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Corona-Pandemie: Chinas Exportunternehmen entdecken den Inlandsmarkt

2020-07-29 15:49:00 Source:China heute Author:
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Von Guan Xiaopu*

 

Die Yongtongxiang Agricultural Technology Development Co., Ltd mit Sitz in Lianyungang in der südostchinesischen Provinz Jiangsu hat sich in den letzten Jahren rasch entwickelt. Doch dann kam die Coronakrise, die den Aufwärtstrend jäh ausbremste.

 

„Anfang Februar ist eigentlich jedes Jahr Erntebeginn für Speisepilze. Doch Corona hat dafür gesorgt, dass die Arbeit und Produktion unseres Unternehmens in diesem Jahr zu diesem Zeitpunkt quasi komplett still standen“, sagt Lin Xiaolong, der Präsident des Agarunternehmens. „Speisepilze müssen nach der Reife rechtzeitig geerntet und verarbeitet werden, sonst leiden Geschmack und Qualität, ja im schlimmsten Fall werden die Pilze komplett ungenießbar“, erklärt Lin. Corona habe ihm als Unternehmer deshalb große Sorgen bereitet. Die Zukunft der Firma stand auf dem Spiel.



Am 29. Mai 2020 fand im Kreis Fengxian in der ostchinesischen Provinz Jiangsu eine Veranstaltung zum Austausch über wissenschaftliche und technologische Errungenschaften und Dienstleistungen statt.

 

Yongtongxiang hat sich auf den Anbau, die Verarbeitung und den Verkauf von Speisepilzen spezialisiert. Die Produkte wurden vor der Pandemie vor allem in die USA sowie nach Südkorea und Japan exportiert und brachten dem Unternehmen einen Jahresumsatz von mehr als acht Millionen US-Dollar. In Coronazeiten ist die internationale Nachfrage nach Speisepilzen nun jedoch stark eingebrochen, das Unternehmen hat viele Kunden und Aufträge verloren. Bis März wurden nur fünf Container Speisepilze in die USA exportiert. Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Geschäfte damit dramatisch eingebrochen.

 

Letztlich blieb der Firma nur ein Ausweg: ein neues Geschäftsmodell musste her. Die Firma entschied sich, nicht nur ihr Verkaufsmodell zu ändern, sondern auch eine Produktionslinie für Xianggu-Pilze für den chinesischen Markt, abgestimmt auf die inländischen Hygienestandards, aufzubauen. Das Ziel: Chinas Inlandsmarkt erschließen. „Unsere Produkte sind qualitativ hochwertig und umweltfreundlich, was sie auch bei chinesischen Verbrauchern sehr beliebt macht“, sagt Lin Xiaolong. Bis Ende Mai seien die vier Produktionslinien des Unternehmens durch die Verlagerung des Verkaufsfokus wieder komplett ausgelastet gewesen. Täglich werden seither fünf Tonnen Frischpilze und eine Tonne Trockenpilze produziert. „Auf diese Weise ist es uns gelungen, unser Geschäft wieder ins rechte Gleis zu bringen“, sagt Lin. 

 

Yongtongxiang sei kein Einzelfall, erklärt uns Ren Hongbing, Assistent des chinesischen Handelsministers. „Chinas exportorientierte Unternehmen sind momentan mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten konfrontiert. Viele Aufträge wurden entweder storniert oder verzögern sich. Hinzu kommt, dass es nur wenige langfristige Aufträge gibt“, so der Experte.

 

Zhuo Xian, Vizedirektor der Entwicklungsabteilung am Forschungszentrum für Entwicklung des Staatsrates, sagt: „Gegenwärtig sind die USA und Europa stark von der Coronakrise betroffen. Außer der notwendigen Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Medikamenten dürften viele andere Konsumbedürfnisse dort auf lange Sicht relativ schwach bleiben.“ Chinas epidemiologische Lage verbessere sich hingegen kontinuierlich, wodurch es gelungen sei, Produktion und Arbeit schneller als viele andere Länder wieder aufzunehmen. „Daher ist es für China sehr wichtig, die Inlandsnachfrage zu erweitern und die Übertragung von Exportwaren auf den inländischen Markt zu fördern, damit sich Chinas Industrie- und Lieferketten stabilisieren und ein positiver Produktions- und Verbrauchskreislauf im Inland entsteht“, so Zhuo.

 

Unterstützung von der Regierung

 

Huang Maoxing, Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses (NVK) und Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Fujian Normal University, schlug während der diesjährigen NVK-Jahrestagung im Mai in Beijing vor, die Lokalregierungen sollten gezielte Maßnahmen ergreifen, um Außenhandelsunternehmen dabei zu unterstützen, ihre Exportwaren auf den Inlandsmarkt zu bringen. Ihm zufolge sei insbesondere in Bereichen wie Finanzen, Steuern, Beschäftigung und soziale Absicherung dringend politische Unterstützung erforderlich, um den Exportunternehmen bei der Überwindung ihrer Schwierigkeiten zu helfen, bevor sich die Weltwirtschaft erhole.



In einer Gemüseproduktionsbasis in der wirtschaftlichen Entwicklungszone Xinghua der Stadt Taizhou (Provinz Jiangsu) prüfen Arbeiter die Agrarprodukte sorgfältig auf ihre Qualität.

 

Das chinesische Finanzministerium kündigte bereits am 15. April an, alle Verarbeitungs- und Handelsunternehmen ab sofort bis Jahresende vorläufig ganz von den Zinsen der latenten Umsatzsteuern auf dem Inlandsmarkt zu befreien. So sollen die Vertriebskosten von Unternehmen auf dem Inlandsmarkt gesenkt und ihr finanzieller Druck reduzieret werden.

 

Manche Geschäftsbereiche blühen angesichts der Coronakrise aber auch neu auf. So etwa Wirtschaftszeige rund um das eigene Zuhause. Angesichts von Lockdowns und Homeoffice hat sich die Nachfrage nach vielen Haushaltselektrogeräten plötzlich erhöht. Der Umsatz von Haartrocknern und Lockenwicklern etwa hat sich in China mittlerweile verdoppelt, andere Produkte waren während der Epidemie sogar zeitweise vergriffen, darunter etwa elektrische Haarschneider. Die Ningbo Yueli Electric Co. Ltd. in der südostchinesischen Provinz Zhejiang ist ein exportorientiertes Unternehmen, das seine Produkte eigentlich hauptsächlich in die USA und nach Europa liefert. Die Firma reagierte schnell und erkannte die Chancen im Inland, die sich dank der veränderten Lebensgewohnheiten in der Krise boten. Yueli entwickelte in kürzester Zeit drei neue Marken für den Inlandsmarkt und erweiterte sein Verkaufsteam von zehn auf mehr als 300 Mitarbeiter. Mit einem monatlichen Absatz von 100.000 Haartrocknern hat sich das Unternehmen erfolgreich gegen seine Mitbewerber behauptet. Mittlerweile hat das Unternehmen einen neuen Entwicklungsplan ausgearbeitet. Das Ziel: innerhalb der kommenden fünf Jahre soll der Inlandsumsatz 50 Prozent des Gesamtumsatzes des Unternehmens erreichen.

 

Um die Transformation von Chinas Exportunternehmen zu unterstützen, haben Regierungsbehörden auf verschiedenen Ebenen entsprechende Maßnahmen ergriffen. Die Stadtregierung von Cixi in der Provinz Zhejiang beispielsweise halbierte vor dem Hintergrund der Epidemie von Februar bis April die Beiträge großer Unternehmen für die Arbeitsunfall- sowie die Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Darüber hinaus erstattete die lokale Steuerbehörde rund 1500 Exportunternehmen bereits bezahlte Steuern in Höhe von 612 Millionen Yuan zurück.

 

Die Baixing Nonwoven Co., Ltd., die in der wirtschaftlichen Erschließungszone Donghai in der südostchinesischen Provinz Jiangsu liegt, stellt schwerpunktmäßig für den Export bestimmte OP-Kittel, OP-Tischdecken sowie Wickel und Isolationsanzüge her. Dank der Unterstützung der lokalen Regierung konnte das Unternehmen in den ersten vier Monaten trotz Coronakrise 22 Millionen Yuan an Umsatz erwirtschaften. Die lokale Behörde für Humanressourcen und soziale Absicherung räumte dem Unternehmen eine Reihe von Privilegien ein, unter anderem wurden die Beiträge für die Arbeitslosen- und Rentenversicherung aufgeschoben. Im Falle von Baixing Nonwoven machte diese Summe mehr als 500.000 Yuan pro Monat aus. Darüber hinaus hat die örtliche Wirtschaftsbehörde das Unternehmen bei der Einstellung von Arbeitskräften und dem Transport von Materialien zur Prävention des neuartigen Coronavirus nach Kräften unterstützt. Außerdem eröffnete die wirtschaftliche Erschließungszone Donghai grüne Kanäle, um Baixing Nonwoven bei der Abwicklung der Formalitäten für den Verkauf von Produkten im Inland zu helfen.

 

Auch die neue Big-Data-Technologie spielt eine wichtige Rolle dabei, Chinas Unternehmen gut durch die Krise zu bringen. Die Bio-Tee-Firma Huangshan Yipin in der Provinz Anhui beispielsweise wurde zum Nutznießer der neuen Technik. Dazu erklärt der geschäftsführende Präsident der Firma, Zhang Jianrong: „Die örtliche Steuerbehörde hat unsere Produktinformationen auf die Big-Data-Plattform des Steuersystems gestellt und uns aktiv dabei geholfen, Kontakte mit potentiellen Käufern herzustellen. Mittlerweile verzeichnen wir wieder steigende Auftragszahlen. Es geht also aufwärts.“ Laut Zhang habe die Steuerbehörde zudem Kontakt mit einigen Finanzinstitutionen aufgenommen, um finanzielle Engpässe des Unternehmens zu lösen und bei der Erschließung des inländischen Marktes zu helfen.

 

E-Commerce-Plattformen als Unterstützung

 

Auch Wen Tao, Vertriebsleiter der Xinjiaye Agricultural Products Company, lobt die staatliche Unterstützung. „Die Regierung hat die Miete unserer Büros gesenkt sowie erforderliche Schutzmaterialien für die Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion breitgestellt“, sagt er. „Mit der wirtschaftlichen Erholung ist der Umsatz unseres Unternehmens stark gestiegen. Ich mache mir nun keine Sorgen mehr um die Zukunft.“



Die Qualität im Blick: Am 19. Mai 2020 besuchten Beamte ein Unternehmen in Nantong (Provinz Jiangsu), um die Testproduktion einer neuen Anlage zur Maskenherstellung in Augenschein zu nehmen.

 

Der kleine Agrarbetrieb ist im Kreis Lixian in der zentralchinesischen Provinz Hunan angesiedelt und hat sich auf den Export von Agrar- und Nebenprodukten spezialisiert. Nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie gab es nur noch einen einzigen Großauftrag für den Export von Zitrusfrüchten in Höhe von 20.000 US-Dollar. In der Krise versuchte das Unternehmen deshalb, seine Produkte über heimische E-Commerce-Plattformen wie Alibaba, SF Best, Pinduoduo (Buy Together), JD.com und Orchard Farmer zu vermarkten. Das brachte letztlich den Durchbruch: Nachdem die Produkte online gegangen waren, erwirtschaftete das Unternehmen schon in den ersten drei Monaten mehr als 30 Milliarden Yuan an Umsatz und übertraf damit das gesamte Exportvolumen des Vorjahrs.

 

Zahlreiche E-Commerce-Plattformen haben Exportunternehmen, die ihre Produkte angesichts der Epidemie auch auf den Inlandsmarkt bringen wollen, gezielte Unterstützung im Bereich Technologie und Daten bereitgestellt, damit sich die Firmen besser mit den Bedürfnissen der inländischen Verbraucher vertraut machen und auf dem chinesischen Markt richtig positionieren können. Durch die Verbesserung des Customer-to-Manufacturer-Geschäftsmodells (C2M) wurde den Unternehmen geholfen, Produkte herzustellen, die den Bedürfnissen der inländischen Verbraucher besser gerecht werden. So konnten selbst Probleme in Bezug auf zuvor schwer verkäufliche Produkte erfolgreich gelöst werden.

 

Der Kochgeschirrhersteller Sanhe hat 16 Jahre Erfahrung im Bereich Original Entrusted Manufacture (OEM). Er produziert jedes Jahr mehr als 25 Millionen Töpfe, die gewöhnlich in die USA und nach Europa exportiert werden. In Italien liegt der Marktanteil der Firma bei über 50 Prozent. Die E-Commerce-Plattform „Buy Together“ (Pinduoduo) imitierte in den letzten Jahren ein „New Branding Project“, das auf die Entwicklung chinesischer Unternehmen zielt. Sanhe ist eines der ersten Unternehmen, die an diesem Projekt teilnehmen.

 

„Aufgrund von Datenanalyse und Vorschlägen von Buy Together haben wir uns darauf konzentriert, ein Kochgeschirr zum Preis von 99 Yuan zu entwickeln, um den Konsumgewohnheiten der chinesischen Verbraucher besser gerecht zu werden“, sagt Fang Cheng, Vorstandsvorsitzender von Sanhe.

 

Auch viele andere chinesische E-Commerce-Plattformen haben ähnliche Projekte gestartet. Das von der Alibaba Group initiierte „Chunlei-Projekt 2020“ umfasst 16 Maßnahmen, die Unternehmen dabei helfen sollen, den Durchbruch im Onlinegeschäft zu schaffen, den inländischen Markt zu erschließen sowie eine digitale Industriezone aufzubauen. Die E-Commerce-Plattform Jingxi, die vom E-Commerce-Giganten JD.com betrieben wird, hat eine Art „Online-Fabrikverkauf“ gestartet, bei dem Kunden Waren direkt vom Hersteller erwerben können. Laut Plan soll so ein landesweites effizientes Einzelhandelssystem zwischen Verbrauchern und 100.000 Fertigungsunternehmen aufgebaut werden. Darüber hinaus hat China das neue Geschäftsmodell „Regierung + E-Commerce + Social Media“ eingeführt, um neue Geschäftsmöglichkeiten und Absatzkanäle für Außenhandelsunternehmen zu finden.

 

„Obwohl die Corona-Epidemie viele negative Auswirkungen mit sich gebracht hat, bietet sie den Unternehmen letztlich doch auch Möglichkeiten zur Transformation“, sagt ein Verantwortlicher eines Außenhandelsunternehmens. „Angesichts der neuen Situation müssen wir unsere Fähigkeiten verbessern, um die Krise in eine Chance zu verwandeln.“

 

*Guan Xiaopu ist Journalist der Webseite der Zentralkommission für Disziplinarkontrolle der KP Chinas und der Staatlichen Aufsichtskommission der VR China.

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