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Mehr als nur Essen – Wie Chinesen alltägliche Lebensmittel zur Gesundheitserhaltung nutzen

2018-02-02 11:15:00 Source:China heute Author:Sébastien Roussillat
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Von Sébastien Roussillat

„Essen ist des Volkes Himmelreich“ lautet ein bekanntes chinesisches Sprichwort. Dabei bedeutet Essen in China nicht nur Ernährung, sondern auch Gesundheitspflege. Wer in China am späten Nachmittag gegen 17.00 Uhr durch das Fernseherprogramm zappt, dem wird eine ganze Reihe von Formaten begegnen, die sich allesamt rund um das Thema Ernährung und Gesundheitserhaltung drehen. Anders als beispielsweise in meiner Heimat Frankreich, wo Koch- und Ernährungssendungen in der Regel nur mittags ausgestrahlt werden und selten viele Zuschauer vor die Bildschirme locken, erfreuen sich Ernährungsshows bei den Chinesen größter Beliebtheit und sind wahre Quotenbringer, und das über alle Altersgruppen hinweg.

Zu den bekanntesten chinesischen Formaten dieses Typs gehören neben „Traditionelle Chinesische Medizin“ von CCTV International und „Gourmet“ (Hubei TV) – den Quotenkönigen unter den Ernährungsshows – die Sendung „Enzyklopädie“ von Hunan TV, die teilweise von ausländischen Gastmoderatoren moderiert wird und den zweiten Platz auf der nationalen Liste der Einschaltquoten belegt, sowie die Sendung „Yangshengtang“ (BTV), in der Experten Vorträge zum Thema Gesundheitspflege halten.

Viele der Programme werden von Arzneimittelherstellern oder Firmen, die Produkte zur Gesundheitserhaltung vertreiben, gesponsert. Das große Interesse dieser Werbepartner ist nur ein weiteres Indiz für die große gesellschaftliche Resonanz der Formate. Und nicht nur im Fernsehen ist das Thema Ernährung in China allgegenwärtig, die Liste an Ratgeberliteratur, Blogs und Internetseiten zum Thema ist lang. Eine gute Ernährung wird in China als wichtige Vorsorge gegen Krankheiten betrachtet, Nahrungsmittel gelten als Schlüssel zu einem gesunden Leben.

„Wofür ist das gut?“

Die Gesundheitsshows greifen jeden Tag neue Themen auf, nehmen zum Beispiel Regeln für eine gesunde Ernährung unter die Lupe oder geben Tipps zur Vorbeugung saisonaler Wehwehchen. Die Gäste sind im Allgemeinen erfahrene Ärzte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) oder Gesundheitsexperten. Sie erklären dem Fernsehpublikum in verständlicher Weise, welche Lebensmittel zur Behandlung welcher Symptome und für welche Jahreszeit besonders geeignet sind oder warum sich Männer und Frauen in bestimmten Fällen unterschiedlich ernähren sollten.

Anders als viele Menschen im Westen erkundigen sich Chinesen, wenn sie zum ersten Mal eine neue Speise probieren, vorab meist erstmal: „Wofür ist das gut?“ anstatt zu fragen „Wie schmeckt das?“. Und zum Wohle der Gesundheit sind die Chinesen auch bereit, so manches herunter zu schlingen, was Ausländern vor Schreck die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Nach Speisen wie Seegurken, Seidenspinnerpuppen, Ostasiatischen Schlammpeitzgern (eine Schmerlenart), Heuschrecken, Weichschildkröten oder Skorpionen steht Ausländern meist weniger der Sinn, Gesundheitserhaltung hin oder her.

Die Chinesen legen bei ihrer Ernährung auch großen Wert auf ein Gleichgewicht zwischen Fleisch und Gemüse. Vor allem im Krankheitsfall rückt eine angemessene Ernährung in den Mittelpunkt, weshalb sich auch Programme rund um das Thema „Essen als Medizin“ in China größter Beliebtheit erfreuen. Fangen Sie sich in China zum Beispiel eine Erkältung ein, haben Halsschmerzen oder Fieber, werden Ihre chinesischen Freunde die Diagnose „innerer Hitze“ (vergleichbar mit Entzündungen in unserer westlichen Medizin) stellen, und ihnen postwendend eine ganze an Reihe an Lebensmitteln benennen, mit denen sie sich schnell wieder erholen, ganz ohne Medikamente versteht sich.

Nahrungsmittel gelten nicht nur als förderlich zur Heilung bestehender Beschwerden, sie sind auch ein wichtiger Teil der Gesundheitsvorsorge. Um etwa eine Verschärfung von Hustenbeschwerden oder einer Halsentzündung zu vermeiden, werden chinesische Ärzte Ihnen raten, keine scharfen, salzigen und fettigen Speisen zu sich zu nehmen. Ebenso sollten Sie Hammelfleisch, Rindfleisch oder Meeresfrüchte meiden, da diese Lebensmittel nach der TCM-Lehre innere Hitze erzeugen. Stattdessen wird man in China bei derartigen Symptomen lieber zu grünem Gemüse oder Obstsorten mit hohem Wassergehalt greifen, die helfen sollen, das Fieber zu senken und Entzündungen zu lindern.


 

Chinesen teilen Obst und Gemüse in drei Arten ein, nämlich „kalt“, „heiß“ und „mild“. Birnen und Melonen beispielsweise werden als „kalt“ eingestuft und sollten am besten im Sommer oder bei oben beschriebenen Symptomen verzehrt werden, um die innere Hitze im Körper zu senken. Mandarinen, Litschi und Longanfrüchte gelten als „heiß“ und sollten vor allem im Winter verzehrt werden.

Um Müdigkeitssymptome zu bekämpfen, werden Chinesen Ihnen anraten, zu Lebensmitteln mit einem hohen Energiegehalt zu greifen, zum Beispiel Getreide, Rindfleisch, Kartoffeln oder Paprika. Manche Leute vermeiden den Verzehr von Fleisch zum Abendessen, da später Fleischverzehr ihrer Ansicht nach die Verdauung negativ beeinflusst.

Lebensmittel mit therapeutischer Wirkung

Einige Lebensmittel, die für westliche Ohren vielleicht ungenießbar klingen mögen, nehmen in chinesischen Diätplänen eine zentrale Stellung ein. Zum Beispiel hilft Lotoswurzel, Entzündungen zu lindern und die Lunge zu befeuchten, weshalb Stärkemehl aus Lotoswurzeln vor allem unter Senioren ein beliebtes Nahrungsmittel ist. Auch Reisbrei mit Weißmorcheln und Lilienknollen wird eine ähnliche Funktion nachgesagt. Darüber hinaus ist Reisbrei auch gut für die Verdauung und die Bekämpfung von entzündlichen Erkrankungen des Dickdarms. Körner dagegen gelten als besonderer Energiespender.

Bambus und Chili werden verwendet, um die Verdauung zu fördern und den Darm zu reinigen. Ingwer, Ginseng, chinesischer Bocksdorn und Knoblauch sollen das Immunsystem stärken und dem Körper dabei helfen, Erkältungen und andere Infektionskrankheiten der Atemwege zu bekämpfen. Erdnüsse sorgen für einen gesunden Magen und beugen zudem Sodbrennen vor. Walnüsse und Schweinegehirn sollen gut sein für die geistige Entspannung.

In China gibt es darüber hinaus viele Arten von Kräutertees, die verschiedenste Funktionen erfüllen, wie Kamillentee zur Beruhigung der Nerven, Rosentee, der Schönheit und Jugend verleihen soll, oder Geißblatt-Tee zur Förderung der Verdauung und Linderung von Entzündungen.

Auch Schnaps wird eine heilsame Wirkung nachgesagt. Der regelmäßige Genuss von Schnaps in angemessener Menge soll der Gesundheit durchaus förderlich sein. Vor allem im Winter kann Hochprozentiges den Körper wärmen. Darüber hinaus gibt es in China noch viele weitere Arten von Spirituosen, die aus einer Kombination von Schnaps und traditionellen chinesischen Arzneimitteln wie Ginseng, chinesischem Raupenpilz oder auch getrockneten tierischen Bestandteilen von Schlangen oder Grillen hergestellt werden und denen ebenfalls eine medizinische Wirkung nachgesagt wird. Solche Spirituosen haben der TCM-Lehre nach vor allem für Männer eine gesundheitsfördernde Funktion.

Beliebte Stärkungsmittel

In China sind auch verschiedenste Arten von Stärkungsmitteln im Handel erhältlich. Anders als die Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine, die in westlichen Ländern verkauft werden, handelt es sich bei chinesischen Tonika überwiegend um natürliche Präparate, die aus Pflanzen, tierischen Bestandteilen, Wurzeln oder Mineralen gewonnen werden. Ein Klassiker, der vor allem im Winter die Abwehrkräfte stärken soll, ist „Guyuan Gao“, ein Präparat, das aus Eselhautgelatine (Ejiao), Sesam, roten Datteln, Walnüssen und Reiswein hergestellt wird. Historischen Aufzeichnungen zufolge soll schon die Kaiserinwitwe Cixi in der Qing-Dynastie (1644–1911) während ihrer späten Lebensjahre ein großer Fan dieses Tonikums gewesen sein. Sie glaubte, „Guyuan Gao“ reichere das Blut an und verleihe strahlende Schönheit.

Chinesische Tonika können nach ihrer Funktion in mehrere Kategorien unterteilt werden. So gibt es zum Beispiel Präparate, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind oder besondere Produkte für Frauen. Auch die Preise können stark variieren. Zu den teuersten Präparaten zählen Ginseng, Seegurken und essbare Salanganennester. Auch in einigen Restaurants werden spezielle Gerichte zur Gesundheitsförderung angeboten. Und zu Fest- und Feiertagen wie dem chinesischen Frühlingsfest gelten Produkte zur Gesundheitserhaltung als beliebtes Geschenk.

Die chinesischen Kenntnisse über Stärkungsmittel sind vielfältig und umfangreich. Einige Experten stützen ihre Ansichten auf die Fünf-Elemente-Lehre, andere ziehen Erklärungen anhand der Jahreszeiten und den häufigsten Symptomen je nach saisonalen Veränderungen, Alter oder Geschlecht heran. Die chinesische Ernährungslehre ist letztlich eine Wissenschaft für sich und für Ausländer gibt es auf diesem Gebiet noch viel unbekanntes und erhellendes Terrain zu entdecken.

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