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Alistair Michie: „Nur durch globale Zusammenarbeit können wir gegen das Virus gewinnen“

2020-04-23 15:45:00 Source:China heute Author:
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Von Zhou Lin

 

Obwohl der Ärmelkanal Großbritannien vom europäischen Kontinent trennt, zählt das Vereinigte Königreich bereits mehr als 100.000 bestätigte Coronainfektionen. Darunter finden sich auch so prominente Namen wie Prinz Charles oder der britische Gesundheitsminister Matt Hancock, ja selbst Premier Boris Johnson wurde positiv auf Covid-19 getestet und landete für einige Tage auf der Intensivstation. „Viele westliche Länder, einschließlich Großbritannien, haben wichtige Zeit zur Prävention und Kontrolle der Epidemie verstreichen lassen“, sagt Alistair Michie, Direktor des Britisch East Asia Council, im Interview mit „China heute“. „Der Grund, warum es China und anderen asiatischen Länder gelingt, die Epidemie so wirksam zu kontrollieren, liegt in den reichen Erfahrungen, die sie bei der Bekämpfung der SARS-Epidemie im Jahr 2003 gesammelt haben“, sagt der Asienkenner.

 

„Die britische Regierung reagierte erst spät“

 

Als Experte für Völkerverständigung und Chinastudien beschäftigt sich Alistair Michie seit langem mit dem Forschungsgebiet des interkulturellen Austausches zwischen China und der Welt. Aufgrund seiner großen Beiträge zur Förderung des Austausches und der Zusammenarbeit zwischen China und der Welt verlieh ihm die chinesische Regierung 2013 den „Freundschaftspreis“, die höchste Auszeichnung des Landes für ausländische Staatsbürger.

 

Als die Covid-19-Epidemie in China ausbrach, sendete Michie der chinesischen Regierung umgehend einen Brief, in dem er sein festes Vertrauen in Chinas Sieg gegen die Epidemie zum Ausdruck brachte. „In Schwierigkeiten und Krisen beweist das chinesische Volk stets außerordentliche Entschlossenheit und Widerstandsfähigkeit. Es ist sicher, dass China die Epidemie besiegen und sehr schnell wieder zur gewohnten Vitalität zurückfinden wird“, schrieb er.


 

Mit Mundschutz: Auch in vielen Städten in Großbritannien sieht man immer mehr Passanten mit Mund- und Nasenschutz, wie diesen Mann in London, der am 1. April die Notaufnahme eines Krankenhauses in der englischen Hauptstadt passiert. (Foto: Tim Ireland, Xinhua)

 

Gleich nach dem Ausbruch der Epidemie habe Chinas Regierung strenge Maßnahmen ergriffen, um eine weitere Ausbreitung der Lungenkrankheit zu verhindern und das Virus einzudämmen, sagt der Brite. So sei etwa die Stadt Wuhan, in der die Epidemie ihren Anfang nahm, konsequent abgeriegelt worden. Zudem seien zahlreiche medizinische Fachkräfte aus allen Landesteilen ins Epizentrum der Epidemie entsandt worden, um vor Ort Menschleben zu retten. „Zu dieser Zeit hielten sich viele westliche Medien, selbst einige namenhafte, noch damit auf, Chinas Maßnahmen zu kritisieren“, erinnert sich Michie. 

 

Laut ihm hätten viele westliche Regierungen und Medien zu diesem Zeitpunkt die wichtige Tatsache ignoriert, dass viele Länder und Regionen in Asien, darunter nicht nur China, sondern etwa auch Südkorea, Singapur oder Chinas Taiwan, bei der Bekämpfung der SARS-Epidemie im Jahr 2003 bereits reichlich Erfahrungen im Kampf gegen einen solchen öffentlichen Gesundheitsnotstand gesammelt hätten. „Diese Länder und Regionen haben damals bereits entsprechende Aktionspläne zur schnellen Reaktion auf zukünftige Epidemien formuliert“, erklärt Michie. „Das hat es China und anderen Ländern Asiens ermöglicht, vergleichsweise schnell zu reagieren und das Wettrennen gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus für sich zu entscheiden“, so der Asienkenner.

 

Bereits am 31. Januar 2020 hatten der berühmte Epidemiologe Joseph Wu und seine Kollegen von der University of Hong Kong einen wissenschaftlichen Beitrag in der international renommierten Medizinfachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht. Darin schrieben sie, Covid-19 werde sich wahrscheinlich zu einer globalen Epidemie auswachsen. Notfallpläne sollten deshalb erstellt werden, um im Bedarfsfall rasch reagieren zu können. „Gleichzeitig müssen alle Länder die Lieferketten von wichtigen Arzneimitteln sowie Schutzausrüstungen für medizinisches Personal sicherstellen, um die Sicherheit der Menschen an vorderster Front zu gewährleisten“, heißt es in dem Beitrag weiter.

 

„Doch die britische Regierung reagierte erst spät auf die Warnsignale aus China“, sagt Michie. Erst am 23. März habe Premier Johnson die britischen Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben und möglichst nicht ins Freie zu gehen. „Aber es gab selbst dann noch immer einige Ausnahmen. So wurde es den Menschen beispielsweise gestattet, einmal am Tag für Sport ins Freie zu gehen, so dass die Mobilität nur bedingt eingeschränkt war“, berichtet Michie.


Abstand halten: Am 3. April stehen die Kunden dieses Londoner Supermarktes mit einem Sicherheitsabstand von rund zwei Metern Schlange und warten auf Einlass.

 

„Was wir momentan erleben, ist wirklich eine globale Katastrophe. Nur die Zeit wird letztlich zeigen, ob die getroffenen Maßnahmen ausreichend waren, um einen schnellen Anstieg der Ansteckungs- und Todeszahlen in Großbritannien zu verhindern“, sagt der Brite. Seiner Ansicht nach haben viele Länder im Westen den richtigen Zeitpunkt zur Eindämmung der Epidemie verpasst.

 

Chinesisch-britische Zusammenarbeit im Kampf gegen Corona

 

Auf die Frage hin, wie das britische Volk und das Gesundheitsministerium auf die Epidemie reagierten, holt Michie einen Artikel mit dem Titel „Offline: COVID-19 and the NHS -- a national Scandal“ vom 28. Februar hervor, der ebenfalls in der Fachzeitschrift „The Lancet“ erschienen ist. Er stammt aus der Feder von Lancet-Chefredakteur Richard Horton. In seinem Artikel lässt Horton medizinische Fachkräfte Großbritanniens, die an vorderster Front gegen das Virus kämpfen, zu Wort kommen, welche chaotische Zustände und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit schildern. Die Gründe, so schreibt Horton, lägen darin, dass es die britische Regierung versäumt habe, rechtzeitig die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. So seien zum Beispiel entgegen der Empfehlungen der WHO keine ausreichenden Virentests für Verdachtsfälle durchgeführt worden.


Lancet-Chefredakteur Richard Horton bezeichnete den Umgang mit dem neuartigen Coronavirus in Großbritannien in einem Kommentar vom 28. März als „skandalös“.

 

Später habe man zwar neue Maßnahmen ergriffen, diese, so Michie, seien allerdings zu spät gekommen. „Unsere Krankenhäuser und das medizinische Personal an vorderster Front sieht sich mit einem ernsthaften Mangel an medizinischen Ausrüstungen konfrontiert“, sagt Michie. Lob findet er dagegen für das in Großbritannien praktizierte Modell, dass ambulante Behandlungen derzeit außerhalb des Krankenhauses durchgeführt werden. „Die Behandlung allgemeiner Patienten kann über ein spezielles System an die NHS-Experten weitergeleitet werden, wodurch sich die Wartezeiten deutlich verkürzen und letztlich auch das Infektionsrisiko sinkt“, so Michie. Er habe zudem gehört, dass auch chinesische Ärzte Onlineberatungen für britische Patienten anböten. „Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass die Briten nicht so viele Smartphone-Anwendungen kennen. In dieser Hinsicht bleiben wir Europäer hinter den Chinesen zurück“, sagt er.

 

„Die britische Regierung sollte jetzt auf vermehrten Dialog mit der chinesischen Seite setzen, da China möglicherweise das einzige Land ist, das über die Ressourcen verfügt, um uns zu helfen“, rät Michie. Er habe aus den Medien erfahren, dass China große Mengen medizinischer Hilfsgütern an viele europäische Länder, einschließlich Italien, gespendet und auch zahlreiche Mediziner in betroffene Länder entsendet habe. Er freue sich darauf, dass auch China und Großbritannien in der Bekämpfung des neuartigen Coronavirus zukünftig noch stärker zusammenarbeiteten. „Angesichts dieser globalen Katastrophe müssen alle Länder an einem Strang ziehen. Nur gemeinsam können wir den Kampf gegen das Virus gewinnen.“

 

„Jetzt zählt es, zu handeln“

 

In Bezug auf den G20-Sondergipfel zur Bekämpfung der Pandemie, der am 26. März per Videokonferenz abgehalten wurde, sagt Michie: „Die G20 haben damals bereits eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 gespielt. Zur Bewältigung der aktuellen Krise wurde auf dem G20-Gipfel erstmals vorgeschlagen, einen Sondergipfel ins Leben zu rufen. Auf diesem Sondergipfel hielt Chinas Staatspräsident Xi Jinping eine wichtige Rede, die ich gewissenhaft studiert habe. Darin hat er alle Länder dazu aufgerufen, eng zusammenzuarbeiten, um die Ausbreitung der Epidemie weltweit unter Kontrolle zu bringen und die derzeitigen Schwierigkeiten zu überwinden.“

 

Als Ergebnis des Sondergipfels habe man eine Erklärung veröffentlicht, in der die Teilnehmerländer erklärten, im Kampf gegen die Corona-Pandemie und bei der Erholung der Weltwirtschaft auf globale Zusammenarbeit zu setzen.

 

„Viel wichtiger ist aber, welche konkreten Maßnahmen diese Länder nun in naher Zukunft ergreifen“, betont Michie. Er hoffe auf weitere Berichte und Analysen in dieser Hinsicht. „Der Fokus der Medien scheint oft nur darauf gerichtet, über die rasche Ausbreitung des Virus und die Zahl der Opfer zu berichten“, sagt Michie. „Ich betone es noch einmal: Nur durch globale Zusammenarbeit, wie sie bereits zur Bewältigung der globalen Finanzkrise 2008 umgesetzt wurde, werden wir die Pandemie erfolgreich in den Griff bekommen.“

 

„Ich muss zugeben, dass die westlichen Länder in den letzten Jahren mit ihrer Kritik gegenüber China nicht zimperlich waren. Diese globale Krise gibt ihnen nun die Möglichkeit, verkrustete Denkmuster aufzubrechen und eine offene Haltung gegenüber China einzunehmen“, so Michies Hoffnung. Chinas Staatspräsident Xi Jinping habe wiederholt zu gegenseitigem Respekt und Voneinanderlernen aufgerufen. Es gelte, die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern zu begreifen und hart daran zu arbeiten, eine Schicksalsgemeinschaft der Menschheit aufzubauen. „Das ist nicht nur der Schlüssel zur Begegnung des globalen Klimawandels, sondern wird letztlich auch der einzige Ausweg aus der aktuellen Coronakrise sein“, so Michies Fazit.

 

 

 

 

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