Interview mit deutschen Nachrichtenportal Spiegel Online. „In der modernen Medizin gibt es den Begriff der Schuld aber nicht.“ Und auch im Kampf gegen eine Epidemie globaler Tragweite im Jahre 2020 sollte es ihn nicht geben, finde ich.




Vor verschlossenen Türen: Am 9. März stehen Touristen in Rom vor dem geschlossenen Pantheon.

 

Mittlerweile blicken meine Landsleute nicht mehr ins ferne China, sondern ins nahe Italien, wo sich in diesen Tagen die Corona-Ereignisse überschlagen. Ganze Regionen wurden zur Sperrzone erklärt, Schulen und Kindergärten landesweit geschlossen, die Menschen dazu aufgerufen, zuhause zu bleiben. Ausgerechnet Italien hat es in Europa bisher am härtesten getroffen, das EU-Land, welches als einziges in Reaktion auf die Ereignisse in China schon früh auf Abschottung setzte und alle Direktflüge in und aus dem Land einstellte. Dass Italien nun trotzdem stark von der Epidemie betroffen ist, beweist nur umso deutlicher, dass sich Viren nicht um irgendwelche Ländergrenzen scheren. 

 

Aus kollektiver oder aus individueller Warte?

 

Auch in Deutschland steigen in diesen Tagen die Fallzahlen. Und meine Corona-Geschichte ist nun eine andere als noch Anfang Februar: Jetzt sind es nicht mehr die besorgten Nachrichten von Familie und Freunden aus meiner Heimat, die mich erreichen, sondern die besorgten Nachfragen von chinesischen Kollegen und Freunden, die wissen möchten, wie es meiner Familie in Deutschland geht. Diesmal schauen die Chinesen durch ihre Bildschirme nach Europa und ins ferne Deutschland und fragen sich und mich: Warum bleiben die Deutschen immer noch nicht zu Hause? Warum finden mancherorts noch immer Konzerte und Theateraufführungen statt, gehen die Leute in Bars und Restaurants? Weshalb gibt es in Deutschland noch keine bundesweite Heim- und Telearbeit, warum gab es lange keine landesweiten Schulschließungen und keine allgemeinen Einschränkungen der Mobilität? Und überhaupt: Warum beginnen zwar auch die Deutschen in diesen Tagen Nudeln, Sagrotan und Klopapier aus den Supermarktregalen zu hamstern, ziehen aber beim Gang vor die Tür noch immer keine Atemschutzmaske auf?

 

Ich kann es nur so erklären: Weil diese Epidemie in deutschen Köpfen scheinbar eben doch anders erzählt wird. Auch in Deutschland sind die Menschen natürlich tief besorgt, was sich nicht zuletzt in den ausgeräumten Nudel- und Klopapierregalen in den Läden zeigt. Doch anders als in China mit seiner kollektivistisch-ganzheitlichen Denktradition und Kultur sowie seiner zentralistischen Regierungsform wird bei uns in Deutschland noch immer bevorzugt aus der Perspektive des Individuums und des Föderalismus gedacht und gehandelt.



 

Toilettenpapier? Fehlanzeige! Dieser Kunde hatte in einem Supermarkt im Berliner Zentrum am 12. März das Nachsehen. In vielen deutschen Supermärkten werden mittlerweile neben haltbaren Lebensmitteln auch Reinigungsmittel und Klopapier stark nachgefragt.


Während man sich in China angesichts landesweit verordneter Heimquarantäne schnell mit der Frage beschäftigte, wie sich Berufs- und Schulalltag möglichst rasch und effizient online organisieren lassen und dafür im Blitztempo auch flexible und kreative Lösungen fand, diskutiert man in der deutschen Öffentlichkeit sowie auch in anderen Teilen Europas dieser Tage Fragen wie: Unter welchen Umständen darf der Staat überhaupt ganze Städte abriegeln? Und: Dürfen die Behörden mir wirklich eine Zwangsquarantäne verordnen und inwiefern muss ich mich als einzelner dann auch daran halten? 


Die individuelle Reise- und Versammlungsfreiheit gilt den Deutschen wie auch vielen anderen Europäern in ihren nationalen Erzählungen als hohes Gut, das es auch angesichts einer Ausnahmesituation wie der aktuellen Corona-Epidemie nicht leichtfertig aufzukündigen gilt. Gleiches gilt für Deutschlands föderale Strukturen und seine dezentralisierten Entscheidungsprozesse, die im deutschen Selbstverständnis, das noch immer stark von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg geprägt ist, eine wichtige Rolle spielen. So sind unter anderem für das Gesundheits- und Bildungswesen wichtige Entscheidungen in Deutschland nicht Bund- sondern Ländersache. Zwar sprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 9. März die Empfehlung aus, landesweit alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern bis auf Weiteres abzusagen, doch das letzte Wort hierüber haben im föderalen deutschen System noch immer die einzelnen Bundesländer. So blieb Jens Spahn nur der direkte Appell an die einzelnen Bundesbürger: „Wägen Sie ab, was Ihnen im eigenen Alltag so wichtig ist, dass Sie darauf in den nächsten zwei bis drei Monaten nicht verzichten wollen.“ Er vertraue darauf, dass die Bürgerinnen und Bürger in diesen Zeiten kluge Entscheidungen für sich und ihre Liebsten träfen, so der Minister. Heimarbeit oder nicht, das Zurückschrauben von Sozialkontakten oder nicht – in der nationalen Erzählung der Deutschen soll das – so lange wie eben möglich – Entscheidung des Einzelnen bleiben.


Aus den vier Wänden meiner Beijinger Heimquarantäne betrachtet, die ich wie viele Chinesen landesweit quasi seit dem 23. Januar nur noch sporadisch verlassen habe, mag der Blick auf die derzeitige Handhabung in Deutschland und anderen europäischen Staaten für Unverständnis und teils auch Unmut sorgen. Dass hier in China 1,4 Milliarden Menschen seit Wochen die Wohnung hüten und dafür sowohl persönlich als auch gesamtvolkswirtschaftlich zurückstecken, hat der Weltgemeinschaft kostbare Zeit geschenkt für eine bessere Vorbereitung und effizientere Eindämmung der Epidemie. Es wäre nicht nur schade, sondern könnte sich im Rückblick auch als großer Fehler erweisen, wenn die Menschen in Europa diesen in China hart erkämpften Zeitvorsprung nun für das private Vergnügen des Besuchs eines Bundesligaspiels oder einer munteren Karnevalssitzung vergeuden. 




Bundesgesundheitsminister Jens Spahn appellierte an Deutschlands Bürger, sich nicht mit Schutzkleidung einzudecken, sondern diese für Ärzte und Pflegekräfte zu lassen.


Doch der prominente deutsche Virologe und Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Professor Dr. Christian Drosten, der zu den gemeinsamen Entdeckern des SARS-Virus im Jahr 2003 gehörte, gibt diesbezüglich in einem Interview zu bedenken: „Theoretisch geht es nicht, in unserem sozialen System die gleichen Maßnahmen wie in China schematisch zu übernehmen. Denn unsere Gesellschaft, unser System und unsere Justiz sind anders als die in China.“ Dennoch erachtet der renommierte Virologe die von China getroffenen Gegenmaßnahmen als sehr gezielt und erklärt, man könne und müsse der chinesischen Regierung und dem chinesischen Volk für ihren großen Einsatz und Gemeinschaftsgeist danken.

 

Warum tragen die Deutschen keinen Mundschutz?

 

Was noch hinzukommt im Falle der deutschen Corona-Erzählung ist, dass Bevölkerung wie Experten eben noch immer oft durch eine „nationale Brille“ auf das Geschehen blicken. Das nationale Gesundheitssystem sei in der Begegnung der Covid-19-Epidemie gut aufgestellt, urteilen Experten wie beispielsweise der Chef des Weltärztebundes Deutschland, Frank Ulrich Montgomery, in einem Interview mit einem deutschen TV-Sender am 9. März: „Unser Gesundheitswesen, unsere Prävention, unsere Erkennungsmaßnahmen funktionieren. Das deutsche Gesundheitswesen ist hervorragend ausgerichtet. Wir kriegen das hin!“ Gleichzeitig hat Deutschland zeitweise den Export medizinischer Schutzausrüstungen generell verboten, auch in andere Mitgliedsstaaten der EU wie das schwer von der Coronakrise betroffene Italien, wo es bereits über tausend Todesfälle und mehr als Zwangzigtausend Infizierte gibt und das die EU um Hilfe in der Bewältigung seiner nationalen Gesundheitskrise gebeten hat. Hier zeigt sich, dass die öffentliche Corona-Erzählung in Deutschland, wie in so manch anderem Land Europas und der Welt, eben doch noch als nationale Erzählung begriffen wird, die nur bis zu den eigenen Ländergrenzen Gültigkeit zu besitzen scheint.



 

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief zur Einheit im Kampf gegen die Epidemie auf. 


Wie stark unsere nationalen Geschichten zur Problembewältigung selbst im Falle einer weltweiten gemeinsamen Herausforderung, wie wir sie derzeit mit der Corona-Epidemie erleben, noch immer von einander abweichen, zeigt sich auch gut am Beispiel der Verwendung von Atemschutzmasken. Mundschutze sind in China mittlerweile an vielen Stellen des öffentlichen Lebens - etwa in Geschäften, an Flughäfen und Bahnhöfen, aber auch in vielen Büros – fest vorgeschrieben. Sie gelten in der Volksrepublik als Teil der grundlegenden Vorbeugungsmaßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie. In Deutschland hingegen sieht man außer medizinischem Personal in den Krankenhäusern niemanden, der im öffentlichen Raum oder sonst irgendwo eine Atemschutzmaske oder einen medizinischen Mundschutz trägt. 


Zum einen hat das mit der Knappheit an Masken in Deutschland und anderen europäischen Staaten zu tun, da diese überwiegend aus ausländischer, oft chinesischer Produktion stammen. Deshalb betonen deutsche Verantwortungsträger wie Joachim Odenbach, der Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), dass für gesunde Menschen Maßnahmen wie gründliches Händewaschen mit Seife, Abstandhalten und eine Husten- und Nies-Etikette zum Schutz vor einer Ansteckung mit Covid-19 vollkommen ausreichten. Auch Bundesgesundheitsminister Spahn appellierte an Deutschlands Bürger, sich nicht mit Schutzkleidung einzudecken, sondern diese für Ärzte und Pflegekräfte zu lassen. Im Notfall behalte sich der Bund vor, Schutzmasken und -kleidung zu beschlagnahmen, heißt es. 

 

Zum anderen wird Atemschutzmasken in vielen westlichen Ländern eine andere Bedeutung zugeschrieben als in vielen Teilen Asien. In Deutschland steht eine Atemmaske schlicht und ergreifend für Kranksein. TV-Arzt Johannes Wimmer erklärt den deutschen Zuschauern in einer Talkshow: „Einen Mundschutz zu tragen, dient in erster Linie dem Zweck, andere nicht anzustecken. Die ganz einfachen Masken bringen aber gar nichts, die beruhigen nur.” Professioneller Mundschutz könne zwar helfen, „aber den tragen Sie nicht stundenlang“, so Wimmer. Dass auch vermeintlich gesunde Menschen eine Schutzmaske tragen, wirkt auf die meisten Menschen in meiner Heimat mehr als befremdlich. Menschen mit Atemschutzmasken im öffentlichen Raum? Das käme gefühlt einer Apokalypse gleich. In Asien sind Mundschutze dagegen auch in normalen Zeiten allgegenwärtig – als Kälteschutz im Winter, als Filter bei hoher Luftverschmutzung, aber auch als stylische Alltagstarnung für Prominente oder praktische Sichtbarriere für Schminkfaule. 



 

Vorräte einkaufen ja, aber ohne Atemschutzmaske. Unser Bild zeigt Kunden in einem Berliner Supermarkt am 12. März.


Ausverkauft sind Schutzmasken auch in Europa trotzdem, und zwar schon seit Wochen. Eine gute Freundin in der Schweiz, die an einer chronischen Autoimmunkrankheit leidet, hat sich schon im Februar nach einem Telefonat mit mir mit ein paar Masken aus der Apotheke eingedeckt. Sie steht nun vor dem Dilemma, dass ihre besondere Schutzbedürftigkeit aufgrund ihrer Vorerkrankung nicht so recht in die europäische Schutzmaskenerzählung passen will. Denn wer in Deutschland oder der Schweiz in diesen Tagen mit Mundschutz vor die Tür geht, erntet verächtliche Blicke, wenn er nicht gar bezichtigt wird, Krankenhäusern ihre dringend benötigte Schutzausrüstung vorzuenthalten. Bisher hat meine Freundin aus „Maskenscham“ also noch kein einziges ihrer Exemplare auf der Straße aufgesetzt und stattdessen bei ihrem Arbeitgeber Homeoffice beantragt. 

 

Letztlich zeigt sich am Beispiel Deutschlands und auch mit Blick auf das Vorgehen anderer europäischer Staaten, dass uns im Hinblick auf die globale Coronakrise noch immer nicht das gelungen ist, was uns als Menschheit doch offensichtlich als Spezies in unserer Zivilisationsgeschichte so erfolgreich gemacht hat: nämlich uns auf eine gemeinsame Erzählung zu besinnen, um gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen. Im Falle einer weltweiten Epidemie wie der aktuellen Covid-19-Krise muss diese Erzählung meiner Ansicht nach ganz eindeutig eine globale sein. Hier bilden wir alle tatsächlich die in China oft formulierte weltweite Schicksalsgemeinschaft. In dieser Krise kann sich kein Land mit gutem Gesundheitssystem in Sicherheit wähnen, solange auch nur in einem anderen Staat das Virus unkontrolliert wütet. Nicht China, Südkorea, Italien oder Iran haben sich eine Covid-19-Grippe eingefangen, sondern die Weltgemeinschaft als Ganzes. Und wir werden dieses Problem als Menschheit nur bewältigen können, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Vielleicht auf Wegen mit nationalen Besonderheiten, doch mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen und ohne alte Geschichten der Schuldsuche aufzuwärmen. So auch das Fazit von Virologe Drosten: “Wir sollten uns nicht weiter mit Aufgeregtheiten und Schuldzuweisungen aufhalten. Solche Diskussionen sind schlicht Zeitverschwendung. Stattdessen müssen alle Ressourcen darauf konzentriert werden, die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Eine Pandemie ist eine absolute Ausnahmesituation, in der alle improvisieren müssen – Verantwortliche, aber auch die Bevölkerung.”



 

Neun Mitglieder eines chinesischen Medizinerteams landeten vergangene Woche am Flughafen Fiumicino in Rom. Mit im Gepäck hatten sie mehrere Tonnen medizinische Hilfsgüter - eine Spendenlieferung aus China.


Vielleicht erweist sich diese Krise letztlich ja auch als eine Chance, uns vor Augen zu führen, dass wir schon längst zu einer großen Welt- und Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen sind, in der jeder mit jedem verbunden, alles mit allem verwoben ist. Ganz persönlich kann ich das am Beispiel meiner Mutter verdeutlichen, die an Bluthochdruck leidet und deshalb regelmäßig Medikamente einnehmen muss. Als sie Mitte Februar, als sich in Deutschland noch kaum jemand groß über die Coronakrise in China sorgte, in die Apotheke ging, sagte man ihr, das Präparat, das sie gewöhnlich einnehme, sei derzeit leider nicht lieferbar. Warum? Nun, wichtige Bestandteile dafür stammten nicht aus Deutschland, sondern aus China, und ohne sie ließe sich das Medikament als Ganzes derzeit nicht herstellen.







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