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Wenn Beijings Kurierboten Frühlingsfestferien machen – Ein Leben ohne Essenslieferdienste, Didi-Taxis & Co

2020-01-22 10:29:00 Source:China heute Author:
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Von Verena Menzel



Onlineshopping macht nur Spaß, wenn die gekauften Waren auch zeitnah ankommen. Dafür sorgen in China die fleißigen Expressboten. In Beijing sieht man sie normalerweise allerorts mit ihren Elektrorollern durch die Straßen sausen. Anders sieht es rund um das Frühlingsfest aus. 


Chinesische Großstädte sind heute ein wahres Serviceparadies. Es gibt kaum Dinge, die sich nicht anliefern oder zuschicken lassen, und keinen Handgriff, der sich nicht auslagern ließe. Einkäufe und Restaurantbestellungen per App werden direkt an die Wohnungstür gebracht, Paketzusteller wuseln den ganzen Tag über mit Waren aus aller Welt von Tür zu Tür, Blitzexpressboten bringen tagsüber vergessene Haustürschlüssel und eilige Dokumente innerhalb von weniger als einer Stunde im gesamten Innenstadtgebiet von A nach B und abends kommt man mit dem herbeigerufenen Didi-Taxi – Chinas Pendant zu Uber – selbst zu nachtschlafender Stunde noch bequem nach Hause.

 

Doch das ist längst noch nicht alles, was Beijings Dienstleistungsschlaraffenland zu bieten hat. Wer zum Beispiel beim Geschäftsessen ein Gläschen über den Durst trinkt und sich nicht mehr in der Lage sieht, den eigenen Wagen sicher zu manövrieren, kann sich per App einen Ersatzfahrer rufen. Dieser kurvt rasch per E-Scooter an, verstaut diesen im Kofferraum und bringt anschließend Fahrzeug und Halter sicher nach Hause. Und wer sich angesichts garstiger Winterkälte nach wohlig-dampfendem Sichuaner Feuertopf sehnt – unter Chinas Hobbyschlemmern eine beliebte und bewährte Arznei zur Abwehr anklingender Winterdepressionen –aber dafür nicht das wohltemperierte Wohnzimmer verlassen will, auch dem wird geholfen. Mit ein paar Klicks kann man selbst dieses aufwendige Gericht nach Hause ordern, samt Topf und Elektrokochplatte sowie Plastiktischdecke und Einwegschürzen gegen unliebsame Soßenspritzer. Am nächsten Tag wird das gesamte Equipment auf Anruf wieder eingesammelt. Da werden Couch-Potato-Träume wahr.


Dank der Verbreitung des Internets und mobiler Zahlungsmittel boomt die Dienstleistungsbranche im Reich der Mitte schon seit einigen Jahren, Trendwende nicht in Sicht. Wie tief ihre Annehmlichkeiten bereits im Lifestyle chinesischer Großstädter und damit auch in meinem Leben verwurzelt sind, wird jedes Jahr insbesondere zum Frühlingsfest deutlich. Dann nämlich, wenn sich das Gewusel auf Beijings Straßen und Bürgersteigen mit jedem Tag, den das Fest näher rückt, mehr und mehr ausdünnt, wenn Räder mit Kisten (nämlich die Elektrobikes mit ihren Lieferboxen) Kisten mit Rädern (nämlich den Rollkoffern für die Heimreise) weichen.


Denn der Großteil der Angestellten der neuen Dienstleistungsberufe in chinesischen Metropolen kommt von außerhalb, meist aus den ländlichen Gegenden. Und alljährlich zum chinesischen Jahreswechsel, dem wichtigsten Familienfest im Kalender der Chinesen, machen sich diese Angestellten auf in Richtung Heimat. Was bleibt, ist eine Lücke im gewohnten Großstadtalltag, ein Loch, das deutlich macht, dass die Mitarbeiter der Dienstleistungsberufe aus dem Getriebe chinesischer Großstadtmaschinen kaum mehr wegzudenken sind.

 

Selbstversuch Nummer 1: Abendessen bestellen per Liefer-App


Freitagabend, 17:30 Uhr Beijinger Ortszeit, noch genau eine Woche bis zum chinesischen Silvesterabend. Wie so oft tippe ich auch an diesem letzten Feierabend der Woche schon in der U-Bahn eine Bestellung in meine Gastro-App bei einem meiner Lieblingsrestaurants ein, um mir ein Abendessen nach Hause liefern zu lassen. Ausgewählt, abgeschickt, Bestellung vom Restaurant bestätigt, und dann – nichts. Kein Lieferbote hat den Auftrag angenommen. Auf dem Display läuft ein siebenminütiger Countdown – wenn sich bis dahin kein Essensfahrer gefunden hat, so warnt das System, wird die Bestellung automatisch storniert. Ich bin also angezählt. Nach fünf Minuten erfolgloser Wartezeit gebe ich mich noch vor dem technischen K.O. freiwillig geschlagen und storniere die Bestellung. Nächster Versuch, diesmal bei einem etwas näher an meiner Haustür gelegenem Restaurant. Diesmal klappt es, noch einmal Glück gehabt also, Abendessen gerettet.



Neue Glückszeichen an Türen und Hauseingängen sieht man in China rund um die Frühlingsfestfeiertage überall, Paket- und Essenszusteller dagegen kaum. Verena Menzel feiert das chinesische Frühlingsfest 2020 in Chinas Hauptstadt Beijing. 


Liefern lassen statt selber kochen – das liegt in Chinas Großstädten heutzutage voll im Trend. Eine flächendeckende Servicestruktur aus Liefer-Apps, kooperierenden Restaurants und mobilem Zahlungsverkehr macht’s möglich. In den ersten drei Quartalen 2019 erreichte Chinas Take-out-Transaktionsvolumen 603,5 Milliarden Yuan, ein Anstieg von 30,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie aus dem gemeinsamen „Forschungsbericht über Chinas Take-out-Industrie“ des Meituan Research Institute und des Chinesischen Restaurantverbandes von Anfang 2020 hervorgeht. Die Hauptstadt Beijing, in der auch ich seit 2011 lebe und arbeite, schneidet beim Transaktionsvolumen an Essenslieferungen als Landesmeister unter Chinas großen Städten ab.


Die wachsende Branche ist Spiegel des steigenden Wohlstandes im Land, aber auch des sich verändernden urbanen Lebenswandels. Heute ist für viele junge Büroangestellte längst nicht mehr mangelndes Nahrungsangebot das Problem, sondern vielmehr die Frage, wann und wie man zwischen Überstunden, gesellschaftlichen Verpflichtungen, Fortbildungen, Privatleben und Social Media noch dazu kommen soll, sich selbst eine schmackhafte Mahlzeit zuzubereiten.

 

Selbstversuch Nummer 2: Internetbestellung per Taobao


Auch das Onlineshopping über Chinas beliebteste E-Commerce-Plattform macht natürlich nur dann Spaß, wenn das Paket auch zugestellt wird. Und das geht nicht ohne die fleißigen Hände der chinesischen Paketexpresszusteller, die sich das ganze Jahr über die Hachsen ablaufen und die Reifenprofile ihrer Zulieferwägelchen abfahren.


Dass die Lieferburschen, die in der Regel aus ländlichen Landesteilen in die Städte zum Arbeiten kommen, normalerweise alle Hände voll zu tun haben, ist ebenfalls ein Spiegel des wachsenden gesellschaftlichen Wohlstands in China. 2019 entwickelte sich Chinas Konsummarkt stabil, wie Wang Bin, stellvertretender Leiter der Abteilung für Marktabläufe  des Handelsministeriums, am 30. Dezember 2019 auf einer Arbeitssitzung in Beijing bekannt gab. Das Gesamtvolumen des Einzelhandelsumsatzes in China wird für 2019 mit 41,1 Billionen Yuan beziffert, was einem Wachstum von acht Prozent gegenüber der Vorjahrsperiode entspricht. Damit war der Konsum sechs Jahre in Folge der größte Impulsgeber des chinesischen Wirtschaftswachstums. Der Einzelhandelsumsatz des Online-Warenkonsums lag 2019 bis November bereits bei 7,6 Billionen Yuan, ein Wachstum von 19,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Und beim Versandvolumen für Expresslieferungen ist die Volksrepublik mittlerweile weltweiter Spitzenreiter. Mehr als 50 Milliarden Sendungen werden in China pro Jahr über Paketdienstleister ausgeliefert, das Gros davon sind Onlinebestellungen.


Doch als verwöhnte Wahl-Beijingerin muss ich erkennen, dass auch die Paketweltmeister kurz vor dem Frühlingsfest eine Trainingspause einlegen. Soll das Paket aus Südchina noch sicher vor den Feiertagen in der Hauptstadt ankommen, so klärt ein Versandhändler per Warnhinweis in seinem Onlineshop auf, hätte es bis spätestens 13. Januar bestellt werden müssen, vor einigen Tagen also.


Während vor allem viele kleinere Onlineshops schon mehrere Tage vor den eigentlichen Feiertagen nicht mehr ausliefern, stehen bei großen Portalen wie Jingdong oder in den offiziellen Onlineshops größerer Ketten und Marken zum Beispiel auf Alibabas E-Commerce-Plattform Tianmao die Chancen gut, dass die Pakete in großen und mittelgroßen Städten auch kurz vor, ja selbst während der Feiertage pünktlich ankommen.  


Es scheint, als müssten Chinas Onlineshoppingfans, die sich nicht rechtzeitig für die Feiertage eindecken konnten, auch während der Feiertage nicht ganz aufs Shoppingvergnügen verzichten müssen.

 

Selbstversuch Nummer 3: Nach U-Bahn-Betriebsschluss heim per Didi-App



Gähnende Leere: So ausgestorben sieht man Beijings U-Bahnen nur an den Feiertagen. Dann nämlich sind viele Menschen, die sonst in der Stadt arbeiten, zu ihren Familien in die Heimat zurückgekehrt.


In China gibt es mittlerweile rund 260 Millionen Kraftfahrzeuge (Stand: Ende 2019), wie Chinas Ministerium für öffentliche Sicherheit am 7. Januar mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahr habe die Zahl bis Ende 2019 noch einmal um 8,83 Prozent zugelegt. Über 200 Millionen dieser Fahrzeuge sind Privatwagen.


Die neue private Mobilität hat nicht nur den Lebensstil der Bevölkerungsgruppe mittleren Einkommens verändert, sondern insbesondere in Ballungsräumen auch neue Dienstleistungen sprießen lassen. Sinnbild hierfür ist der Siegeszug der Taxi-App Didi, über die neben Berufstaxifahrern auch viele Privatleute ihre Dienste anbieten.


Doch auch hier sieht es für Nutzer wie mich vor den Feiertagen leider mau aus. Nach einem Kinobesuch mit Freunden wenige Tage vor dem Eintritt ins Jahr der Ratte möchte ich mir wie gewohnt per App einen Wagen für die Heimfahrt rufen. Auf der Echtzeit-Karte mit potentiellen Fahrern in der Umgebung herrscht allerdings gähnende Leere. In der digitalen Schlange warten noch 21 Kunden vor mir, verrät das System. Geschätzte Wartezeit: 35 Minuten. Bis dahin bin ich auch gelaufen, sage ich mir, und entscheide mich für einen strammen Fußmarsch.

 

Auf Dienstleistungsentzug


Frühlingsfest in Beijing heißt also auf Dienstleistungsentzug sein, aufwachen aus dem Rausch, das alles zu jeder Zeit und überall verfügbar ist, wenn man nur sein Smartphone dabei hat und bereit ist, den passenden Preis zu zahlen. Anfängliche Entzugsängste weichen bei mir aber schon schnell der Einsicht, dass Dienstleistungen eben nicht nur eine Sache des Geldbeutels sind, sondern dass sowohl auf Seite der Leistungserbringer als auch auf Seite der Kunden schlicht und ergreifend Menschen stehen, was im Trubel von Entwicklungshype, Karrieredrang und Geldverdienen leider viel zu oft vergessen wird.


Hinter jedem sehnlichst erwarteten Taobao-Päckchen, jedem Didi-Taxi an kalten Wintertagen und jedem spätabendlich georderten Heißhungersnack zum Serien-Streaming steht ein Mensch, der mit dieser Serviceleistung seinen Lebensunterhalt bestreitet.



Beijing im Frühlingsfestgewand: Rot gilt in China als Glücksfarbe, entsprechend fällt  auch die Festtagsdeko aus, mit der Chinas Hauptstadt rund um den Jahreswechsel herausgeputzt wird.


Plötzlich kommt mir eine Situation mit einer Essensbotin wieder in Erinnerung, die sich im vergangenen Dezember zugetragen hat. Ich hatte ein Abendessen bestellt, doch die Lieferung hatte sich um über eine halbe Stunde verzögert. Nachdem die Zustellerin schließlich mit langer Verspätung und zahlreichen Treppenstufen in den Beinen meine Klingel betätigt, ich die Tür geöffnet und sie mir das Essen in die Hand gedrückt hatte, bat sie mich die Bestellung nachträglich im System zu stornieren und mir die Essensgebühr dadurch zurückerstatten zu lassen. Aber ich hatte doch das Essen erhalten und jetzt sollte ich nicht dafür bezahlen? Ich war verwirrt. Sie sei neu im Geschäft und die lange Verspätung wirke sich sonst negativ auf ihr Punktkonto und ihr Gehalt aus, erklärte mir die Essensbotin. „Seien Sie bitte so gut und tun mir den Gefallen“, bat sie.


Ich musste daran denken, dass es in der App sogar einen speziellen „Drängel“-Button gibt, mit dem man den Zustellern Dampf machen kann, wenn es einem nicht schnell genug geht, sowie eine „Versicherungsoption“, bei der man im Verspätungsfall Anspruch auf eine teilweise oder komplette Rückerstattung des gezahlten Kaufbetrages hat. Und mir kamen unweigerlich die Bilder der unzähligen Male in den Sinn, bei denen ich im Beijinger Berufsverkehrsgetümmel halsbrecherische Fahrmanöver von Essensauslieferern auf ihren E-Bikes mitansehen musste.     


Vielleicht, so denke ich in diesen Tagen, ist der Service-Entzug eine gute Gelegenheit, um sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen, manch antrainiertes Anspruchsdenken beiseite zu legen und sich daran zu erinnern, dass wir alle gemeinsam letztlich Teile des gleichen Großstadtgetriebes sind, zu dessen funktionieren jeder ein Stück beiträgt. Auch ein Dienstleistungsverhältnis ist letztlich ein menschliches Verhältnis und hinter all den Zahlen und Rekorden stehen Individuen und ihre Schicksale.


Die Technik ist nur ein Vehikel und die Frage, wie wir sie anwenden, liegt letztlich in den Händen der Nutzer und Verbraucher, also in unseren. Denn neben den Drängel-, Versicherungs- und Storno-Buttons finden sich in allen Apps auch Daumen-Hoch- und digitale Trinkgeldfunktionen. Und wie viel gute Dienstleistungen wirklich wert sind, erleben wir ja genau dieser Tage zum Frühlingsfest – nämlich dann, wenn kaum einer mehr da ist, der sie ausführt.  

    

 

 

 

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