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Kommt nach der Epidemie die Kauflust? − Wie China in Coronazeiten konsumiert

2020-07-30 14:17:00 Source:China heute Author:
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Ein Plakat in der Beijinger Einkaufsmeile Wangfujing wirbt für digitale Konsumgutscheine, die Verbraucher über die Shopping-App von Jingdong heruntergeladen können. Das Bild entstand am 14. Juni 2020.

 

Von Kang Pu*

 

Seit einiger Zeit ist die Wiederaufnahme von Arbeit und Produktion in China in vollem Gange. Die chinesische Regierung hat verschiedene Fördermaßnahmen auf den Weg gebracht, um den Konsum und die Wirtschaft im Land anzukurbeln, darunter Steuersenkungen, Subventionen und die Vergabe von Konsumgutscheinen. Dadurch konnte Chinas Konsummarkt erfolgreich wiederbelebt werden. Er hat auch in Krisenzeiten starke Belastbarkeit und Vitalität bewiesen. Trotzdem ist auch China in Sachen Corona wirtschaftlich noch lange nicht über den Berg. Der Kampf gegen das Virus geht weiter, was sich in unterschiedlichem Maße auf die Einkommen der Bevölkerung, deren Konsumgewohnheiten und -niveau sowie auch auf die Ressourcenallokation im Land auswirkt. Insbesondere psychologisch hat die Krise ihre Spuren hinterlassen. Das Konsumverhalten der Verbraucher wurde nachhaltig beeinflusst.

 

Aufgestaute Konsumpotentiale freisetzen

 

Vor den Grillständen und Fondue-Restaurants in den engen Gassen Wuhans stehen die Menschen mittlerweile wieder Schlange. Zhao Xinqi, Bewohnerin des einstigen Epizentrums der COVID-19-Epidemie, hat es im wahrsten Sinne des Wortes satt, sich von Lieferbestellungen und Selbstgekochtem zu ernähren. Nach der Aufhebung der Ausgangssperre steuerte sie zielsicher die World City ein beliebtes Einkaufs- und Ausgehviertel der Stadt an, um ihren Hunger auf Delikatessen zu stillen. „Hier bekommt man Fondue, westliche Gerichte, gebratene Sumpfkrebse alles was das Herz begehrt“, schwärmt sie. „Ich habe vieles probiert, und alles war das Feinste vom Feinem.“

 

Jetzt, wo das Land das Coronavirus weitestgehend im Griff hat, bahnen sich bei vielen Menschen über Monate aufgestaute Kauf- und Konsumgelüste ihren Weg. Als erstes spürt die Gastronomie den leichten Aufwind. Getreu dem chinesischen Sinnspruch „Essen ist der Menschen Himmelreich“ schauen Chinesen insbesondere bei der Verköstigung nicht so sehr auf den Geldbeutel. Die Wuhaner, die monatelang die Wohnung hüten mussten, haben sich mittlerweile Corona-Massentests unterzogen, die ihnen heute ein Gefühl der Sicherheit geben. Seither füllen sich die Tische der Restaurants und Garküchen wieder. Und es gibt kulinarisch einiges nachzuholen. Dadurch wird letztlich die ganze Branche wiederbelebt. Xu Ping, Managerin der Wushang-Shoppingmall der Stadt, sagt: „Die Nachfrage ist so groß, dass wir selbst draußen Tische und Stühle platziert haben.“ 

 

Auch der Einzelhandel gewinnt allmählich wieder an Fahrt, nicht nur in Wuhan, sondern auch in anderen chinesischen Metropolen. Dabei werden integrierte Konsumformen von Online und Offline immer attraktiver. An einem Sonntagnachmittag Anfang Juni herrschte in der Fußgängerzone Wangfujing im Zentrum Beijings sichtbarer Trubel. Am 6.6. läuteten die Geschäfte hier eine neue Shoppingsaison ein. Insbesondere der chinesische E-Commerce-Gigant Jingdong mit seinem 618-Shopping Festival war dabei eine treibende Kraft und lockte die Großstädter in die Einkaufsmeile. 



Mitarbeiter einer Onlinehandelsfirma verpacken geröstete Gänseeier, eine lokale Spezialität. Die Firma ist im E-Commerce-Industriepark von Fuyang in der Provinz Anhui angesiedelt. (Foto vom 18. Juni 2020)

 

Dank der Förderung durch verschiedene Seiten erholt sich im Reich der Mitte also auch der Offline-Konsum allmählich wieder von den Spuren der Epidemie. Der Online-Konsum setzt derweil seinen Siegeszug im Land fort. In diesem Jahr konnte Jingdong sogar noch mehr Verbraucher für sein Shopping-Festival rund um den 18. Juni begeistern als noch im vergangenen Jahr. Der 618-Gesamtumsatz des E-Commerce-Riesen verfünffachte sich im Vergleich zu 2019. Mehr als 2000 Markenartikel erreichten eine Umsatzverdoppelung, erklärte das Unternehmen. Mehr als 3000 Markenartikel fuhren zwischen dem 1. und 17. Juni demnach Umsätze von jeweils mehr als einer Million Yuan ein. 

 

„Die Epidemie hat noch mehr Verbraucher auf den Geschmack des Onlineshoppings gebracht. Vor allem Onlineshopping per Livestream erlebt in China gerade einen Boom“, erklärt Zhao Ping, Chefin der Forschungsabteilung des Rates der Chinesischen Akademie zur Förderung des internationalen Handels (Academy of China Council for the Promotion of International Trade). Bei den Livestreaming-Formaten gehe es längst nicht nur darum, einzelne Waren zu vermarkten, sondern auch um die Förderung der Tourismusbranche sowie von Dienstleistungen wie etwa Fitnesstraining. Chinas Online-Dienstleistungssektor entwickele sich rasant und dieser Trend werde sich in naher Zukunft weiter fortsetzen, prognostiziert die Expertin.

 

Neben dem Markt für Bedarfs- und allgemeine Verbrauchsartikel scheint sich auch das Luxussegment allmählich wieder zu erholen. Laut Statistiken des Shanghaier High-End-Konsumtempels L'Avenue gehen seit April wieder vermehrt international bekannte Markenartikel über die Landetheken. Louis Vuitton, Van Cleef & Arpels und Dior freuten sich über Umsatzzuwächse von 25, 57 bzw. 112 Prozent. Auch andere bekannte Marken wie Fendi, Bvlgari und Prada berichten von Umsatzsteigerungen im Vergleich zur Vorjahrsperiode.  

 

Zu verdanken ist diese schnelle Erholung insbesondere Chinas gezielten Maßnahmen zur sogenannten Sechsfachen Stabilisierung. Sie haben die politischen Weichen für den raschen Aufschwung gestellt. Gemeint ist hier die Stabilisierung von Beschäftigung, Finanzwesen, Außenhandel, auswärtigen und heimischen Investitionen sowie der allgemeinen wirtschaftlichen Erwartungen. Dieses Programm sorgt dafür, dass sich China anschickt, als Vorreiter bei der Überwindung der Coronakrise hervorzugehen. „Hinzu kommt, dass sich die Einkommenserwartungen weiter verbessern. Dadurch wird der Konsummarkt weiter einen rasanten Aufschwung nehmen“, ist sich Chefforscherin Zhao sicher.

 

Mit jedem Cent rechnen zur Verbesserung des Lebensstandards

 

Lu Hong arbeitet als Security-Mitarbeiter bei einem Unternehmen in der Provinz Henan. Die Frau des 34-Jährigen ist bei einer Wohnungsvermittlungsfirma tätig. Früher konnte das Ehepaar jeden Monat etwas Geld zurücklegen. Dann brachte die COVID-19-Epidemie ihre Arbeitgeber in Schwierigkeiten und die Einkommen des Ehepaars sanken. Doch die Rechnungen für Wohnungskredite, Parkplatzmiete, Autoversicherung, Schulgebühren und Nachhilfeunterricht müssen weiter bezahlt werden. Die junge Familie hat mittlerweile Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen.

 

„Das Finanzielle bereitet mir schon Sorgen, aber ich möchte unserer Familie keine übermäßigen Entbehrungen auferlegen“, sagt Familienvater Lu. Das Ehepaar versucht deshalb auf verschiedenstem Weg, klug zu sparen und alle Gelder möglichst zweckmäßig zu verwenden. Die beiden vergleichen etwa akribisch die Preise der verschiedenen Einkaufs-APP, das reicht nicht selten bis hin zu den Kosten pro Gramm. Sie haben ihre Handy-Flatrate gesenkt, halten nach Einkaufsgutscheinen und Sonderangeboten Ausschau und nutzen Tankrabatte. Außerdem hat das Ehepaar über Social Media gelernt, einige Gebrauchsartikel selbst herzustellen. Kaffeekonsum etwa ist ein gutes Beispiel für sparsames, aber genussvolles Haushalten. Vor kurzem haben sich Lu und seine Frau eine Kaffeemaschine angeschafft und Kaffeebohnen gekauft. Diese werden nun zu Hause geröstet und gemahlen. So schlägt der Kaffeegenuss jetzt nur noch mit weniger als 100 Yuan monatlich zu Buche.

 

„Größere Anschaffungen sind zwar momentan nicht drin, aber auch kleine Dinge können zum Glücksgefühl betragen“, sagt Lu. Genauso wie der 34-Jährige Familienvater überdenken auch viele jüngere Menschen angesichts der Coronakrise ihre Konsumeinstellung und ihr Kaufverhalten und entdecken neue Freude am sparsamen Haushalten. 

 

Für die pragmatischen Verbraucher steht das Preis-Leistungs-Verhältnis natürlich stets an erster Stelle. Sie bevorzugen deshalb zunehmend auch preiswerte und hochwertige einheimische Produkte. Zhou Li, ein junger Familienvater der Post-90er-Generation, sagt: „Chinesische Produkte, warum nicht? Viele Waren der internationalen Nobelmarken werden letztlich auch in China hergestellt. Selbst auf importiertes Milchpulver für unser Baby verzichten wir.“ Zhous Einstellung ist heute typisch für die meisten chinesischen Verbraucher. Laut einem Bericht von AliResearch über die Entwicklung chinesischer Markenartikel waren im vorigen Jahr 80 Prozent der Waren in Chinas Einkaufswagen heimische Produkte. 

 

Expertin Zhao weist derweil darauf hin, dass sich das Konsumverhalten der Chinesen in Zeiten von Corona rationeller gestalte, zumal das gute Preis-Leistungs-Verhältnis heimischer Produkte vielen chinesischen Herstellern in die Hände spiele. Und auch die Verbraucher profitierten letztlich von der Entwicklung. „Diese Anziehungskraft chinesischer Produkte wird sich ich im Laufe der Zeit sicher noch verstärken. Der Trend dürfte sich also insgesamt fortsetzen“, sagt Zhao. 

 

Wang Shiwen, die nach 1995 geboren wurde und in Beijing lebt, sagt: „Zu lange habe ich in den vergangen Monaten zu Hause hocken müssen. Jetzt, wo sich die Lage verbessert hat, möchte ich mir etwas Schönes gönnen. Durch Ausflüge möchte ich neue Dinge kennen lernen.“ Wang fährt hierfür am Wochenende ins Grüne. Auf ihren Erkundungstouren in die Beijinger Vorstadt hat sie Sehenswürdigkeiten wie das Mutianyu-Teilstück der Großen Mauer, den Nationalen Waldpark im Westgebirge und die historische Gemeinde Gubeishui für sich entdeckt. 

 

Geld wirft sie dabei keineswegs zum Fenster hinaus. Wang erstellt stets einen sorgfältigen Plan, vergleicht die Hotelangebote und wählt die günstigste Verkehrsverbindung. „Für ein- oder zweitätige Ausflüge nehme ich mit meinen Freunden manchmal den Bus oder chartere ein Taxi. Die Gesamtkosten liegen bei 300 bis 500 Yuan. Wir genießen vor allem die psychische Auszeit in üppigem Grün und lassen bei unseren  Ausflügen die Seele baumeln“, erzählt sie. 

 

Forscherin Zhao sagt: „Die rasche Wiederbelebung des Dienstleistungssektors zeigt, dass das Niveau des chinesischen Konsums gestiegen ist. Diese Wirtschaftsbranche wurde am härtesten und längsten von der Epidemie gebeutelt. Aus diesem Grund nimmt diese Branche nun eine derart rasante Entwicklung, seit die Epidemie in China unter Kontrolle gebracht wurde.“

 

Vorsorgebewusstsein und umsichtige Geldanlage

 

Shopping-Festivals wie das 618-Fest sind wichtige Großevents für die Verbraucher. Um möglichst viel Kundschaft anzulocken, setzen die großen E-Commerce-Plattformen die Konsumschwellen weiter herab. Bei Jingdong beispielsweise können Kunden ihre Waren in 24 zinslosen Monatsraten abstottern. Alibabas TMALL lockt seine Kundschaft mit einem Sechs-Raten-Angebot, wobei die letzte Rate erlassen wird. Doch trotz solcher Lockangebote blieb das Verbraucherinteresse im Vergleich zum geschäftigen Treiben im Vorjahr letztlich doch eher verhalten.

 

Hou Zifan, auch er Angehöriger der Post-90er-Gneration, arbeitet bei einer Baufirma in Shijiazhuang, der Hauptstadt der Provinz Hebei. Seine Firma hat die Arbeit und Produktion bereits wieder aufgenommen. Doch durch die Erlebnisse der vorangegangenen Monate hat Hou heute ein stärkeres Vorsorgebewusstsein entwickelt. „Im vorigen Jahr habe ich zwei Monatslöhne auf den Kopf gehauen, um mir ein neues Handy zu kaufen, und es sind noch nicht alle Raten abgezahlt. In den ersten Monaten nach dem Ausbruch der Epidemie erhielt ich dann nur noch einen verminderten Monatslohn von 1500 Yuan, mit dem ich leben und die verbleibenden Handyraten abbezahlen musste. Es war schwer, damit auszukommen“, erzählt der junge Mann. Mittlerweile habe er es sich zur guten Gewohnheit gemacht, über die täglichen Ausgaben Buch zu führen. „Eigentlich wollte ich mir im Rahmen des 618-Shoppingfestivals eine Kamera kaufen. Aber mir ist es momentan einfach wichtiger, etwas Geld auf die hohe Kante zu legen“, sagt er.

 

Hous Sinneswandel ist kein Einzelfall. Im Vergleich zu früher, als auch viele Chinesen gerne das eine oder andere auf Pump kauften, tendieren die Menschen heute stärker zum Sparen. Das zeigt auch eine Umfrage unter Sparern in Stadt und Land im ersten Quartal 2020, die am 28. April von der chinesischen Volksbank veröffentlicht wurde. Darin gaben 53 Prozent der Befragten an, mehr Geld zurücklegen zu wollen, 7,3 Prozent mehr als noch im Vorjahresquartal. Auch die allgemeinen Statistiken der Bank zum Sparverhalten untermauern dieses Ergebnis. Demnach stieg das Gesamtsparvermögen in RMB im ersten Quartal 2020 landesweit um 8,07 Billionen Yuan. 

 

Die Leute sparen mehr und obendrauf kommt noch die übliche Gehaltsprämie zum Jahresende, die viele Chinesen in diesem Jahr nicht ausgegeben haben. Der Grund auch hierfür liegt im gestiegenen Vorsorgebewusstsein der Chinesen angesichts der weltweiten Pandemie. 

 

Neben traditionellen Spareinlagen legen Chinesen jüngeren und mittleren Alters ihr Geld auch in verschiedenen anderen Formen an. „Spareinlagen haben zwar ein geringeres Risiko, bringen aber auch nur eine niedrige Rendite“, sagt Wang Yu, eine junge Mitarbeiterin bei einer Beijinger Pharmafirma. Sie ist erst seit einem Jahr berufstätig. Früher habe sie keinen Cent zurückgelegt und ein „armes, aber feines Leben geführt“, wie sie sagt. Corona habe nun die Karriereleiter in der Firma erst einmal auf Eis gelegt und der jungen Frau bei der erhofften Gehaltserhöhung einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Ein Jobwechsel würde die Situation auch nicht besser machen. Bei einem anderen Arbeitgeber hätte ich bei meiner derzeitigen Rangstufe auch kein Gehaltsplus zu erwarten. Es heißt also erst einmal abwarten,“ sagt sie. „Insgesamt gesehen aber, habe ich noch immer eine vielversprechende berufliche Perspektive“, findet sie. Zudem gebe es viele Wege, Geld zu sparen, etwa über Aktien, Fonds, Schuldverschreibungen und Spareilagen. „Man darf nicht alle Eier in einen Korb legen“, betont sie und lacht.

 

Expertin Zhao allerdings gibt zu bedenken, dass die Risiken verschiedener Investitionsformen derzeit stiegen, da sich die Schwankungen auf dem Kapitalmarkt verstärkten. „Aber viele Menschen haben ihr Risikobewusstsein erhöht, insbesondere Investoren, die Risiken scheuen, zeigen jetzt zunehmend Interesse an Investitionen mit niedrigem Risiko“, sagt sie. 

 

Der Security-Mittarbeiter Lu und seine Frau verdienen zwar nicht viel, auch sie aber haben ein Auge auf Geldanlagen. Durch die Coronakrise schenken sie heute dem Thema Gesundheit größere Aufmerksamkeit. Familienvater Lu sagt: „Was ist wichtig, nachdem der Alltag zur Normalität zurückgekehrt ist? Ich denke, es ist die Gesundheit! Ich habe die ganze Familie zu versorgen und darf deshalb nicht krank werden. Zurzeit erwäge ich deshalb, eine Lebensversicherung für die ganze Familie abzuschließen.“

 

Expertin Zhao rät: „Man sollte sowohl bei der Allokation von Produktionsfaktoren als auch bei der Konsumption stets von den eigenen finanziellen Verhältnissen und Einnahmen ausgehen. Bei der Verwirklichung des Wunsches nach einem schönen Leben sollten große finanzielle Belastungen vermieden werden. Und bei kleinen Einkaufen und größeren Anschaffungen sollte man stets das Preis-Leistungs-Verhältnis im Auge behalten, um sich als cleverer Verbraucher zu beweisen.“

 

*Kang Pu ist Journalist der Überseeausgabe der „Renmin Ribao“ (Volkszeitung). 

    

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