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Schwierige Zeiten, neue Chancen: Chinas Beschäftigungsförderung in der Coronakrise

2020-06-18 15:02:00 Source:China heute Author:
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Von Hu Yue


Bewerben ja, aber bitte mit Abstand: Diese Jobmesse im Sportstadion der Universität Nanchang am 23. Mai war bedacht auf genügend Sicherheitsabstand der Bewerber. 

 

„Dass ich mit einem Mal drei Stellenangebote erhalten würde, hätte ich wirklich nicht gedacht“, sagt Zhang Enze, Absolvent des Instituts für angewandte Chemie der China University of Geosciences in Wuhan. Am 10 März nahm er an einer Onlinejobmesse teil, mit Erfolg. Dabei sah die Lage anfangs alles andere als rosig aus. „In diesem Jahr gibt es mehr Hochschulabsolventen als noch im vergangenen Jahr. Hinzu kommt die Coronakrise. Viele Firmen haben corona-bedingt ihre Stellenangebote gekürzt, so dass wir Bewerber unter starkem Wettbewerbsdruck um die wenigen ausgeschriebenen Stellen stehen“, schildert der angehende Chemiker. Er selbst habe glücklicherweise schon im vergangenen Oktober damit begonnen, sich zu bewerben.

 

Die aktuellen Sorgen Zhangs und seiner Kommilitonen spiegeln sich auch in den offiziellen Statistiken. Laut neusten Zahlen des Staatlichen Statistikamtes verlassen in diesem Jahr 8,74 Millionen chinesische Absolventen die Hochschulen, 400.000 mehr als noch 2019. Da die Coronakrise Chinas Wirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen hat, gestaltet sich die Arbeitssuche in China so schleppend wie wohl noch nie. Insbesondere Hochschulabsolventen und Wanderarbeiter vom Land trifft es derzeit besonders hart. 

 

Die Beschäftigung beeinflusst einerseits die allgemeine Lebenshaltung und ist andererseits eng mit der allgemeinen Wirtschaftslage verquickt. Für die Lebensführung der Menschen und die gesellschaftliche Stabilität ist sie von zentraler Bedeutung. Chinas Ministerpräsident Li Keqiang betonte im Tätigkeitsbericht der Regierung, es gelte, „die Zahl der Beschäftigten in Städtenum mehr als neun Millionen zu erhöhen“. Weiter heißt es darin: „Die Finanz-, Geld- und Investitionspolitik sollen sich auf die Unterstützung der Stabilisierung der Beschäftigung konzentrieren. (…) Es gilt, die bestehenden Arbeitsplätze durch Bemühungen zu stabilisieren, neue Beschäftigungsmöglichkeiten aktiv zu vermehrenund die Wiederbeschäftigung der Arbeitslosenzu fördern.“

 

Beschäftigungsförderung mit Feingefühl und Verstand

 

Chinas Beschäftigungslage steht im Jahr 2020 also unter keinem guten Stern, sie gestaltet sich ernst und kompliziert. Wie an vorangegangenen Stellen anklang, liegt einerseits die Anzahl der Hochschulabsolventen in diesem Jahr besonders hoch, andererseits kürzen die von der Epidemie betroffenen Unternehmen ihre Stellenangebote. 

 

Am 12. Mai verkündete Wang Hui, Leiter der Hauptabteilung für Hochschulstudenten, auf einer Pressekonferenz des chinesischen Bildungsministeriums vor diesem Hintergrund eine Reihe von Fördermaßnahmen der Regierung. Im Mittelpunkt steht dabei die Erweiterung die Aufnahmequoten für Magister- und Promotionsbewerber. Außerdem sollen mehr Fachhochschulstudenten in ein vierjähriges reguläres Hochschulstudium aufrücken. Auch plane die Regierung die Dienstleistungen zur Beschäftigungsförderung zu optimieren und mehr Hilfestellung in diesem Bereich zu bieten. Darüber hinaus soll die archivarische Aufbewahrung der Unterlagen von Absolventen verlängert werden, was für deren Beschäftigung förderlich ist. Und nicht zuletzt wurden die öffentlichen Institutionen dazu angehalten, allgemein mehr Stellen auszuschreiben.


Alle Hände voll zu tun: Diese Mitarbeiterin im Tianma E-Commerce Industrial Park im Bezirk Haizhou der Stadt Lianyungang (Provinz Jiangsu) trägt die bestellten Waren zusammen. (Bild vom 23. Mai 2020)

 

Yan Jia leitet die Abteilung für Beschäftigungsförderungder China University of Geosciences in Wuhan. Zur Beschäftigungslage der Absolventen seiner Universität sagt er, in diesem Jahr gebe es rund 7010 Absolventen, die einen Job suchten. Bis Mitte Mai habe die Universität bereits 15 große Online-Bewerbungsveranstaltungen bzw. Events von Arbeitgebern zur Bewerberauswahl veranstaltet und zudem 15 Jobmessen abgehalten, die von Alumni der Universität gefördert wurden und Bezug auf die Fachbereiche Naturressourcen, Internet und Architektur nahmen. Über den offiziellen WeChat-Account der Universität wurden rund 3500 Informationen an die Studierenden gesendet und rund 500 Online-Schulungen zur Erklärung der aktuellen Beschäftigungspolitik und -lage abgehalten. Um ihre Absolventen zu vermitteln, nahm die Universität eigeninitiativ Kontakt mit rund 3730 Unternehmen auf. 

 

Dabei kommt der Universität ihre langjährige Erfahrung zugute. Die Hochschule hat eine spezielle Politik ausgearbeitet, welche die Studierenden durch ganz persönliche Beschäftigungspläne vermitteln will.Phuntsok Namgyal, Student an der Fakultät für Geowissenschaft, stammt aus Tibet. Als Studierender mit Armutsakte fällt er unter die Politik der studentischen Armutsförderung. Nach dem Studienabschluss, so wurde es vereinbart, soll er nach Tibet zurückkehren. Dafür hat die Universität schon bei der Studienaufnahme einen speziellen Unterstützungsplan ausgearbeitet und schrittweise umgesetzt. Dieser Plan umfasst Hilfeleistungen durch Studienkollegen, gezielte Studienbetreuung durch akademische Lehrer und schließlich Unterstützung bei der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche. 

 

Für Phuntsok Namgyal hat letztlich alles bestens geklappt. Dank der Unterstützung durch seine Universität hat der Tibeter das Bewerbungsgespräch bei der China Railway Construction Group mit Bravour bestanden und wird nun eine Stelle im Rahmen eines Bauprojektes des Branchenriesen in seiner Heimat Tibet antreten.

 

Derzeit legen Regierung und Hochschulen größten Wert darauf, aus eigenem Antrieb den Kontakt zu Unternehmen herzustellen und die Absolventen bei Bewerbung und Jobsuche intensiv zu unterstützen. Damit kommen sie einer zentralen Forderung aus dem Tätigkeitsbericht der Regierung nach. Dort heißt es im Wortlaut: „Die Hochschulen und die Regierungen an deren Standorten sollen den Hochschulabsolventen ununterbrochene Dienstleistungen für die Beschäftigung anbieten.“

 

Umsetzung kombinierter Maßnahmen

 

Laut Zahlen des Staatlichen Statistikamtes sank die Zahl der Neuanstellungen in Chinas Städten im ersten Quartal 2020 corona-bedingt um 950.000. Die Beschäftigung der Hochschulabsolventen gilt allgemein als Dreh- und Angelpunkt zur Stabilisierung der Beschäftigungslage im Land, während die geordnete Wiederaufnahme der Produktion nach einheitlichem Plan die entscheidende Grundlage formt. Durch diese beiden Schwerpunkte lässt sich das Beschäftigungsproblem effektiv anpacken. 

 

Der Bezirk Caidian der Stadt Wuhan verfügt über zwei bedeutende Wirtschaftsprojekte: eine chinesisch-französische ökologische Modellzone und die wirtschaftliche Erschließungszone Wuhan. Die Metropole war bekanntlich das Epizentrum der Coronaepidemie in China, was alle Unternehmen in diesen beiden Zonen mit immensen Schwierigkeiten bei der Wiederaufnahme der Produktion konfrontierte. Hinzu kamen Probleme durch Personalabbau und Lohnsenkungen. Insbesondere Klein- und Kleinstunternehmen verfügen im Allgemeinen nur über schwache Risikoresistenz und stehen unter dem doppelten Druck, einerseits ihren Fortbestand sichern zu müssen und sich andererseits erfolgreich weiterzuentwickeln. 

 

Pujiang Yanpu Auto Parts im Bezirk Caidian ist eines der betroffenen Unternehmen. In der Vergangenheit glänzte der Automobilzulieferer mit einem jährlichen Produktionswert von 220 Millionen Yuan. Dann kam COVID-19 und die Produktion stand erst einmal still. 

 

Mit zunehmender Entspannung des örtlichen Infektionsgeschehens und erfolgreicher Prävention und Kontrolle des Virus konnte die Produktion allmählich wieder hochgefahren werden. Doch dann tauchte ein neues Problem auf: Nahezu 120 Beschäftige des Unternehmens standen zunächst unter Quarantäne. Nach Verhandlungen mit der Bezirksverwaltung wurde dem Ersatzteilzulieferer eine besondere Politik zur Stabilisierung der Beschäftigung gewährt. Durch sie erhielt die Firma bis zum 20. Mai Unterstützungsgelder in Höhe von rund 50.000 Yuan. Zudem wurden ihnen Renten- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge in Höhe von 545.000 Yuan erlassen. Die finanzielle Unterstützung kam im entscheidenden Moment. Nach dem Ende des Lockdowns in Wuhan konnte die Produktion schließlich schrittweise in geregelten Bahnen wieder aufgenommen werden.


Internet-Sternchen Lulu bewirbt am 12. April per Livestream Agrarprodukte aus der von der Corona-Epidemie besonders gebeutelten Metropole Wuhan. 

 

Long Sanhuan, Chefbuchhalter des Amts für Humanressourcen und Sozialabsicherung des Bezirks Caidian, sagt: „Wir setzen die staatliche Politik zur Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion hier im Bezirk aktiv um, haben unser Dienstleistungsangebot erweitert und die steuerliche Belastung für Unternehmen zurückgeschraubt.“

 

Bis Mitte Mai zahlte die örtliche Bezirksverwaltung rund 1200 Unternehmen Unterstützungsgelder in Höhe von insgesamt 6,77 Millionen Yuan zur Stabilisierung ihrer Beschäftigung. Dadurch sollen die Firmen angespornt werden, Personalabbau zu vermeiden bzw. zu minimieren. Zudem wurden Erwerbstätigen, die einer flexiblen Beschäftigung nachgehen, Subventionen in Höhe von 12,11 Millionen Yuan gewährt. Neun Firmen erhielten außerdem Subventionen in Höhe von rund 200.000 Yuan für Sozialabsicherung. Außerdem wurden die Sozialbeiträge von Unternehmen und anderen Institutionen von Februar bis Juni verringert bzw. ganz erlassen, um ihre finanziellen Belastung zu mindern. Relevante Informationen über die Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion werden auf speziellen Onlinejobbörsen der Bezirksverwaltung sowie der Provinz Hubei veröffentlicht. Auf diese Weise sind die Informationen rund um die Uhr abrufbar. Das Informationsangebot soll es denjenigen, die wegen der Epidemie in ihrer Heimat verblieben sind, erleichtern, geordnet zu ihrem Arbeitsplatz zurückzukehren.

 

Laut neuesten Zahlen des Ministeriums für Industrie und Informatisierung lagen die Quoten der Wiederaufnahme von Produktion und Arbeit bei großen Industrieunternehmen bis zum 9. Mai bei jeweils 99,1 bzw. 95 Prozent. Auch bei klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) bewegte sich die Quote der Wiederaufnahme der Produktion bei 90 Prozent. Mit der geordneten Wiederaufnahme der Produktion kletterte auch die Beschäftigungsquote allmählich wieder. 

 

Neue Geschäftsformen kreieren neue Geschäftschancen

 

„Es ist der E-Commerce, der mich aus der Klemme geholt hat. Jetzt folgen die Mitarbeiter unseres Restaurants meinem Beispiel und betreiben ebenfalls WeChat-Läden“, sagt Cheng Cheng, Geschäftsmann aus dem Kreis Huailai der Stadt Zhangjiakou in der an Beijing angrenzenden Provinz Hebei. Der 32-Jährige kam vor zwölf Jahren nach Beijing, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Damals kratzte er sämtliche Ersparnisse zusammen und gründete im teuersten Viertel des Bezirks Xicheng ein Fastfood-Restaurant. Seit Jahresbeginn kämpft sein Laden jedoch schwer mit den Folgen von Corona.

 

Während die Geschäfte in seiner Schnellgaststätte denkbar schlecht liefen, blieb Cheng auf hohen Fixkosten durch Miete und Mitarbeiterlöhne sitzen. Auch Elektrizitäts- und Wasserrechnungen zehrten am Geldbeutel. Angesichts des großen finanziellen Drucks richtete der Geschäftsmann sein Augenmerk zunehmend auf das WeChat-Geschäft. Dabei werden Waren über den Freundeskreis dieser Social-Media-App verkauft. „Ich habe Kontakt zu einigen landwirtschaftlichen Genossenschaften in meiner Heimat aufgenommen und vertreibe heute online ihre Produkte“, erzählt der findige Jungunternehmer. Corona beschleunige die Wende vom Offline- zum Onlinegeschäft, sagt er.

 

Dank wirksamer Seuchenprävention und -kontrolle erholt sich nun auch das Geschäft seiner Schnellgaststätte allmählich. Restaurantbesitzer Cheng kümmert sich nun parallel neben dem Restaurantbetrieb gemeinsam mit seinen Mitarbeitern weiter um das neue E-Commerce-Geschäft. Und das entwickelt sich beständig. Süßkartoffeln aus dem Hebeier Ort Huangtugang, Trauben aus dem Hebeier Kreis Huailai und Erdbeeren aus Dandong in der nordostchinesischen Provinz Liaoning werden über seine Onlineläden an den Mann bzw. die Frau in Beijing gebracht. Cheng blickt heute wieder voller Zuversicht in seine berufliche Zukunft. „Im vorigen Jahr haben wir einige Tausende Kästen Trauben verkauft und sage und schreibe 60.000 Yuan verdient. In diesem Jahr werden wir unsere Anstrengungen verdoppeln, um noch mehr Trauben zu verkaufen“, sagt der Selbstständige. 

 

Chengs Geschäftserfolg ist nur ein Beispiel für den rasanten Aufstieg der E-Commerce-Branche, insbesondere des Online-Einzelhandels, der in China derzeit zu beobachten ist. Im Windschatten surfen dabei auch die Express-Zustelldienste, welche die bestellten Waren ausliefern. Die auf der Digitalwirtschaft beruhende Onlinewirtschaft schafft also in der Krise viele neue Beschäftigungschancen.

 

Große Social-Media-Plattformen wie Weibo, WeChat und Tik Tok bringen viele neue Jobs, etwa für freie Medienschaffende, Software-Entwickler und Videomacher, woraus sich neue Wachstumsimpulse ergeben. Promotion per Livestreaming, Online-Autorenschaft und WeMedia-Macher sind neue einige der zahlreichen Beschäftigungschancen für junge Arbeitssuchende. Am 11. Mai erklärte das chinesische Ministerium für Humanressourcen und Sozialabsicherung die geplante Aufnahme zehn neuer Berufe ins Berufsregister, darunter Blockchain-Ingenieure, Wohnviertelverwalter, berufsmäßige Internet-Verkäufer und Blockchain-Anwender. 

 

Ministerpräsident Li Keqiang betonte derweil im Tätigkeitsbericht der Regierung, dass es gelte, „weitere Unterstützungspolitik einzuführen und das ,Internet Plus' umfassend voranzubringen“. Es ist zu erwarten, dass die neuen Geschäftsformen zusätzliche Chancen und Plattformen für die Beschäftigung schaffen werden. Und gerade in Zeiten von Corona werden diese dringend gebraucht.

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