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Konsum ausbauen, Inlandsnachfrage stimulieren – China bahnt erfolgreich Wege aus der Krise

2020-07-30 13:54:00 Source:China heute Author:
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Von Cai Fang*

 

Während China weiterhin mit aller Härte die Epidemie im eigenen Land kontrolliert und eindämmt, kämpft das Land gleichzeitig auch an einer weiteren Front. Derzeit setzt die Volksrepublik nämlich alles daran, die Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion voranzutreiben, die Beschäftigung zu stabilisieren und die Lebenshaltung der Bevölkerung zu verbessern, um die sozioökonomischen Entwicklungsziele für das laufende Jahr auch trotz Corona zu erreichen. Eine wichtige Rolle hierbei spielen auch die Wiederherstellung und Erweiterung des Konsums. Durch diese beiden Faktoren soll das inländische Wachstumspotential möglichst gut ausgeschöpft werden.



Eine Automobilausstellung in der Stadt Yichang, Provinz Hubei. Viele chinesische Unternehmen richten in Zeiten schwächelnder Auslandsnachfrage ihr Augenmerk verstärkt auf die inländische Kundschaft. (Foto vom 12. Juni 2020) 

 

Epidemie lässt Nachfrage und Konsum schrumpfen 

 

Der Blick auf das nationale und internationale Entwicklungsumfeld verrät zunächst einmal nichts Gutes. Wie der gesamte Globus so sieht sich auch China momentan mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Dies ist sowohl auf die Schwächung traditioneller Wachstumstriebkräfte auf der Angebotsseite und den Abwärtsdruck auf die potenzielle Wirtschaftswachstumsrate als auch auf die Deglobalisierung und die allgemeine Flaute der Weltwirtschaft zurückzuführen. Die negativen Auswirkungen der Handelstreitigkeiten zwischen China und den USA tun ihr Übriges. Die verheerende Coronakrise in diesem Jahr bedroht nicht nur die Lebenssicherheit und Gesundheit der Menschen, sondern beeinträchtigt auch fast alle Bereiche des Lebens, besonders aber leidet die Wirtschaft. Im Vergleich zu vergangenen Jahren konnten Arbeit und Produktion in China nach dem Frühlingsfest erst wesentlich später wieder aufgenommen werden, was sich zweifelsohne negativ auf die sozioökonomische Entwicklung im Land ausgewirkt hat. 

 

Zwar ist es China eindrucksvoll gelungen, die Epidemie dank der gemeinsamen Bemühungen der ganzen Gesellschaft sowie durch die tatkräftige Umsetzung der medizinischen Rettungs- und Behandlungs- sowie der allgemeinen Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen weitestgehend unter Kontrolle zu bringen. Und Chinas Regierung hat zudem eine Reihe effektiver Maßnahmen zur Förderung der Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion, zur Unterstützung kleiner und mittelständischer Unternehmen sowie zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen Tätigkeiten ergriffen. Dennoch ist ganz klar, dass wegen COVID-19 die Verwirklichung der Ziele der Verdoppelung des BIP und des Pro-Kopf-Einkommens der Stadt- und Landbewohner im Vergleich zum Jahr 2010 vor riesige Herausforderungen steht. Da die Konjunktur in den ersten Monaten des Jahres daniederlag, fiel das Wirtschaftswachstum deutlich niedriger aus als im Vorjahreszeitraum. Aus diesem Grund muss China in den kommenden Monaten immense Anstrengungen unternehmen, um die Verluste wettzumachen und auf diese Weise doch noch ein vorzeigbares Jahresergebnis zu erzielen.

 

Der negative Einfluss der Epidemie auf Chinas Wirtschaft zeigt sich vor allem an drei Aspekten: Erstens leiden durch die Coronakrise Konsum und Nachfrage. Zum anderen wurde die Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion über Wochen behindert, was sich letztlich negativ auf die Angebotsseite ausgewirkt hat. Drittens wird die Fluktuation der Produktionsfaktoren in Mitleidenschaft gezogen und ein Teil der Lieferketten war vorrübergehend unterbrochen. Hinzu kommt, dass die Pandemie auch in anderen Ländern um sich greift. Die toxische Wechselwirkung zwischen all diesen negativen Faktoren verstärkt die negativen Einflüsse der Pandemie auf die Beziehung der chinesischen zur globalen Wirtschaft. Die Weltwirtschaft steht also vor großen Herausforderungen. Um diese zu bewältigen, sollten nun gezielte Maßnahmen getroffen werden, um die Stärken des riesigen chinesischen Konsummarktes zu entfalten und das inländische Nachfragepotential möglichst gut auszuschöpfen. 

 

Riesiger Konsummarkt als Chinas besondere Stärke



Seit Anfang Mai hat das Shanghaier Disneyland seine Pforten wieder geöffnet. Aufgrund der coronabedingten Beschränkungen bei den Einlasszahlen genießen die Besucher in diesen Tagen ungewohnt kurze Wartezeiten an den Attraktionen. 

 

Mittlerweile wächst Chinas Wirtschaft nicht mehr nur quantitativ, sondern auch mit hoher Qualität. Das Land hat erkannt: Will man eine gesunde und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung aufrechterhalten, muss die Entwicklungstriebkraft gewechselt werden. Höhere Produktivität soll an Stelle steigenden Einsatzes treten. Statt ausländischer Nachfrage und Expansion ausländischer Investitionen soll nun wachsender Binnenkonsum die entscheidende Rolle spielen. 

 

China verfügt über besondere Stärken, was die Stimulierung der Inlandsnachfrage, insbesondere des Konsums angeht. Der riesige Konsummarkt des Landes und das enorme Nachfragepotential liefern wichtige Garantien für eine langfristig positive Wirtschaftsentwicklung. Zudem gelten sie als wirksames Mittel zur Bewältigung der Folgen der Pandemie. 

 

Wie groß ist Chinas Konsummarkt? Ein Blick auf andere Länder verdeutlicht die Größenverhältnisse. Laut Statistiken der Weltbank belief sich das Gesamtvolumen des Konsums aller Endverbraucher im Jahr 2018 weltweit auf 62,6 Billionen US-Dollar, wobei der chinesische Anteil mit 7,3 Billionen US-Dollar etwa 11,6 Prozent ausmachte. Nach Klassifizierung der Weltbank reiht sich China bereits seit 2010 in die Gruppe der Länder mit Einkommen im oberen Mittelfeld ein. Und in dieser Gruppe macht der Konsum chinesischer Endverbraucher rund 46,9 Prozent des Gesamtvolumens aus. Obwohl hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens und -Konsums noch erbliche Unterschiede zu den Industrieländern bestehen, entspricht Chinas Gesamtkonsumvolumen aufgrund der hohen Bevölkerungszahl und des großen Wirtschaftsumfangs schon heute 71,8 Prozent des Gesamtkonsumvolumens der Euro-Länder. 

 

Zweitens sollte man Chinas inländische Verhältnisse berücksichtigen. So zeigt der Gesamtumfang des Konsums in China weiterhin eine nachhaltig steigende Tendenz und birgt großes Potential und starke Entwicklungsdynamik. Zwischen 2008 und 2018 legte Chinas Konsum im Jahresmittel um satte 8,5 Prozent zu, womit der weltweite Durchschnitt von 2,3 Prozent deutlich überschritten wurde. Auch die anderen Länder mit Einkommen im oberen Mittelfeld stellte die Volksrepublik damit klar in den Schatten. Die Euro-Länder kamen im Jahresmittel auf einen Gesamtkonsum von gerade einmal 0,7 Prozent. Ein weiterer anhaltender Trend ist, dass der Konsum in China noch immer stärker wächst als das BIP. Die Grundlagen hierfür wurden im vergangenen Jahrzehnt gelegt. Zwischen 1998 und 2008 betrug das Verhältnis zwischen den beiden Kennziffern 0,903 und stieg zwischen 2008 und 2018 auf 1,072 an. Im Zuge der Umsetzung des neuen Entwicklungskonzepts wird derzeit eine Reihe weiterer Maßnahmen durchgeführt, die dafür sorgen dürften, dass sich diese Tendenz weiter fortsetzt. 

 

Es zeigt sich also, dass sich die Faktoren, die zum chinesischen Wirtschaftswachstum beitragen, gewandelt haben. In der Troika der Wachstumstreiber, die sich aus Nettoexport, Investitionen und Konsum zusammensetzt, gewinnt der Konsum stetig an Gewicht - sein Beitrag zum BIP-Wachstum erreichte 2018 schon 76,2 Prozent. In der Gesamtkonsumstruktur machte der Konsum der Stadtbewohner 2018 rund 70 Prozent aus, was im Vergleich zu 2008 ebenfalls einen großen Fortschritt bedeutet.

 

Das Potenzial der Konsumnachfrage voll ausschöpfen

 

Der tertiäre Sektor und der Bevölkerungskonsum leisten also mittlerweile die größten Beiträge zu Chinas Wirtschaftswachstum, werden aber auch am stärksten von der Coronakrise beeinträchtigt. Vor diesem Hintergrund bildet es einen wichtigen Hebel zur wirtschaftlichen Wiederbelebung, zur Stabilisierung der Beschäftigung sowie auch zur Gewährleistung der Lebenshaltung der Bevölkerung, die Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion im Dienstleistungssektor gezielt zu fördern und den Bevölkerungskonsum zu stimulieren, vorausgesetzt die Epidemie bleibt erfolgreich unter Kontrolle. 

 

Damit die wirtschaftliche Stimulierung gelingt, sind folgende Aspekte wichtig:

Erstens sollte zur Kompensation der Auswirkungen der Epidemie der Konsum gezielt stimuliert werden. Verbraucher tendieren in der Regel ausgehend von ihrem eigenen Bedarf, einschließlich ihrer psychologischen Bedürfnisse, zu einem kompensatorischem Konsum, nachdem die krisenbedingten Konsumeinschränkungen gelockert wurden. Während der Epidemie war der Konsum bestimmter hochwertiger Bedarfsartikel, die sich nur schwer online besorgen lassen, zunächst eingebrochen. Neueste Umfragen zu den Konsumwünschen der Chinesen zeigen, dass Chinas Verbraucher, insbesondere jüngere Menschen, hier ein großes Konsum- und Nachholbedürfnis verspüren.

 

Zweitens sollte auch der alternative Konsum gefördert werden. Wegen der Epidemie ist es sehr schwer, den Bereich der Event-Konsumgüter, die auf Gruppenerlebnissen basieren, wiederzubeleben. Hierzu zählen etwa Tourismus, Kinobesuche oder Unterhaltungsveranstaltungen in größeren Gruppen. Hier gilt es, alternative Konsummodelle zu entwickeln. Nehmen wir etwa den Tourismus als Beispiel: Bei Gruppenreisen stehen in der Regel bekannte Reiseziele im Mittelpunkt des Programms. In Coronazeiten sollten nun Individualreisen statt Massentourismus gefördert werden. Es gilt, passgenau auf die einzelnen Verbraucher zugeschnitte Angebote zu entwickeln, die Unterhaltungs- und Bildungsbedürfnisse in den Vordergrund stellen. Derartige Reiseangebote könnten zu neuen Wachstumstreibern der chinesischen Tourismusbranche werden.

 

Drittens ist es nötig, die Konsumwünsche der Verbraucher gut auszurichten. Vor dem Hintergrund der Epidemie entstehen neue Konsumbedürfnisse etwa in Bereichen wie Gesundheitspflege, Wellness, Fitness, Wohnen und individuelle Mobilität. Diese neuen Bedürfnisse sollten gezielt gefördert und befriedigt werden. 

 

Um die oben genannten neuen Konsumpotentiale zu stimulieren, sollte einerseits der „unsichtbaren Hand“ des Marktes Geltung verschafft werden, andererseits sollte auch die Regierung ihre anleitende Funktion erfüllen. Zum einen sollten Menschen mit niedrigem Einkommen sowie allen stark von der Epidemie betroffenen Personen zur Stärkung ihrer Konsumkraft und -zuversicht Unterhaltszuschüsse gewährt werden. Zum anderen sollte dem Dienstleistungssektor, insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen in diesem Bereich, mit besonderen Hilfeleistungen unter die Arme gegriffen werden. So lässt sich ein Konsumaufschwung sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite vorbereiten. Zeitgleich sollten innovative Geschäftsmodelle im Dienstleistungssektor, insbesondere neue Geschäftsformen im E-Commerce und in den Wohnvierteln, unterstützt werden. Auch gilt es, den Offlinekonsum durch Onlineshopping anzukurbeln und Konsumpotentiale in reale Kaufhandlung umzumünzen. Die chinesische Regierung hat in den hier genannten Bereichen bereits eine Reihe wichtiger Maßnahmen ergriffen und dadurch den Konsum im Land wirksam stimuliert. Die Weichen für den Neustart nach der Epidemie sind also bereits gestellt.

 

*Cai Fang ist Vizepräsident der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. 

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