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Mehr Teilhabe an der Entwicklung: Chinas ländliche Revitalisierungsstrategie

2018-04-27 11:14:00 Source:China heute Author:
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Von Zhang Lijuan

 

1978 führte China die Reform- und Öffnungspolitik ein. Es war ein Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte der Volksrepublik, der das Land entscheidend prägen sollte. In diesem Februar, 40 Jahre nach Beginn der Reform und Öffnung, veröffentlichte die chinesische Regierung eine Erklärung zum Stand der Umsetzung der ländlichen Revitalisierungsstrategie. Denn trotz der wirtschaftlichen Erfolge der vergangenen vier Jahrzehnte bestehen in China noch immer große Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land sowie einzelnen Regionen. In der genannten Erklärung wird nun ein politischer Fahrplan zur Beschleunigung der Modernisierung der chinesischen Landwirtschaft und der Entwicklung der ländlichen Gebiete abgesteckt. Er soll Chinas ländliche Revitalisierung auf den Weg des Sozialismus chinesischer Prägung führen.

 

In dem Dokument wird die gesamte Partei und die ganze Gesellschaft dazu aufgefordert, noch größere Anstrengungen zu unternehmen, um die umfassende Modernisierung der Landwirtschaft, den umfassenden Fortschritt der ländlichen Gebiete und die umfassende Verbesserung der Lebenssituation der Landwirte zu fördern. Der Plan zum ländlichen Aufschwung zielt dabei nicht nur auf wirtschaftliche Aspekte ab, sondern auch auf alle anderen Bereiche des ländlichen Raums, einschließlich der politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklung.

 

Laut dem Dokument sollen bis zum Jahr 2020 weitere wichtige Fortschritte bei der Wiederbelebung des ländlichen Raums erzielt werden. Der institutionelle Rahmen hierfür sowie auch das politische System sollen Gestalt annehmen. Längerfristig, genau gesagt bis zum Jahr 2035, sollen dann weitere Durchbrüche erreicht werden: Bis dahin soll die umfassende Modernisierung von Landwirtschaft und ländlichem Raum im Wesentlichen verwirklicht worden sein. Bis 2050 wiederum, so der Plan der Regierung, gilt es, die ländliche Revitalisierung abzuschließen. Dann soll China über eine starke Landwirtschaft und eine saubere ländliche Umwelt verfügen und den Landwirten ein wohlhabendes Leben ermöglicht worden sein.



 Mehr Einkünfte dank Onlinehandel: Immer mehr chinesische Landwirte eröffnen Onlineshops

auf Chinas E-Commerce-Plattform Taobao, um ihre Produkte zu vertreiben.


Reform und Öffnung bringen einschneidende Veränderungen

 

Als China Ende der 1970er Jahre die Reform- und Öffnungspolitik einläutete, wurde auch das ländliche Wirtschaftssystem reformiert. Auf der Grundlage des Kollektiveigentums an Boden wurde zunächst das System der vertragsgebundenen Verantwortlichkeit auf Basis einzelner Haushalte eingeführt. China setzte außerdem auf eine Strategie, im Rahmen derer die Industrie die Entwicklung der Landwirtschaft fördern und die Stadt die Entwicklung des ländlichen Raums ankurbeln sollte. Eine Rechnung, die aufging. Die Reformen führten zu einer rasanten Entwicklung von Handel, Industrie und Verkehr im ländlichen Raum.

 

Es vollzogen sich also große Veränderungen auf dem Land. Doch die Entwicklung hatte auch eine Kehrseite: Da nun viele junge Menschen vom Land in die Städte strömten, um dort eine Arbeit zu finden, wurden große Teile des vertraglich gebundenen Ackerlandes nicht mehr ausreichend bewirtschaftet. Die Regierung nahm ihr Vertragsrecht auf das Ackerland jedoch nicht zurück, sondern verlängerte die Gültigkeitsdauer ihrer Verträge. Sie ermutigte die Landwirte, ihr Landbewirtschaftungsrecht an Unternehmen zu übertragen. So bekamen die Bauern die Möglichkeit, zu Landarbeitern und gleichzeitig zu Aktionären zu werden.

 

Der Bericht über die Entwicklung des ländlichen Raums der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften für das Jahr 2017 fasst die drastischen Veränderungen der letzten Jahre in Chinas ländlicher Wirtschaft und Gesellschaft gut zusammen: Regionale Ungleichheiten schrumpfen zunehmend, die Reform des Kollektiveigentums geht geordnet voran, Existenzgründungen in verschiedensten Bereichen werden zahlreicher, neue Industriezweige entstehen, die Geschäftsmodelle und –aktivitäten werden vielfältiger, der Markt für die Übertragung des Landbewirtschaftungsrechtes entwickelt sich rasch, die neuen ländlichen Finanzinstitutionen machen große Fortschritte und auch die Regelungen und Konventionen zur Erledigung öffentlicher Angelegenheiten auf dem Land, die zur Aufrechterhaltung der ländlichen Ordnung und zur Umsetzung der nationalen Politik beitragen, wurden verfeinert. Auch ist es gelungen, große Errungenschaften im Aufbau ländlicher Krankenversicherungen zu erzielen. All dies hat die Grundlage für die Ausarbeitung und Umsetzung des ländlichen Revitalisierungsplans gelegt.

 

Entwicklung einer modernen Landwirtschaft

 

Für die erfolgreiche Entwicklung von Chinas ländlichen Gebieten spielt die Landwirtschaft eine Schlüsselrolle. Deshalb sind die Förderung der Landwirtschaft und das Erzielen von Profiten durch die Landwirte das wichtigste Ziel für eine erfolgreiche Revitalisierung. Chinas Regierung setzt derzeit alle Hebel in Bewegung, um Industrien zu entwickeln, die die Strategie zum ländlichen Aufschwung beflügeln. Hierfür sollen unter anderem Genossenschaften aus privaten Haushalten und Landwirten mit neuen Unternehmen sowie bereits führenden Betrieben zusammenarbeiten, um die industrielle Entwicklung auf dem Land weiter anzukurbeln.

 

Wie dies gelingen kann, zeigt sich etwa am Beispiel des Dorfes Houhou (Stadt Xingyang) in der zentralchinesischen Provinz Henan. 2011 gründeten hier sechs Haushalte und 18 Landwirte gemeinsam eine spezialisierte Genossenschaft für Plantagen mit dem Namen Xintiandi. Darüber hinaus wurden in 50 Dörfern, die der Stadt Xingyang unterstehen, Werkstätten für Faktoren der landwirtschaftlichen Produktion errichtet, um den lokalen Landwirten eine Reihe von Dienstleistungen für den Prozess der Getreideproduktion zur Verfügung zu stellen, darunter etwa die Beschaffung von Kapital, Technologien, landwirtschaftlichen Maschinen sowie Kapazitäten zur Ernte und Lagerung von Getreide. Inzwischen arbeitet man vor Ort mit mehr als 30 Getreidemühlen, 20 Futterfabriken und der Firma Henan Wanxi Pharmaceutical Co., Ltd. zusammen, so dass die Getreideernten rechtzeitig eingefahren und auch abgesetzt werden können.

 

Die Genossenschaft Xintiandi zählt heute mehr als 200 Mitglieder. Unter ihrer Anleitung bauen insgesamt 12.000 Haushalte aus den benachbarten sieben Gemeinden auf 50.000 Mu (15 Mu = 1 Hektar) in einheitlicher Weise Weizen und Mais an. Die Jahresproduktion erreicht nun mehr als 50 Millionen Kilogramm.

 

Oder Blicken wir in die Stadt Tengzhou in der Provinz Shandong: Hier liegt in der Gemeinde Xigang das Dorf Dongwangzhuang, ein Ort, der von der Natur nicht gerade mit den besten Bedingungen für den Ackerbau ausgestattet wurde. Viele der lokalen Bauern zog es deshalb in die Städte, wo sie sich als Wanderarbeiter verdingten, während ihr Ackerland brach lag. Um die lokale landwirtschaftliche Entwicklung wieder anzukurbeln, führte die Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaft Tengzhou ein neues Treuhandmodell für Ackerland ein. Über das neue System konnten die Bauern mit ihren 1050 Mu Ackerland Aktionäre der Genossenschaft werden. Darüber hinaus investierte das Landwirtschaftsservicezentrum Xigang insgesamt 420.000 Yuan in die Genossenschaft. Auch das Dorfkollektiv beteiligt sich mit seinem nicht vertragsgebundenen Kollektivland sowie dem neu hinzugekommenen Ackerland (mit einer Fläche von 61 Mu) und landwirtschaftlichen Anlagen an der Genossenschaft. Für die Landwirte lohnt sich dieser Deal. Sie nehmen jedes Jahr Dividenden in Höhe von 900 bis 1000 Yuan pro Mu ein, das entspricht in etwa 115 bis 130 Euro. Außerdem werden sie als Aktionäre an den Gewinnen beteiligt. Nach der Einführung dieses neuen Systems ist das Jahreseinkommen des Dorfkollektives im Durchschnitt um mehr als 100.000 Yuan (rund 12.800 Euro) gestiegen. Die Landwirte verdienen jedes Jahr rund 2,36 Millionen Yuan (rund 300.000 Euro) mehr als früher.

 

Mittlerweile hat die Regierung das Erfolgsmodell auch in vielen anderen großen Agrarprovinzen eingeführt. Die positiven Effekte zeigen sich deutlich: Nicht nur die landwirtschaftliche Produktion, sondern auch die Einkommen der Landwirte und der Genossenschaft konnten deutlich gesteigert werden.



 

 

Kennerblick: Eine Arbeiterin prüft die Setzlinge einer Orchideenart (dendrobium officinale), die oft in der Traditionellen Chinesischen Medizin zum Einsatz kommt, auf ihre Qualität. Unser Bild entstand am 22. Dezember 2017 in einer Gewächshausanlage im Dorf Dongbei, das zur Stadt Xinghua in der Provinz Jiangsu gehört.


Wichtige Rolle von Wissenschaft und Technologie

 

Dass traditionelle landwirtschaftliche Produkte den Bauern meist nur wenige Gewinne bescheren, ist allgemein bekannt. Daher ist die Steigerung der Wertschöpfung landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch Wissenschaft und Technologie ein wichtiger Weg, um das Einkommen der Landwirte langfristig zu steigern.

 

Li Yusheng, Generalmanager der Firma Hainan Wanzhong Co., Ltd, ist seit 21 Jahren in der Landwirtschaft tätig. Vor rund acht Jahren erfuhr er, dass mehr als 95 Prozent der in China angebauten Ananasfrüchte Bali-Ananas waren. Eine Information, die ihn aufhorchen ließ. Der Unternehmer entschied, sich der Entwicklung der heimischen Ananasindustrie und der Zucht heimischer Sorten zu widmen. Nach vieljährigen Anstrengungen gelang es Lis Team in Zusammenarbeit mit heimischen Universitäten und Hochschulen eine ganze Reihe von Anbautechniken für die neue Sorte Jinboluo („Goldene Ananas“) zu entwickeln, die sämtliche Anbauschritte von der Bewässerung über die Düngung bis zur Setzlingszucht umfassen.  

 

Mit dem Darlehen, das Li von einer landwirtschaftlichen Finanzdienstleistungsplattform gewährt wurde, konnte der Unternehmer sein Unternehmen rasch ausbauen. In nur zwei Jahren wuchs die Anbaufläche für die neue Sorte auf 3000 Mu. Der Umsatz betrug mehr als 50 Millionen Yuan (6,4 Millionen Euro) und der heimische Marktanteil erreichte mehr als 90 Prozent.

 

Mit Lis Ananasbasis als Zentrum wurde in der Inselprovinz Hainan ein neues Industriecluster für den Ananasanbau gebildet. Eine hochwertige Industriekette mit nachhaltiger Entwicklungsperspektive nahm Gestalt an. Allein auf Lis Plantage sind heute mehr als 1000 Arbeiter beschäftigt.

 

Derzeit arbeitet Li daran, seine Plantage an eine nahe gelegene Schnellstraße anzubinden, um so die gesamte Infrastruktur aufzuwerten. Darüber hinaus plant er, eine Fabrik zur Weiterverarbeitung von Ananas zu gründen, womit die Einnahmen aus der landwirtschaftlichen Produktion zusätzlich erhöht und die Integration der Primär-, Sekundär- und Tertiärindustrie in Bezug auf den Ananasanbau im Kreis Ledong gefördert werden sollen.

 

Kong Xiangzhi, Professor an der School of Agricultural Economics and Rural Development der Chinesischen Renmin-Universität, erklärt: „Für den Aufschwung der Landwirtschaft ist es notwendig, die integrative Entwicklung des primären, sekundären und tertiären Sektors zu fördern.“ Dies könne die Landwirtschaft zu einer profitablen Industrie machen und das Einkommen der Bauern erhöhen. „Darüber hinaus wird auf diese Weise der Zusammenhalt der ländlichen Organisationen auf der Basisebene gestärkt und der ländliche Raum kann sich insgesamt zu einem schönen Lebensumfeld für die Bevölkerung entwickeln. So kann es gelingen, die Modernisierung ländlicher Regionen ins neue Zeitalter zu tragen“, so Kong.

 

Industrie fördert die Entwicklung der Landwirtschaft

 

Moderne Landwirtschaft erfordert zwangsläufig eine Integration der Primär-, Sekundär- und Tertiärindustrie. Und moderne ländliche Gebiete werden zweifellos auch eine koordinierte Entwicklung von Stadt und Land mit sich bringen. Aufgrund von Faktoren wie der dualen Struktur und der Preisschere zwischen Stadt und Land haben die ländlichen Gebiete und Bauern letztlich einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen Entwicklung der Städte und des gesamten Staates geleistet. Nun ist es an der Zeit, dass die Städte einen Teil ihrer Wirtschaftskraft in den ländlichen Raum fließen lassen und so einen Teil der Früchte dieser Entwicklung zurückgeben.

 

Wie dies gelingen kann, zeigt der Ort Renlaotun im Kreis Dongming, Provinz Shandong. Renlaotun verfügt traditionell nur über eine schwache industrielle Basis. In den letzten Jahren jedoch wurde die Entwicklung des Dorfes stark von der chinesischen E-Business-Plattform Taobao.com beeinflusst. Der Online-Handel erlebte eine wahre Blüte.

 

Einer, der von dem Boom profitierte und wichtige Pionierarbeit leistete, ist der Landwirt Zhu Yongjin. 2015 begann er erstmals, online selbst gefertigte dekorative Bilder zu verkaufen. Zu seiner Überraschung konnten seine Kunsthandwerksprodukte dank ihres Lokalkolorits bei vielen Kunden im ganzen Land punkten. Angespornt durch diesen Erfolg begann Zhu, eine Reihe weiterer Produkte anzubieten, darunter lokale Brokate, Papierscherenschnitte und auch landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Region. Er wurde der erste Bewohner Renlaotuns, der in den E-Commerce einstieg. Dank seiner großen Anstrengungen wuchs die Zahl der Bestellungen seines Onlineshops stetig und auch die Umsatzzahlen schnellten in die Höhe. 2016 gründete Zhu schließlich seine eigene Firma, Ali E-Business, im Kreis Dongming sowie ein eigenes E-Business-Service-Center und das Express-Service-Center der Gemeinde Dongmingji. Mittlerweile sind zahlreiche Einheimische dem Beispiel Zhus gefolgt. Viele Bauern des Dorfes betreiben heute eigene Onlineshops, insgesamt sind es bereits 72 Geschäfte. 150 Dorfbewohner sind im Onlinegeschäft aktiv und der Jahresumsatz erreicht rund 20 Millionen Yuan, umgerechnet stolze 2,6 Millionen Euro.

 

„Bei der Erforschung des Entwicklungsweges der modernen Landwirtschaft gilt es auf einige zentrale Aspekte zu achten“, gibt Jiang Chun, Parteisekretär der Anhui Agricultural University, zu bedenken. „Erstens müssen die landwirtschaftlichen Technologien verbessert werden, das gilt insbesondere für die Anbautechniken. Zweitens müssen wir die Entwicklung der intelligenten Landwirtschaft fördern. Und drittens spielt eine enge Verbindung der Landwirtschaft mit dem modernen Finanzwesen eine Schlüsselrolle“, so Jiang. „In der Vergangenheit floss das Kapital aus den ländlichen Gebieten meist in die Städte ab. Heute gilt es für Chinas Städte, die Entwicklung des ländlichen Raums aktiv zu fördern. Auch die Industrie sollte die landwirtschaftliche Entwicklung unterstützen, so dass eine koordinierte und ausgewogene Entwicklung von Stadt und Land realisiert werden kann“, fordert er.

 

Wang Julu, Präsident der China Well-off Society Association, erklärt: „Chinas ländliche Revitalisierungsstrategie zielt darauf ab, das Gefälle zwischen Stadt und Land zu verkleinern und die derzeitige Situation zu verändern, dass die landwirtschaftliche Modernisierung hinter der Entwicklung der Industrialisierung, Informatisierung und Urbanisierung zurückbleibt.“ Die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft werde zwangsläufig die integrative Entwicklung von Stadt und Land und die Integration der primären, sekundären und tertiären Industrie fördern, so das Fazit des Experten.

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