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Boom der Cloud-Wirtschaft: Wie Chinas Onlineunternehmer die Krise zur Chance ummünzen

2020-06-15 17:40:00 Source:China heute Author:
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Werbetrommel für lokale Produkte per Livestream: Ein Bezirk der Stadt Fuzhou, Provinz Jiangxi, preist live im Internet lokale Erzeugnisse an. 


Von Jiang Haofeng*

 

Am 26. Februar fand die erste Videokonferenz der 3. China International Import Expo (CIIE) statt. Mit dabei war auch Kamran Vossoughi, Präsident und Vorsitzender von Michelin China. Er bestätigte seine Teilnahme an der diesjährigen Importmesse und äußerte sich zuversichtlich, dass auch die dritte CIIE ein voller Erfolg werde dürfte. Die chinesische Wirtschaft habe eine vielversprechende Zukunft, trotz der aktuellen Corona-Pandemie, so der Manager. „Echtes Gold fürchtet kein Feuer - dieses Sprichwort gilt letztlich auch für die chinesische Wirtschaft“, sagte er.

 

Laut Statistiken des in Guangzhou ansässigen Marktanalyseunternehmens iiMedia Research ist Vossoughi einer von über 300 Millionen Menschen in China, die während des chinesischen Neujahrsfestes nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie ihre Arbeit bzw. Geschäfte online erledigten. Nach dem Ausbruch der Coronakrise vor vier Monaten, insbesondere nach der Abriegelung der zentralchinesischen Metropole Wuhan, haben im Gegensatz zu den nahezu ausgestorbenen Straßen und Geschäftsräumen Onlinebildung, Internet Games und andere internetbasierte Geschäftsbereiche einen regelrechten Boom erlebt. Auch Cloud-gesteuertes Recruitment, Online-Meetings und medizinische Internetdienstleistungen sind kräftig im Aufwind. Das hat neue Geschäftsmodelle und Lebensstile auf den Plan gerufen. Experten erwarten, dass diese auch die Zeit nach der Epidemie entscheidend prägen werden.

 

Chinas Onlinegeschäfte boomen

 

Herr Gao ist Lehrer an einer Trainingseinrichtung für Go in Shanghai, ein beliebtes chinesisches Brettspiel. Die Epidemie sollte sich für ihn unverhofft als echte Chance erweisen, sein Geschäft auszubauen. „Vor dem Corona-Ausbruch mussten die teilnehmenden Kinder bei mir 130 Yuan für eine Unterrichtsstunde bezahlen. Für Onlinekurse berechnen wir jetzt nur noch 75 Yuan pro Stunde“, sagt er. Trotzdem sei sein Einkommen deutlich gestiegen, da viele Eltern in Zeiten von Corona einfach mehr Unterricht für ihre Kinder buchten. Weil ihre Sprösslinge während der Epidemie nicht zur Schule gingen und es den Eltern einfach an Zeit fehle, den Nachwuchs zu beschäftigen, sei der Unterricht zur willkommenen Abwechslung für beide Seiten geworden.

 

„Vor Corona hatten die Kinder bei uns normalerweise eine Stunde pro Woche, jetzt sind es bei den meisten drei Stunden wöchentlich“, berichtet Gao. Der gestiegene Bedarf hat Gao zu einem viel beschäftigten Mann gemacht. Um den Onlineunterricht besser zu gestalten und die Kinder während der Stunde bei Laune und aufmerksam zu halten, habe er viele neue Ideen und Konzepte entwickelt. „Nach dem Unterricht steht dann noch die Überprüfung der Hausaufgaben und die Beantwortung der Fragen an, die mir Eltern über die Social-Media-App WeChat übermitteln“, erzählt Gao aus seinem Corona-Arbeitsalltag. 

 

Laut einem kürzlich von iiMedia Research veröffentlichten Bericht erlebten viele chinesische Unternehmen, die sich mit Onlinebildung, Onlinespielen und Internet-Bürodiensten beschäftigten, einen großen Schub in der Krise, da die Menschen während dieser besonderen Zeit meist das Haus hüteten, um sich nicht mit COVID-19 anzustecken und die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Während traditionelle Branchen wie Tourismus, Gastronomie, Verkehr und Transport unter sinkender Nachfrage ächzen und teils herbe Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, entpuppt sich die Onlinesparte als Corona-Gewinner.



Von wegen Couchpotato: He Xu, Sportlehrer einer Hangzhouer Mittelschule, macht in Coronazeiten zu Hause Trainingsvideos für seine Schüler.

 

Zhang Deyong vom Forschungsinstitut für Wirtschaftsstrategie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, bestätigt, dass der Corona-Ausbruch Chinas Wirtschaft und Gesellschaft einerseits empfindlich getroffen habe. „Um das Virus einzudämmen, wurde die Mobilität von Menschen und Fahrzeugen sowie auch des Gütertransports erheblich eingeschränkt, was sich zwangsläufig spürbar auf die normale Lebensordnung sowie die industrielle Produktion auswirkt hat“, erklärt der Forscher. Trotz dieser Herausforderungen seien jedoch die Bedürfnisse in einigen Sektoren sprunghaft gestiegen. „Im scharfen Gegensatz zu den U-Bahnen und Bussen, die während des chinesischen Frühlingsfestes in vielen Städten fast menschenleer waren, drängten sich die Teilnehmer dicht an dicht in den Online-Konferenzräumen der Sozial-Media-Apps chinesischer Technologiegiganten wie Tencent oder Alibaba“, sagt er.

 

Am 3. Februar, dem ersten offiziellen Arbeitstag nach dem chinesischen Frühlingsfest, haben viele Unternehmen im Reich der Mitte ihre Arbeit per „Cloud“ wieder aufgenommen. An diesem Tag verzeichnete die von der Alibaba Group entwickelte Büro-App Dingtalk beinahe 200 Millionen Benutzer aus mehr als zehn Millionen Unternehmen. Die Zahl war damit im Vergleich zum Vorjahr um ein Vielfaches gestiegen. Angesichts des Ansturms musste der Betreiber der Büro-App binnen zwei Stunden 10.000 neue Cloud-Server auftun, um des Datentsunami Herr zu werden. Es war die schnellste Servererweiterung in der Geschichte Alibabas.

 

Auch Tencent ließ sich in dieser Hinsicht nicht lumpen. Neben eines Online-Besprechungsdienstes schickte der Tech-Gigant über die Unternehmensversion von WeChat eine eigene Online-Gesundheitsberatung an den Start. Diese Version unterstützt zudem Videokonferenzen, bei denen sich bis zu 300 Teilnehmer gleichzeitig einklinken können.

 

Logistisches Rückgrat

 

Statistiken der China State Railway Group von Anfang März zufolge hat die chinesische Eisenbahn im Februar insgesamt 310 Millionen Tonnen Güter transportiert, was einer Steigerung um 13,32 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Und das trotz Corona. Im Durchschnitt wurden täglich 171.000 Waggons beladen, fast 5000 mehr als der tägliche Tagessatz im Vorjahr. Vom 17. Februar bis Ende Februar wurden mehr als elf Millionen Tonnen Güter pro Tag transportiert. Und diese Transportkapazität setzte sich auch im März fort.

 

„Neben gewöhnlichen Güterzügen wurden auch die Gepäck- und Güterwagen von Personenzügen eingesetzt, um Materialien zur Virusprävention und -eindämmung in die besonders stark betroffene Provinz Hubei zu schaffen“, sagt Zhao Jun, Direktor der Frachtabteilung bei China State Railway. „Bis zum 29. Februar wurden mehr als 10.000 Güterlieferungen mit einem Gewicht von rund 200.000 Tonnen transportiert.“

 

Trotzdem hätten die Lieferungen nach Hubei nur einen kleinen Anteil des Gesamtgüteraufkommens der chinesischen Eisenbahn im Februar ausgemacht. „Das ist damit zu begründen, dass Chinas Schienengüterverkehr von Massengütern dominiert wird“, erklärt Zhao.

 

Das enorme Transportvolumen des Schienenverkehrs belegt eindrucksvoll, dass Chinas Wirtschaft im Allgemeinen trotz Corona stabil läuft. „Aufgrund des großen Potenzials und der starken Dynamik unserer heimischen Wirtschaft werden die Auswirkungen der Krise nur vorübergehender Natur sein und lassen sich im Großen und Ganzen in den Griff bekommen. Die gute Wachstumsgrundlage der chinesischen Wirtschaft bleibt auf lange Sicht bestehen“, sagt Zhang Deyong. Dies sei im Übrigen ähnlich wie schon 2003 während der SARS-Epidmie. „Als die SARS-Epidemie damals im Mai ihren Höhepunkt erreichte, betrug die Wachstumsrate der per Schiene transportierten Güter 8,12 Prozent. Das Jahreswachstum belief sich letztlich auf 6,41 Prozent“, sagt Zhang.

 

Der stabile Transport garantiert die reibungslose Produktion und den guten Warenumlauf im ganzen Land. Der Peer-to-Peer-Logistikservice hat die Effizienz des Warentransports verbessert und den steigenden Lieferbedarf für Alltagsfrischwaren erfolgreich befriedigt. „Die Zahl der Lieferaufträge frischer Lebensmittel liegt heute siebenmal höher als vor dem chinesischen Neujahrsfest“, sagt Hu Panru, Logistikmanager des Onlinehändlers Suning.com in Beijing. Das Unternehmen sei angesichts der großen Nachfrage auf der Suche nach zahlreichen neuen Mitarbeitern, sagt er.

 

Entwicklung der Stay-at-Home-Wirtschaft

 

Die Stay-at-Home-Wirtschaft, die zu Coronazeiten in China boomt, dürfte Experten zufolge zur neuen Normalität werden, selbst wenn das soziale Leben in Zukunft wieder zur gewohnten Ordnung zurückfindet. In Shanghai wurde beispielsweise ein stark frequentierter Frischwarenmarkt im Bezirk Jiading, der bereits am 3. Februar geschlossen worden war, erst am 8. März wiedereröffnet. Der Grund: Einzelhändler, die Geschäfte auf diesem Markt abwickeln, waren seitens der Regierung dazu angehalten worden, sich in zweiwöchige Selbst-Quarantäne zu begeben, nachdem sie aus ihrer Heimat zurück in Shanghai waren.

 

Im Gegensatz dazu betrieb der Frischwarenladen „Qiandama“, der gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt, seine Geschäfte während dieser Zeit wie gewohnt weiter. Viele Anwohner bestellten Frischwaren wie Eier, Fisch, Fleisch, Gemüse und andere Lebensmittel einfach per mobiler App bei diesem Laden. Die Waren wurden bequem bis an die Haustür geliefert. Eine Verkäuferin des Marktes erzählt: „Nach dem Corona-Ausbruch begannen wir, frisches Gemüse ins Sortiment zu nehmen. Dadurch haben wir unser Geschäft deutlich ausgebaut. Viele männliche Kunden im Alter von 30 bis 40 Jahren, die früher nur sehr selten einkaufen gingen, bestellen Waren scheinbar einfach lieber per App“, sagt sie. Das sei ihrem Geschäft zugute gekommen.

 

Gao Xiang ist Mitbegründer von Youfan, einem Internet-Startup, das Essen für Büroangestellte zubereitet und ausliefert. „Nach dem chinesischen Neujahrsfest haben wir neue Geschäftsmöglichkeiten für uns entdeckt“, sagt auch er. „Von Mitte bis Ende Februar lief unser Geschäft sehr gut. In dieser Zeit verzeichnete unser Unternehmen einen täglichen Anstieg von mehr als 10.000 Bestellungen“, sagt er. „Viele Büroangestellte in Guangzhou, wo der Hauptsitz unserer Firma liegt, entdeckten unseren Lieferservice neu für sich, nachdem sie ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten“, erklärt er. In vielen Bürogebäuden im belebten Geschäftsviertel Tianhe Guangzhous seien die Angestellten nach ihrer Rückkehr zum Arbeitsplatz eher bereit gewesen, Essen im Internet zu bestellen. 

 

Um die steigende Nachfrage zu befriedigen, richtete Youfan intelligente Schließfächer mit Warmhaltefunktion in einigen Bürogebäuden ein. Die Innentemperatur dieser Fächer liegt bei rund 60 Grad Celcius. „Die Essensboten stellen die Bestellung in die Schließfächer. Dann startet ein 30-minütiger Erhitzungsprozess zur Desinfektion“, erklärt Gründer Gao das Konzept. Der Kunde erhält danach eine Benachrichtigung auf sein Handy und kann das Essen durch Scannen eines Codes aus dem Schließfach holen. Der gesamte Prozess sei kontaktlos, so dass die Gesundheit sowohl des Bestellers als auch des Lieferkuriers sichergestellt werde.

 

In Shanghai begann das mit fünf Sternen ausgezeichnete Shangri-La Hotel, kurzerhand ebenfalls einen eigenen Essens-Lieferservice zu erschwinglichen Preisen anzubieten, um die Corona-Verluste in der Hotellerie zumindest teilweise auszugleichen. Für ein Menü aus dem Fünf-Sterne-Hotel müssen die Kunden heute gerade mal 50 bis 60 Yuan berappen, umgerechnet etwa 6 bis 7,50 Euro, das teuerste Gericht ist für rund 100 Yuan (ca. 12,50 Euro) zu haben. Vor Corona wäre das undenkbar gewesen.

 

Zurück zu Manager Vossoughi. Er glaubt, dass die Durchführung der Geschäftsverhandlungen der dritten CIIE mithilfe von Cloud-Technologie angesichts der Krise eine gute Alternative zur Präsenz vor Ort sei. „Diese Lösung zeigt die Weisheit und den guten Willen der chinesischen Organisatoren und wird weitreichenden Einfluss haben“, sagt er. In Zukunft dürfte es möglich sein, alle Geschäfte online abzuwickeln, ist er sicher, solange entsprechende digitale Infrastruktur und Geräte zur Hand seien, und ganz egal, ob man nun in den eigenen vier Wänden sei, im Hochgeschwindigkeitszug durch die Gegend brause oder an einem malerischen Ort die Seele baumeln lasse.

 

*Jiang Haofeng ist Reporter der in Shanghai ansässigen „Xinmin Weekly“.

 

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