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Blaubeeren und Bankettregeln: Wie in den Bergen Sichuans die Armut schwindet

2020-09-29 12:49:00 Source:China heute Author:
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Auf dem Spielplatz des neuen Wohnviertels Mu’endi des Kreises Zhaojue, der zum Bezirk Liangshan der Yi-Nationalität in Sichuan gehört. Unser Bild entstand am 22. August 2020. (Foto: Dong Ning)

 

Von Wen Qing*

 

Als wir am Nachmittag des 22. August 2020 das Wohnviertel Mu’endi im Kreis Zhaojue, der zum Bezirk Liangshan der Yi-Nationalität in Sichuan gehört, betreten, fallen uns direkt die nagelneuen Wohnhäuser im traditionellen Yi-Baustil ins Auge. Davor und dahinter sind Gemüsegärten angelegt, in denen reife Gurken und Tomaten an den Ranken hängen. Im Herzen des Wohnviertels liegt ein breiter Platz, auf dem die Dorfältesten in der Sonne sitzen und plaudern. Immer wieder ertönt heiteres Lachen. An einem kleinen Kiosk am Rande des Dorfplatzes tauschen Kinder kichernd ihr Taschengeld in Bonbons ein. 

 

Wir befinden uns in einem von mehreren neuen Siedlungsgebieten dieses Bezirks der Yi. Eigentlich finden sich hier einige der ärmsten Gegenden Chinas - Gebieten, in denen die Armut noch immer nicht vollständig besiegt werden konnte. Die Armutsüberwindung gestaltet sich hier besonders schwierig. Es mangelt zum Beispiel noch immer an Verkehrswegen, welche die Gegenden mit der Außenwelt verbinden. Hinzu kommen raue Naturbedingungen und ein Mangel an natürlichen Ressourcen, was es den Einheimischen schwer macht, sich aus eigener Kraft zu ernähren. Viele kleine Dörfer haben keine Zukunftsperspektive, weshalb der Schlüssel zur Armutsüberwindung andernorts liegt - durch Umsiedlung. 

 

„Reibungsloser Auszug und stabile Ansiedlung“ lautet das Prinzip, unter dem die Lokalregierung das Projekt vorantreibt. Parallel dazu wird auch die industrielle Entwicklung massiv gefördert, um durch effektive Beschäftigungsförderung nachhaltige Erfolg bei der Armutsüberwindung sicherzustellen. In den letzten Jahren wurden nicht nur die Infrastruktur und andere Einrichtungen ständig verbessert, auch unzeitgemäßen Anschauungen und Konzepten will man beikommen, um so auch einen Wandel in den Köpfen herbeizuführen. Und tatsächlich hat hier seit einiger Zeit in aller Stille ein Umdenken eingesetzt. Im Zusammenhang damit haben sich neue Lebensgewohnheiten entwickelt. Auch das Antlitz des Mu’endi ist letztlich Spiegel auch dieses inneren Wandels, nicht nur des äußeren.

 

Raus aus den Armutsdörfern, rein in ein neues Leben

 


 

Internetstar dank Kletterkunst: Maose Labo auf dem Weg zurück in sein ehemaliges Wohnhaus im „Felsendorf“. (Foto: Wen Qing)


Das Siedlungsgebiet Mu’endi ist mit über 1400 Haushalten und rund 6300 Einwohnern eines der größten Siedlungsgebiete der Gegend. Einer der Einheimischen, der 26-jährige Maose Labo, ist im Ort eine kleine Berühmtheit, denn er hat sich zu einem Internetstar gemausert. Im Mai dieses Jahres bezog der junge Mann gemeinsam mit Frau und Eltern sowie den gemeinsamen drei Kindern ein nagelneues Haus. Seine frühere Bleibe lag im Dorf Atulieer, ein Ort mit ursprünglich rund einhundert Haushalten. Der Ort ist in der Region als „Felsendorf“ bekannt. 

 

Atulieer liegt an einem Berghang auf rund 1400 Metern Höhe. Eine aus Rotang geflochtene Leiter bildete einst den einzigen Verbindungsweg zur Außenwelt. Damals dauerte es mehr als zwei Stunden, bis die örtlichen Schulkinder vom Fuße des Berges über die schmalen Wege entlang der Felsen und über die lange Leiter die nahegelegene Schule erreichen konnten. 

 

Schon im Alter von vier Jahren hatte auch Maose Labogelernt, auf der wackeligen Leiter zu klettern. Auch an den Felswänden kraxelte er schon bald mit einigem Geschick. Dass ihm diese Fertigkeit einmal einige Berühmtheit einbringen sollte, ahnte er damals noch nicht. Vor kurzem hat der junge Mann auf der Kurzvideo-Plattform TikTok einen Account unter dem Namen „an den Felsen fliegender Bola“ eröffnet. Seine Kletterkünste bescherten ihm zigtausende Follower.

 

Die Bewohner des Felsendorfs lebten lange überwiegend von selbst angebautem Mais und Kartoffeln. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag nur bei einigen Tausend Yuan und damit unter der Armutsgrenze. Warum aber haben die Yi überhaupt einen derart abgelegenen Ort als Heimat gewählt? 

 

„Das lag vor allem an den Kriegswirren der Vergangenheit“, erklärt Jise Fangsen, der Vizevorsteher der Kreisverwaltung Zhaojue. Verschiedene Stämme der Ethnie hätten einander damals heftig bekriegt. Die Vorfahren der heutigen Dorfbewohner wählten deshalb ein schwer zugängliches und damit gut geschütztes Areal an einer Felsenwand, um sich niederzulassen. „Das Gute an diesem Standort war, dass er nur schwer angegriffen, aber leicht verteidigt werden konnte. Daneben kam die Höhenlage der Landwirtschaft entgegen. So konnten sich die Einheimischen autark versorgen. Viele fühlten sich an das in der klassischen chinesischen Literatur beschriebene ,Elysium der Pfirsichblütenquellenʼ erinnert“, sagt der Lokalfunktionär. „Das mag zwar romantisch klingen, doch in Friedenszeiten war das Dorf durch seine Lage von der rasanten Entwicklung der Außenwelt abgekoppelt“, fügt er hinzu. 

 

Um den Dorfbewohnern den Anschluss an die Entwicklung zu ermöglichen, tauschte die Kreisverwaltung zunächst die alte Rotan-Leiter durch eine moderne, auf ein stählernes Gerüst gestützte Leiter aus. Gleichzeitig begann man, die Ärmsten im Dorf umzusiedeln. Wer nicht akut armutsgefährdet war, dem wurde geholfen, lokalen Tourismus zu entwickeln und moderne Landwirtschaft zu betreiben.

 

Im Mai dieses Jahres zogen also 84 der einst armen Haushalte des Dorfes nach Mu’endi,darunter auch Maose Labo und seine Familie. „Früher lebten wir in einem einfachen Lehmhaus, in dem es dunkel und feucht war. Jetzt haben wir ein geräumiges neues Haus zugeteilt bekommen, das hell und möbliert ist. Dafür haben wir lediglich 10.000 Yuan gezahlt. Auf eigene Faust hätten wir uns eine derartige Immobilie so schnell nicht leisten können. Das hätte Jahre gedauert“, sagt der 26-Jährige. 

 

Um den Alltag der Umsiedler möglichst annehmlich zu gestalten, baute die Verwaltung des Wohnviertels außerdem kleine Supermärkte sowie Einrichtungen für Senioren und Kinder. Eine Schule, ein Beschäftigungszentrum sowie eine Klinik für Schwangere und Kleinkinder in der Umgebung sowie weitere infrastrukturelle Einrichtungen befinden sich gerade im Bau. 

 

„Das Leben hier ist sicherlich etwas teurer als im Dorf, was auch sicher einer der Gründe ist, warum einige unserer Nachbarn nicht hierher umsiedeln wollten“, sagt Labo. „Die Lokalregierung hat in der Vergangenheit mehrmals mit uns gesprochen, um uns zum Wohnortswechsel zu bewegen, aber einige Dorfbewohner wollten einfach nicht weg. Doch ich denke, man muss sich stets auf das Positive konzentrieren. Das moderne Wohnviertel bietet uns viele Vorteile, zum Beispiel günstige Verkehrsverbindungen und eine bessere medizinische Versorgung. Hinzu kommt, dass unsere Kinder bessere Schulen besuchen können. Dieser Faktor war letztlich für uns ausschlaggebend“, so der dreifache Familienvater. 

 

Labo arbeitet heute als Reiseführer und verdient so monatlich 3000 bis 4000 Yuan. Er hofft, dass der Dorftourismus vor einer großen Zukunft steht und bald noch mehr Touristen in die Gegend kommen. Außerdem plant der junge Mann, lokale Erzeugnisse per Livestreaming zu verkaufen, um mehr heimische Agrarprodukte an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

 

Das Felsendorf stellt eine Miniatur der großen Veränderungen dar, die sich derzeit in der Bergregion Liangshan vollziehen. Liangshan gehört zu den sogenannten „drei Regionen und drei Verwaltungsbezirken“. Die „drei Regionen“ bezeichnen das Autonome Gebiet Tibet, vier im Süden Xinjiangs befindliche Bezirke und die Siedlungsgebiete der Tibeter in vier Provinzen. Die „drei Verwaltungsbezirke“ bezeichnen die Autonomen Bezirke Linxia in Gansu, Liangshan in Sichuan und Nujiang in Yunnan. Gemeinsam bilden sie den Schwerpunkt der landesweiten Armutsüberwindung.

 

Der Bezirk Liangshan liegt im Hengduan-Gebirge und damit in einer Erdbebenzone. Größere und kleinere Flüsse durchziehen die Landschaft. Die Berghänge sind steil und die Täler tief. Die Dörfer sind hier einzeln wie kleine Perlen über das Areal verstreut. „Bedingt durch die komplizierte geographische Lage und die geologischen Voraussetzungen haben sich Verkehr und Transport hier nur sehr langsam entwickelt und die Kosten des Straßenverkehrs sind enorm. Manchen Dörfern fehlen gar die Grundvoraussetzungen für den Straßenbau“, erklärt uns Gong Ping, der Direktor des Amts für Transport und Verkehr des Bezirks. Für die von der Außenwelt völlig abgeschotteten Dörfer bilde die Umsiedlung den gangbarsten Weg aus der Armut, sagt der Verkehrsexperte. Bis heute wurden in Liangshan insgesamt 74.400 Haushalte mit 353.200 Bewohnern zum Zweck der Armutsüberwindung umgesiedelt. In ihrer neuen Heimat beginnt für die Menschen auch ein völlig neues Leben.

 

Blau- und Erdbeerplantagen als Weg aus der Armut

 


Bäuerinnen bei der Erdbeerernte in Jiuru Ende August: Die Plantage wurde 2019 angelegt. Mittlerweile ist der Erdbeeranbau zur Haupteinkommensquelle für viele ehemals arme Familien geworden. (Foto: Dong Ning)


Der Einzug in ein neues Wohnhaus ist nur der Start für ein neues Leben. Viele Einheimische hier wissen: Ein neues Wohnhaus zu beziehen, zeigt letztlich nur das Äußere. Das Substantielle liegt in der industriellen Entwicklung und im finanziellen Aufstieg durch Einkommenssteigerung.

 

Am Nachmittag des 23. August besichtigten wir die örtlichen groß angelegten Plantagen zum Anbau von Blaubeeren. Uns weht ein sanfter Wind um die Nase und die Landwirte haben alle Hände voll zu tun. Einige jäten Unkraut, andere bewässern die Felder. Unter den Arbeitern ist auch die 70-jährige Ciqumo Laza, ebenfalls eine Angehörige der Yi. „Ich verdiene hier pro Tag 80 Yuan, monatlich komme ich so auf mehr als 2000 Yuan. Damit bin ich zufrieden“, sagt sie. Als Seniorin bezieht sie zudem eine staatliche Grundrente. Doch sie fühle sich noch fit und möge die Arbeit auf der Blaubeerenplantage. Mit ihrem Lohn bessere sie den Lebensunterhalt der Familie auf, erklärt sie stolz.

 

Der Kreis Butuo ist ein Armutskreis in der hiesigen Bergregion, der dieses Etikett noch nicht abstreifen konnte. Von alters her bauten die Einheimischen hier eigentlich nur Buchweizen und Kartoffeln an. Da diese beiden Feldfrüchte in der Gegend allerdings sehr verbreitet sind, ist die Wertschöpfung gering. So rackerten sich viele Bauern lange für wenig Geld ab. 

 

Dann wurden Funktionäre zur Armutsüberwindung in den Armutskreis entsandt. Shang Zhaoyang ist einer davon. Er stammt aus der Stadt Jiangzou, die der Stadt Mianyang untersteht. Heute fungiert er als Vizedirektor des Büros des Handelsamtes des Kreises Butuo. „Unsere Untersuchungen haben damals ergeben, dass die hiesigen Klimaverhältnisse sich gut für den Anbau von Blaubeeren eignen, welche landesweit einen großen Absatzmarkt haben. So haben wir eine Kooperation mit einem führenden Agrarunternehmen ins Rollen gebracht und im großen Stil entsprechende Anbauflächen angelegt“, so der Funktionär. 

 

„Das Agrarunternehmen schickte uns Fachleute, um den Einheimischen beizubringen, Blaubeeren anzubauen und die Pflanzen richtig zu pflegen. Zudem sicherte uns die Firma eine Ernte von 1000 Kilogramm Blaubeeren pro Mu (1 Mu = 1/15 Hektar) und einen Ankaufspreis von 10 Yuan pro Kilogramm zu. Das bedeutet, dass pro Mu Blaubeeren zu einem Preis von 10.000 Yuan angekauft werden. Dadurch wurde das Risiko des Anbaus für uns hier erheblich gesenkt“, betont der Funktionär. Die einheimischen Bauern könnten heute auf drei Wegen ihr Einkommen erhöhen: erstens durch die Übertragung des Bewirtschaftungsrechts ihrer Böden, zweitens durch eigene Arbeit auf der Plantage und drittens durch Gewinnbeteiligung. Dazu sagt die 70-jährige Ciqumo Laza: „Im Vergleich zum früheren Kartoffelanbau ist unser Einkommen wirklich erheblich gestiegen.“

 

Shang sagt: „In Zukunft wollen wir zudem Kühllager errichten, um die Produktions- und Wertschöpfungskette weiter zu verlängern. Dadurch können die Bauern noch mehr vom Blaubeerenanbau profitieren“, so seine Vision.

 

Teil der modernen Landwirtschaftsentwicklung der Gegend ist auch der Erdbeeranbau im Kreis Zhaojue. Hier befindet sich die Erdbeerenplantage Jiuru, die im Jahr 2019 angelegt wurde. Heute verfügt sie bereits über einen beachtlichen Umfang. Das Projekt ist mit Unterstützung der südostchinesischen Stadt Foshan entstanden. 

 

Zum Anlegen der Plantage haben die Einheimischen Bodenbewirtschaftungsrechte von 1800 Mu übertragen. Bis Ende 2020 soll die Fläche auf 3000 Mu steigen. 

 

Hier werden so genannte Sommererdbeeren angebaut. Zhang Dexian, Generaldirektor der Jiuru GmbH für Bio-Agrarwissenschaft und -technik, erklärt: „Da sich Erdbeeren schlecht lagern lassen, werden in China eigentlich hauptsächlich Wintererdbeeren angepflanzt. Doch in Metropolen wie Beijing und Shanghai gibt es eine große Nachfrage nach den besonders schmackhaften Sommererdbeeren.“ Aus seiner Sicht besitzt die Erdbeerplantage Jiuru rosige Entwicklungsperspektiven. In den fünf Monaten von August bis Dezember 2019 gab es hier 20.000 Arbeitseinsätze, was für Beschäftigung gesorgt hat. Das Pro-Kopf-Einkommen lag bei rund 9000 Yuan. 

 

Um die Eigeninitiative der heimischen Bauern zu steigern und Vorreiter auf dem Weg zum finanziellen Aufstieg heranzubilden, hat die Firma spezielle Vergünstigungsmaßnahmen eingeführt. „Einigen besonders engagierten Landwirten stellen wir Gewächshäuser, Elektrizität, Strom und Know-how gratis zur Verfügung und lassen ihnen freie Hand bei der Bewirtschaftung. Nach der Ernte kaufen wir die Erdbeeren dann zum vereinbarten Preis an. Das bedeutet für die Bauern, dass sie keine Investitionen tätigen müssen und allein durch ihre Arbeit Profite erzielen“, so der Agrarmanager. Das Wachstum von Sommererdbeeren beansprucht zehn Monate, Aufzucht und Ernte sind aufwendig. In Zukunft werde die Firma von daher wohl noch mehr Arbeitsplätze in der Region schaffen, was eine Win-win-Zusammenarbeit zwischen Bauern und Unternehmen ermögliche.

 

Auch die Lebensweise wandelt sich

 

Durch Umsiedlung und industrielle Entwicklung werden die armen Dorfbewohner jedoch lediglich in materieller Hinsicht aus der Armut geholt. Doch in vielen Orten in der Bergregion Liangshan ist die Armut tief verankert, auch in den Köpfen. Viele halten an alten Gewohnheiten fest und denken nicht daran, vorwärtszuschreiten. Beispielsweise versuchen die Menschen hier auf dem Land, sich bei Hochzeits- und Trauerfeiern durch aufwendige Bankette und Feierlichkeiten zu übertrumpfen. Hier ein Umdenken einzuleiten, bildet ebenfalls eine harte Nuss, die es bei der Armutsüberwindung zu knacken gilt. 

 

Bajiu Ertie ist der Parteisekretär des Dorfs Xiaoshan des Kreises Xide. Im November 2015 verstarb sein Vater. Nach den alten Yi-Sitten müssen bei der Trauerfeier viele Knaller mit ordentlich Getöse gezündet und es muss ein großes Bankett mit üppigen Fleischgerichten gegeben werden, um dem Verstorbenen und allen Gästen der Trauerfeier den nötigen Respekt zu erweisen. „Dafür müssen viele Schafe und Rinder geschlachtet werden. Je mehr Tiere geschlachtet und je mehr Knaller gezündet werden, umso mehr Gesicht hat der Gastgeber“, erklärt der Dorfparteifunktionär das Denken der Menschen. „In einem Nachbarkreis soll es sogar so weit gekommen sein, dass man Häuser und Grundstücke verkauft und mehr als 50 Rinder geschlachtet hat, um mit einer möglichst großen Trauerfeier aufwarten zu können“, sagt er mit Kopfschütteln.

 

Die unzeitgemäße Tradition, sich bei Hochzeits- und Trauerfeierlichkeiten gegenseitig zu übertrumpfen, ist bei Einheimischen tief verwurzelt. Oft wurden dutzende Rinder geschlachtet. Entweder bringen die Gäste hier nämlich Rinder mit oder überreichen dem Gastgeber gleichwertige Geschenke. Dies bildet eine große finanzielle Belastung für alle Beteiligten. 

 

Der Parteisekretär Bajiu Ertie beschloss, mit gutem Beispiel voranzugehen und dieser Unsitte ein Ende zu setzen. Bei einer Trauerfeier in seiner Familie gab es weder tosende Knallerei noch wurden viele Rinder geschlachtet. Auf die traditionellen Fleischgerichte, bei denen die Fleischstücke schon mal 150 Gramm wiegen, warteten die Gäste bei ihm vergeblich. „Wir haben stattdessen viele leckere Gerichte mit einfachem Geschnetzelten auf den Tisch gebracht. Das ist viel sparsamer“, erzählt der Parteifunktionär.

 

Wie erwartet stieß sein Reformplan auf wenig Gegenliebe bei seinen Geschwistern. Auch andere Verwandte und die Nachbarn zeigten sich nicht einverstanden. Bajiu Ertie erklärte seinen Kritikern jedoch die Wichtigkeit der Reform und bot zudem an, allein sämtliche Kosten zu tragen. Unter seiner Federführung wurde die Trauerfeier schließlich in verkleinerter Form über die Bühne gebracht. Insgesamt kostete das Ganze nur rund 40.000 Yuan, einschließlich dreier geschlachteter Rinder. „Im Vergleich zu Festen in der Vergangenheit, für die teils Hunderttausende Yuan aufgebracht und Dutzende Rinder geschlachtet werden mussten, war unsere Trauerfeier wirklich sehr sparsam“, sagt der Funktionär. „Andere Dorfbewohner folgten letztlich unserem Beispiel.“ Heute gehören verschwenderische Bankette so gut wie der Vergangenheit an.

 

Letztlich war es auch nicht im Interesse der meisten Yi-Familien, derart ausladende Feste zu organisieren. Doch wollte man in der Gemeinschaft sein Gesicht wahren, so sah man sich quasi gezwungen, nachzuziehen und letztlich Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Es war ein Teufelskreis. Die Initiative des Dorfparteifunktionärs kam gerade zur rechten Zeit und bietet den Dorfbewohnern nun einen Lösungsweg. 

 

Heute werden neue Sitten und Bräuche wie dieser bewusst gefördert. Viele Kreis- und Gemeindeverwaltungen erließen einen Verhaltenskodex als Richtschnur für Landbewohner oder gaben kommunale Vereinbarungen heraus. Das Dorfkomitee Ahou beispielsweise erließ eigens eine Vereinbarung über Hochzeits- und Trauerfeiern. Darin ist vorgesehen, auf Protzerei und gegenseitiges Übertrumpfen zu verzichten und stattdessen die Tugend der Sparsamkeit zu fördern. Dazu zählt auch, seinen Gästen Geschnetzeltes statt große Portionen Fleisch bei Banketten zu servieren. Um die Einhaltung der neuen Regeln sicherzustellen, wurden einige pflichtbewusste und angesehene Dorfbewohner als Aufsichtspersonen ausgewählt. Sie sollten zudem mit gutem Beispiel vorangehen. Wer gegen die Vereinbarungen verstößt, dem werden gemeinnützige Vorteile verwehrt.

 

„Heute gibt es kein Wetteifern mehr um die Zahl der geschlachteten Rinder und Schafe. Stattdessen vergleichen sich die Menschen jetzt über die Schulleistungen ihrer Kinder oder das Geld, das sie bei ihrer Arbeit in den Städten erwirtschafteten. Derartigen Wettbewerb befürworten und fördern wir“, sagt der Dorfparteifunktionär. „Er hilft nämlich dabei, alle Dorfbewohner schrittweise zu Wohlstand zu führen.“ Und das ist letztlich das Ziel. 

 

*Die Autorin arbeitet als Journalistin bei der „Beijing Review“.

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