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Von Nachtwirtschaft bis Einkaufserlebniswelten: Shanghai auf neuen Konsumwegen

2019-12-30 10:49:00 Source: Author:
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Von Ying Chen*

 

Wir befinden uns in einer großen Ausstellungshalle in der Nanjing West Road Nummer 762. Hier lenkt ein intelligentes, futuristisch anmutendes Terminal die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Es handelt sich um den weltweit ersten Offline-Erlebnis-Store des Automobilherstellers Byton. Im sogenannten Byton Place stellt dieser sein erstes intelligent vernetztes Auto aus, mitten im geschäftigen Zentrum Shanghais auf opulenten 700 Quadratmetern.

 

Der Laden befindet sich in guter Gesellschaft. Auch andere aufstrebende Automobilhersteller wie Tesla und NIO haben erste Erlebnisgeschäfte in der Gegend eröffnet. Hier wird deutlich, dass Shanghai, das größte Wirtschaftszentrum Chinas, sich zu einem neuen Motor der Konsumstimulierung des Landes gemausert hat.

 

„Wir siedeln diese Erlebnisläden in ausgereiften Geschäftsvierteln an und legen großen Wert darauf, den Verbrauchern qualitativ hochwertige Konsumgüter anzubieten. In Sachen Experience-Stores wollen wir Trendsetter sein“, sagt Wang Yan, die stellvertretende Direktorin des Handelsausschusses des Bezirks Jing'an, in dem sich die Läden befinden.

 

Und so ist denn auch das Verkaufsvolumen des Geschäfts in Jing’an, das erste unter drei NIO-Filialen in Shanghai, am größten unter allen drei Läden. „Dies zeigt, dass das Geschäftsviertel in der Nanjing West Road nicht nur eine gute Ausstellungsplattform bietet, sondern auch einen Ort mit aktivem Verbrauchermarkt darstellt“, so Wang. Starbucks beispielsweise habe hier in der Nanjing West Road einst sein erstes Geschäft die Shanghai Starbucks Reserve Roastery, in Wirtschaftskreisen auch als „first store“ bezeichnet, in Asien eröffnet. „Innerhalb eines Jahres zog das Geschäft Millionen von Besuchern an. Das Verkaufsvolumen belegte Rang eins unter allen Starbucks-Filialen weltweit“, erzählt Wang.

 

 

Byton Place in Shanghai: In seinem weltweit ersten Offline-Erlebnis-Store stellt der Automobilhersteller Byton

 unter anderem sein erstes intelligent vernetztes Fahrzeug aus.

 

Unter einem sogenannten „first store“ versteht man den ersten Laden, der in einem bestimmten Geschäftsviertel von einer etablierten oder neuen Marke in der Branche eröffnet wurde. Laut Statistiken überstieg 2018 der gesamte Einzelhandelsumsatz von Konsumgütern in Shanghai eine Billion Yuan. 55,3 Prozent aller globalen Einzelhändler zeigten Präsenz in der Stadt. Damit landete die chinesische Metropole nach Dubai weltweit an zweiter Stelle. 835 Geschäfte wurden neu gegründet, darunter „first stores“ von mehr als 300 internationalen Marken.

 

Jing'an kann sich oft über solche Ersteröffnungen freuen, die den Bezirk für Verbraucher besonders attraktiv machen. Nachdem der Bezirk 2018 von der Shanghaier Stadtregierung zur Demonstrationszone für globale neue Produkte ernannt wurde, eröffneten gleich im ersten Halbjahr 2019 46 Erstgeschäfte. Neben international renommierten Marken wie dem Herrenaussatter Celine, dem Luxus-Brautmoden-Hersteller Pronovias und dem deutschen Discounter Aldi wurden auch viele neue Geschäftsmodelle wie automatisierter Einzelhandel, Pop-up-Shops, neue Einzelhandelsgeschäfte und maßgeschneiderte Produkte eingeführt.

 

Internationalisierung, Spitzenqualität und Innovation – das sind die Erfolgsfaktoren, auf die der Bezirk setzt. Darüber hinaus legt er auch großen Wert auf die Kompatibilität zwischen Marken und Standorten. Nur wenn alles stimmt, lockt ein Einkaufszentrum auch entsprechende Kundschaft an und wird den Verbraucheransprüchen gerecht.

 

Der Aufschwung der sogenannten „First Store Economy“ in der Millionenstadt ist vor allem auch historisch begründet. Schon immer war Shanghai ein Anziehungspunkt für glamouröse Läden, ja man kann die Stadt mit gutem Recht als den Ursprungsort von Chinas „First Store Economy“ seit der Reform und Öffnung bezeichnen.

 

1989 eröffnete KFC sein erstes Geschäft in Shanghai; 1992 ließ sich Chinas erster chinesisch-ausländischer Joint-Venture-Einzelhändler, die First Yaohan Mall, hier in Lujiazui nieder; 1993 verlegte die amerikanische Restaurantkette YUM ihren China-Hauptsitz von Hongkong nach Shanghai, um von hier aus die Transformation der chinesischen Fast-Food-Industrie anzustoßen. 1995 eröffnete die Supermarktkette Carrefour ihr erstes Geschäft auf dem chinesischen Festland, ebenfalls in Shanghai. In den darauf folgenden Jahren ließen sich noch viele weitere ausländische Unternehmen wie Metro, Lotus und Auchan, in Shanghai nieder. 1996 nahm auch die japanische Convenience-Store-Kette Lawson in Shanghai ihr Chinageschäft auf und setzte damit landesweit Maßstäbe für Mini-Marts.

 

Die boomende „First Store Economy“ in Shanghai ist auch einigen politischen Durchbrüchen wie der Errichtung eines Katalogsystems für den Schutz wichtiger Handelsmarken zu verdanken. Darüber hinaus lässt sich der Erfolg auf eine Innovation der Geschäftsmodelle zurückführen. Beispielsweise bieten einige Parfümmarken den Kunden hier maßgeschneiderte After-Sales-Services an. Und die örtlichen Minimärkte warten heute standardmäßig mit einem Angebot an warmen Speisen auf.

 

Die schnelle Entwicklung der „First Store Economy“ erfüllt die wachsenden Bedürfnisse der Chinesen nach einem besseren Leben und dürfte auch in Zukunft eine starke Triebkraft für die qualitativ hochwertige Entwicklung des Handels in Shanghai darstellen.

 

Kulturelles Nachtleben

 

In der Datong Mill an der Shanghaier Julu-Straße liegen jeden Abend Musik und Gelächter in der Luft. Viele in Shanghai lebende Ausländer zieht es hierher, wo sie internationale Küche genießen und über den örtlichen Nachtmarkt schlendern.

 

Fiona ist eine von ihnen. Nach Feierabend in ihrer ausländischen Firma habe sie sich heute mit einigen Kollegen per Taxi zur Datong Mill aufgemacht, erzählt sie. Ziel ist das Hooked, ein Restaurant, das sich auf Fisch & Chips spezialisiert hat. Laut dem Restaurantmanager sind 90 Prozent der Gäste Ausländer. „Auch unser Team ist bunt gemischt“, sagt er. Der Besitzer stamme aus Australien, der Ladenmanager aus Großbritannien und die Mitarbeiter stammten aus China, von den Philippinen sowie aus Deutschland.

 

Rund 1,5 Kilometer östlich von der Datong Mill liegt das Shanghai Museum. Mehrere Monate in Folge veranstaltete es gut besuchte Museumsnächte, eine prima Gelegenheit vor allem für Berufstätige, die tagsüber beschäftigt sind. Viele Besucher brachten ihre Kinder mit, um gemeinsam exotische Kulturdenkmäler aus Ozeanien oder klassische Jingdezhen-Keramiken aus dem 15. Jahrhundert zu bewundern.

 

6,5 Kilometer weiter nördlich ist das Daning International Commercial Plaza angesiedelt. Hier treffen sich nicht nur die örtlichen Bewohner zum Sparziergang. Romantiker kommen dank französischen Chansons auf ihre Kosten.

 

Wenn die Büroangestellten nach Feierabend aus den Wolkenkratzern strömen, sich die Jugendlichen in den Wohnvierteln mit ihrer Clique treffen und Jogger ihre abendliche Runde beendet haben, vibriert Shanghai im Takt der Nachtwirtschaft.

 

 

Kultcomic: Der erste offizielle Tim-und-Struppi-Shop Chinas öffnete in Shanghai seine Pforten für die Besucher.

 

Nachtwirtschaft bedeutet nicht einfach, sich abends die Zeit in Bars oder Restaurants zu vertreiben, sondern sie umfasst auch Angebote aus dem Kultur- und Kunstbereich. Highlights sind hier etwa das World Music Festival, das bereits seit sieben Jahren fester Bestandteil des Kulturkalenders der Stadt ist. Ein fester und beliebter Termin für Ausgehfreudige ist zudem der alljährliche große Weihnachtsbasar in Xintiandi.

 

Die Verschmelzung von Kulturangebot und Nachtleben hat die Nachtwirtschaft merklich aufgewertet. Die Stadtregierung gab in diesem Jahr ihre „Anleitung zur Förderung der Nachtwirtschaftsentwicklung in Shanghai“ bekannt, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass eine Reihe von Treffpunkten für das Nachtleben geschaffen und Projekte für abendliche Kunst- und Kulturveranstaltungen gefördert werden sollen, darunter beispielsweise Theateraufführungen, Musicals und Tanzperformances. Auch sollen nächtliche Unterhaltungsangebote wie 24-Stunden-Kinos, 24-Stunden-Buchhandlungen und Musikclubs ohne Sperrstunden gefördert werden. Zudem legt das Papier nahe, abwechslungsreiche städtische Nachtouren wie spätabendliche Touren auf dem Huangpujiang oder nächtliche Museumtouren zu entwickeln.

 

Und das Konzept der Stadtregierung geht auf: Durch das vielfältige Angebot ist Shanghai zu einer Metropole geworden, die nie schläft. Der Ausbau der Nachtwirtschaft hat die Stadt noch offener und wettbewerbsfähiger gemacht.

 

Die Mall als Erlebnisraum

 

In Shanghai ist man auch offen, was neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle angeht, die Akzeptanz für Neues ist hier traditionell groß. Auch neue Bedürfnisse werden hier am leichtesten angeregt.

 

In der ersten Jahreshälfte 2019 haben 498 Unternehmen ihr weltweit erstes Geschäft in Shanghai eröffnet und damit die Hälfte aller landesweiten „first stores“. Das Umsatzvolumen des Onlinehandels der Stadt stieg um satte 29,8 Prozent gegenüber 2018.

 

In den ersten beiden Quartalen 2019 wurden allein im Bezirk Hongkou 25 „first stores“ eröffnet. Der Bezirk Fengxian hat den amerikanischen Supermarkt Costco eingeführt, mit dem Ziel, ein globales Boutique-Erlebnisgeschäft zu errichten, das sich auf erstklassige chinesische und internationale Kosmetika sowie Gesundheitsprodukte spezialisiert. Dank neuer Einzelhandelsunternehmen wie dem heimischen Lebensmittellieferanten Fresh Hema konnte der Online-Einzelhandelsumsatz in der Neuen Zone Pudong im gleichen Zeitraum ein Plus von 89 Prozent verzeichnen.

 

Seit langem weiß man im Einzelhandel: Angesichts der schnellen Entwicklung von E-Commerce-Plattformen kaufen Verbraucher statt in traditionellen Läden oft lieber online ein. Das Geschäft der Kaufhäuser ist rückläufig, die Realwirtschaft bekommt die Konkurrenz der virtuellen Wirtschaft zunehmend zu spüren. Der Siegeszug des Onlineshoppings hat jedoch wider Erwarten auch die traditionellen Einkaufszentren in Shanghai beflügelt, da sie sich gezwungen sahen, neue Strategien zu entwickeln, um die Verbraucher auch weiterhin zum Einkauf in die Malls zu locken.

 

In den vergangenen 40 Jahren seit Einführung der Reform- und Öffnungspolitik hat sich Chinas Wirtschaft rasant entwickelt. Seit die in Zeiten der Urbanisierung aufgewachsenen jungen Menschen zu Hauptverbrauchern geworden sind, haben sich die psychologischen und geistigen Konsumentenbedürfnisse von einfachen Einkäufen auf andere Bereiche wie Tourismus, Sport, Unterhaltung und Freizeitgestaltung verlagert. Will ein Kaufhaus heute bei dieser jungen Zielgruppe punkten, muss der Wandel vom eindimensionalen Einkaufserlebnis hin zu vielschichtigen, umfassenden Erlebnissen gelingen.

 

Die große Frage ist: Wie lockt man im digitalen Zeitalter Menschen ins Kaufhaus, um dort zu konsumieren? Die Antwort Shanghais auf diese Frage liegt in einer Kombination von Geschäften, Tourismus und Unterhaltung.

 

Ein gutes Beispiel: Vor der Eröffnung des Shanghai Shopping Festival 2019 fand im Bezirk Jing'an eine Familien-Really statt. 200 Shanghaier Familien machten dabei an Kaufhäusern und kulturellen Sehenswürdigkeiten im Bezirk Station, was Popularität und Konsum gleichermaßen steigerte.

 

„Durch den Contest haben die Stadtbewohner die wichtigsten Einkaufszentren in unserem Bezirk kennen gelernt, was das Kaufinteresse der Teilnehmer stimuliert und den Umsatz unserer Einkaufszentren gesteigert hat“, sagt Lu Jun, Leiter der Abteilung für Handelsmanagement des Handelsausschusses des Bezirks. Darüber hinaus habe der Wettbewerb als spielerische Familienaktivität dazu beigetragen, Eltern und Kinder näher zusammenzubringen. Für die Zukunft sei noch eine Reihe weiterer ähnlicher Projekte mit einer Kombination von Geschäften, Tourismus und Unterhaltung geplant, um dem Bezirk kontinuierlich neue Lebenskraft einzuhauchen. So sollen auch in Zeiten des Internets Einfluss und Attraktivität des Geschäftsviertels steigen.

 

Und nicht zuletzt hat auch eine Reihe von Kunst- und Kulturveranstaltungen internationaler Luxusmarken wie Prada, Gucci oder LV dafür gesorgt, nicht nur das Kunstflair des gesamten Geschäftsviertels zu verbessern, sondern auch ein internationales Image zu kreieren, wodurch der Konsum noch weiter angekurbelt werden konnte.

 

*Der Autor ist Journalist der „Xinmin Weekly“.

 

 

 
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